Eine Beziehung über Jahre zu führen, ist viel schwieriger, als es sich zunächst anhört. Zwei Faktoren führen dabei besonders häufig zum Scheitern, wie unser Experte weiß.
Kennst du die fünf Liebessprachen? Laut dem US-amerikanischen Beziehungsberater Dr. Gary Chapman sprechen alle Menschen mindestens eine davon und zeigen so ihrem oder ihrer Liebsten ihre Gefühle und Zuneigung. Grob aufgedröselt sind das:
- Lob und Anerkennung
- Hilfsbereitschaft
- Geschenke
- Zweisamkeit
- Zärtlichkeit
Und was glaubst du wohl, welche die wichtigsten sind? Unter anderem eine Umfrage der Dating-App Parship unter rund 1.000 Bundesbürger*innen hat vor einiger Zeit gezeigt, dass physischer Kontakt die am meisten "gesprochene" Love Language unter Paaren in Deutschland ist.
Dabei zeigt sich in der Praxis jedoch ein häufiges Missverständnis: Nicht die „richtige“ Liebessprache entscheidet über Beziehungszufriedenheit, sondern die Fähigkeit, die Sprache des anderen überhaupt wahrzunehmen und darauf zu reagieren. Viele Konflikte entstehen weniger durch fehlende Liebe als durch fehlende Übersetzung zwischen zwei emotionalen Ausdrucksformen.
Eric Hegmann wundert das nicht: Der Paartherapeut in Hamburg mit eigener Praxis und Co-Gründer der Modern Love School, einer eLearning-Plattform mit Onlinekursen rund um die Liebe, hat genau damit häufig in seinem beruflichen Alltag zu tun. Denn bei Paaren geht es oft darum, dass diese Sprachen der Liebe zu kurz kommen. Im Interview mit BILD der FRAU erklärt er, warum sie aber unbedingt notwendig für eine Partnerschaft sind – und wie sie (neu) erlernt werden können.
Warum Beziehungen vor allem ohne diese beiden Faktoren zum Scheitern verurteilt sind
Lieber Herr Hegmann, welches sind diese beiden Faktoren, die für eine Beziehung unerlässlich sind?
Eric Hegmann: Sehr viele Paare, die zu mir kommen, benennen Kommunikationsschwierigkeiten als Grund für ihre Unzufriedenheit. Die Anlässe hierfür sind dann oft sehr verschieden und reichen von Kinderwunsch über Außenbeziehung bis zu fehlender Sexualität.
Beim Blick auf die Ursachen erkennen wir meist eine unsicher gewordene Verbindung zwischen den Partner*innen, deren Ursachen vielfältig sein können. Fast immer zeigt sich: Die Gelegenheiten für Verbindung sind zu selten – oder sie werden nicht genutzt.
Zeit zu zweit ist wichtig! Paare, die auf Paarzeit verzichten, tun sich mittel- und langfristig keinen Gefallen. Ohne Zeit zu zweit und Intimität scheitern die meisten Beziehungen.
- Auch interessant: Ein Langzeitpaar kann doch nix mehr auseinanderbringen, oder? Doch: Ein Experte nennt 3 häufige Gründe für ein Eheaus nach 25 Jahren.
Was macht diese Zeit zu zweit mit Paaren?
Beziehungen leben von Verbindungen im Alltag: Kleine wie "schau mal, was ich hier gefunden habe bei Youtube" gelten dabei ebenso wie die großen durch gemeinsame neue Erfahrungen, Urlaubsreisen oder Date Nights. Partner*innen, die sich sicher verbunden fühlen, werden viel seltener erleben, dass ihnen ein Konflikt eskaliert, weil sie mit einem Vertrauensvorschuss kommunizieren und sich gute Absichten unterstellen. Paare in der Krise sind misstrauisch, rechnen mit erneuten Verletzungen und distanzieren sich ganz automatisch, um solche Verletzungen zu vermeiden.
Paare sollten gemeinsame Aktivitäten/Urlaube/Auszeiten vom Alltag beziehungsweise Date-Zeiten einplanen. Spontaneität ist ebenfalls großartig für Zeit zu zweit oder Intimität, aber meist im Alltag nicht machbar.
- Lesetipp: Ist unsere Beziehung noch zu retten? DAS sind die Tipps einer Expertin
Warum Liebessprachen im Alltag oft scheitern
Liebessprachen gelten als hilfreiches Modell – in der Realität entstehen trotzdem viele Missverständnisse.
1. Nicht erkannt ist nicht nicht vorhanden
Viele Menschen zeigen Liebe, ohne dass der Partner es als solche wahrnimmt.
Beispiele:
- Fürsorge wird als Kontrolle verstanden
- Rückzug als Gleichgültigkeit
- Hilfe als Bevormundung
2. Unterschiedliche „Sprachgewichte“
Paare haben selten eine dominante gemeinsame Sprache. Häufig gilt:
- eine Person zeigt Liebe über Handlungen
- die andere über Worte oder Nähe
3. Stress verändert Wahrnehmung
Unter Belastung wird Liebe schlechter erkannt:
- positive Signale werden übersehen
- neutrale Signale werden negativ interpretiert
4. Der entscheidende Punkt
Nicht die richtige Liebessprache ist entscheidend, sondern:
- ob sie beim anderen überhaupt ankommt
- und ob sie regelmäßig „gesendet“ wird
Für Paare gibt es eine Notwendigkeit, sich auch als Liebende zu begegnen
Dann müssen Paare also regelrecht mit dem Termin-Planer arbeiten, um wirklich Zeit füreinander zu haben?
Ja. Viele Paare stellen fest, dass sie sich für Unternehmungen und auch für Intimität verabreden müssen, denn sonst ist kein*e Babysitter*in da oder der Beruf engt die Gelegenheiten stark ein. Der Bedarf scheint mir unterschätzt. In der Praxis sammle ich mit Paaren oft zunächst einmal alle notwendigen Termine der Partner*innen – und bereits da stellen viele fest: "Mist, der Tag hat nicht genug Stunden!" Dann heißt es: priorisieren. Aber das ist nicht ausreichend. Danach muss dann gestrichen werden zugunsten der gemeinsamen Zeit. Paare mit Kindern unterschätzen manchmal die Notwendigkeit, sich auch als Liebende zu begegnen und nicht nur als Eltern, die funktionieren müssen.
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Und dann müssen die Aktivitäten auch geplant werden. Gerne schlage ich meinen Paaren folgende Übung vor: Bewährtes & Neues. Jede*r Partner*in hat beispielsweise einmal im Monat den Auftrag, eine neue Aktivität zu organisieren, die beide bisher nicht gemeinsam ausprobiert haben. Dadurch entstehen neue Erinnerungen und neue Verbindungen. Einmal im Monat muss er oder sie aber auch eine bewährte Aktivität vorbereiten – etwas, das Geborgenheit, Sicherheit und Vertrauen schafft. Die Partner*innen wechseln einander ab. Und damit niemand zu etwas gezwungen wird, was er oder sie nicht machen möchte, verhandeln die beiden eine gewissen Anzahl von Gutscheinen, mit denen sie ein Veto einlegen können. Diese Wahlmöglichkeit macht die Übung entspannt und nicht zu einem Zwang.
Und in welchem Abstand sollten die Aktivitäten bzw. die Date Nights erfolgen?
Jede Woche eine gemeinsame Aktivität und eine Date Night im Monat halte ich für eine gute Zahl – aber das ist so individuell, dass ich damit kein Paar nerven möchte.
Viele überschätzen ihre Fähigkeiten, neben Job und Familie auch noch eine glückliche und lustvolle Beziehung zu führen
Warum Beziehungen nicht von selbst stabil bleiben
Viele Paare gehen davon aus, dass eine gute Beziehung sich irgendwann selbst trägt. Langzeitstudien zeigen jedoch das Gegenteil.
1. Beziehung als aktives System
Beziehungen verändern sich ständig durch:
- Stress
- Lebensphasen (Kinder, Karriere, Umzüge)
- individuelle Entwicklung
Ohne aktive Pflege driftet dieses System auseinander.
2. Drei typische Entfremdungsprozesse
- weniger gemeinsame Erlebnisse
- weniger emotionale Gespräche
- weniger körperliche Nähe
Diese Prozesse verlaufen oft schleichend und bleiben lange unbemerkt.
3. Stabilität ist keine Eigenschaft, sondern ein Verhalten
Stabile Paare unterscheiden sich weniger durch Konfliktfreiheit, sondern durch:
- regelmäßige Reparaturgespräche nach Streit
- bewusste Zeitinvestition
- aktive Priorisierung der Beziehung
4. Der wichtigste Irrtum
Viele glauben: Wenn es passt, muss ich nichts tun.
Tatsächlich gilt eher: Wenn ich nichts tue, passt es irgendwann nicht mehr.
Was sollen die Partner*innen dabei im besten Fall lernen?
Nachdem ich über Jahre hinweg mit meinen Paaren in der Praxis unterschiedlichste Date Nights zu unterschiedlichen Beziehungs-Themen als Hausaufgabe mitgegeben habe, habe ich nun in meiner Modern Love School einen Online Beziehungs-Workshop entwickelt, der aus 12 personalisierten Date Nights besteht. Die Themen reichen von Ähnlichkeiten und Unterschieden über Aufgabenteilung und Streitkultur bis Intimität und Zukunftspläne.
Es geht also darum, sich bewusst zu machen, wie wichtig und essentiell Zeit zu zweit und gemeinsame Erfahrungen sind. Wer 24 Stunden nur arbeitet oder nur Elternteil ist, überschätzt seine Fähigkeiten, nebenher auch noch eine glückliche und lustvolle Beziehung zu führen. Viele Paare erleben in der Paartherapie, dass sie ihre Verpflichtungen, Aktivitäten und Interessen anders priorisieren müssen. Und dass die Partnerin oder der Partner besser ganz weit oben steht, wenn nicht Entfremdung, Distanz und Kommunikationsprobleme die Folge sein sollen.
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Ein weiterer oft unterschätzter Punkt ist die emotionale „Selbstverständlichkeit“, die sich in langen Beziehungen einschleicht. Viele Partner*innen gehen irgendwann davon aus, dass der andere schon weiß, was sie fühlen oder brauchen – ohne es noch auszusprechen. Genau dadurch entstehen jedoch die größten Lücken: Nicht, weil Gefühle fehlen, sondern weil sie nicht mehr kommuniziert werden. Kleine Gesten, Rückfragen oder bewusstes Nachhaken verlieren im Alltag schnell an Priorität, obwohl sie langfristig entscheidend für Nähe sind.
Hinzu kommt, dass sich Bedürfnisse im Laufe einer Beziehung verändern. Was am Anfang noch funktioniert hat – etwa viel Zweisamkeit oder spontane Unternehmungen – kann nach einigen Jahren durch neue Lebensphasen (Jobwechsel, Kinder, Stressphasen) nicht mehr passen. Paare, die das nicht aktiv anpassen, erleben oft das Gefühl, „auseinanderzuwachsen“, obwohl sie sich eigentlich nur nicht mehr regelmäßig neu abstimmen. Gerade deshalb ist es wichtig, Beziehungen nicht als statisch zu betrachten, sondern als etwas, das sich immer wieder neu ausrichten muss.
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