Wenn der Partner stirbt: Über den Umgang mit Schmerz, Verlust und das Leben danach
Was bedeutet es, den Partner nach 18 Ehejahren zu verlieren? Wie hält man es aus, wenn er stirbt? Was bleibt? Maria Darkin hat ihren Mann bis zu seinem Tod begleitet. In ihrem Buch "Verbunden" hat sie jetzt ihre Erfahrungen aufgeschrieben.
Eine unheilvolle Krebsdiagnose stellt alles infrage. Plötzlich rücken Themen ins Zentrum, die wir verdrängen, weil sie in unserem Leben keinen Platz einnehmen sollen: unausgesprochene Worte. Auseinandersetzung mit dem Tod. Abschied. Für immer.
Daria Markin ist Therapeutin für Trauma-Arbeit und innere Transformation. Für sie wurde aus ihrer beruflichen Passion, anderen Menschen zu helfen, eine zutiefst persönliche Erfahrung. Sie musste ihren eigenen Mann auf seinem letzten Weg begleiten – wissend, dass es kein Zurück mehr geben würde.
In ihrem Buch "Verbunden" erzählt Daria Markin, wie es ist, wenn Zeit plötzlich radikal endlich wird. Wie sie mit dem Schmerz umgegangen ist. Und wie sie mit dem Verlust weiterlebt.
Vom gemeinsamen Leben bis zum Verlust: Was bleibt, wenn der Partner stirbt
BILD der FRAU: Liebe Frau Markin, Ihr Buch ist sehr persönlich. Was hat Sie dazu bewogen, es zu schreiben?
Daria Markin: Seit meiner Kindheit führe ich Tagebücher und weiß, wie sehr mir das Schreiben hilft, Dinge zu verarbeiten und innere Klarheit zu gewinnen. Es hat viele bewegt, als Holger krank wurde, wie er mit seiner Krankheit umging, wie er es schaffte, wieder gesund zu werden und später – wie einverstanden er mit dem Gehen war.
Ich konnte gar nicht anders, als diese Prozesse schreibend zu begleiten. So ist dieses Buch entstanden.
Hat das Schreiben Ihnen geholfen, mit Schmerz und Verlust (besser) umgehen zu können?
Ja, sehr. Indem ich aufschrieb, wie unsere Geschichte war und welche Höhen und Tiefen wir gemeinsam erlebt haben, schrieb ich mein eigenes Narrativ und integrierte den Schock des Begleitens und des Verlustes in mein Leben, sodass ich die unvermeidlichen Veränderungen besser bewältigen kann.
Was war für Sie die größte Herausforderung beim Schreiben?
Die Aufrichtigkeit, die unangenehmen Dinge beim Namen zu nennen. Gleichzeitig merkte ich, dass dieses Benennen sowohl mir selbst beim Schreiben als auch den Leserinnen und Lesern eine große Erleichterung bringt. Man macht die Erfahrung: Man darf über Hilflosigkeit, Angst, Ohnmacht, Verzweiflung und über den Tod sprechen. Es ist in Ordnung.
Es war schwierig, mit den Ängsten umzugehen
Sie haben Ihren Mann verloren. Ihre Liebe, heißt es in ihrem Buch, sei durch die Krebsdiagnose auf die Probe gestellt worden, gerade darin aber hätten Sie die tiefste Wahrheit gefunden. Was genau meinen Sie damit?
Durch die Mitteilung der Diagnose einer tödlichen Krankheit werden bei jedem Menschen große existenzielle Fragen aufgeworfen – wenn man sich ihnen stellen möchte: Was habe ich für ein Leben gelebt? Welche Spuren habe ich hinterlassen? Was und wer sind mir wirklich wichtig?
Diese Fragen lassen einen die Wahrheit nicht länger aufschieben, was wir alle so gerne tun. Im Alltag vermeiden wir oft bestimmte Themen: Vergebung, Klärung, das Eingestehen eigener Fehler und die Lösung lange eingerosteter Konflikte. Doch der bevorstehende Tod bringt eine andere Gewichtung der Prioritäten ins Spiel.
Es war schwierig, mit den Ängsten umzugehen. Er – der starke Mann, weise und stützend – wollte niemals für mich eine Last sein, peinlich in seiner Hilflosigkeit oder lästig in seiner Ohnmacht. Ich hatte Angst, dass er am Ende feststellen könnte, dass ich gar nicht die Frau bin, mit der er sein wollte. Alte Ängste eben.
Wenn man den anderen nicht belasten möchte – was in der Begleitung eines krebskranken Menschen auf beiden Seiten geschieht –, spricht man nur noch wenig miteinander. Wenn man aber nicht miteinander spricht, beginnt man zu interpretieren, was der andere wohl meint, braucht oder nicht sagt, geprägt von noch größeren Ängsten und Unterstellungen. Das ist für jede Beziehung eine harte Probe.
Am Boden angelangt, fand ich eine klare Schlichtheit des Lebens und die Liebe – als eine Entscheidung, einem anderen Menschen und dem Leben gegenüberzustehen.
Wer trauert, hat oft das Gefühl, die Wunden werden nie heilen. Wann und wie haben Sie gemerkt, dass das doch der Fall ist?
Trauer an sich ist ein Gefühl, und Gefühle haben keine Zeit – sie wollen nur gefühlt werden. Ich hatte zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass die Wunde nie heilen wird. Haben Sie selbst Trauer erlebt? Von innen fühlt es sich sehr schmerzhaft an. Der Schmerz ist so groß, dass er sich ab einem bestimmten Moment wie eine absolute Klarheit anfühlt. Da sagte ich zu mir: Es gibt wohl kein Vorbei, wir müssen durch.
Auch jetzt noch, wenn mich eine Welle der Trostlosigkeit verschlingt und mir klar wird, dass es wirklich, wirklich nicht mehr möglich ist, dass er zurückkommt, dass ich noch etwas mit ihm erleben oder ihn berühren kann… wenn mich dieser Schmerz wieder ergreift, weiß ich: Ich muss nichts wegmachen, ich muss ihn auch nicht kontrollieren, sondern nur fühlen. Dann geht die Welle wieder.
Meine Erfahrung ist: Der Schmerz kommt und geht – und kommt wieder. Und jedes Mal ist er etwas milder. Manchmal nicht. Doch in der großen Perspektive schon.
Sich vorbereiten auf den Tod eines geliebten Menschen: kaum möglich
Die Auseinandersetzung mit dem Tod findet in unserem Kulturkreis ja kaum statt. Was müsste sich da Ihrer Meinung nach ändern?
Ich würde gerne nicht in den weiten gesellschaftlichen Kontext gehen, sondern auf der interpersonalen Ebene bleiben: Welche Veränderungen im Umgang mit dem Thema Tod wären wünschenswert für Menschen?
Dass Menschen in konkreten, für sie schwierigen Situationen nicht verstummen, sondern einen Schritt nach vorne machen und ehrlich, liebevoll und klar äußern, was sie fühlen. Ich glaube, das würde viele Beziehungen heilen – auch die Beziehung zu sich selbst.
Dass wir unsere Kinder zu Beerdigungen mitnehmen, wenn sie es möchten. Dass wir es aushalten, halten und begleiten, wenn wir mit unseren Kindern über den Tod sprechen, auch über den Tod von Haustieren. Dass wir selbst lernen, über den Tod zu sprechen – denn er wird nur dann zu etwas Besonderem, wenn wir ihn tabuisieren; sonst ist er ein natürlicher Teil des Lebens.
Kann man sich auf einen Verlust, wie Sie ihn erlebt haben, überhaupt vorbereiten?
Ich glaube kaum. Wir können uns auf das Leben nicht vorbereiten.
Ich bin früher einmal mit dem Fallschirm gesprungen. Wir sind mit einem Hubschrauber hochgeflogen, dann ging die Tür auf, und ich stand dort: unter mir 4.000 Meter Luft und dann die Erde. Bis zu diesem Augenblick kann man nicht wissen, welche Entscheidung man in diesem Moment treffen wird. Man kann sich vorbereiten, indem man sorgfältig den Fallschirm faltet, sich innerlich einstellt. Aber ob und wie man springt, entscheidet sich erst dort oben, an der Tür.
Wir wissen nicht, wann und wie wir sterben. Das Leben ist für mich auch keine Vorbereitung auf den Tod. Ich wage eine Beobachtung zu teilen, die für mich stimmig ist: In den Momenten des Todes spiegelt sich wider, wie man gelebt hat. Nicht der Fakt des Todes an sich, sondern die Art, wie man dann damit umgeht. Also ist die beste Vorbereitung: so zu leben, dass man im Reinen mit sich selbst ist.
Es lohnt sich, freundlich zu sich zu sein
Was raten Sie all jenen, die mit dem Verlust eines geliebten Menschen kämpfen? Gibt es konkrete Schritte oder Ideen aus Ihrem Buch dazu?
Ich kann empfehlen, mein Buch zu lesen – dort steht einiges, und ich empfinde es als sehr lebensbejahend. Mir selbst hat damals auch das Buch von Irvin Yalom sehr geholfen: "Unzertrennlich".
Trauer verläuft in Phasen, aber nicht linear. Es gab viel emotionales Durcheinander – den Tod nicht akzeptieren zu wollen oder ihn nicht begreifen zu können. Dann die Kluft des Schmerzes zu fühlen: die Trostlosigkeit, das Vermissen, den geliebten Menschen überall zu sehen und zu suchen, seine Stimme zu hören und doch nicht. Ohnmacht, Wut – er hat mich verlassen, verraten. Hilflosigkeit.
Was kann ich raten? Egal, welche Gefühle kommen – es lohnt sich, nichts wegmachen zu wollen, alles zuzulassen und fließen zu lassen. Als würde man sich auf den Rücken ins Wasser legen und die Augen schließen. Das Wasser trägt.
Alles darf sein: Weinen, Schreien, still aus dem Fenster starren und nichts tun wollen. Nichts essen wollen. Niemanden sehen wollen. Es lohnt sich, freundlich zu sich zu sein und sich selbst nach den eigenen Bedürfnissen zu fragen. Wir sind das nicht gewohnt, und es kann sein, dass zunächst keine Antworten kommen. Aber allein das Fragen tut schon gut.
Wir entscheiden selbst, was bleibt: die Sehnsucht, an der Vergangenheit festgeheftet, oder das Licht im eigenen Herzen, das bleibt, auch wenn der geliebte Mensch geht.
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