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Angst vor Terror und Anschlägen während der EM? Das raten Fachleute

Menschenmenge in Bewegung auf einer Straße oder einem Gehweg. Die Personen sind unscharf dargestellt. Durch die Bewegungsunschärfe wirken die Menschen als Silhouetten, die sich in verschiedene Richtungen bewegen.
© iStock/jokerpro
Steigt bei dir mit dem Start der EM die Angst vor Terror-Anschlägen? Was Fachleute Betroffenen raten.

Die EM startet – für viele ein Grund zur Freude, etliche beschleicht aber auch Angst vor Terror und Anschlägen. Ist diese Furcht eigentlich angemessen? Warum befällt sie Menschen? Und wie geht man am besten damit um? Was Fachleute raten.

Gerade erst hat eine Umfrage ergeben, dass sich fast die Hälfte der Deutschen (47 Prozent) Sorgen macht, es könne im Rahmen der UEFA EURO 2024 zu Terroranschlägen kommen. Das Meinungsforschungsinstitut Yougov hatte gemeinsam mit dem Sinus-Institut mehr als 2000 Menschen dazu befragt.

Von einer Randerscheinung kann also nicht die Rede sein. Und das ist auch kein Wunder: Berichte über Anschläge, Attentate, Terrorangriffe im In- und Ausland sind aus der Nachrichtenlage kaum mehr wegzudenken. 

Psychologie: Diese Denkfallen machen uns auf Dauer unglücklich

Wie können wir mit der Angst vor Terror und Anschlägen umgehen?

"Der Terrorismus ist nun mal allgegenwärtig und eine grauenvolle Gefahr geworden", so Dr. Sigrun Schmidt-Traub, Diplom-Psychologin und -Soziologin sowie Verhaltenstherapeutin in Berlin, BILD der FRAU gegenüber. Das liege auch an der medialen Verbreitung: "Alle Menschen reden über Terrorakte, die passieren könnten. Und manche von ihnen steigern sich da in Angst hinein und meinen, sie wären gefährdet, wenn sie in Massenansammlungen gehen oder in ein Fußballstadion oder zu Konzerten." In der heutigen Zeit würden sehr viel mehr Menschen befürchten, dass ihnen da etwas Schreckliches zustoßen könnte in Form eines Terror-Anschlags.

Dr. Sigrun Schmidt-Traub und Prof. Dr. med. Peter Zwanzger | © privat
Foto: privat
Dr. Sigrun Schmidt-Traub, Diplom-Psychologin und -Soziologin (l), Prof. Dr. med. Peter Zwanzger, Arzt für Allgemeinpsychiatrie und Psychosomatik

Prof. Dr. med. Peter Zwanzger ist Ärztlicher Direktor und Chefarzt Allgemeinpsychiatrie und Psychosomatik am kbo-Inn-Salzach-Klinikum in Wasserburg am Inn. Er sagt: "Terroranschläge verbreiten Angst und Schrecken, wie das Wort Terror sagt. Wir Menschen machen die Erfahrung, dass Terroranschläge meistens entsetzliche Folgen haben, insofern ist die Angst davor etwas Natürliches und Selbstverständliches."

Soziale Medien könnten dabei eine gute Funktion haben: rasche Information und Aufklärung, Erreichen einer großen Zahl von Menschen sowie dauernde Verfügbarkeit, fährt der Experte für Angststörungen fort. "Es ist hier wie bei allen anderen Nachrichten auch: Gute, zuverlässige und valide Informationen sind hilfreich; spekulative, vage und vielleicht auch reißerische Informationen irritieren und verunsichern die Menschen."

Vorsicht vor Fake News: Es ist wichtig, das 'Richtige' zu wissen

Eine Möglichkeit wäre, sich möglichst viel Wissen zu dem Thema anzueignen. Aber erreichen Betroffene damit womöglich genau das Gegenteil? Peter Zwanzger zieht dafür die Forschung heran. Aus der sei bekannt: "Zuverlässige und sichere Information ist immer hilfreich, wer genau Bescheid weiß, fühlt sich sicherer. Insofern ist es immer gut, viel zu wissen. Es ist nur dabei wichtig, sozusagen das 'Richtige' zu wissen.

Frau Schmidt-Traub führt einen weiteren Aspekt an: Es reduziere die Lebensqualität enorm, wenn die Leute zunehmend aus Angst zu Hause bleiben. Sie meint: "Wer aus Angst gefürchtete Situationen vermeidet, trägt dazu bei, dass die Angst aufrechterhalten bleibt."

Was Betroffene gegen die Angst tun können

Für Betroffene vermutlich leichter gesagt als getan: Was lässt sich denn konkret gegen die Angst tun? Professor Zwanzger rät, sich nicht auf die Nachrichtenflut einzulassen: "Betroffene sollten sich gut informieren, mehrere zuverlässige Medien befragen und dabei aber nicht dem Medienhunger verfallen. Einmal am Tag Nachrichten zu hören, reicht in der Regel aus."

Dr. Schmidt-Traubs Empfehlung: den Terror in Relation zu setzen. "Die Gefahr, aufgrund eines Terroraktes zu sterben, ist wesentlich niedriger als die Gefahr, von einem Auto überfahren zu werden oder an Alkohol oder Drogen zu sterben." Wenn man sich das vor Augen halte, falle die Einordnung der persönlichen Gefährdung vielleicht ein bisschen leichter. "Und wir kommen auf den Boden der Tatsachen zurück."

Sich zu verkriechen, ist genau der falsche Weg

Kann man die eigene Angst vor Terror überlisten? Sich zwingen, genau das zu tun, wovor man sich eigentlich fürchtet? Ja, sagt Angst-Experte Zwanzger: "Inadäquaten Ängsten sollte immer mit Konfrontation begegnet werden. Wer sich nicht mehr aus dem Haus traut, sollte gezielt rausgehen, wer Kontakt zu anderen Menschen fürchtet, sollte eben genau dies tun. Auch hier zeigt die Wissenschaft: Die Angst wird sich verlieren."

Auch Psychologin Schmidt-Traub schlägt den Versuch vor, sich der Angst immer wieder stellen. Auch wenn es zynisch klingt: "Allmählich gewöhnen wir uns an sie…"

Unangemessene Angst ist immer ein schlechter Berater

Noch einmal zurück zu den Großveranstaltungen rund um die EM: Wann sollte man sie lieber meiden? Professer Zwanzgers Antwort: "Hier gilt ganz klar das Prinzip der Wahrscheinlichkeit. Wird gewarnt, auf größere Veranstaltungen zu gehen, gibt es Unsicherheitsfaktoren oder gar eine konkrete Bedrohung, ist der Rat ganz klar: zu Hause bleiben." Ansonsten sei es aber wichtig, sich nicht zu sehr in seiner Lebensführung beeinträchtigen zu lassen: "Unangemessene Angst ist immer ein schlechter Berater."

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