Allein, aber stark – für viele seltsam

Langzeit-Single? Darum erntest du manchmal misstrauische Blicke

Eine Frau mit lockigem Haar und weißem Mantel sitzt entspannt auf einer Holzbänken, blickt auf eine blühende Frühlingswiese und Waldlandschaft.
© Canva
Schon länger alleine? Dann kennst du das sicher, dass Langzeit-Singles gerne mal etwas schräg angeschaut werden. Warum eigentlich? Was unser Experte dazu sagt.

Ob aus Überzeugung oder eher unfreiwillig: Langzeit-Singles werden oft misstrauisch beäugt. Was ihnen vorgeworfen wird, was die Gründe fürs Alleinesein sind: Unser Experte weiß mehr.

Eine Beziehung zu führen, kann ganz schön viel Kraft kosten: Immerhin müssen viele Paare immer wieder neu Kompromisse eingehen, die/den Partner*in so akzeptieren, wie sie/er nun mal ist. Dafür hat eine Partnerschaft aber auch viel zu bieten. Umgekehrt müssen Singles in der Regel zwar keine Rücksicht nehmen, was den Lebensstil angeht – doch so allein durchs Leben zu gehen, das kann auch schnell mal einsam werden.

Alleine verreisen: Darum solltest du das mal machen

Nicht alle Menschen ohne Beziehung haben sich ihr Dasein so ausgesucht, nicht selten sind sie unfreiwillig allein. Zu allem Überfluss haben gerade Langzeit-Singles auch noch einen eher schlechten Ruf. Warum eigentlich? Was ist es, was ihnen vorauseilt? Eric Hegmann, Paartherapeut in Hamburg mit eigener Praxis und Co-Gründer der Modern Love School, einer eLearning-Plattform mit Onlinekursen rund um die Liebe, weiß mehr zu dem Thema. Mit BILD der FRAU hat er im Interview darüber gesprochen.

Warum sind viele Langzeit-Singles gegenüber misstrauisch? Was unser Experte dazu sagt

BILD der Frau: Lieber Herr Hegmann, warum leiden Langzeit-Singles unter einem schlechten Ruf?

Paar-Therapeut Eric Hegmann | © Robert Hilton
Foto: Robert Hilton
Eric Hegmann, Paarberater aus Hamburg

Eric Hegmann: Wer mehrere Jahre Single ist, hört bei der Partner*innensuche häufig Vorwürfe von Unverbindlichkeit oder sogar Beziehungsunfähigkeit. "Mit dir stimmt doch etwas nicht!", ist ein manchmal sogar offen ausgesprochener Vorwurf. Dabei vergessen viele, dass nicht alle Singles auch Partnersuchende sind. Alleinstehend zu sein, ist heute kein Makel mehr, andere Beziehungs- und Lebensmodelle dürfen in unserem Kulturkreis individuell gestaltet werden. Ein Single ist nicht nur eine "halbe" Person. Häufig hat er oder sie im Gegenteil gelernt, alleine für sich verantwortlich zu sein und zu erreichen, wofür andere sich eben auf ihre Partner*innen verlassen.

Was sind erfahrungsgemäß die Gründe für eine lange Single-Phase?

Für eine erfolgreiche Partner*innensuche braucht es Gelegenheiten und natürlich den Wunsch nach einer Beziehung. Nicht alle Singles wünschen sich einen Partner. Nach einer Studie von Parship möchte jede*r vierte Deutsche ohne Partner*in eine Beziehung und sucht aktiv. Dagegen sind 20 Prozent zufrieden in ihrem Single-Status und suchen nicht. Fast 60 Prozent lassen es auf sich zukommen. Im Schnitt sind deutsche Singles zwischen fünf und sechs Jahren ohne feste Beziehung, 20 Prozent allerdings sogar mehr als zehn Jahre.

Die Mehrheit aber meint es ernst: 80 Prozent der Partnersuchenden sehnen sich nach etwas Festem und wünschen sich eine ernste Beziehung, 23 Prozent von ihnen möchten heiraten. Lediglich sieben Prozent hoffen auf eine offene Beziehung, sechs Prozent suchen unverbindlichen Sex und weitere sechs Prozent einen lockeren Flirt oder eine Affäre.

Ist eine lange Single-Phase hinderlich bei der Partner*innensuche?

In meiner Praxis sagen Langzeit-Singles oft, sie müssten mitleidvolle oder misstrauische Blicke und Kommentare aushalten, wenn sie erzählen, dass sie schon lange alleinstehend sind. Der Vorwurf der Beziehungsunfähigkeit wird oft genannt. Beziehungsunfähig ist für mich ein Unwort. Vor allem aber ist es keine Diagnose. Keine seriöse*r Ärztin oder Arzt, Psychologin oder Psychologe oder sonstige Fachleute würden eine solche Aussage machen. Zugegeben, nicht jeder Mensch hat das gleiche Beziehungspotenzial – das heißt, es gibt durchaus egoistische, pessimistische und aufbrausende oder aggressive Zeitgenoss*innen, die einfach nicht mitbringen, was es braucht, um mit ihnen gerne zusammenzuleben.

Rückzug und Bindungsangst: zwei Faktoren fürs Single-Dasein

Warum gibt es so viele Singles?

Je nach Studie gibt es in Deutschland zwischen 14 und 19 Millionen Singles. Menschen mit Bedürfnissen nach Nähe, Intimität, Geborgenheit und Zuneigung, die teilweise sagen, sie finden niemanden, sie geraten immer wieder an die Falschen und verlieben sich immer wieder in diejenigen, die keine Beziehung wollen oder sich nicht in die verlieben können, die Interesse an ihnen zeigen.

Das werden gefühlt immer mehr. Ich erlebe das in der Praxis ebenso wie in meinen Live-Online-Seminaren oder -kursen. Manchmal haben Singles den Eindruck, eine unbekannte Macht würde genau diejenigen zusammenbringen, die nicht zusammenpassen, weil irgendwie immer eine*r mehr will als die/der andere. Eine*r bemüht sich – und je mehr sie/er das tut, desto schneller flüchtet die/der Umworbene. Der Rückzug und die Bindungsangst sind übrigens nicht geschlechtsspezifisch ein männliches Problem: Auch Männer klagen über Frauen, die sich nicht entscheiden oder binden können. Wer ganz ehrlich ist, kennt sich nämlich in der einen wie in der anderen Situation. Mal gibt man alles und wird enttäuscht, mal ist man das Ziel von Werbeversuchen, die einfach nicht erfolgreich sind.

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Single-Frauen fühlen sich aber öfter unter Druck gesetzt, oder?

Das Klischee sagt: Die Frau mit dem eher ängstlichen Bindungsverhalten gerät an den Mann mit dem eher vermeidenden Bindungsverhalten. Das bedeutet: Sie sucht Nähe, leidet vielleicht sogar unter Verlustangst. Er hingegen will seine Freiheit nicht aufgeben, leidet unter Bindungsangst und zieht sich zurück, sobald sie ihm zu nahe kommt. Diese Dynamik bestätigt sich, keine Frage, beim Blick auf die Statistik: bei der Partner*innensuche, vor allem bei den unter 30-Jährigen. Später wiederholt sich das in Beziehungen – denken Sie an Kinder, die eine Beziehung zusammenhalten sollen. Noch einmal später dreht sich das aber nach meiner Beobachtung: Gerade Frauen, die ab Mitte 40 und Anfang 50 negative Beziehungserfahrungen gemacht haben, zeigen oft starke bindungsängstliche Verhaltensweisen. Da sind es dann die Männer, die sich Nähe wünschen und zurückgewiesen werden.

Genau die Person treffen, die eine*n nie mehr verletzt? Unwahrscheinlich!

Gibt es heutzutage mehr Singles als früher?

Heute haben Singles Möglichkeiten wie nie zuvor, neue Kontakte zu knüpfen, gleichzeitig erleben sie auch mehr Zurückweisungen und Trennungserfahrungen als die Generationen vor ihnen. Und diese Verletzungen steuern ganz automatische Lernerfahrungen und Schutzstrategien. Viele davon unbewusst. Einige werden immer misstrauischer oder trauen sich nicht, sich zu öffnen. Andere klagen darüber, dass sie nur Personen kennenlernen, die sich nicht binden wollen oder können.

Darauf zu hoffen, die Person zu treffen, der Sie vertrauen können, dass sie Sie nie wieder verletzt werden, ist vergebliche Mühe. Es ist einfach nicht realistisch, weil Verletzungen – unbewusst und unbeabsichtigt – zu allen Liebesbeziehungen gehören. Wer seine Fähigkeit zum Vertrauen vom Gegenüber abhängig macht, wird sich mit dem Verlieben höchstwahrscheinlich schwertun.

... und treten dann nicht gerne mal die berühmten Schutzstrategien ein?

Schutzstrategien sorgen vor allem dafür, dass Menschen schön auf sicherer Distanz bleiben. Und dann können sie sich auch nicht verlieben. Denn dazu ist Nähe unabdingbar. Nur wer sich emotional öffnen kann, wer emotionale Kontaktflächen anbietet und annimmt, kann sich auch verlieben.

Es kann sein, dass es dazu Unterstützung braucht. Ein Stück weit sicherer werden und frühere Verletzungen verheilen lassen – das ist vermutlich für fast alle möglich. Dazu ist allerdings die Bereitschaft nötig, diese Veränderung einzuleiten.

➔ Mehr Infos zu unserem Experten Eric Hegmann findest du hier, und hier geht's zur Modern Love School. Dort gibt es auch passende Online-Kurse zum hier besprochenen Thema.

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