Bundesforschungsministerin Dorothee Bär kämpft dafür, dass Frauengesundheit endlich ernst genommen wird. Im Interview spricht sie über Tabus, Versorgungslücken – und warum es höchste Zeit ist, Schmerzen von Frauen nicht länger abzutun.
Dorothee Bär, geboren 1978 in Bamberg, gehört seit vielen Jahren zu den prägenden Gesichtern der CSU und sitzt bereits seit 2002 im Bundestag. Nach ihrem Studium der Politikwissenschaft führte sie ihr Weg über verschiedene Stationen – von der Parlamentarischen Staatssekretärin bis zur Digitalstaatsministerin – heute ist sie Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt. Privat ist die 48-Jährige dreifache Mutter, lebt mit ihrer Familie im Wahlkreis Bad Kissingen und punktet nicht nur politisch: In ihrer Freizeit spielt sie Videospiele und hört lieber die "Toten Hosen" als Schlager.
Bundesministerin Dorothee Bär: Deshalb hat Frauengesundheit jetzt Priorität
BILD der FRAU: Frau Ministerin, warum machen Sie Frauengesundheit zum Thema des "Wissenschaftsjahres 2026"?
Dorothee Bär: Das Thema liegt mir schon seit Jahren sehr am Herzen. Und jetzt habe ich endlich den nötigen Hebel, Dinge umzusetzen: Meine erste Amtshandlung als Ministerin war, die Mittel für Endometriose-Forschung für 2025 mehr als zu verdoppeln. Insgesamt wird mein Haus in dieser Legislatur rund 90 Millionen Euro in die Frauengesundheitsforschung investieren.
Kommt Ihr Engagement für Frauengesundheit überall gut an?
Mir wird oft vorgeworfen, ich würde mich um Nischenthemen kümmern – und dann auch noch um solche, über die man schlecht "bei Sekt und Häppchen sprechen" könne. Damit ist alles gemeint, von Endometriose über Wechseljahre bis zur Prostitution. Das ist schon vom Ansatz her falsch. Denn natürlich kann und sollte man über Zwangsprostitution und Unterleibsschmerzen bei jeder Gelegenheit sprechen können. Ich denke mir dann: Jetzt erst recht.
Woher kommt Ihre Offenheit im Umgang mit diesen Themen?
Aus meinem Elternhaus. Ich bin in einem Vier-Generationen-Haushalt mit ganz starken Frauen aufgewachsen. Meine Tante war bei den ersten Gleichstellungsbeauftragten in Bayern dabei. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Vorfall mit einer Mitschülerin, die bei uns zum Mittagessen war, da war ich etwa zwölf oder dreizehn. Plötzlich wurde bei Tisch ganz offen über Sturzgeburten gesprochen. Die Schulkameradin ist nie wieder zu uns zum Essen gekommen …
Sprechen Sie mit Ihren Kindern genauso offen?
Absolut. Unsere beiden Töchter sind auch ihrem kleinen Bruder gegenüber maximal offen. Der weiß alles.
Dorothee Bär: Zwischen Vorurteilen und Versorgungslücken
Wo stoßen Sie politisch noch auf Widerstände in Sachen Frauengesundheit?
Viele glauben, geschlechtersensible Medizin sei ein typisches Großstadtthema. Aber wenn 10 bis 15 Prozent der Frauen an Endometriose erkranken, dann betrifft das nicht nur Frauen in Berlin und Hamburg – sondern genauso Frauen bei mir zu Hause in der Rhön.
Auch bei Ärzten gibt es große Wissenslücken …
Es ist Wahnsinn, dass geschlechtersensible Medizin in der Ausbildung kaum vorkommt. Auch wichtige Gesundheitsthemen, die Millionen von Frauen in unserem Land betreffen, wie die Wechseljahre, werden bislang wenig durch entsprechende Fortbildungsangebote an Ärztinnen und Ärzte adressiert.
Wo ist die schlechtere Behandlung von Frauen im Alltag ganz konkret spürbar?
Zum Beispiel bei einem Herzinfarkt: Frauen kommen damit bis zu eine Stunde später ins Krankenhaus als Männer – unter anderem weil die Symptome bei Frauen anders und weniger bekannt sind. Oder beim Thema Schmerz: Wenn ein Mann und eine Frau mit denselben Symptomen zum Arzt gehen, bekommt der Mann Schmerzmittel – und der Frau wird oft gesagt, sie sei vermutlich gestresst. Es ist ein Skandal, dass Frauen im Jahr 2026 immer noch hören, sie müssten Schmerzen aushalten.
Das World Economic Forum hat berechnet, dass sich das Gender-Health-Gap bis 2040 schließen ließe.
Und dieselbe Studie zeigt auch: Die Weltwirtschaft könnte um eine Billion Dollar wachsen, wenn diese Versorgungslücke geschlossen wird. Das macht klar, dass die gesamte Gesellschaft – auch wirtschaftlich – profitiert, wenn wir uns um Frauengesundheit kümmern.
Dorothee Bär: Das ist ihr Ziel für die nächsten Jahre
Sie sind noch gut drei Jahre im Amt. Was wollen Sie in dieser Zeit erreichen?
Ich will erreichen, dass Frauengesundheit einen neuen Stellenwert erhält und als das gesehen wird, was sie ist: ein Motor von Forschung und Entwicklung und zentral für die Gesundheit von Millionen. Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch, Menstruationsschmerzen oder Wechseljahresbeschwerden sollen nicht mehr das Gefühl haben, allein zu sein. Ich will, dass diese Themen kein Tabu mehr sind.
Dorothee Bär privat: 9 schnelle Fragen
- Frau Bär, was haben Sie immer in der Handtasche?
Chili – streue ich mir auf jedes Essen. - Und was im Kühlschrank?
In Berlin außer Eiscreme wahrscheinlich gar nichts. - Das letzte Konzert, auf dem Sie waren?
Taylor Swift mit meinen Mädels. - Lieblingsserie im Streaming?
Schon älter, aber ich mag "Borgen", z. B. auf Netflix - Letzter Film, bei dem Sie geweint haben?
Ich bin sehr nah am Wasser gebaut, ich weine bei fast jedem Film. - Sind Sie für die Quote?
Als Krücke, ja. - Was sagen die Kinder zu Ihren Social-Media-Auftritten?
Die finden sie natürlich peinlich. Wenn ich denke, das kommt total gut an, sagen sie: "Vielleicht bei Leuten in deinem Alter." - Haben Sie im Bundestag eine Freundin?
Bundestagspräsidentin Julia Klöckner. - Darf Ihr Dackel "Seppi" mit ins Bett?
Nein, aber sonst darf er fast alles!
*Das Interview wurde von Kerstin Bode und Antje Kunstmann geführt