Medical Gaslighting: Wenn deine Symptome echt sind – aber der Arzt sagt, es sei nur Stress oder die Psyche
"Es darf kein Medical Gaslighting mehr geben!" – Dafür kämpft Ira Schiwek (41) mit ganzer Kraft. Jahrelang litt sie unter Schwindel, Erschöpfung, Muskelschmerzen und Haarausfall – und wurde von Arzt zu Ärztin geschickt, ohne ernst genommen zu werden. Erst nach Jahren kam die Diagnose: zwei Autoimmunerkrankungen, Lupus und das Sjögren-Syndrom. Heute erhebt die Berlinerin ihre Stimme – für alle, die sich im Gesundheitssystem übersehen fühlen.
Stell dir vor, du hast das Gefühl, dass etwas nicht mit dir stimmt, aber du bekommst von deinem Arzt oder deiner Ärztin nur gesagt: "Sie haben einfach zu viel Stress!", "In Ihrem Alter hat man das nicht" oder "Das bilden Sie sich nur ein!". Anstatt deine Symptome ernst zu nehmen, werden deine Schmerzen nicht ernst genommen. Angeblich sind deine Beschwerden "psychisch" und "nicht so schlimm".
Viele Frauen erleben das täglich in einer Arztpraxis. Genau das nennt man Medical Gaslighting. Und es betrifft vor allem Frauen! Denn unsere Medizin ist noch immer auf Männerkörper ausgerichtet, mit fatalen Folgen für Frauen.
Medical Gaslighting: Wenn Ärzte die Symptome und Beschwerden von Frauen nicht ernst nehmen
Es darf kein Medical Gaslighting mehr geben! Dafür kämpft auch Ira Schiwek (41). Sie klagte über Schwindel, Müdigkeit, Muskelschmerzen, Haarausfall, Kraftlosigkeit und fühlte sich oft so, als ob sie eine Grippe kriegt und krank wird. Die Berlinerin rannte jahrelang zu Ärzten und Ärztinnen. Ihre beiden Autoimmunerkrankungen systemischer Lupus Erythematodes (SLE) und Sjögern Syndrom wurden erst nach 1 1/2 Jahren erkannt.
Monatelang gewartet, nur um weggeschickt zu werden – Iras Geschichte macht wütend
BILD der FRAU: Liebe Ira, wie haben sich die Momente angefühlt, in denen du bei einer Ärztin oder einem Arzt gesessen hast und nicht ernst genommen worden bist?
Ira Schiwek: Im Nachhinein kann ich sagen, wütend. Aber in der Praxis war es Hoffnungslosigkeit und Enttäuschung. Schließlich hatte man monatelang auf den Termin gewartet und war danach keinen Schritt weiter. Irgendwann hab ich dann an mir selbst gezweifelt, weil der 4 oder 5 Arzt gesagt hat, dass mit mir alles in Ordnung ist. Wir waren auch mitten in der Pandemiezeit. Man konnte niemanden mitnehmen und hat ewig auf einen Termin gewartet. Ich hatte oft solche Angst. Einmal hat mich dann eine Krankenschwester fest in den Arm genommen und getröstet.
Medical Gaslighting pur: Als Ira Hilfe suchte, wurde sie einfach herausgeschickt
Was war das Schlimmste, was dir ein Arzt gesagt hat, als du ihn mit deinen Beschwerden aufgesucht hast?
Ein Arzt hat zu mir gesagt, dass mir nicht schwindlig sein kann. Er hat mich förmlich aus dem Behandlungszimmer geworfen und beim Herausgehen meinte er: Gehen Sie doch mal zum Psychologen oder zum Neurologen.
Medical Gaslighting – und die Mutterliebe, die stärker war
Was hat dich trotz allem – dem Medical Gaslighting und den Enttäuschungen im Behandlungszimmer – dazu motiviert, weiter nach einer Diagnose zu suchen?
Meine Tochter. Wir haben im 5. Stock ohne Fahrstuhl gewohnt und ich war nicht mehr in der Lage, meine 2 1/2 Jahre alte Tochter aufgrund von Schwindel und Müdigkeit nach oben zu tragen. Schließlich läuft ein Kleinkind nicht 5 Stockwerke rauf.
Kranke Frauen, die sich über Instagram helfen – weil das Gesundheitssystem sie hängen lässt
Du bist auch auf Instagram aktiv und teilst dort dein Schicksal. Du hast bereits fast 5.000 Follower*innen. Und ganz viele Frauen schreiben dir, dass sie ebenfalls Medical Gaslighting erlebt haben oder erleben. Was war das Krasseste, was dir eine andere Betroffene je geschrieben hat?
Ich bin immer wieder verwundert, dass ich als Influencerin quasi das Versagen des Gesundheitssystems auffangen muss. Was wäre, wenn ich meine Geschichte nie online geteilt hätte? Wer wäre dann für diese Frauen da, denen ich Mut mache, damit sie auch endlich eine Diagnose und Antworten kriegen?
Ich hatte beispielsweise eine Followerin, die stand noch in der Praxis bei ihrem Rheumatologen mit dem Verdacht auf das "Sjögern Syndrom" und schickte mir einen Zettel, wo draufstand, welche Blutwerte getestet werden sollen. Aber der Wert, der dafür wichtig wäre, war gar nicht angekreuzt. Ich hab sie dann zurückgeschickt, um den Arzt zu bitten, das noch mitzutesten und der war total pikiert. Sie hatte nur Glück, dass ich die gleiche Autoimmunerkrankung habe, sonst wäre auch sie ohne Diagnose, aber mit Beschwerden aus der Praxis gekommen.
Ira: "Wird meine Wahrnehmung infrage gestellt, hole ich mir sofort eine zweite Meinung"
Es ist unfassbar, dass Frauen genau das tagtäglich erleben. Was würdest du sagen: Wie erkennt man einen guten Arzt oder eine gute Ärztin, bei dem dieses Medical Gaslighting nicht passiert wäre?
Die erste Frage, die ich mir stellen würde, wäre: Wurden meine Symptome ernst genommen? Sobald meine Wahrnehmung infrage gestellt wurde oder meine Beschwerden und Symptome auf die Psyche geschoben werden, würde ich mir immer eine zweite Meinung einholen. Zudem sollte der Arzt oder die Ärztin auf Augenhöhe mit den Patienten & Patientinnen sprechen und Therapieziele gemeinsam festlegen.
Liebe Ira, was würdest du betroffenen Frauen noch mit auf den Weg geben wollen?
Vertrau auf dein Bauchgefühl, gib nicht auf und scheue dich nicht, auch eine dritte oder vierte Meinung einzuholen. Sprich offen und deutlich über deine Symptome, wenn du mit deinem Arzt oder deiner Ärztin sprichst.
Ira ist kein Einzelfall. Rund 4 Millionen Menschen in Deutschland leben mit einer seltenen Krankheit – also ganz schön viele, wenn man mal drüber nachdenkt. Um darauf aufmerksam zu machen, gibt’s seit 2008 jedes Jahr am 28. Februar den „Rare Disease Day“.
Dieses Jahr ist auch FUNKE als offizielle Kooperationspartnerin bei der Kampagne colourUp4RARE (cu4R) mit am Start. Die Initiative setzt sich dafür ein, mehr Aufmerksamkeit zu schaffen und die Versorgung von Menschen mit seltenen Erkrankungen ganz konkret zu verbessern.
Ein Highlight ist die digitale #ZebraChallenge, die vom 21. Februar bis 7. März 2026 läuft. Ziel der ganzen Aktion: Mehr Leute für das Thema sensibilisieren – also die breite Öffentlichkeit, Ärztinnen und Ärzte sowie die Politik. Es geht darum, aufzuklären, Verständnis für die Situation der Betroffenen zu schaffen und Verbesserungen in Versorgung, Forschung und den politischen Rahmenbedingungen anzustoßen.
Das Herzstück der Kampagne ist die Zebra-Mitmach-Challenge. Das Zebra – das internationale Symbol für seltene Erkrankungen – wird in den Farben des Rare Disease Day bunt gestaltet. Und zwar digital und bei Live-Aktionen in Deutschland, Österreich und der Schweiz.