Zwischen Schock und Ekel

Abscheulicher Trend Cyberflashing: Warum verschicken Männer Dickpics?

Eine Frau mit heller Haut und blondem Haar in weißem Top und braunem Pullover blickt nachdenklich auf ein pinkes Smartphone vor Holzwand.
© Getty Images / PhotoAlto/Frederic Cirou
Ob es Versendern von Dickpics eigentlich klar ist, was sie mit ihrer abscheulichen Tat anrichten können? Unser Experte erklärt, wieso es überhaupt zu Cyberflashing kommt.

Immer wieder machen Frauen die leidvolle Erfahrung, Dickpics zugeschickt zu bekommen. Was veranlasst Männer bloß dazu? Unser Experte hat Erklärungen.

Arglos das Handy zur Hand nehmen, nachdem eine neue Nachricht angekündigt wurde, und fassungslos auf das Foto schauen, das dort angekommen ist: zu sehen ist ein männliches Glied, nackt und unverpixelt. Cyberflashing nennt sich diese unfassbare Tat, wenn Männer unaufgefordert sogenannte Dickpics verschicken. Es handelt sich dabei keinesfalls um ein Kavaliersdelikt, sondern um eine widerliche Straftat, denn diese Form von sexueller Belästigung kann bei den Betroffenen zu anhaltender Verstörtheit führen.

Psychische Gewalt: Unsichtbar, aber zerstörerisch

Eric Hegmann ist Paartherapeut in Hamburg. In seiner Praxis hat er auch mit Opfern von Cyberflashing zu tun. Der Co-Gründer der Modern Love School, einer eLearning-Plattform mit Onlinekursen rund um die Liebe, erklärt im Interview mit BILD der FRAU, was das bei Betroffenen auslöst, wie sie sich wehren können – und wie Männer überhaupt auf die absurde Idee kommen, Dickpis zu versenden.

Widerlich-Trend Cyberflashing: Was veranlasst Männer, Dickpics zu verschicken? Ein Experte erklärt

BILD der FRAU: Lieber Herr Hegmann, was sind Dickpics?

Paar-Therapeut Eric Hegmann | © Robert Hilton
Foto: Robert Hilton
Eric Hegmann, Paarberater aus Hamburg

Eric Hegmann: Dickpics (aus den englischen Begriffen dick, deutsch: Schwanz, und pic für picture, deutsch: Bild) sind Bilder des männlichen Genitals, die unaufgefordert geschickt werden. Fast die Hälfte aller jüngeren Frauen hat bereits solche Fotos zugeschickt bekommen, ohne zuvor um Zustimmung gefragt worden zu sein, wie eine Studie der Dating-App Parship aus dem Jahr 2023 ergab.

Auch in meiner Praxis berichten die meisten Frauen, dass sie bereits mit unaufgeforderten Dickpics konfrontiert wurden. Und auch wenn das eigentlich allen klar sein sollte, möchte ich es nochmals betonen: Keine war dabei, die das anregend, erotisch oder sexy fand. Falls diese Reaktion beabsichtigt sein sollte: das Gegenteil ist der Fall, die Betroffenen berichten, sie seien angewidert, geschockt und verletzt durch ein solches Verhalten.

Warum versenden Männer Dickpics?

Die Gründe sind vielfältig. Manche Männer senden sie als Provokation – hier beobachten Expertinnen und Experten vor allem unsichere, unreife und sehr junge Männer, die in Dating-Apps keine Partnerinnen suchen, sondern Zeitvertreib. Die Mehrheit scheint jedoch vor allem die eigenen Wünsche auf die der Kontakte zu projizieren. Das zeigen einige Studien, etwa aus den USA. Hintergrund: Viele Männer finden die Idee, sexuell eindeutige Bilder zu erhalten, für sich selbst erregend – sie gehen davon aus, dass ihre Kontakte das ebenso erleben. Gleichzeitig sollten alle Männer mittlerweile die Gelegenheit gehabt haben, sich über Dickpics zu informieren und zu verstehen, dass das unaufgeforderte Versenden strafbar ist. Dickpics sind sexualisierte Gewalt, wenn sie nicht einvernehmlich zum Beispiel Teil von Sexting sind.

Betroffene sollten unbedingt handeln: Cyberflashing wird geahndet!

Was können Betroffene tun?

Betroffene können Anzeige stellen. Beispielsweise gibt es über die Internetseite https://dickstinction.com die Möglichkeit, diese ohne großen Aufwand anzuzeigen. Denn das ungefragte Versenden von Dickpics ist nach §184 StGB eine Straftat und "fällt unter sexualisierte Gewalt im digitalen Raum".

Welche Strafe erwartet die Versender?

Die Staatsanwaltschaft entscheidet über das Strafmaß. Es können Geldstrafen oder Freiheitsstrafen von einem bis zu mehreren Jahren verhängt werden.

Wer keine Anzeige stellen möchte, kann den Absender blockieren und die anbietenden Unternehmen des Mediums informieren. Solche Unternehmen wie ElitePartner, Parship oder LemonSwan betonen, dass sie solchen Meldungen nachgehen, um ihre Mitglieder zu schützen. Parship hat im Rahmen seiner "Healthy Dating"-Kampagne den Fokus auf einen freundlichen, wertschätzenden und respektvollen Umgang miteinander gelegt.

ANZEIGE: Alle können Liebe lernen! Für Paare und Singles: Hier findest du alle Online-Kurse und Tests der Modern Love School rund um Partnersuche, Beziehung und Liebeskummer.

Cyberflashing verletzt das Selbstwertgefühl

Wie gehen Betroffene mit solch negativen Erfahrungen um?

In der bereits erwähnten Studie im Auftrag von Parship wurden folgende Reaktionen am häufigsten genannt – wobei auffällt, dass Männer und Frauen nahezu gleich reagieren:

  • Durch schlechte Erfahrungen beim Dating sinkt die Motivation, aktiv nach einer Partnerin oder einem Partner zu suchen (Frauen 30 %, Männer 27 %).
  • Durch schlechte Erfahrungen fällt es schwerer, sich auf jemand Neues einzulassen (Frauen 29 %, Männer 23 %).
  • Negative Erfahrungen färben auf das eigene Verhalten ab und führen dazu, ebenfalls unpersönlicher zu schreiben oder Personen zu ignorieren (Frauen 13 %, Männer 17 %).

Dania Schiftan, die Psychologin bei Parship.ch ist, sagt dazu: "Zurückweisungen sind immer schmerzlich, respektloses Verhalten beim Dating kann Schaden verursachen. Zudem verstärkt sich der Effekt wie eine Abwärtsspirale: Wenn jemand respektlos behandelt wird, verleitet es diese Person vielleicht dazu, früher oder später auch so gegenüber jemand anderem aufzutreten."

Eine solche Erfahrung hat also Auswirkungen aufs Dating?

Immer wieder erlittene Verletzungen des Selbstwertes machen die Kennenlernphase, die eigentlich ja etwas Schönes und Aufregendes sein könnte, zu einer mühevollen Qual, zu der sich Betroffene dann regelrecht aufraffen – was in der Folge aber zu wenig erfreulichen Begegnungen führt. Denn diese sind nur Erfolg versprechend, wenn beide sich mutig auch ein Stück weit emotional öffnen und verbinden können. Schlechte Erfahrungen und Verletzungen sorgen für Schutzstrategien und dafür, dass durch misstrauisches Beäugen Dates seelenlos bleiben, bei denen der Funke nicht überspringen kann.

Ganz wichtig: Betroffene sind nicht schuld an Cyberflashing

Die Studie ergab, dass 25 Prozent aller Singles schon einmal geghostet wurden, also der Kontakt urplötzlich abgebrochen wurde. Auch das sogenannte Benching habe jeder Fünfte schon einmal erlebt: Benching bedeutet, man wurde von einem Kontakt im Internet endlos vertröstet, weil das Gegenüber hoffte, eine noch attraktivere Person zu finden. Knapp die Hälfte der weiblichen Millennials haben bereits Dickpics zugeschickt bekommen, also Bilder von männlichen Genitalien. Als Folge sagten 68 Prozent der befragten Singles, dass sie sich datingmüde fühlten und eine Pause herbeisehnten.

➔ Mehr Infos zu unserem Experten Eric Hegmann findest du hier, und hier geht's zur Modern Love School. Dort gibt es auch passende Online-Kurse zum hier besprochenen Thema.

Herausforderungen in Beziehungen:

Mehr zum Thema
Inhalte durchsuchen: