Unterschätzte Beziehungsfalle

Co-Abhängigkeit in der Liebe: Zwischen Fürsorge und Selbstaufgabe

Eine Frau in braunem Shirt und ein Mann in weißem Hemd sitzen auf einem grauen Sofa, verbunden durch einen roten Schal.
© Canva
Co-Abhängigkeit fühlt sich wie Fürsorge an – ist aber häufig ein Kreislauf, der ein Paare gefangen hält.

Warum bleiben Menschen in Beziehungen, die ihnen schaden? Co-Abhängigkeit ist ein oft übersehenes Beziehungsmuster – mit gravierenden Folgen für die Betroffenen selbst.

Co-Abhängigkeit in Beziehungen: Was ist das?

Warum halten Menschen an ungesunden Beziehungen fest – obwohl sie leiden, erschöpft sind, längst wissen, dass sich nichts ändern wird?

Die Antwort lautet oft: Co-Abhängigkeit.

5 Lektionen, die wir aus toxischen Beziehungen lernen können


Der Begriff beschreibt ein erlerntes Beziehungsmuster, bei dem sich alles um das Problem der Partnerin oder des Partners dreht – und die eigenen Bedürfnisse immer weiter in den Hintergrund rücken. Betroffene fühlen sich verantwortlich, sie helfen, retten, kontrollieren aus Liebe, Mitgefühl, Angst – und erkennen dabei nicht, dass sie selbst längst Teil des Problems geworden sind.

Ein Kreislauf, der zerstört

Ursprünglich entstand der Begriff in den 1940er-Jahren und bezog sich auf Angehörige von alkoholkranken Menschen. Heute wissen Fachleute: Co-abhängige Muster zeigen sich nicht nur bei Alkohol- oder Drogensucht. Sie treten auch bei Spielsucht, Essstörungen, Arbeitssucht oder in Beziehungen mit emotional instabilen Partnerinnen und Partnern auf.

Das typische und verhängnisvolle dabei: Das eigene Leben kreist immer stärker um die andere Person. Typische Denkmuster:

  • "Wenn ich nur genug tue, wird alles gut"
  • "Wenn ich helfe, rette ich unsere Beziehung"
  • "Wenn ich durchhalte, ändert sich alles"

Doch genau hier beginnt der zerstörerische Kreislauf.

BILD der FRAU hat mit Katharina Samoylova über Co-Abhängigkeit gesprochen. Sie arbeitet als Psychologin und Mentorin für Frauen nach toxischen Beziehungen. Diesem Muster begegnet sie immer wieder – oft in ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten.

"Viele Betroffene sehen sich selbst nicht als Teil des Problems": Eine Expertin über Co-Abhängigkeit bei Paaren

Eine dieser Geschichten ist die von Sarah, 28.
Als sie Michael kennenlernt, hat er gerade seine Frau verloren. Er ist verwitwet, hat einen kleinen Sohn. Die Trauer ist groß – und der Alkoholkonsum nimmt immer mehr zu. Sarah sieht einen Mann in Not. Sie glaubt, helfen zu können. Wenn die schlimmste Zeit vorbei ist, denkt sie, wird alles besser.

Sarah zieht bei ihm ein. Sie arbeitet, kauft ein, kümmert sich um das Kind. Sie hält alles zusammen.
Michael trinkt weiter, verliert seinen Job, nimmt heimlich Kredite auf – auf Sarahs Namen.
Als er sie im betrunkenen Zustand schlägt, bleibt sie trotzdem.

"Ich kann ihn doch nicht alleine lassen."

Auch Laura, 35, ist ein Beispiel für eine co-abhängige Partnerin. Sie ist sportlich, lebensfroh. Markus lernt sie im Wartezimmer kennen. Er ist stark übergewichtig. Laura verliebt sich – und macht es zu ihrer persönlichen Aufgabe, Markus beim Abnehmen zu helfen.

Sie recherchiert Diäten, kocht nach Plan, kontrolliert jede Mahlzeit. Sie treibt mit ihm Sport, überwacht jeden Fortschritt.
Als Markus schließlich sein Wunschgewicht erreicht, fühlt sich Laura plötzlich leer. Unzufrieden. Die Konflikte nehmen zu. Wenige Monate später folgt die Trennung.

Zwei Frauen, zwei völlig unterschiedliche Situationen.
Was sie verbindet: die Überzeugung, sie müssten Probleme ihres Partners lösen.

Frauen sind häufiger betroffen

BILD der FRAU: Frau Samoylova, warum zeigt sich Co-Abhängigkeit oft bei Frauen?

Psychologin und Mentorin Katharina Samoylova | © Katharina Samoylova
Foto: Katharina Samoylova
Katharina Samoylova, Psychologin und Mentorin für Frauen nach toxischen Beziehungen

Katharina Samoylova: Vermutlich, weil Frauen oft von klein auf lernen, für andere zu sorgen und sich für das Wohlergehen anderer verantwortlich zu fühlen. Doch das Muster ist nicht geschlechtsspezifisch: Auch Männer können co-abhängig sein.

Das Tückische: Betroffene sehen sich selbst nicht als Teil des Problems. Die Gedanken kreisen um die andere Person. Die zentrale Frage lautet: Warum fällt es so schwer, mit dem Helfen aufzuhören? Warum wird das Problem der Partnerin bzw. des Partners zur eigenen Lebensaufgabe? Und warum erscheint eine Trennung unmöglich, selbst wenn die Situation unerträglich wird?

Im Kern geht es um Kontrolle

Was steckt eigentlich dahinter? Worum geht es dabei?

Co-Abhängigkeit äußert sich durch ein übermäßiges Bedürfnis, das Verhalten und die Probleme einer anderen Person zu kontrollieren. Dahinter stehen tiefe Ängste: die Angst vor Kontrollverlust, die Angst vor Ablehnung, die Angst, nicht gebraucht zu werden.

Sarah hatte die Kontrolle über Michaels Leben übernommen. Und Laura kontrollierte jeden Bissen, den Markus aß – beide in der Hoffnung, die Gesamtsituation unter Kontrolle zu bekommen.

Wie entwickelt sich Co-Abhängigkeit?

Co-abhängiges Verhalten entwickelt sich meist schleichend in drei Phasen:

  • Die Beschützerphase: Am Anfang steht die Hoffnung. "Wenn ich genug Liebe und Unterstützung gebe, wird alles gut." Die Betroffenen zeigen Verständnis, nehmen der Partnerin oder dem Partner Aufgaben ab, rechtfertigen das Verhalten vor anderen. Die suchtkranke Person soll vor den Folgen der Sucht beschützt werden.
  • Die Kontrollphase: Wenn die Liebe allein nicht reicht, übernehmen Betroffene die Kontrolle. Co-Abhängige übernehmen immer mehr Verantwortung für das Leben der anderen Person – und verlieren dabei das eigene aus den Augen.
  • Die Anklagephase: Nach Monaten oder Jahren kippt die Stimmung. Wut, Verzweiflung, manchmal auch Verachtung machen sich breit. "Ich tue alles – und es ändert sich nichts!" Vorwürfe prägen den Alltag. Die Beziehung beenden? Das erscheint unmöglich, da die Betroffenen bereits sehr viel in diese Beziehung investiert haben und es nicht einfach "aufgeben" können.

Ohne Verantwortung keine Veränderung

Dann können Partnerin oder Partner oft gar nicht helfen?

Ein schmerzhaftes Paradox der Co-Abhängigkeit: Gut gemeinte Hilfe hält die Abhängigkeit meist aufrecht. In der Fachliteratur spricht man vom "Ermöglichen" oder "Aufrechterhalten" der Sucht.

Sarah arbeitete für Michael. Die Rechnungen, die er nicht bezahlen konnte, wurden von ihr beglichen. Sie log vor Freunden und Familie, um das Trinken zu verheimlichen. Michael musste keine weiteren Konsequenzen tragen. Finanzielle Schwierigkeiten gab es nicht, weil Sarah alles auffing.

Laura kaufte die "richtigen" Lebensmittel, kochte die "gesunden" Mahlzeiten, kontrollierte die Fortschritte. Die Verantwortung für Markus' Gewicht wurde übernommen. Markus selbst musste keine eigene Motivation entwickeln – Laura lieferte sie.

Diese Verhaltensweisen geschehen nicht aus böser Absicht. Sie entspringen dem Wunsch zu helfen, aus Liebe, aus Fürsorge. Doch sie haben Folgen: Wenn jemand ständig vor den Konsequenzen des eigenen Verhaltens geschützt wird, fehlt der Anstoß zur Veränderung. Es geht um etwas Grundlegendes: Jeder Mensch trägt Verantwortung für das eigene Leben. Wer einer anderen Person diese Verantwortung abnimmt, nimmt ihr auch die Chance, selbst etwas zu ändern.

Woher kommt dieses Muster?

Co-abhängiges Verhalten hat meist Wurzeln in der eigenen Lebensgeschichte.

Sarah wuchs mit einem alkoholkranken Vater auf. Die Mutter war überfordert. Schon als Kind musste Sarah "funktionieren", für andere sorgen, Probleme lösen. Die Lektion lautete: "Ich bin wertvoll, wenn ich gebraucht werde." Liebe bedeutete: sich aufopfern, Verantwortung übernehmen, die eigenen Bedürfnisse zurückstellen.

Laura hatte ein geringes Selbstwertgefühl. In der Rolle der Helferin kam das Gefühl auf, stark und wichtig zu sein. Solange Markus die Hilfe brauchte, gab es eine Aufgabe, einen Zweck. Der eigene Wert als Mensch hing davon ab, gebraucht zu werden.

Typische psychologische Mechanismen bei Co-Abhängigkeit:

  • Geringes Selbstwertgefühl – der eigene Wert wird über "Gebrauchtwerden" definiert
  • Kontrollbedürfnis – der Versuch, Sicherheit durch Kontrolle zu erlangen
  • Angst vor Ablehnung und Verlassenwerden
  • Ausgeprägtes Verantwortungsgefühl für andere
  • Ein verborgener Aspekt: Solange die Aufmerksamkeit der Partnerin oder dem Partner gilt, müssen die eigenen ungelösten Themen nicht angeschaut werden

Erkennst du dich wieder? Warnsignale für Co-Abhängigkeit

  1. Du übernimmst ständig Verantwortung für deine Partnerin oder deinen Partner – Termine, Finanzen, Verpflichtungen
  2. Du verheimlichst das Verhalten deines Partners oder deiner Partnerin vor dem Umfeld – am Arbeitsplatz, vor Freundinnen und Freunden, vor der Familie
  3. Du bezahlst Schulden, räumst Probleme auf, rettest aus schwierigen Situationen
  4. Dein Leben dreht sich nur noch um die andere Person und deren Problem oder Sucht
  5. Du vernachlässigst Freunde, Hobbys, eigene Interessen
  6. Du kannst nicht "nein" sagen ohne massive Schuldgefühle
  7. Du fühlst dich verantwortlich für die Stimmung, die Gefühle, das Wohlbefinden der Partnerin oder des Partners
  8. Du hoffst ständig: "Diesmal wird es besser" – doch es wird nicht besser
  9. Deine eigene Gesundheit leidet: Erschöpfung, Schlafstörungen, Ängste
  10. Du hast mehr Angst vor einer Trennung als vor dem Weitermachen in dieser belastenden Beziehung

Folgen für die eigene Gesundheit

Was macht das mit co-abhängigen Personen?

Das Leben mit einer suchtkranken oder anderweitig belasteten Person kostet enorme Kraft. Menschen mit Suchtproblemen zeigen oft Stimmungsschwankungen und unberechenbares Verhalten. Angehörige versuchen damit umzugehen, indem noch mehr kontrolliert, noch mehr geholfen, noch mehr Verantwortung übernommen wird.

Die Folgen können gravierend sein:

  • Chronische Erschöpfung bis hin zu Burnout-Symptomen
  • Angststörungen und depressive Verstimmungen
  • Körperliche Beschwerden: Kopfschmerzen, Magen-Darm-Probleme, Schlafstörungen
  • Soziale Isolation – aus Scham wird das Problem verheimlicht, Freundschaften brechen weg
  • Eigene Suchtgefährdung: Manche Betroffene greifen selbst zu Alkohol oder Tabletten
  • Verlust der eigenen Identität: "Wer bin ich eigentlich noch ohne die andere Person?"

Was passiert, wenn sich die Kontrolle, wie in Lauras Beispiel, irgendwann erledigt hat?

Lauras Geschichte zeigt einen besonders schmerzhaften Aspekt: Die Kontrollmöglichkeit fällt plötzlich weg. Was ist, wenn der Partner "gerettet" wurde?

Als Markus das Wunschgewicht erreicht hatte, verlor Laura allmählich das Interesse. Die Konflikte nahmen zu. Das Gefühl der Unzufriedenheit stellte sich ein, ohne dass klar wurde, warum. Schließlich kam die Trennung.

Was war geschehen? Laura konnte nichts mehr kontrollieren. Ihre Hilfe wurde nicht mehr gebraucht. Die "Rettermission" war erfüllt – und damit auch der unbewusste Grund, in dieser Beziehung zu sein.

Diese Erkenntnis ist schmerzhaft: In co-abhängigen Beziehungen geht es nie ausschließlich um die Partnerin oder den Partner. Es geht auch um unbewusste eigene Bedürfnisse – das Bedürfnis, gebraucht zu werden, Kontrolle zu haben, eine Aufgabe zu erfüllen.

Manche Betroffene sabotieren unbewusst sogar die Genesung der Partnerin oder des Partners, weil die vertraute Rolle nicht verloren gehen soll. Andere suchen sich nach einer Trennung erneut eine "bedürftige" Person. Das Muster wiederholt sich.

Weg aus der Co-Abhängigkeit

Wie finden Betroffene aus ihrer Co-Abhängigkeit heraus?

Der erste und schwerste Schritt: Die Erkenntnis, dass nicht nur die Partnerin oder der Partner ein Problem hat.

Niemand kann eine andere Person heilen oder sie retten. Jeder Mensch trägt Verantwortung für das eigene Leben. Was möglich ist: sich selbst zu helfen.

Grenzen setzen lernen. Das bedeutet: Nicht mehr für die Partnerin oder den Partner lügen. Keine Schulden mehr bezahlen. Nicht mehr die Konsequenzen des Verhaltens auffangen. Zulassen, dass die andere Person die Folgen des eigenen Verhaltens erlebt – auch wenn das schwerfällt.

Ein heikler Punkt: Es geht nicht darum, der anderen Person absichtlich Leid zuzufügen, sondern darum, die Verantwortung wieder dort zu verorten, wo sie hingehört. Betroffene sind dafür zuständig, sich um sich selbst zu kümmern, ggf. professionelle Hilfe zu suchen und diese anzunehmen. Das Gleiche gilt auch für die co-abhängige Person.

Hilfe für dich selbst in Anspruch nehmen –auch wenn die Partnerin oder der Partner das für sich nicht möchte.

Selbsthilfegruppen für Angehörige von Suchtkranken bieten einen geschützten Raum zum Austausch. Sie ersetzen keine Therapie, können aber eine wertvolle Ergänzung sein.

Psychotherapie kann helfen, die eigenen Muster zu verstehen und aufzulösen. Besonders wirksam sind systemische oder tiefenpsychologische Ansätze. Eine Gesprächstherapie allein reicht meist nicht aus: Co-abhängige Muster sitzen tief. Sie sind nicht nur im Kopf gespeichert, sondern im Körper verankert. Wer jahrelang in ständiger Alarmbereitschaft gelebt hat, chronischen Stress erlebt hat, bei dem haben sich diese Muster im Nervensystem eingeprägt.

Deshalb können körperorientierte Ansätze eine wichtige Ergänzung zur Gesprächstherapie sein. Methoden wie EMDR, EFT, Somatic Experiencing oder körperorientierte Traumatherapie helfen, diese tief verankerten Muster auf körperlicher Ebene zu lösen. Sie arbeiten dort, wo Worte allein oft nicht ausreichen.

Verantwortung – aber ohne Schuld

Wie spricht man über Verantwortung, ohne Schuld zuzuweisen?

Ein heikler Punkt: Sucht ist eine Krankheit. Niemand sucht sie sich aus. Aber Co-Abhängigkeit? Auch das ist keine bewusste Entscheidung. Es ist ein erlerntes Muster, oft entstanden in einer Kindheit, in der früh die Botschaft vermittelt wurde: "Du bist wertvoll, wenn du dich aufopferst."

Wer als Kind gelernt hat, für andere zu sorgen, um geliebt zu werden, wer die eigenen Bedürfnisse zurückstellen musste, um Anerkennung zu bekommen, trägt keine Schuld daran, dass diese Muster im Erwachsenenleben weiterwirken. Wir sind nicht verantwortlich für die Welt, die uns geprägt hat, für die Verletzungen, die uns geformt haben.

Aber: Wir können Verantwortung übernehmen für das, was wir heute daraus machen. Für die Art, wie wir heute mit diesem Schmerz umgehen. Für die Entscheidungen, die wir jetzt treffen.

→ Mehr über unsere Expertin und zum Thema Co-Abhängigkeit erfährst du auf der Website von Katharina Samoylova.

Auch für diese Artikel stand Katharina Samoylova uns schon als Interview-Partnerin zur Seite:

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