An Silvester wird gefeiert! Vielen Paaren bedeuten die guten Wünsche der Partnerin oder des Partners zum Jahreswechsel sehr viel. Was, wenn eine*r von beiden beschließt, woanders alleine Party zu machen? Was bedeutet das für die Beziehung? Was unser Experte dazu sagt.
Silvester hat für viele ja eine tiefergehende Bedeutung, als nur Party zu machen und sich ein gutes neues Jahr zu wünschen: Oft verbinden Menschen damit einen Neuanfang, welchen Ausmaßes auch immer – das macht sich nicht zuletzt an den Vorsätzen fest, die sie sich fürs kommende Jahr vornehmen. Paare wiederum versichern sich ihrer Liebe, schöpfen Kraft und Zuversicht aus dem Ritual.
Nun kann es aber schon einmal vorkommen, dass eine*r der beiden Partner*innen andere Pläne zum Jahreswechsel hat. Was, wenn das wirklich dazu führt, dass Paare den Silvesterabend nicht gemeinsam begehen? Ob das nicht geradezu ein "muss" ist und was das für eine Beziehung bedeuten kann, wenn es eben nicht dazu kommt, erklärt Eric Hegmann, Paartherapeut in Hamburg mit eigener Praxis und Co-Gründer der Modern Love School, einer eLearning-Plattform mit Onlinekursen rund um die Liebe, im Interview mit BILD der FRAU.
Silvester als Paar ohneeinander: gute Idee? Was unser Experte dazu sagt
BILD der FRAU: Lieber Herr Hegmann, die Formulierung ist bewusst überspitzt gewählt: Müssen Paare Silvester zusammen feiern?
Eric Hegmann: Silvester und der Jahreswechsel stehen für Neubeginn. Für viele ist deshalb selbstverständlich, dass sie das neue Jahr mit der Person begrüßen möchten, mit der sie dieses dann auch verbringen wollen. Das Ritual vom Kuss um Mitternacht ist gleichermaßen Versprechen und Ausdruck von Hoffnung. Dass so viele Paare dieses Bild in sich tragen, gemeinsam den Jahresbeginn feiern zu wollen, ist sehr verständlich.
Also eine Art Bestätigung, sich der Beziehung sicher sein zu können?
Ja, so in etwa. Gleichzeitig gibt es natürlich keine Garantie, dass ein Paar, das zusammen Silvester feiert, auch wirklich ein Jahr als zufriedenes Team verbringen wird. Hier würde ich ansetzen wollen und hinterfragen, falls eine Partnerin / ein Partner andere Pläne haben sollte. Was ist das, was Sie sich wirklich erhoffen von Silvester? Romantik? Sicherheit? Geborgenheit? Ein Versprechen? Gibt es eventuell die Möglichkeit, das auch mit einem anderen Ritual zu erleben?
Wenn Paare Silvester getrennt verbringen wollen
Nicht jedes Paar hat automatisch dieselben Vorstellungen vom perfekten Jahreswechsel. Während manche den Abend unbedingt romantisch zu zweit verbringen möchten, wünschen sich andere eine große Party mit Freund*innen oder sogar bewusst Zeit für sich allein. Unterschiedliche Bedürfnisse müssen dabei nicht zwangsläufig ein Warnsignal sein.
Gerade Menschen mit starkem Freiheitsbedürfnis empfinden Feiertage manchmal als emotionalen Pflichttermin. Sie möchten selbst entscheiden, wie sie feiern, und reagieren sensibel auf Erwartungen oder feste Vorstellungen. Andere wiederum verbinden gemeinsame Feiertage sehr stark mit Nähe und Verbindlichkeit. Treffen diese beiden Sichtweisen aufeinander, entsteht schnell Konfliktpotenzial.
Hinzu kommen unterschiedliche soziale Bedürfnisse. Extrovertierte Menschen genießen häufig große Gruppen, Feiern und lange Nächte, während introvertierte Partnerinnen eher ruhige Abende bevorzugen. Auch Freundeskreise spielen oft eine Rolle: Manche möchten den Jahreswechsel traditionell mit langjährigen Freundinnen verbringen, andere lieber mit der Familie oder dem Partner beziehungsweise der Partnerin.
Problematisch wird es meist nicht durch das getrennte Feiern selbst, sondern durch die Bedeutung, die beide Seiten diesem Wunsch geben. Wenn eine Person den Wunsch nach Abstand als Ablehnung interpretiert oder sich emotional zurückgesetzt fühlt, können Unsicherheit und Zweifel entstehen.
Paartherapeut*innen betonen deshalb immer wieder, wie wichtig offene Kommunikation ist. Wer ehrlich erklärt, warum ihm oder ihr ein bestimmter Silvesterplan wichtig ist, vermeidet Missverständnisse. Entscheidend ist nicht, ob ein Paar jede Minute gemeinsam verbringt, sondern ob beide das Gefühl haben, mit ihren Bedürfnissen ernst genommen zu werden.
Allerdings kann der Wunsch, Silvester bewusst ohne den Partner oder die Partnerin zu verbringen, in manchen Fällen auch auf bestehende Probleme hinweisen – etwa auf emotionale Distanz, ungelöste Konflikte oder unterschiedliche Vorstellungen von Beziehung und Zukunft. Vor allem dann, wenn gemeinsame Zeit grundsätzlich vermieden wird oder Gespräche darüber nicht mehr möglich sind, lohnt sich ein genauerer Blick auf die Dynamik der Beziehung.
Dann ist es keine gute Idee, den Jahreswechsel ohne Partner*in zu verbringen?
Zumindest werden die meisten Partner*innen sehr gute Begründungen benötigen, um sich auf eine solche Verhandlung einzulassen. Silvester hat eine große Bedeutung, weil es für Aufbruch, für Veränderung und auch für neue Vorsätze steht. Silvester alleine zu verbringen, muss dadurch fast zwangsläufig den Eindruck erwecken, das Beziehungsjahr würde denkbar schlecht beginnen. Und auch wenn es dafür keinen Beweis gibt: Etwa 20 Prozent der Trennungen finden im Dezember statt. Im Mai sind es beispielsweise nur sechs Prozent. Das ergab eine repräsentative Umfrage von Parship.
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Es hilft, Einstudiertes auch einmal zu hinterfragen
Silvester als Ende eines eher schwierigen Monats – warum ist der eigentlich so schwierig?
Wer in einer kriselnden Beziehung lebt, will das neue Jahr häufig mit einem sauberen Schnitt beginnen und sich und seine Lebenssituation verändern. Die Ursachen für eine Trennung finden sich jedoch oft nicht nur in einem verpatzten Weihnachtsfest oder schlechter Stimmung am Silvesterabend. Oft läuft es bei Paaren schon eine ganze Weile schlecht. Zum Jahreswechsel werden dann Veränderungen geplant. Bestehende Probleme sollen nicht ins neue Jahr mitgenommen werden, um neu durchstarten zu können. Diese Mischung aus Frust und Aufbruchstimmung führt dann im Januar besonders häufig bei Paaren zum Beziehungs-Aus. Vor diesem Hintergrund ist gemeinsames Feiern vielleicht doch grundsätzlich eine gute Idee.
Typische Streitpunkte rund um Silvester und Feiertage
Viele Konflikte rund um Silvester entstehen nicht spontan, sondern bauen sich schon Tage oder Wochen vorher auf. Oft geht es dabei weniger um den Abend selbst als um Erwartungen, Enttäuschungen und unausgesprochene Wünsche
Ein häufiger Streitpunkt ist die Frage, mit wem gefeiert wird. Soll der Abend romantisch zu zweit stattfinden, im Freundeskreis oder mit der Familie? Gerade wenn beide Partner*innen unterschiedliche Traditionen mitbringen, kann daraus schnell ein emotionales Tauziehen werden.
Auch das Thema Romantik sorgt oft für Spannungen. Manche wünschen sich einen besonderen Abend mit tiefen Gesprächen, Zärtlichkeit oder einem symbolischen Mitternachtskuss. Andere sehen Silvester eher pragmatisch und messen dem Datum weniger Bedeutung bei. Werden diese Unterschiede nicht offen angesprochen, fühlen sich viele enttäuscht oder missverstanden.
Hinzu kommt der allgemeine Jahresend-Stress. Viele Menschen sind im Dezember ohnehin emotional erschöpft, gestresst oder gereizt. Familienbesuche, finanzielle Belastungen, volle Terminkalender und hohe Erwartungen erhöhen das Konfliktpotenzial zusätzlich.
Nicht zuletzt verstärken soziale Medien den Druck. Bilder von glamourösen Partys, glücklichen Paaren oder spektakulären Reisen vermitteln schnell das Gefühl, der eigene Jahreswechsel müsse besonders perfekt sein. In Wirklichkeit erleben jedoch viele Menschen Silvester deutlich unspektakulärer – oder streiten sogar.
Beziehungsexpertinnen und -experten raten deshalb dazu, Feiertage realistischer zu betrachten und den Druck herauszunehmen. Ein gelungener Jahreswechsel muss weder romantisch perfekt noch spektakulär sein. Viel wichtiger ist, dass beide Partner*innen sich mit ihren Bedürfnissen wahrgenommen fühlen.
Was raten Sie, wenn die Silvesterplanung in Schieflage zu geraten droht?
Kein Paar muss irgendwas. Außer vielleicht, sich über die jeweiligen Bedürfnisse auszutauschen. Und gerade wenn es darum geht, wie Feiertage verbracht werden sollen, ist es hilfreich, die eigenen Überzeugungen auch einmal zu hinterfragen: Welche Geschichte steckt dahinter? Wessen Geschichte ist das? Habe ich die selbst erlebt oder habe ich sie nur übernommen? Was man als Paar an einem Feiertag tun "muss", ist nach meiner Erfahrung stark von der Biografie und den Erfahrungen von früher abhängig. Für viele ist ein Jahreswechsel in der Sonne nicht vorstellbar, weil sie den aus ihrer Kindheit mit Schnee verbinden. Andere genießen es, nicht frieren zu müssen und Weihnachtskugeln an Palmen zu hängen. Erlaubt ist alles. Deshalb gehen Sie in sich und prüfen: Was ist das, was ich wirklich möchte? Und dann verhandeln Sie das mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin.
Wie lautet Ihr Fazit?
Die Bedeutung von Silvester sollte nicht überbewertet werden. Gleichzeitig sollten Sie aber die Bedeutung nicht unterschätzen und berücksichtigen, wie Ihre Partnerin oder Ihr Partner Ihren Wunsch nach einem Neujahrswechsel ohne Sie auffassen könnte und ob Ihr Plan das tatsächlich wert ist.
Warum Feiertage Beziehungen emotional unter Druck setzen
Feiertage sind für viele Menschen emotional stark aufgeladen – und genau deshalb auch besonders konfliktanfällig. Während der Alltag oft von Routinen, Arbeit und Verpflichtungen bestimmt wird, verbinden viele mit Weihnachten oder Silvester große Erwartungen: Harmonie, Nähe, Romantik und das Gefühl, emotional verbunden zu sein.
Gerade Silvester besitzt dabei eine besondere Symbolkraft. Der Jahreswechsel steht für Neubeginn, Hoffnung und gemeinsame Zukunftspläne. Viele Paare sehen darin einen symbolischen Startpunkt für das kommende Jahr. Entsprechend groß kann die Enttäuschung ausfallen, wenn Vorstellungen auseinandergehen.
Psycholog*innen beobachten schon lange, dass Konflikte an Feiertagen schneller eskalieren als im normalen Alltag. Ein Grund dafür ist der hohe Erwartungsdruck. Menschen wünschen sich einen „perfekten Abend“, eine romantische Stimmung oder emotionale Bestätigung – oft ohne diese Bedürfnisse klar auszusprechen. Treffen dann unterschiedliche Vorstellungen aufeinander, entstehen schnell Frust, Rückzug oder Streit.
Hinzu kommt, dass Feiertage häufig alte familiäre Erfahrungen aktivieren. Wer als Kind harmonische Silvesterabende erlebt hat, verbindet damit womöglich Geborgenheit und Zusammenhalt. Andere empfinden große Feiern eher als Stress oder Überforderung. Diese unterschiedlichen Prägungen bringen viele Paare unbewusst mit in ihre Beziehung.
Auch soziale Erwartungen spielen eine Rolle. Bilder von glücklichen Paaren an Silvester – ob in Filmen, Werbung oder sozialen Netzwerken – verstärken oft das Gefühl, dass man den Jahreswechsel „richtig“ verbringen müsse. Wer davon abweicht, fühlt sich schnell verunsichert oder fragt sich, ob mit der eigenen Beziehung etwas nicht stimmt.
Dabei sagt die Art, wie ein Paar Silvester verbringt, letztlich wenig über die Qualität der Beziehung aus. Entscheidend ist weniger das konkrete Ritual als vielmehr die Frage, ob beide Partner*innen ihre Bedürfnisse ernst nehmen und miteinander darüber sprechen können.
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Eric Hegmann hat mit BILD der Frau schon über viele kleinere und größere Belange rund um Beziehungen gesprochen. Manchmal hilft es schon, sich mit einem Problem auseinanderzusetzen, bevor es größer wird und eskaliert. Ist deines vielleicht dabei?
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