Bist du in deiner Beziehung so gut wie immer der Sündenbock? Gibt dein*e Partner*in grundsätzlich dir die Schuld, und zwar an allem? Was es mit Blame-shifting auf sich hat und was du tun kannst, erklärt unser Experte.
Dass das keine tolle Idee, sondern ein echtes Armutszeugnis ist, versteht sich wohl von selbst. Und doch kommt dieses sogenannte Blame-shifting, also einer anderen Person die Schuld zu geben, gar nicht so selten vor. BILD der FRAU hat mit Eric Hegmann über dieses Phänomen gesprochen: Der Paartherapeut in Hamburg mit eigener Praxis und Co-Gründer der Modern Love School, einer eLearning-Plattform mit Onlinekursen rund um die Liebe, kennt diese Form von Stressreaktion aus seinem beruflichen Alltag. Was es mit der Taktik auf sich hat und was Betroffene tun können, erklärt er im Interview.
Bin ich in der Beziehung wirklich immer schuld an allem? Ein Experte über das Phänomen Blame-shifting
BILD der FRAU: Lieber Herr Hegmann, was ist Blame-shifting?
Eric Hegmann: Darunter verstehe ich eine Strategie einer Partnerin oder eines Partners, die Schuld umzukehren, wenn er oder sie angegriffen wird oder sich attackiert fühlt. Personen, die Blame-shifting betreiben, verfügen aber meist über noch einige mehr Strategien: Oft haben sie ein passiv-aggressives Verhalten, sind leicht beleidigt, nehmen Dinge sehr persönlich und reagieren auf Kritik mit heftiger Gegenwehr. Um zu verstehen, welche Dynamiken so entstehen können, möchte ich zunächst einen Blick auf Stressreaktionen werfen, die Menschen zeigen, wenn sie sich bedroht fühlen.
Wenn ein Konflikt eskaliert, dann vor allem, weil die Partner*innen Stressreaktionen zeigen aufgrund starker Emotionen. Eine kann beispielsweise Wut sein. Wut ist gealterter Ärger und signalisiert: 'Achtung, da ist etwas schon wieder unfair. Darauf sollte ich schauen!' Wer sich ärgert, greift deshalb meist aus einem deutlichen Gerechtigkeitssinn heraus an.
Beim Gegenüber wird damit vor allem eine Reaktion ausgelöst: Verteidigung und Gegenhalten der eigenen Position. Auch dies ist eine Stressreaktion – wenn lange genug Stressreaktionen der Partner*innen aufeinanderprallen, zeigen sich in der Hilflosigkeit oft noch weitere Strategien als nur Gegenangriff. Rückzug kann eine solche Stressreaktion sein. Oder Mauern, passiv-aggressives Auflaufenlassen. Oder Abwerten.
Klingt nach den vier "apokalyptischen Reitern" einer Beziehung...
Genau, diese vier Strategien gelten auch als die vier apokalyptischen Reiter der Paarkommunikation:
- Angriff
- Verteidigung
- Mauern
- Abwerten
Letztlich sind sie aber selten bewusst gewählte Reaktionen, sondern vor allem automatische Stressreaktionen in Notsituationen. Welche hiervon in Konflikten abgerufen werden, ist von vielen Faktoren abhängig. Zunächst einmal von den Erfahrungen und Prägungen der Kindheit, dem sozialen und kulturellen Umfeld, der persönlichen Beziehungs-Biografie, dem eigenen Selbstwert und dem Bindungsstil.
Dabei gilt: Je stärker der Auslöser und die emotionale Erregung, umso stärker und unkontrollierbarer die Stressreaktion. Der Teil des Gehirns, der analysieren oder vergleichen kann, ebenso wie der, der Empathie verspürt, ist in einer solchen Situation nicht aktiv – dafür sorgt das limbische System. Die evolutionäre Idee dahinter: erst überleben, dann denken. Leider macht das limbische System keinen Unterschied zwischen einem/r geliebten Partner*in oder einem wilden Tier, wenn es sich angegriffen fühlt. Und das kann je nach Prägung und Erfahrungen eben sehr leicht geschehen.
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Blame-shifting richtig stellen zu wollen, bringt nichts
Wie reagieren Partner*innen also am besen auf Blame-shifting?
Blame-shifting ist kaum auszuhalten, denn das eigene Gerechtigkeitsgefühl protestiert und löst meist eine eigene heftige Reaktion aus. So entsteht sofort eine Dynamik von aufeinanderfolgenden Angriffen und Stressreaktionen. Und Blame-Shifting ist zunächst "nur" eine von diesen. Aber eben eine, die starke Emotionen auslöst und damit besonders geeignet ist, die Situation eskalieren zu lassen.
Warum diese Erklärung? Weil es aus dieser Perspektive eben überhaupt nichts verbessern wird, wenn Sie als Angeklagte oder Angegriffene nun Ihrem verständlichen Impuls folgen, sich zu wehren und den Sachverhalt richtig stellen zu wollen. Sie schütten Benzin ins Feuer und sorgen so mit dafür, dass der Tanz der Partner*innen weitergeht. In der Emotionsfokussierten Paartherapie wird die Dynamik aus Stressreaktionen der Partner*innen als Tanz beschrieben. Der Gedanke dahinter: um die Dynamik zu ändern, braucht es nicht nur neue Tanzschritte, sondern auch eine neue Musik.
Was bedeutet das?
Wenn Ihr*e Partner*in Blame-shifting als Strategie gelernt hat, wird er oder sie diese nicht einfach ablegen können. Vor allem werden Sie ihn oder sie nicht verändern können. Sein/ihr System müsste lernen, dass eine andere Stressreaktion hilfreicher ist – und das lässt sich in vielen Fällen nur in einem therapeutischen Setting initiieren und benötigt viel Übung und Disziplin beim Erlernen eines neuen Umgangs mit Emotionen. Menschen mit starken narzisstischen Anteilen, die Blame-shifting häufig als Strategie kennen und einsetzen, werden sich nur mangels Einsicht selten in einen solchen Veränderungsprozess begeben wollen.
Ohne professionelle Unterstützung wird es kaum funktionieren
Für Sie als Partner*in bedeutet das im Alltag: Sie müssen permanent versuchen, den Stress zu reduzieren, damit es gar nicht erst zu Stressreaktionen kommt. Dafür werden Sie immer wieder nachgeben, Ihre eigenen Grenzen überschreiten lassen und Ihren Stresslevel selbst permanent hoch halten müssen. Denn jedes vermeintlich falsche Wort kann ja das Blame-shifting auslösen. Und höchstwahrscheinlich wird "nein" eines dieser Worte sein.
Kann das auf Dauer gutgehen?
Ob und wenn ja, wie lange Sie das aushalten möchten und können, ist letztlich Ihre Entscheidung. Wenn Sie betroffen sind: Aufgrund meiner Erfahrungen mit Paaren möchte ich Ihnen mitgeben, dass eine Veränderung ohne professionelle Unterstützung kaum möglich sein wird. Ein wichtiger Aspekt ist dabei auch Ihr eigener Gerechtigkeitssinn: Ebenso wie Ihr*e Partner*in sind ja Sie der Überzeugung, er oder sie sei das Problem – und das wiederum sorgt dafür, dass Sie jeweils die Hauptverantwortung für Ihr Unglück in der anderen Person sehen.
Das ist eine denkbar ungünstige Basis für eine Beziehung. Die Chance besteht, dass Sie deshalb niemals aufhören werden, sich aneinander abzuarbeiten über Ihre Unterschiedlichkeit, einander dabei immer wieder mehr verletzen, was für mehr Stress und noch heftigere Stressreaktionen führen wird. Ob es das ist, was Sie sich als Beziehungsglück vorstellen, dürfen Sie gerne für sich entscheiden.
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Den eigenen Fehler einzugestehen: Das fällt häufig nicht so leicht. Viel leichter scheint es dagegen, Fehlentscheidungen oder schlechte Handlungen auf eine andere Person zu übertragen – am besten auf die, die einem/r am nächsten steht: der/die Partner*in. Und schwupps: Schon steht man selbst in einem besseren Licht da und muss sich keiner Kritik aussetzen.