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Nach Reitunfall im Rollstuhl: So kämpfte sich Para-Reiterin Gianna zurück in den Sattel

Gianna Regenbrecht im Rollstuhl neben schwarzem Pferd
© FUNKE Foto Services | Socrates Tassos

Mit nur 20 Jahren verändert ein schwerer Reitunfall das Leben von Gianna Regenbrecht für immer. Die Diagnose: inkomplette Querschnittslähmung. Doch ihre Liebe zu Pferden ist stärker als jeder Rückschlag. Heute gehört die 32-Jährige zu Deutschlands erfolgreichsten Para-Reiterinnen.

Dieser Artikel von Daniel Berg erschien zuerst auf WAZ.de.

Ein Tag, der ihr Leben für immer verändert

Flori setzt konzentriert einen Schritt vor den anderen. Die große schwarze Stute bewegt sich elegant über den hellen Sand des Reitplatzes. Auf ihrem Rücken sitzt Gianna Regenbrecht sicher im Sattel und lobt ihr Pferd nach einer gelungenen Übung. Es wirkt wie eine ganz gewöhnliche Trainingseinheit einer erfolgreichen Dressurreiterin. Doch wenige Meter entfernt steht etwas, das ebenfalls zu ihrem Alltag gehört: ihr Rollstuhl.

Denn am 2. Februar 2014 ereignet sich ein Unfall, der ihr Leben in ein Davor und Danach teilt.

Damals wollte die junge Reiterin lediglich einer Bekannten helfen, die Unterstützung im Umgang mit ihrem Pferd brauchte. Gianna war 20 Jahre alt, als sie auf das ihr fremde Tier stieg. An vieles erinnert sie sich heute nicht mehr. Vieles weiß sie nur aus Erzählungen anderer.

Das Pferd erschrak, stieg plötzlich hoch und fiel nach hinten. Gianna geriet unter das mehrere Hundert Kilogramm schwere Tier. Die Folgen waren dramatisch: Ihr zweiter Lendenwirbel wurde zersplittert, ihr Rückenmark schwer verletzt.

An einen Moment erinnert sie sich jedoch bis heute ganz genau:

„Was ich sehr genau erinnere, ist, dass ich da im Sand gelegen habe und wusste, dass es schlimm ist.“ Wie schlimm? „Dem Sanitäter habe ich gesagt, dass ich meine Beine nicht mehr spüre.“

Gianna Regenbrecht bereitet Flori vor | © FUNKE Foto Services | Socrates Tassos
© FUNKE Foto Services | Socrates Tassos

Schwere Operationen und eine lange Rehabilitation

Mit dem Rettungshubschrauber wurde Gianna damals in eine Klinik nach Hamm gebracht. Dort folgte zunächst eine sechsstündige Notoperation. Eine Woche später musste sie sich einem weiteren zehnstündigen Eingriff unterziehen. Danach verbrachte sie zehn Tage auf der Intensivstation, insgesamt rund 100 Tage im Krankenhaus und anschließend sechs Wochen in der Reha.

Bis heute stabilisieren Metallstangen ihre Wirbelsäule. Ihr zweiter Lendenwirbel wurde durch Titan ersetzt. Das Gefühl in ihren Beinen kehrte nie vollständig zurück. Die Diagnose lautet: inkomplette Querschnittslähmung.

„Für mich war völlig klar, dass ich wieder würde laufen können“

Einen einzelnen Moment, in dem ihr die Diagnose bewusst wurde, habe es für sie nicht gegeben. Die Ärzte machten ihr Hoffnung, dass in den ersten zwei Jahren nach dem Unfall durchaus Gefühl in die Beine zurückkehren könne.

Das gab ihr eine klare Richtung.

„Ab dem Moment habe ich alle richtig wild gemacht und gesagt, dass jetzt richtig geackert wird“, erinnert sie sich. „Für mich war völlig klar, dass ich wieder würde laufen können.“

Ganz so wie früher kann sie heute nicht mehr laufen. Doch sie kann einige Schritte gehen, wenn sie sich festhalten oder abstützen kann. Viele Dinge des Alltags meistert sie eigenständig. Nach acht Wochen im Krankenhaus konnte sie erstmals wieder ihren großen Zeh bewegen. Danach folgten viele kleine Fortschritte. Muskel für Muskel arbeitete sie sich zurück.

Dieser Weg war allerdings alles andere als leicht

„An manchen Tagen hätte ich mir am liebsten die Decke über den Kopf gezogen. Tage, an denen ich mich schon gefragt habe, was ich da eigentlich mache. Ich habe trainiert und trainiert, aber es konnte mir nicht schnell genug gehen.“

Mit jedem Fortschritt wurde ihr gleichzeitig bewusst, dass ihr Leben nie wieder genauso aussehen würde wie vor dem Unfall.

„Ich konnte es am Anfang überhaupt nicht leiden, mich im Rollstuhl im Spiegel zu sehen“, sagt sie.

Gianna Regenbrecht neben Pferd Flori | © FUNKE Foto Services | Socrates Tassos
© FUNKE Foto Services | Socrates Tassos

Sie wollte sich von ihren Grenzen nicht aufhalten lassen

Trotz aller Herausforderungen beschloss Gianna, ihr Leben aktiv zu gestalten. Gemeinsam mit ihrem Freund reiste sie nach Kambodscha, besuchte mit Freunden ein dreitägiges Festival, unternahm Städtereisen und fuhr sogar in den Winterurlaub, um dort Mono-Ski zu fahren.

Dabei beschäftigte sie lange eine Sorge:

„Ich habe erst immer Angst gehabt, dass ich meinen Freunden zur Last falle. Aber wir haben alles gemeinsam ausprobiert und es mit Humor genommen, wenn es nicht funktioniert hat.“

Reiten musste sie komplett neu lernen

Der Weg zurück in den Sattel erforderte viel Geduld und Anpassungsfähigkeit. Beim Aufsteigen braucht Gianna Unterstützung. Spezielle Steigbügel sorgen dafür, dass ihre Füße nicht herausrutschen können. Zusätzliche Verschlüsse an den Oberschenkeln geben ihr Stabilität. In jeder Hand hält sie eine Gerte.

„Meine Ersatzbeine“, sagt sie.

Da die Kraft in ihren Beinen nicht ausreicht, um Signale an das Pferd weiterzugeben, arbeitet sie verstärkt mit ihrem Oberkörper.

„Ich reite ganz viel aus meiner Spannung im Oberkörper heraus.“

Deshalb gehört Krafttraining fest zu ihrem Alltag.

„Ich habe das Reiten neu lernen müssen.“

Gianna Regenbrecht auf Flori | © FUNKE Foto Services | Socrates Tassos
© FUNKE Foto Services | Socrates Tassos

Heute gehört sie zu Deutschlands besten Para-Reiterinnen

2016 kaufte Gianna ihr erstes eigenes Pferd. Gemeinsam mit ihrer Trainerin bildete sie das Tier zum Para-Turnierpferd aus. Inzwischen startet sie auf internationalem Niveau und gehört zu den erfolgreichsten Para-Reiterinnen Deutschlands.

Sie nahm für Deutschland an der Weltmeisterschaft 2022 teil und ist Kaderathletin. Aktuell bereitet sie sich auf die Deutschen Meisterschaften in Balve vor. Ihr großes Ziel liegt jedoch noch etwas weiter in der Zukunft: die Paralympischen Spiele 2028 in Los Angeles.

Ihr persönliches Motto: Grenzen verschieben

Heute lebt Gianna gemeinsam mit ihrem Freund Marius in Warendorf, wo ihre Pferde am Bundesstützpunkt trainiert werden. Neben dem Spitzensport studiert sie Humanmedizin in Münster und befindet sich im neunten Semester. Auch ihr Studium hilft ihr dabei, besser zu verstehen, was in ihrem Körper passiert und warum manche Dinge nicht mehr funktionieren wie früher.

Für ihren Alltag mit den Pferden steht ihr ein großes Team zur Seite. Trainerinnen, Helferinnen im Stall, Sponsoren und verschiedene Förderer unterstützen sie auf ihrem Weg.

Was sie antreibt, bringt sie mit einem Satz auf den Punkt:

„Man muss seine eigenen Grenzen ganz persönlich austesten, um sie dann verschieben zu können.“