04.02.2019

Ein Experte gibt Auskunft Einen Seitensprung beichten: Ist das immer sinnvoll?

Ein Seitensprung hat in der Regel ein schlechtes Gewissen zu Folge – und die Frage, ob man dem Partner den Fehltritt beichten soll...

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Ein Seitensprung hat in der Regel ein schlechtes Gewissen zu Folge – und die Frage, ob man dem Partner den Fehltritt beichten soll...

Den Partner betrogen – und jetzt? Ist es sinnvoll, den Seitensprung zu beichten? Und wenn ja, wann und wie? Antworten von einem Experten finden sie hier.

Ein Drittel der Deutschen hat den Partner schon einmal betrogen. Die meisten Frauen geben als Grund an, ihr Partner wäre zu wenig aufmerksam. Als weiteren Grund beklagen sie die Kommunikation. Männer würden sich zwar auch eine bessere Kommunikation wünschen, begründen Fremdgehen aber überwiegend mit dem Wunsch nach befriedigenderem Sex. Dass sich der Partner gehen lässt, wiegt für beide Geschlechter gleich schwer. So die nüchterne Bilanz von Paarberater und Parship-Coach Eric Hegmann.

Heißt also: Ein Seitensprung kommt offenbar buchstäblich in den besten Familien vor! Ist das das Aus für die eine, wahre Liebe? Nicht unbedingt – beruhigt Eric Hegmann: "Aus der Erfahrung der Paarberatung und Paartherapie kann ich versichern: Viele Menschen betrügen, und sie lieben ihre Partner dennoch. Und es ist eben nicht nur die Beziehung gefährdet, die nicht gut läuft – auch eine Super-Beziehung birgt ein Risiko. Das liegt schon einfach daran, dass KEINE Beziehung durchweg IMMER super läuft."

Was also tun, wenn er tatsächlich passiert ist, der Seitensprung? Ihn beichten? Immer? Wenn ja, wann ist der beste Zeitpunkt dafür? Und muss es wirklich so weit kommen? Unser Experte weiß Rat und gibt Antworten.

Seitensprung beichten – ja oder nein? Interview mit Paarberater und Parship-Coach Eric Hegmann

BILD der FRAU: Herr Hegmann, warum lassen sich Menschen in einer Beziehung überhaupt auf einen Seitensprung ein – abgesehen von den bereits oben genannten Gründen?

Eric Hegmann: Evolutionspsychologen begründen Fremdgehen sehr theoretisch und sagen, die Monogamie für Männer und auch für Frauen sei eine kulturelle Prägung, denn fürs Zeugen von Nachwuchs ist Treue kein zwingendes Modell. Allgemein kann man sagen: Bei allen Paaren wandelt sich etwa nach vier Jahren sexuelle Anziehungskraft zugunsten von Harmonie. Und dann muss jedes Paar die eigene Beziehung individuell verhandeln. So sieht ja auch jeder Untreue anders: bei manchen beginnt sie im Kopf, bei anderen erst bei Intimität.

Auch Eifersucht ist ein häufiger Grund, der Partner erst dazu treibt, fremdzugehen.

Inwiefern Eifersucht?

Eifersucht schafft Distanz, Menschen suchen aber Nähe und Bindung. Ist diese Nähe zu Hause nicht mehr zu finden, wird sie sicher anderswo gesucht: Beispielsweise im Büro mit dem Arbeitskollegen, dem die Beziehungsprobleme anvertraut werden.

Mit Arbeitskollegen wird ja deshalb so häufig betrogen, weil durch den Austausch von Themen, die eigentlich in die Beziehung gehören, eine neue Exklusivität außerhalb der Partnerschaft eingegangen wird, die mittel- und langfristig für nur noch mehr Distanz der Partner führt. Arbeitskollegen werden darum häufig auch zu vermeintlichen "Seelenverwandten" erkoren, denn über einen langen Zeitraum wird eine freundschaftliche und vertrauensvolle Basis einer Beziehung aufgebaut.

Was spricht dafür, einen Seitensprung zu beichten?

Nach meiner Erfahrung ist das eine Frage der individuellen Paar-Dynamik und der Gründe fürs Fremdgehen – auch muss unterschieden werden, ob es sich um einen einmaligen Seitensprung oder um eine Affäre handelt.

Eine Affäre sollte grundsätzlich gestanden werden, denn eine Affäre bedeutet, dass die Beziehung gescheitert ist. Das heißt nicht, dass ein Neuanfang unmöglich wäre, doch nach meiner Erfahrung ist das eher selten. Das hat zwei Gründe: Die Vertrauensbasis ist zerstört, der Betrogene will vielleicht, aber kann meist dem Betrüger nicht mehr trauen. Und der Betrogene traut der eigenen Wahrnehmung nicht mehr. "Wie konnte ich das nicht bemerken?", sind typische Fragen, die den Selbstwert sehr verletzen.

Aus "wie würde ich selbst damit umgehen" keine Erwartungshaltung machen

Wollen sich Seitensprung-Beichter nicht häufig lieber selbst erleichtern – und der Partner muss sich dann damit herumschlagen?

Das gibt es sicher und sollte auch hinterfragt werden. Doch am Ende ist der Grund fürs Beichten in dieser Situation hinfällig, weil der Betrug an sich dann das Thema ist, mit dem sich das Paar auseinandersetzen wird. In der Paartherapie wird das natürlich angesprochen von den Partnern, aber weil es so gar nichts an dem Konflikt ändert, der nun die Beziehung belastet, würde ich die Energie lieber auf die Aufarbeitung legen.

Hilft es, wenn ich mich vor der Beichte selbst frage, wie ich damit wohl umgehen würde?

Das hilft immer. Aber natürlich ist das auch eine Typfrage. Der Partner hat vielleicht ein ganz anderes Verständnis davon, und – überspitzt gesagt – ich kann nicht erwarten, dass der mir freudig um den Hals fällt, nur weil ich das umgekehrt so machen würde. Das erlebe ich leider sehr häufig, dass der Betrüger argumentiert: "Wie kannst du nur diese Verhaltensweisen zeigen. Ich an deiner Stelle hätte aber..." Perspektivwechsel ja, sehr gut, aber keine Erwartungshaltung daraus generieren.

Keine Beichte ohne Gespräch über sexuelle Wünsche

Wenn ich einen Seitensprung beichte – wann ist der beste Zeitpunkt?

Wenn gestehen, dann zeitnah. Je länger ein Partner das für sich behält, umso schwerer belastet es die Beziehung und fühlt sich nach schlimmen Betrug an. Immer aber muss das der Anlass sein, über die sexuellen Wünsche des Paares zu sprechen und zu verhandeln. Jedes Paar sollte darüber sprechen, wie es zu Monogamie und Treue steht und wie es damit umgehen wird, wenn ein Partner sexuelle Fantasien hat, die innerhalb der Beziehung nicht erfüllt werden. Vielleicht stellen die Partner dann fest, dass sie nicht zusammenbleiben wollen, weil einer ein offenes Modell möchte, der andere nicht. Doch das wird dann ehrlich verhandelt.

Wie gehe ich bei einer Beichte vor? Was sollte ich auf keinen Fall tun?

Auch das ist abhängig vom Paar, von der Situation und den getroffenen Absprachen. Ein Paar, das ehrlich miteinander verhandelt hat, kann eher entspannt sagen: "Ich habe die Grenzen unserer Vereinbarung überschritten. Wie gehen wir damit um? Müssen wir neu verhandeln?" Aber das ist die Theorie, denn ein solches Paar wird vermutlich nicht fremdgehen, sondern eher ein geöffnetes Beziehungsmodell versuchen.

Ehrlichkeit ist das wichtigste, außerdem: die brennenden Fragen des Betrogenen beantworten. In Studien wurde gezeigt, dass Vertrauen aufbauen dann besser möglich ist, wenn der Fragende alle Antworten erhält, die er wünscht. Allerdings sind verletzende Details davon ausgeschlossen. "War er/sie besser als ich? Warum? Was genau habt ihr gemacht?", sind nach meiner Erfahrung sehr verletzend und bringen das Paar meist nicht weiter. Anders sieht es aus mit Fragen wie: "An dem Abend, an dem wir uns gestritten haben, bist da noch zu ihr/ihm gefahren?"

Lügen wiegt für die meisten schwerer als Fehltritt

Aus Ihrer Erfahrung: Ist eine Seitensprung-Beichte meist eine gute Idee?

Grundsätzlich kann ohne Ehrlichkeit und Vertrauen keine Beziehung funktionieren. Vertrauen bedeutet, vertrauenswürdig zu handeln. Beschäftigt also einen Partner ein Gedanke, ein Gefühl oder ein Problem, dann sollte das auch ein Thema das Paares sein.

In allen Umfragen stehen Ehrlichkeit und Treue als Voraussetzungen für eine stabile Beziehung ganz oben. Fragt man Langzeitpaare, dann sagen diese, dass Lüge und Betrug schwerer wiegen als der eigentliche sexuelle Fehltritt.

Ein einmaliger Seitensprung nach 15 Jahre Ehe hat nicht unbedingt eine bedrohliche Auswirkung für das Paar und muss nicht thematisiert werden, um ein gemeinsam aufgebautes Leben, gemeinsam erreichte Ziele und alle Pläne für das weitere gemeinsame Leben zu gefährden.

Wenn ich den Seitensprung nicht beichte: Wie gehe ich selbst am besten damit um?

Da kann ich nichts raten, denn in den meisten Fällen führt das dazu, dass der Seitensprung eine viel größere Bedeutung bekommt, als ihm vielleicht zusteht. Wenn es einem Paar nicht gelingt, über dieses Thema sprechen zu können, dann sehe ich die Beziehung mittel- oder langfristig für ohnehin gefährdet an.

Wer kann die Untreue des Partners leichter vergeben, Frauen oder Männer?

Interessanterweise geben sich in aktuellen Umfragen Männer als verzeihender. Das kann aber auch daran liegen, dass sie sich im Gegenzug Freizügigkeit von ihren Partnerinnen erwarten.

➔ Mehr Infos zu unserem Experten Eric Hegmann finden Sie hier.

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