Jahrzehntelang bestimmte Migräne den Alltag von Claudia Tetling. Erst die Teilnahme an einer klinischen Studie brachte eine entscheidende Wende: Ihre Kopfschmerztage halbierten sich, die Lebensqualität kehrte zurück. Heute möchte die 61-Jährige anderen Betroffenen Mut machen, sich über moderne Therapieoptionen zu informieren.
Rückblickend ist Claudia Tetling sicher: Schon im Alter von sechs oder sieben Jahren litt sie unter Migräne. Damals äußerte sich die Erkrankung durch Kopf- und Bauchschmerzen sowie das sogenannte Alice-im-Wunderland-Syndrom. "Ich sah merkwürdige Bilder, von denen ich nicht wusste, ob sie wirklich waren", erinnert sich die heute 61-Jährige.
In der Pubertät verschlimmerten sich die Beschwerden. Licht, Gerüche und Geräusche wurden unerträglich, oft konnte sie nur noch in einem abgedunkelten Raum schlafen. Damals verschwanden die Symptome meist noch nach einer Nacht Ruhe.
Als die Migräne den Alltag übernahm
Mit den Jahren veränderte sich die Erkrankung. Die Kopfschmerzen traten zunehmend während der Periode, bei Wetterwechseln, Autofahrten oder in Stresssituationen auf und hielten oft mehrere Tage an. Dennoch wusste Claudia Tetling lange nicht, dass Migräne die Ursache ihrer Beschwerden war.
Ein einschneidendes Erlebnis brachte schließlich Klarheit: Nach dem Tod ihrer Mutter im Jahr 2011 erlitt sie starke Seh- und Sprachstörungen. "Auf einmal hatte ich extreme Sehstörungen und Wortfindungsstörungen, ich konnte nicht mehr sprechen", erzählt sie. Ein Neurologe diagnostizierte daraufhin Migräne.
Doch die Behandlung blieb zunächst auf Schmerzmittel beschränkt. Weitere Aufklärung oder therapeutische Unterstützung erhielt sie nicht. Die Folge: Die Erkrankung chronifizierte sich.
"Ich litt unter andauernden Kopfschmerzen, Übelkeit oder Nackenschmerzen und war nie richtig befreit oder fröhlich", berichtet sie. Regelmäßig wurde sie aus ihrem Alltag gerissen und konnte oft nur noch in einem dunklen Zimmer liegen.
Hoffnung durch die TEMPLE-Studie
Mit dieser Situation wollte sich Claudia Tetling nicht länger abfinden. Im Jahr 2024 wandte sie sich an das Kopfschmerzzentrum des Universitätsklinikums Essen. Dort erfuhr sie von der TEMPLE-Studie.
"Die TEMPLE-Studie hat zwei Strategien der Migräneprophylaxe miteinander verglichen: einen klassischen Wirkstoff, Topiramat, und eine moderne Therapie mit CGRP-Antikörpern, konkret Atogepant", erklärt Studienleiterin Prof. Dr. Dagny Holle-Lee. Untersucht wurden Wirksamkeit, Verträglichkeit und Therapietreue.
Für Claudia Tetling stand schnell fest, dass eine Teilnahme sinnvoll war. Unabhängig von der Gruppenzuteilung würde sie eine vorbeugende Therapie erhalten.
Engmaschige Betreuung schafft Vertrauen
Trotzdem hatte sie zunächst Bedenken. Die ausführlichen Studienunterlagen informierten auch über mögliche Nebenwirkungen.
"Als ich von der Study Nurse die Unterlagen bekam und von den vielen Nebenwirkungen las, die es geben könnte, war ich schon ein bisschen nervös", erzählt sie.
Im persönlichen Gespräch wurde ihr jedoch erklärt, wie engmaschig die medizinische Betreuung während der Studie erfolgen würde. Zudem konnte sie die Teilnahme jederzeit beenden. Das gab ihr Sicherheit und Vertrauen.
Deutliche Verbesserung der Beschwerden
Da die Studie verblindet durchgeführt wurde, wusste Claudia Tetling in den ersten sechs Monaten nicht, welches Medikament sie erhielt.
Der Effekt war dennoch schnell spürbar: "Meine Kopfschmerztage haben sich um mehr als die Hälfte reduziert, ich hatte keine Übelkeit mehr. Das war herrlich, echt toll!"
Nach dem ersten Studienabschnitt erhielt sie das neuere Medikament Atogepant und profitierte davon noch stärker.
Auch die wissenschaftlichen Ergebnisse bestätigten ihre Erfahrung. "Die Studie hat gezeigt, dass Atogepant eine vergleichbare oder bessere Wirksamkeit bei deutlich besserer Verträglichkeit hat. Besonders auffällig war, dass deutlich weniger Patient*innen die Therapie abgebrochen haben als unter Topiramat", sagt Holle-Lee.
Moderne Therapie mit Hürden im Alltag
Mittlerweile ist Atogepant zur Migräneprophylaxe zugelassen und wird in der klinischen Praxis eingesetzt.
Trotzdem erhält Claudia Tetling das Medikament aktuell nicht weiter. Der Grund liegt vor allem in den Kosten.
"CGRP-Antikörper wie Atogepant sind deutlich teurer als klassische Therapien und werden daher meist erst eingesetzt, wenn andere Prophylaxen nicht ausreichend wirken oder nicht vertragen werden", erklärt Holle-Lee.
"Ich kann es anderen nur empfehlen"
Auch wenn sie inzwischen eine andere Therapie erhält, zieht Claudia Tetling ein durchweg positives Fazit ihrer Studienteilnahme.
"Durch die Prophylaxe geht es mir viel besser", sagt sie. "Ich kann die Teilnahme an einer klinischen Studie anderen Patientinnen und Patienten nur empfehlen."
Für sie war die Studie nicht nur ein medizinischer Erfolg, sondern ein entscheidender Schritt zurück zu mehr Lebensqualität und Selbstbestimmung.