"Hör auf, dich zu optimieren": Wie du dein Dating-Burnout bewältigst
Dating hat für Singles heute oft die Leichtigkeit verloren und fühlt sich nur noch anstrengend an. Face-Reading-Expertin Jo Kern erklärt im Interview, warum uns Swipen müde macht, echte Begegnung fehlt – und wie wir wieder bei uns selbst ankommen.
Immer wieder neue Matches, endlose Chats –eigentlich klar, dass das Gefühl von Nähe dabei oft auf der Strecke bleibt. Viele Singles sind erschöpft vom modernen Dating, das mehr bewertet als verbindet.
Jo Kern, eine der führenden Face-Reading-Expertinnen im deutschsprachigen Raum, kennt dieses Phänomen gut. Mit ihrer Erfahrung als Schauspielerin und Business-Coachin zeigt sie, wie sehr Präsenz, Authentizität und nonverbale Signale darüber entscheiden, ob echte Verbindung entstehen kann. Im Interview erklärt sie, warum Dating heute so oft müde macht – und was wirklich hilft, um wieder offen und klar in Begegnungen zu gehen.
Dating-Burnout – im emotionalen Dauerstress: Interview mit Jo Kern
BILD der FRAU: Liebe Jo Kern, warum erleben viele Singles Dating heutzutage als emotionalen Kraftakt und nicht als schöne Begegnung?
Jo Kern: Weil viele Menschen beim Dating nicht sich selbst zeigen, sondern eine Version von sich, die sie für "liebenswert" halten. Genau das erzeugt Druck und verhindert echte Resonanz. Statt Verbindung erleben wir Bewertung. Und das zehrt.
Wenn wir in jedes Date unbewusst mit der Hoffnung auf Bestätigung gehen, statt uns wirklich zu begegnen, erschöpfen wir uns. Nicht am anderen, sondern an unserer eigenen Maskerade. Was eigentlich leicht sein dürfte, wird so zu emotionalem Dauerstress.
Was läuft Ihrer Meinung nach schief in der Art, wie wir heute Beziehungen anbahnen?
Wir haben verlernt, wirklich hinzusehen. Stattdessen versuchen wir, Verbindung über Kontrolle herzustellen. Es zählt, wie ein Profil performt, nicht das, was wirklich dahintersteckt.
Dieses Überangebot an Möglichkeiten verführt zu Oberflächlichkeit statt zu echter Begegnung. Was fehlt, ist Präsenz. Profile ersetzen Wahrnehmung. Checklisten ersetzen Gefühl. Beziehung entsteht nicht durch Optimierung, sondern durch Resonanz. Und die lässt sich nicht swipen.
Noch vor dem ersten Satz hat unser Unterbewusstsein längst entschieden
Welche Rolle spielt echte Präsenz und nonverbale Kommunikation beim Kennenlernen – gerade in einer Zeit voller Chats und Profile?
Eine entscheidende.
Unser Gesicht lügt nicht. Rund 50 Muskeln sprechen mit, wenn wir einem Menschen begegnen. Und noch bevor der erste Satz fällt, hat unser Unterbewusstsein längst entschieden. Leider nicht immer aus Neutralität heraus.
Wer Gesichter lesen kann, erkennt schnell: Ist jemand offen oder verschlossen? Abenteuerlustig oder auf Sicherheit bedacht? Und vor allem: Stimmt das, was ich auf einem Profil sehe, mit dem Menschen dahinter überein?
Chats liefern Informationen. Aber keine Verbindung. Und nur dort, wo Authentizität vorhanden ist, kann echte Nähe entstehen.
Viele Menschen wünschen sich Verbindung, scheuen aber gleichzeitig davor zurück. Wie gelingt es, offen zu bleiben, ohne sich selbst zu verlieren?
Indem wir lernen, uns selbst besser zu verstehen. Wer sich selbst erkennt, mit seinen wahren Bedürfnissen, Prägungen und Mustern, begegnet anderen nicht mehr aus unbewusster Erwartung heraus, sondern mit Klarheit. Und Klarheit schützt.
Ich kann offen sein, ohne mich zu verlieren. Je klarer ich bei mir bin und je besser ich weiß, wen ich vor mir habe, desto sicherer kann ich mich öffnen.
"Ich bin müde vom Dating" – was ist für Betroffene ein gesunder erster Schritt?
Eine Pause, die keine Flucht ist. Nicht aus Frust, sondern aus Selbstfürsorge.
Ein Schritt zurück, um wieder bei sich anzukommen. Nicht mit der Frage: Was stimmt nicht mit mir? Sondern: Was brauche ich gerade wirklich?
Zurück zum echten Kontakt und damit zu sich selbst. Vielleicht auch ein Gespräch mit jemandem, der im Gesicht lesen kann. Denn dort stehen oft Antworten, die wir viel zu lange überhört haben.
Die erste Erholung entsteht, wenn ich aufhöre, mich zu verbiegen, und beginne, mich zu zeigen. Auch mir selbst. Frust oder Müdigkeit sind keine Zeichen von Schwäche, sondern Hinweise auf ein System, das sich Veränderung wünscht.
Dating als Beweisprozess: Bin ich gut genug?
Was sind die typischen Gründe für diese emotionale Erschöpfung?
Zu viele Kontakte ohne Tiefe. Zu viele Enttäuschungen ohne Verarbeitung. Und der ständige Versuch, sich selbst "richtig" zu präsentieren.
Viele Menschen hören auf, sich zu spüren, um gemocht zu werden. Das kostet unglaublich viel Energie und führt zwangsläufig zu innerer Leere.
Dating ist nicht mehr spielerisch, sondern oft ein Beweisprozess: Bin ich gut genug? Dieses ständige Scannen, Vergleichen und Optimieren muss ermüden.
Wir sind Sender, Empfänger und Analyst zugleich und verlieren dabei das Wichtigste: unser ehrliches Miteinander. Erschöpfung entsteht nicht durch Begegnung, sondern durch Erwartungen und Bewertungen.
Ihr Appell an Dating-Burnout-Betroffene?
Hör auf, dich zu optimieren, und fang an, dich wahrzunehmen.
Einzigartigkeit ist kein Defizit, sondern dein größter Schatz.
Du musst nicht schneller, besser oder interessanter werden.
Du darfst langsamer werden. Ehrlicher. Klarer.
Verbindung beginnt nicht im Außen, sondern in dir.
Und wenn du wieder lernst, dich selbst und andere zu lesen, wirklich wahrzunehmen, wird auch Begegnung wieder leichter und wahrhaftiger.
Auf der Website von Jo Kern erfährst du mehr.
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