Wirklich alles vorbei...?

Warum uns Trennungen so schwer fallen

Paar steht genervt Rücken an Rücken in der Küche
© Getty Images / DeanDrobot
Wenn Paare sich nur noch nerven, sollten sie sich vielleicht trennen. Doch das kriegen viele dann doch nicht hin... Warum uns Trennungen so schwer fallen, erklärt ein Experte.

Manchmal ist eine Trennung das wirklich einzig Sinnvolle – doch selbst Menschen, die sich dessen bewusst sind, schaffen es oft nicht, diesen Schritt zu gehen. Warum eigentlich? Das erklärt uns unser Experte.

Wohl kaum jemand trennt sich leichtsinnig und gerne: eine Beziehung aufzugeben, tut weh und hinterlässt die Betroffenen mit reichlich Herzschmerz – mal mehr, mal weniger lang. Dennoch ist ein Beziehungsaus oft nicht vermeidbar und kann für die Personen, die einst ein Paar waren, der Beginn einer neuen, glücklichen Zeit bedeuten. Oft ist von ihnen dann im Nachhinein zu hören: 'Wir hätten uns viel früher trennen sollen, dann hätten wir uns einiges erspart.'

Doch bis es so weit ist, steht zunächst die Trennung bevor – und damit tun sich die meisten nun mal extrem schwer, oft wider besseres Wissen. Eric Hegmann, Paartherapeut in Hamburg mit eigener Praxis und Co-Gründer der Modern Love School, einer eLearning-Plattform mit Onlinekursen rund um die Liebe, kennt das Thema aus seinem beruflichen Alltag. Mit BILD der FRAU hat er darüber gesprochen, warum es vielen Paaren so schwer fällt, sich zu trennen. Die Gründe dafür legt er im Interview dar.

nser Experte erklärt, woran das liegt

Lieber Herr Hegmann, das kennen Sie sicher: 'Ich will mich trennen, kann aber nicht!' Warum tun sich Betroffene oft so schwer damit?

Paar-Therapeut Eric Hegmann | © Robert Hilton
Foto: Robert Hilton
Eric Hegmann, Paarberater und Parship-Coach aus Hamburg

Eric Hegmann: Viele wissen: 'Meine Beziehung tut mir nicht gut und ich sollte mich trennen.' Aber es gelingt ihnen nicht. Warum? Nach meiner Beobachtung kommen viele Dinge zusammen: Zunächst ist Trennung evolutionär etwas, das bedrohlich wirkt. Wer früher ausgestoßen oder allein gelassen wurde, konnte nicht überleben. Entsprechend reagieren Menschen mit Schock und traumatischen Belastungsstörungen. Das will man weder sich noch dem/der ehemals geliebten Partner*in leichtfertig antun.

Dann kommt es auf die Gesamtbilanz des Paares an: Ich erlebe in der Paarberatung häufig, beispielsweise wenn es um Betrug wie eine Affäre geht, dass dennoch abgeglichen wird, ob nicht die guten Erfahrungen überwiegen und die gemeinsam erreichten Ziele wichtiger sein könnten – nicht nur gemeinsame Kinder oder geschaffener Besitz, auch gemeinsame Erlebnisse zählen dazu.

Spielt auch die Länge der Beziehung eine Rolle?

Gewöhnung ist nicht zu vernachlässigen: Menschen passen sich schnell und gut an. Sogar in unglücklichen Beziehungen höre ich oft: 'Hier kenne ich die Probleme und weiß mit ihnen umzugehen, In einer neuen Beziehung tausche ich nur die Konflikte und muss neu lernen.' Dann ist da oftmals auch viel Hoffnung, dass sich der Konflikt (oder der/die Partner*in) doch noch ändern würden. Selbstzweifel über den eigenen Anteil an den Beziehungsproblemen verhindern vorschnelle Reaktionen ebenso – und dann ist da natürlich auch Liebe und die Bindung zum/zur Partner*in. Die geht nicht einfach weg.

Liebeskummer wurde lange unterschätzt und belächelt. Heute weiß man, dass ein Broken Heart Syndrom gefährlich werden kann. Dann gibt es ganz existentielle Gründe: Vor allem Frauen sind oft finanziell abhängig von ihren Partnern, wenn sie zugunsten der Familiengründung die eigene Karriere aufgegeben haben. Und das darf nicht vergessen werden: Manchmal haben Menschen Angst vor ihren Partner*innen und fürchten Gewalt oder Schlimmeres, wenn sie sich trennen. Die benötigen dann ganz dringend Unterstützung und Schutz.

Sich aus Mitleid nicht zu trennen, ist im Grunde genommen Selbstmitleid

Was beeinflusst die Entscheidung, die Beziehung aufrechtzuerhalten?

Der Optimist in mir sagt: vor allem die Hoffnung auf eine Verbesserung. Aber der Realist sagt auch: Damit sich etwas verbessern kann, muss sich etwas verändern. Und nicht selten ist eine glückliche Beziehung dann auch eben nur mit einem/einer anderen Partner*in möglich. Dann ist die Trennung die notwendige Veränderung, um Raum im Leben und auch im Herzen zu schaffen für eine neue Beziehung.

Manchmal beobachte ich auch falsche Rücksichtnahme und Mitleid. Sehr selten ist es das nach meiner Erfahrung, wenn das genauer betrachtet wird. Mitleid für den/die Partner*in wird nämlich nicht selten vorgeschoben, um sich selbst zu erhöhen und moralisch integer fühlen zu können. 'Ich habe mich nicht getrennt, um meinen Partner nicht zu verletzen.' Das ist streng genommen nicht Mitleid, sondern Selbstmitleid.

ANZEIGE: Jeder kann Liebe lernen! Hier finden Sie alle Online-Kurse sowie Tests für Paare und Singles der Modern Love School zu Partnersuche, Beziehung und Liebeskummer.

Welche Rolle spielen Abhängigkeiten und Ängste?

Natürlich gibt es auch Menschen, die ihre eigenen Wünsche und Vorstellungen hinter die Bedürfnisse des Partners oder der Partnerin stellen. Hier kann es zu emotionalen Abhängigkeiten kommen. Dann lohnt der Blick auf die darunter liegenden Emotionen. Wer beispielsweise in eine emotionale Abhängigkeit geraten ist, hält oft lange Zeit die dysfunktionale Dynamik, die Manipulationen und die Drohungen für eine Form von Liebe.

Trennung: für Außenstehende meist ganz klar, bei Betroffenen dringt die Botschaft oft nicht durch

Geht es vielleicht um Angst vor dem Neuen? Denn so schrecklich das Bewährte sein mag: Es ist vertraut, man kann sich in seiner sogenannten Komfortzone arrangieren – obwohl die oft von außen betrachtet keine Spur komfortabel ist. Bei diesen Menschen ist oft der Selbstwert schwer verletzt worden, sie benötigen Hilfe und Unterstützung, den wiederaufzubauen und dann auch selbstbewusst Grenzen ziehen zu können. Das Gefühl, die Kontrolle über sich selbst wieder zu erlangen, ist ein sehr starker Antrieb, der gepflegt werden kann.

Warum verlassen selbst Menschen, die mit ihrer Beziehung zutiefst unzufrieden sind oder denen sie schlicht nichts mehr bedeutet, den/die Partner*in oft nicht?

Bequemlichkeit kann eine Rolle spielen, vielleicht sind sie Co-Abhängige in einer emotional abhängigen Beziehung – das lässt sich nur im Einzelfall beantworten. Jeder Einzelfall erzählt oft eine für Außenstehende ganz klare Botschaft: 'Schluss machen! Schütze dich! Geh!' Aber warum die nicht bei den Betroffenen durchdringt, das ist sehr individuell.

Ich frage unglückliche Paare oft, wie sie sich fühlen würden, wenn sie in einem Jahr in derselben Stimmung und mit den immer noch ungelösten Konflikten in der Paartherapie sitzen müssten. Der Blick nach vorne entlarvt häufig den Blick zurück, der oft durch Nostalgie getrübt ist. Es macht einen Unterschied, ob man etwas erlebt und durchgestanden hat oder ob man weiß: Das alles kommt immer wieder neu auf mich zu. Da werden oft sehr düstere Szenarien erzählt: von Abwertung bis Drohung, von Gewalt bis Manipulation. Viele davon lassen sich unter emotionale Abhängigkeiten zusammenfassen – da gilt es dann herauszufinden, wo die Co-Abhängigkeit die Trennung verhindert.

➔ Mehr Infos zu unserem Experten Eric Hegmann finden Sie hier, und hier geht's zur Modern Love School.

Diese verschiedenen Trennungstypen gibt es

Was tun, wenn die oder der Liebste stirbt? Für die hinterbliebene Person eine der wohl schwierigsten Herausforderungen, die es zu meistern gilt. Was in der Situation helfen kann, erklärt uns ebenfalls Eric Hegmann.

Zählbild
Mehr zum Thema
Inhalte durchsuchen: