03.04.2019

Zwei Experten geben Tipps Bindungsangst: Wie können Betroffene eine Beziehung führen?

Bindungsangst macht eine Beziehung äußerst schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Da tut Hilfe not. Wie sich die Angst, eine feste Partnerschaft einzugehen, überwinden lässt, erklären unsere Experten.

Foto: iStock/C0rey

Bindungsangst macht eine Beziehung äußerst schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Da tut Hilfe not. Wie sich die Angst, eine feste Partnerschaft einzugehen, überwinden lässt, erklären unsere Experten.

Wer eine Beziehung nach der anderen führt und immer Ausreden für das Scheitern findet, leidet möglicherweise unter Bindungsangst. Was können Menschen tun, die sich nicht dauerhaft binden können? BILD der FRAU hat Experten gefragt.

"Drum prüfe, wer sich ewig bindet": Wer eine Beziehung eingeht, sollte es mit dem berühmten Satz von Friedrich Schiller schon genau nehmen – schließlich haben Partner auch eine Verpflichtung gegenüber dem anderen, übernehmen Verantwortung. Menschen mit Bindungsangst bekommen mitunter schon beim Gedanken daran Schweißausbrüche – und stolpern nicht selten von einer Beziehung in die nächste, immer auf der Flucht vor dem eigentlichen Problem.

Bindungsangst überwinden: Erst einmal die Gründe herausfinden

Mit der Erkenntnis fängt es aber erst einmal an: Wer gesteht sich schon gerne ein, beziehungsunfähig zu sein? Und wenn der erste Schritt getan ist – wie geht es dann weiter?

BILD der FRAU hat bei Eric Hegmann, Paarberater und Parship-Coach, und Silvia Fauck, Liebeskummercoach, nachgefragt.

Woran erkennen Betroffene, dass sie Bindungsangst haben? Häufig wird es ja auf äußere Umstände, war nicht der/die Richtige etc. geschoben...

Eric Hegmann: "Bindungsangst gründet in einem verletzten Selbstwert, z. B. weil jemand in der letzten Beziehung sehr verletzt wurde und eine erneute Verletzung verhindern möchte. 'Ich kann niemandem mehr vertrauen' ist eine typische Aussage, die auf Bindungsangst hinweist. Aber sie tritt häufig auch unbewusst auf. Das ist dann eine 'passive Beziehungsverweigerung'.

Letztlich ist Bindungsangst eine Sammlung von unterschiedlichen Schutzstrategien, die Verletzungen verhindern sollen. Beispielsweise kann eine solche unbewusste Strategie sein, sich nur in unerreichbare Partner zu verlieben, also Männer, die vergeben sind oder die zu Beginn sagen, dass sie nicht bereit wären für eine Beziehung. Auch überhöhte Ansprüche sind eine erfolgreiche Vermeidungsstrategie."

Silvia Fauck: "Keine Verantwortung übernehmen zu müssen, wird heutzutage auch durch den Supermarkt Internet befeuert: Dort gibt's jeden Tag ein neues Date, Bindung ist nicht nötig... Sich einzugestehen, dass man tatsächlich Angst vor einer Bindung hat, ist nicht einfach. Da muss man schon gut in sich hineinhorchen, darf sich nichts vormachen und die Schuld nicht bei den anderen suchen."

Gerade in Zeiten des Internetdatings wird vieles einfacher – leider oft auch zum Leid der Datenden. Fiese neue Dating-Maschen wie Tuning, Ghosting oder Zombieing machen die Runde und Verliebte sind oft schutzlos ausgeliefert.

Was sind sinnvolle erste Schritte nach der ersten Selbsterkenntnis?

Eric Hegmann: "Wenn Sie erst einmal verstanden haben, wie Ihr Bindungssystem funktioniert, wovor Sie sich schützen wollen und welche Verhaltensweisen Sie sich dazu angeeignet haben, können Sie versuchen, diese bewusst zu steuern, wann immer sie diese bei sich entdecken.

  • Wenn Sie also bemerken, dass Sie sich beim Rückzug des Partners beinahe euphorisch daranmachen, ihm Ihre Liebe zu beweisen.
  • Oder wenn Sie plötzlich diese Gefühle verlieren, weil der Partner sich tatsächlich für Sie interessiert.

Das Verständnis dieser Mechanismen bewirkt bereits viel, aber gerade nach schweren Verletzungen ist die Arbeit mit einem Experten Erfolg versprechender als die Verarbeitung alleine. Es geht bei Bindungsangst um ganz grundlegende Glaubenssätze, die Sie verinnerlicht haben. Da hilft es sehr, wenn ein Blick von außen unterstützt, diese oft seit der frühen Kindheit verinnerlichten Muster zu erkennen."

Silvia Fauck: "Wer das Problem angeht und sich darum kümmert, hat schon einmal einen sehr guten Anfang geleistet. Allerdings lässt sich das kaum alleine therapieren – einige Sitzungen mit einem Experten sind unbedingt zu empfehlen. Wichtig ist aber auch zu wissen: Wer Bindungsangst hat, leidet in der Regel nicht gleich an einer schweren Störung und muss eine Therapie machen. Es geht um Beratung, um Coaching."

Gespräche helfen, aber "die Arbeit beginnt bei sich selbst"

Inwiefern kann ein(e) Partner(in) dabei unterstützen?

Eric Hegmann: "Ein in sich sicherer Partner ist tatsächlich eine gute Unterstützung – sowohl für einen bindungs- als auch einen verlustängstlichen Partner, da er Ausgleich schaffen kann. Doch die Arbeit beginnt bei sich selbst! Es wird eine Beziehung sehr belasten, wenn ein Partner immerzu Stärke für den anderen zeigen soll."

Silvia Fauck: "Oft erzählen Betroffene dem Partner nichts von ihrem Problem. Wenn doch, hilft es, in aller Ruhe darüber zu reden, sich behutsam zu öffnen. Partner sollten dann nicht den Fehler machen, zu viel Druck auszuüben, sie müssen viel Geduld aufbringen. Dauerhaft kann der Partner allein aber nicht helfen."

Kann es auch eine Lösung sein, sich mit einem/r Gleichgesinnten zusammenzutun?

Eric Hegmann: "Bindungsangst sucht Verlustangst, denn es handelt sich dabei um die zwei Seiten der gleichen Medaille: geringer Selbstwert. Das sind jedoch meist Menschen, die ihre Angst kompensieren, indem sie Anerkennung von anderen erhalten, die sich um sie bemühen.

Dass sich zwei Personen mit extremer Bindungsangst ineinander verlieben, ist eher selten. Die bleiben eher freundschaftlich verbunden, empfinden aber nicht das Gefühl euphorischer Verliebtheit, weil ihr Bindungssystem nicht aktiviert wird. Das benötigt den Rückzug des Partners, um den man sich dann bemühen kann."

Silvia Fauck: "Wenn keiner von zwei Partnern in der Lage ist, dem anderen Stabilität zu geben, ist eine Beziehung eigentlich nicht möglich. Dann handelt es sich eher um eine Affäre ohne festen Pol."

Man sucht sich die Partner selbst aus

Welche Fehler sollte man vermeiden?

Eric Hegmann: "Weniger ein Fehler als eine leider schlüssige Ergänzung: nämlich von einem verlustängstlichen Partner Bestätigung zu suchen und zu erfahren. Diese sehr häufige Paar-Dynamik führt jedoch nicht zu stabilen Beziehungen. Allerdings birgt sie die vermeintlich größte Befriedigung. Typischer Satz danach: 'Ich gerate immer an die Falschen'. Das ist leider nicht so. Die hat man sich selbst ausgesucht."

Silvia Fauck: "Darauf hoffen, dass es von alleine aufhört. Immer wieder eine Beziehung beenden und zu glauben, dass beim nächsten Mal alles besser wird. Das ist nur ein Weglaufen vor dem eigentlichen Problem."

Gibt es Hoffnung, irgendwann eine "normale" Beziehung führen zu können?

Eric Hegmann: "Natürlich lässt sich eine Beziehung führen, 'beziehungsunfähig' gibt es nicht – außer vielleicht nach traumatischen Erlebnissen, für die eine Therapie anzuraten ist. Aber gerade mit Unterstützung ist das ein Prozess, der je nach Ausprägung und Vorgeschichte schnell erste Ergebnisse zeigen kann.

Viele meiner Klienten erleben sehr rasch, dass ihnen die bewährten Muster keine Befriedigung mehr geben und probieren neue Wege. Dazu gehört oft, sich einmal entgegen dem bewährten Beuteschema auf andere Typen einzulassen. Die aktivieren zunächst zwar nicht das Bindungssystem so stark, aber sie sorgen für mehr Sicherheit, die man bald auch gar nicht mehr missen möchte."

Silvia Fauck: "Bindungsangst ist ein gut zu bearbeitendes Thema – aus meiner Erfahrung heraus würde ich sagen, dass Betroffene in rund 90 Prozent aller Fälle eine funktionierende Beziehung führen können. Das Wichtigste ist, Geduld mit sich selbst zu haben!"

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Auch wer unter Bindungsangst leidet, hat mit Trennungsschmerz zu kämpfen. Wie Sie ihn durchstehen, verraten wir Ihnen. Suchen Sie außerdem noch weitere Ratgeber und Beziehungstipps? Unsere Themenseite hat einiges auf Lager.

Eric Hegmann steht uns als Coach öfter beratend zur Seite. Mehr zu Silvia Fauck finden Sie hier.

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