Aktualisiert: 22.10.2020 - 08:58

Die "neue" Angst vor Bindung Warnzeichen in Beziehungsphasen – Teil 3: Gaslighting

Gaslighting ist ein Ausdruck großer Verlustangst – der oft mit Manipulation und Schuldzuweisungen einhergeht.

Foto: iStock.com/Dean Mitchell

Gaslighting ist ein Ausdruck großer Verlustangst – der oft mit Manipulation und Schuldzuweisungen einhergeht.

Immer mehr Menschen leiden an Symptomen von Bindungs- und Verlustangst – eine Folge unserer heutigen Gesellschaft. Dieses ängstliche Bindungsverhalten macht sich auch an typischen Verhaltensweisen fest, die uns ein Experte erklärt. Heute: Gaslighting – anhaltende Manipulation durch den Partner.

Eine Beziehung eingehen, den richtigen Partner finden: In unserer Gesellschaft gab es noch nie so viele Freiheiten wie heutzutage – und gleichzeitig so viele Menschen mit Symptomen von Bindungs- und Verlustangst. Dadurch entstehen neue Arten des Verhaltens innerhalb einer Partnerschaft, die aber in der Anfangsphase nicht immer leicht zu durchschauen sind, wie etwa das Gaslighting.

Gaslighting und Co: Woher kommt diese "neue" Angst vor Bindung und Verlust?

Zu den immer narzisstischeren Ausprägungen kommt wegen der heute vorherrschenden Romantisierung der Liebesbeziehung die große Furcht dazu, eine falsche Partnerentscheidung zu treffen. Das führt zu einer längeren Phase des Ausprobierens, das Durchschnittsalter für die Familiengründung und Eheschließung verschiebt sich immer weiter nach hinten – derzeit liegt es bei etwa Mitte 30. Vor einigen Jahrzehnten war es noch bei Ende 20.

Paarberater und Parship-Coach Eric Hegmann kennt sich mit der Thematik bestens aus. Für BILD der FRAU hat der Experte die wichtigsten Warnzeichen während der Dating- und Beziehungsphasen in der heutigen Gesellschaft zusammengestellt. In einer Serie erklärt er sie und sagt, wer so etwas macht, wer betroffen ist – und wie man sich schützen kann.

Warnzeichen beim Kennenlernen – Teil 3: Gaslighting

"Menschen mit starken narzisstischen Zügen beobachten häufig sehr genau ihre Partner, um sich vor Verletzungen durch sie zu schützen – denn sie könnten ihren bereits niedrigen Selbstwert noch weiter schmälern. Das ist keine Empathie, sondern vielmehr Manipulation, die dazu führt, dass an allen Konflikten die Schuld immer der Partner trägt, dem das Wort im Munde umgedreht wird. Das Phänomen ist Ausdruck großer Verlustangst, die nicht vor Täuschung und Verleumdung zurückschreckt, um die Kontrolle über den Partner zu bewahren", sagt Hegmann.

Gaslighting kann enorm gefährlich werden. Denn es handelt sich im Grunde um nichts anderes als emotionale Manipulation bis hin zur Gehirnwäsche. Derjenige, der dieses Verhaltensmuster anwendet, gibt seinem Partner immer wieder kleine Häppchen an Kritik mit, die diesen mit der Zeit weiter zermürben und ihn dazu bringen, an sich selbst zu zweifeln. Der Manipulierende spricht dem Partner gegenüber immer wieder das angeblich negative Verhalten desjenigen an, um ihn in Erklärungsnot zu bringen. Dieser ständige Zwang, sich rechtfertigen zu müssen, der dadurch entsteht, kann dazu führen, dass man sich letztendlich selbst für verrückt hält. Das kann bis hin zum Identitätsverlust führen.

Gleichzeitig geben Menschen, die Gaslighting betreiben, ihrem Partner nebst ständiger emotionaler Anschuldigungen auch das Gefühl der Nähe und der Sicherheit. Mit ermutigenden Phrasen wie "ich bin für dich da und helfe dir, dich zu verbessern" binden sie ihn emotional an sich – und dominieren ihn.

Tipp: "Misstrauen Sie nicht Ihrer eigenen Wahrnehmung. Glauben Sie nicht, dass immer nur Sie die "Schuld" tragen. Tauschen Sie sich frühzeitig mit Freunden aus und überprüfen Sie, ob Ihre Liebe nicht nur emotionale Abhängigkeit ist. Führen Sie Tagebuch." Das ist Hegmanns Vorschlag

Gaslighting: Wen kann es treffen?

Und weiter führt er an: "Vor allem natürlich Singles, die durch schmerzhafte Erfahrungen in früheren Beziehungen oder der Partnersuche einen verletzten Selbstwert haben und sich deshalb leichter beeinflussen lassen. Menschen mit einem starken Selbstwertgefühl lassen sich nur dann mit einem Partner mit einem schwachen Selbstwert ein, wenn sie das zunächst nicht bemerken. Doch genau das ist, was Gaslighting ausmacht: Es trifft häufig jene, die nicht gefährdet wirken. Gerade weil sie sich sicher fühlen, erkennen sie die Manipulationen erst sehr spät."

Gaslighting: Wer macht sowas?

Auf die Frage, wer die Rolle des Gaslighters meist übernimmt, weiß Hegman: "Gaslighting passiert nicht fahrlässig, sondern vorsätzlich. Die Täter sind Menschen mit extremem Wunsch nach Kontrolle. Sie erheben sich über den Partner, indem sie ihn herabsetzen. Jemanden an der eigenen Wahrnehmung zweifeln lassen, macht den Betroffenen hilflos, machtlos und abhängig."

Gaslighting: Wie kann man sich schützen?

Er rät: "Wenn Sie feststellen, dass Ihnen vorgeblich immer wieder Dinge entfallen oder Sie sich angeblich ganz untypisch verhalten haben, trainieren Sie Ihre Wahrnehmung. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Sie plötzlich nur in Ihrer Beziehung unbekannte Verhaltensweisen zeigen, aber im Umgang sonst und im Alltag nicht. Ein Warnsignal kann auch sein, wenn Ihr Partner Ihren Argumenten gegenüber nicht mehr aufgeschlossen ist, sondern nur noch die eigenen gelten lässt."

Die beste Methode, sich einem Gaslighting zu entziehen, ist, sich von der manipulierenden Person fernzuhalten. Opfer dieser Manipulation erleiden nicht selten irgendwann psychische Erkrankungen, können sogar eine Depression oder eine dissoziative Störung entwickeln.

Woher kommt der Begriff?

Warum man dieses Verhalten Gaslighting nennt, liegt an dem Film "Gaslight" aus den 40er-Jahren. Im Film versucht ein Mann, seiner Frau nach und nach zu vermitteln, dass sie verrückt geworden sei, den Verstand verloren hat.

Gaslighting kann übrigens auch außerhalb von Beziehungen, etwa in einer Freundschaft oder unter Kollegen vorkommen. Unbegründete Vorwürfe, die das Gegenüber zermürben, oder ständige Aggressivität sind starke Anzeichen für anhaltende emotionale Manipulation.

Mehr Infos zu unserem Experten Eric Hegmann finden Sie hier.

Hier geht's zu

Teil 1 der Serie: Warnzeichen in Beziehungsphasen – Love Bombing
Teil 2 der Serie: Warnzeichen in Beziehungsphasen – Fast Forwarding  
Teil 4 der Serie: Warnzeichen in Beziehungsphasen – Flying Monkeys
Teil 5 der Serie: Warnzeichen in Beziehungsphasen – Hoovering
Teil 6 der Serie: Warnzeichen in Beziehungsphasen – Experten-Interview
Teil 7 der Serie: Warnzeichen in Beziehungsphasen – Firedooring

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Weitere Beziehungstipps finden Sie auf unserer Themensreite.

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