Auch wenn wir es gar nicht wollen

Warum wir immer wieder den gleichen Partnertyp wählen

Eine ältere Frau mit blonden Haaren und Brille sitzt nachdenklich auf einem Sofa und betrachtet ein Foto in einem hellen Wohnzimmer.
© Canva / AI [M]
Warum verlieben wir uns immer wieder in denselben Typ Mann? Wie können wir alte Muster durchbrechen? Was ein Experte dazu sagt.

Viele Frauen stellen im Laufe ihres Lebens fest, dass sich ihre Partner von Beziehung zu Beziehung erstaunlich ähneln. Zufall ist das allerdings selten. Wie sich unsere Kindheit auf unsere Partnerwahl auswirkt – und wie wir ungesunde Beziehungsmuster überwinden können.

Manche Beziehungen fühlen sich im Rückblick erstaunlich ähnlich an: gleiche Konflikte, ähnliche Charaktere, ein vertrautes Auf und Ab der Gefühle. Ziehen wir tatsächlich immer wieder denselben Typ Mann an? Aus psychologischer Sicht steckt hinter solchen Wiederholungen tatsächlich meist mehr als reine Willkür – nämlich tief verankerte emotionale Muster.

Deshalb verliebst du dich immer in den selben Typ Mann!

"Wir wählen unsere Partner selten zufällig – oft suchen wir unbewusst alte emotionale Dynamiken", sagt Ramón Schlemmbach, klinischer Psychologe (M.Sc.), systemischer Paartherapeut und Heilpraktiker für Psychotherapie. Im Interview mit BILD der FRAU erläutert er, wie Kindheitserfahrungen unsere Beziehungsentscheidungen steuern und wie wir destruktive Muster erkennen und durchbrechen können.

Das immer gleiche Beziehungsmuster: Wie unsere Kindheit unsere Partnerwahl prägt

BILD der FRAU: Lieber Herr Schlemmbach, viele Frauen sagen rückblickend: "Ich hatte immer denselben Typ Mann." Was verrät diese Wiederholung aus psychologischer Sicht über unsere inneren Prägungen?

Ein Mann in schwarzem Hemd sitzt an einem Schreibtisch, umgeben von einem Laptop, einer weißen Orchidee und Bücherregalen vor einer dunkelblauen Wand. | © Ramón Schlemmbach
Foto: Ramón Schlemmbach
Ramón Schlemmbach, klinischer Psychologe (M.Sc.), systemischer Paartherapeut und Heilpraktiker für Psychotherapie

Ramón Schlemmbach: Wenn sich immer wieder derselbe Typ Mann zeigt, spricht das häufig für innere Prägungen. Wir fühlen uns von bestimmten Eigenschaften angezogen, weil sie etwas in uns bedienen – etwa Sicherheit, Stabilität oder Orientierung. Gleichzeitig "kaufen" wir mit diesen Eigenschaften oft auch deren Schattenseiten mit ein. Wer sich beispielsweise von sehr entscheidungsstarken Männern angezogen fühlt, erlebt unter Umständen auch, dass Entscheidungen ohne sie getroffen werden. Solche wiederkehrenden Beziehungsmuster können außerdem entstehen, weil wir mit unserem eigenen Verhalten ähnliche Reaktionen beim Gegenüber provozieren. Beides sind Hinweise auf Prägungen.

Sicher kommt immer wieder die Frage auf: "Kann ich meine Beziehungsmuster in meinem Alter überhaupt noch verändern?" Was sagt die Psychologie dazu?

Ja, Beziehungsmuster können in jedem Alter verändert werden. Entscheidend ist nicht, wie lange eine Prägung besteht, sondern ob man bereit ist, sie zu reflektieren und zu bearbeiten. Wir haben Menschen zwischen Anfang 20 und über 70 begleitet. Veränderung ist möglich, wenn man die Ursachen versteht und aktiv daran arbeitet.

Ungesunde Beziehungsmuster sind vielfältig

Was sind typische destruktive Beziehungsmuster, die Ihnen in Ihrer Arbeit mit Frauen besonders häufig begegnen?

Häufige destruktive Muster sind übermäßige Eifersucht aus Angst vor Verlassenwerden oder dem Gefühl, nicht gut genug zu sein. Ebenso begegnet mir starke Kritiksensibilität, bei der schon kleine Rückmeldungen als Angriff erlebt werden. Manche Frauen passen sich übermäßig an und geben sich selbst auf, andere entwickeln hohe Anspruchshaltungen an den Partner. Auch wiederkehrendes Lügen – aus Unsicherheit oder Angst vor Ablehnung – kommt vor.

Ein weiteres typisches Muster ist ein "Loch im Liebestank": das Gefühl, nie genug geliebt zu werden, selbst wenn objektiv Zuneigung da ist. Umgekehrt gibt es auch Frauen, die sich eigentlich Nähe wünschen, sie aber nicht zulassen können und auf Distanz gehen, sobald es emotional verbindlich wird.

Woran können Frauen erkennen, dass sie sich aus einem alten emotionalen Muster heraus auf Beziehungen einlassen?

Ein wichtiger Unterschied ist: Handle ich aus einem Mangel oder aus einem freien Wunsch heraus? Wenn ich mich an jemanden binde, weil ich Angst habe, sonst niemanden zu finden, weil ich glaube, ohne diese Person nicht zurechtzukommen oder gerettet werden zu müssen, deutet das oft auf ein altes Muster hin. Wenn ich dagegen grundsätzlich mit mir selbst zufrieden bin, alleine klarkomme und mich bewusst für jemanden entscheide, obwohl ich auch ohne könnte, ist das ein gesundes Zeichen.

Oft geht es um die Angst, die eigene Identität zu verlieren

Wenn eine Frau merkt, dass sie immer wieder am gleichen Punkt scheitert – was ist ein erster konkreter Schritt, um diesen Kreislauf zu durchbrechen?

Ein erster Schritt ist die Analyse der vergangenen Beziehungen. Warum habe ich mich jeweils am Anfang entschieden? Woran ist es am Ende gescheitert? Welche Vorwürfe wurden mir gemacht? Wenn man mehrere Beziehungen betrachtet, lassen sich meist klare Muster erkennen. Diese Muster geben Hinweise auf eigene Anteile und darauf, wo Veränderung ansetzen kann.

Warum fällt es vielen Menschen schwer, aus toxischen Beziehungsdynamiken oder Mustern auszubrechen, selbst wenn sie feststellen, dass sie unglücklich machen?

Häufig liegen dahinter tief verankerte Glaubenssätze oder Identitäten. Glaubenssätze wie "ich finde nie wieder jemanden" oder "ich kann ohne ihn nicht leben" halten Menschen fest. Manchmal ist auch die eigene Identität betroffen, etwa wenn jemand sich stark über die Rolle als Ehefrau definiert. Eine Trennung würde dann bedeuten, einen Teil der eigenen Identität zu verlieren. Solange diese inneren Überzeugungen nicht aufgelöst sind, fällt der Ausstieg schwer.

Auf eigene Anteile an Verhaltensmustern hat man auch Einfluss

Ist es möglich, trotz einer schwierigen Beziehungsvergangenheit eine gesunde und glückliche Beziehung zu führen?

Ja, das ist möglich. Wenn man die eigenen Anteile erkennt, die prägenden Ursprungssituationen versteht, die dazugehörigen Glaubenssätze hinterfragt und das eigene Verhalten verändert, kann sich auch das Beziehungserleben grundlegend verändern. Aus jemandem mit wiederkehrenden Beziehungsproblemen kann eine Person werden, die eine stabile, glückliche Partnerschaft führt.

Sind es überhaupt immer nur negative Muster, die uns prägen? Was ist mit positiven?

Gute Frage! Die gute Nachricht ist: Nein, wir werden sowohl negativ als auch positiv geprägt. Negative Erfahrungen können uns einschränken, positive stärken uns. Wenn wir etwa trotz Angst mutig handeln und erleben, dass wir es schaffen, entsteht Selbstwirksamkeit. Solche positiven Prägungen geben uns Vertrauen in uns selbst und unsere Fähigkeiten.

Was ist Ihr ultimativer Tipp an Frauen, die unter ihren emotionalen Dynamiken leiden?

Schauen Sie auf Ihre eigenen Anteile – nicht im Sinne von Schuld, sondern als Chance. Wenn es meine Anteile sind, habe ich auch Einfluss darauf. Wer versteht, woher bestimmte Muster kommen, Glaubenssätze verändert und neues Verhalten einübt, übernimmt das Zepter für das eigene Leben. Dadurch werden gesunde und glückliche Beziehungen möglich.

Mehr über Ramón Schlemmbach und seine Arbeit erfährst du auf seiner Website.

Welche Herausforderungen haben Paare noch zu meistern?

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