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Demisexualität: So erleben Menschen mit dieser sexuellen Orientierung die Liebe

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Sex um seiner selbst willen ist für demisexuelle Menschen keine Option: Gefühle gehören unbedingt dazu! Lies hier, was es damit auf sich hat.
© iStock.com/Pachai-Leknettip
Das Bild zeigt eine Frau mit freundlichem Lächeln, die direkt in die Kamera blickt. Sie hat mittellanges blondes Haar, blaue Augen und trägt ein graues T-Shirt mit einer offenen grauen Jacke. Der Hintergrund ist schlicht und unauffällig, was den Fokus auf die Frau lenkt. Ihr Ausdruck wirkt offen und zugänglich. | © BILD der FRAU
28.05.2026 • 17:17 Uhr
Mirjam Beile

Demisexuelle Menschen sind irgendwo zwischen asexuell und "normal sexuell" angesiedelt. Woran sich das festmacht, wie sich damit leben lässt und was das für den Umgang mit Partnerin oder Partner bedeutet.

Wenn ein Mensch als demisexuell bezeichnet wird, heißt das, ganz wörtlich genommen, dass er halbsexuell ist. Aber was bedeutet das eigentlich? Was es mit Demisexualität auf sich hat, erklären wir dir hier.

Schlechter Sex? Daran kann es liegen

Demisexualität: keine sexuelle Anziehung ohne emotionale Bindung

Demisexuelle Menschen verspüren erst dann eine sexuelle Anziehung, wenn sie zu der betreffenden Person schon eine tiefe emotionale Bindung aufgebaut haben. Geschlecht und Alter spielen dabei keine Rolle. Lust ohne Gefühle, ein klassischer One-Night-Stand? Kommt für demisexuelle Menschen nicht infrage!

Demisexuell oder einfach wählerisch?

Viele Menschen möchten nicht sofort mit jemandem schlafen. Sie wollen Vertrauen aufbauen, die andere Person besser kennenlernen oder suchen grundsätzlich eher nach festen Beziehungen. Das allein macht jedoch niemanden demisexuell.

Der Unterschied liegt darin, wie sexuelle Anziehung entsteht. Demisexuelle Menschen entscheiden sich nicht bewusst gegen schnellen Sex – häufig empfinden sie ohne emotionale Nähe schlicht keine körperliche Anziehung. Selbst sehr attraktive Menschen lösen dann oft kein sexuelles Interesse aus.

Deshalb berichten viele Betroffene, dass sie Dating anders erleben als ihr Umfeld. Während Freund*innen schon nach kurzer Zeit von „Funken“ oder sexueller Spannung sprechen, bleibt dieses Gefühl bei Demisexuellen oft aus – zumindest solange noch keine tiefere Verbindung entstanden ist.

Und: Demisexualität sucht man sich nicht einfach aus, ist auch nicht der Erziehung geschuldet, sondern angeboren. Die sexuelle Anziehung ist bei Betroffenen weniger stark ausgeprägt und wird deshalb häufig unter dem Sammelbegriff Grau-Asexualität angesiedelt – also die Grauzone zwischen dem, was wir als normal sexuell auf der einen und asexuell auf der anderen Seite bezeichnen.

Paar, das jeweils eine Hälfte eines zerrissenen Blattes Papier hält. Auf den beiden Hälften steht zusammen das Wort "SEX". | © Getty Images / Motortion
© Getty Images / Motortion

Das ist nicht dasselbe

Demisexualität wird häufig missverstanden oder mit anderen Eigenschaften verwechselt. Einige Dinge treffen auf manche Betroffene zusätzlich zu – gehören aber nicht automatisch zur Demisexualität dazu.

Schüchternheit: Demisexuelle Menschen können introvertiert sein, müssen es aber nicht. Viele sind offen, kommunikativ und flirten gerne – ohne dabei automatisch sexuelles Interesse zu empfinden.

Prüderie: Wer demisexuell ist, lehnt Sex nicht grundsätzlich ab. Entscheidend ist lediglich, dass körperliche Anziehung meist erst durch emotionale Nähe entsteht.

Geringe Libido: Libido und sexuelle Orientierung sind nicht dasselbe. Demisexuelle Menschen können ein starkes sexuelles Verlangen haben – allerdings typischerweise nur innerhalb einer engen Bindung.

Romantische Veranlagung: Nicht alle demisexuellen Menschen sind besonders romantisch oder auf klassische Beziehungen ausgerichtet. Sexualität und Romantik gelten heute als zwei unterschiedliche Ebenen der Identität.

"Schwer zu haben sein": Demisexualität ist keine Dating-Strategie und auch kein bewusstes Verhalten, um interessanter zu wirken. Betroffene erleben sexuelle Anziehung schlicht anders als viele andere Menschen.

Romantisch, diese Art der Sexualität? Nur bedingt

Oft wird demisexuellen Personen nachgesagt, sie hätten einen ausgeprägten Hang zur Romantik: Immerhin springen sie nicht sofort mit jemandem ins Bett, sondern lassen sich Zeit mit dem ersten sexuellen Kontakt. Sogar mit dem Vorwurf, prüde zu sein, müssen sich Demisexuelle immer wieder herumschlagen.

Romantisch ist Demisexualität allerdings nicht wirklich, auch wenn Außenstehende es so interpretieren. Denn zum einen ist es für Betroffene eine zusätzliche Hürde im Prozess, potentielle Partner*innen kennenzulernen – immerhin ist alles, was von der Norm abweicht, für viele erst einmal befremdlich. Zum anderen gehört sie zur sexuellen Identität und ist von der Intention her einfach gar nicht auf Romantik ausgelegt.

Das bedeutet Demisexualität für Beziehungen

Können demisexuelle Menschen überhaupt eine Beziehung führen? Selbstverständlich! Es dauert vielleicht ein bisschen länger, bis es dazu kommt: Immerhin kommen ja deutlich weniger Menschen infrage, in die sie sich verlieben können. Die berühmte Liebe auf den ersten Blick hat ohnehin keine Chance.

Häufig ist eine Trennung für Demisexuelle genau deswegen allerdings schwerer zu verkraften als für andere – einfach weil sie sich viel seltener verlieben. Auf "refinery29" erzählt eine demisexuelle Frau: " Nach einer Beziehung brauchte ich drei Jahre, um sexuell mit meinem Ex abzuschließen und mich auf etwas Neues einlassen zu können. Schließlich wartete der nächste Kerl, auf den ich so richtig stand, nicht gerade an der nächsten Ecke."

Häufige Fragen zur Demisexualität

Können demisexuelle Menschen One-Night-Stands haben? Theoretisch ja – praktisch berichten viele Betroffene jedoch, dass ihnen dabei die emotionale Grundlage fehlt, um überhaupt sexuelles Interesse zu entwickeln.

Ist Demisexualität eine sexuelle Orientierung? Viele Fachstellen ordnen Demisexualität dem asexuellen Spektrum zu. Sie beschreibt, unter welchen Bedingungen sexuelle Anziehung entsteht.

Können demisexuelle Menschen eine glückliche Beziehung führen? Ja. In festen Beziehungen unterscheiden sich Demisexuelle oft kaum von anderen Menschen. Viele erleben dort sogar eine sehr intensive körperliche Nähe.

Verlieben sich demisexuelle Menschen seltener? Oft ja. Weil emotionale Bindung eine wichtige Voraussetzung ist, entstehen Gefühle meist nicht spontan oder besonders häufig.

Sind demisexuelle Menschen automatisch treuer? Nicht zwangsläufig. Allerdings entstehen sexuelle oder romantische Impulse außerhalb einer bestehenden Bindung bei vielen Betroffenen deutlich seltener.

Kann man erst später merken, dass man demisexuell ist? Ja. Viele erkennen das erst im Erwachsenenalter – etwa dann, wenn sie feststellen, dass sie Dating, Flirts oder sexuelle Anziehung anders erleben als ihr Umfeld.

In einer Beziehung unterscheiden sich demisexuelle Menschen nicht von ihren "normalen" Partner*innen – auch nicht, was das Verlangen nach  Sex angeht. Auf "zeit online" beschreibt es eine demisexuelle Person so: "Innerhalb einer Beziehung könnte ich jeden Tag mit meiner Partnerin schlafen, bin ich hingegen Single, lebe ich auch mal zwei oder drei Jahre lang asexuell, ohne etwas zu vermissen. Was allerdings nicht heißt, dass ich mich nicht nach romantischen Verbindungen sehne. Oder manchmal auch einfach nur nach jemandem zum Anlehnen und Kuscheln."

Sind demisexuelle Menschen treuer? Jein – soll heißen: aufgezwungenermaßen meist schon. Denn dass sie aus einer Beziehung heraus einen One-Night-Stand haben oder sich Hals über Kopf verlieben, diese Möglichkeit geht gegen Null. Gute Voraussetzungen, um eine treue lange Bindung einzugehen. Dafür verlieben sich Demisexuelle häufiger in Freund*innen und Kolleg*innen, weil diese Bekanntschaften schon eine persönliche Basis entwickelt haben, aus der für sie dann sexuelles Verlangen entstehen kann.

"Ich dachte lange, ich wäre einfach wie alle anderen" – Bericht einer Betroffenen

Jane war fast zehn Jahre verheiratet, als sie zum ersten Mal auf den Begriff "demisexuell" stieß. Die Erkenntnis kam nicht plötzlich oder dramatisch. "Es war eher ein ruhiges: Ach so. Jetzt ergibt alles Sinn", erzählt sie rückblickend im Magazin dayre.me.

Lange hatte sie angenommen, Asexualität bedeute automatisch, weder Liebe noch Sex zu wollen. Dass es dazwischen viele Abstufungen gibt, wusste sie nicht. Heute beschreibt sich Jane als biromantisch und demisexuell. Sie kann romantische Gefühle für Männer und Frauen entwickeln – sexuelle Anziehung empfindet sie allerdings nur dann, wenn zuvor eine tiefe emotionale Verbindung entstanden ist.

Schon als Teenager bemerkte sie, dass sie Beziehungen anders wahrnahm als viele Gleichaltrige. Während Freundinnen von Schwärmereien oder spontoner körperlicher Anziehung erzählten, blieb dieses Gefühl bei ihr aus. "Ich konnte Menschen attraktiv finden, aber ich hatte nie dieses Bedürfnis, mit jemandem zu schlafen", sagt sie.

Trotzdem hielt sie sich nie für asexuell. Sie verspürte sexuelles Verlangen, reagierte auf erotische Szenen in Büchern oder Filmen und hatte eine normale Libido. Erst später verstand sie, dass Libido und sexuelle Anziehung zwei unterschiedliche Dinge sind.

"Ich kann Lust empfinden, ohne dass sie auf eine bestimmte Person gerichtet ist", erklärt sie. Das sei schwer zu vermitteln, weil viele Menschen automatisch davon ausgehen, sexuelles Verlangen müsse immer mit einer konkreten Person verbunden sein.

Ihren heutigen Mann lernte Jane über die Kirche kennen. Anfangs schrieben sie vor allem lange Nachrichten, sprachen über persönliche Themen und bauten eine intensive emotionale Verbindung auf. "Er war offen, sensibel und hat mich immer ernst genommen", erinnert sie sich. Schon früh wusste sie, dass sie ihn heiraten wollte – körperliche Anziehung spielte dabei zunächst allerdings keine Rolle.

Erst mit wachsender Nähe entwickelte sich für sie überhaupt sexuelles Interesse. Und selbst heute beschreibt Jane diese Momente als eher selten. "Es gibt einen Unterschied zwischen dem Wunsch nach Sex und dem Wunsch nach einer bestimmten Person", sagt sie. Für sie sei Sex zwar intim und wichtig, aber nie losgelöst von emotionaler Verbundenheit denkbar.

Dass sie demisexuell ist, bemerkte sie erst durch eine irritierende Erfahrung im Freundeskreis. Angehörige vermuteten hinter einer engen Freundschaft zu einem Mann romantische Absichten. Jane selbst verstand die Unterstellungen zunächst gar nicht. "Die Vorstellung, mich plötzlich zu jemand anderem hingezogen zu fühlen, kam mir überhaupt nicht in den Sinn."

Sie begann zu recherchieren und stieß schließlich auf den Begriff Demisexualität. Zum ersten Mal hatte sie das Gefühl, dass ihre Erfahrungen einen Namen haben.

Offen spricht Jane bis heute nur mit wenigen Menschen darüber. Viele hätten ein falsches Bild von Asexualität und könnten sich nicht vorstellen, dass demisexuelle Menschen Beziehungen führen oder gerne Sex haben. Aussagen wie "du hast einfach noch nicht die richtige Person getroffen" oder "das ist doch keine echte Sexualität" höre sie immer wieder.

Besonders schwierig sei die Unsichtbarkeit. "Man merkt oft erst spät, dass man anders empfindet, weil es eben um das Fehlen von etwas geht", erklärt sie. Viele Betroffene zweifeln deshalb lange an sich selbst.

Trotzdem wünscht sich Jane mehr Sichtbarkeit für Menschen auf dem asexuellen Spektrum – und vor allem mehr Verständnis dafür, dass Nähe nicht für alle gleich funktioniert. "Auch wir lieben intensiv", sagt sie. "Nur vielleicht auf eine andere Weise."

  • Ist eine Beziehung ohne Sex überhaupt möglich? Und wie ist es, wenn man ohne Liebe zusammen ist: Hat eine Vernunftbeziehung eine Chance? 

Asexual Visibility and Education Network (AVEN), Psych Central, The Trevor Project, Medical News Today, Healthline, LGBTQIA+ Resource Center der UC Davis, dayre.me

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