Saatguttüten entschlüsseln

Aussaattipps vom Experten: Diese Angaben sind jetzt entscheidend

Tomatenjungpflanzen in einem kleinen Anzuchtgewächshaus aus durchsichtigen Plastik.
© Mattias Nemeth

Was sagen Saatguttüten wirklich aus? Ein Gartenexperte erklärt Aussaatzeit, Saattiefe, Keimdauer und worauf du im März besonders achten musst.

 

Eigentlich will ich nur ein paar Kleinigkeiten fürs Abendessen einkaufen. Aber schon beim Eingang ist ein Weitergehen nicht mehr möglich. Der dort stehende Saatgut-Aufsteller hat mich nämlich in seinen Bann gezogen. An neuen Saatguttüten komm ich nicht vorbei.

Doch jetzt, Anfang März, muss ich auch schon etwas genauer schauen, denn für das ein oder andere könnte es nämlich langsam knapp werden mit dem Aussäen. Und die Saatgutverpackung verrät dir mehr, als es auf den ersten Blick scheint.

Zuallererst musst du beachten: Die Daten auf den Saatguttütchen sind keine strengen Anweisungen, sondern Erfahrungswissen, das dir eine grobe Orientierung geben soll.

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Die Anzahl der Pflanzen ist eher ein Wunschgedanke

In der Regel steht auf einer Verpackung, wie viele Pflanzen du aus dem Saatgut ziehen kannst. Allerdings ist diese Angabe nicht wirklich realistisch. Nur wenn alles perfekt läuft, würdest du so viele Pflanzen herausbekommen. Die Realität sieht da aber schon anders aus. Nicht jeder Samen keimt und nicht jede Jungpflanze überlebt die ersten Wochen.

Aus diesem Grund rate ich dir: Gehe auf Nummer sicher. Plane Reserven ein, besonders dann, wenn das Saatgut schon etwas älter ist oder du empfindliche Sorten aussäst. Ich habe immer Ersatzpflanzen. Sobald die eigentlichen Pflanzen gut angewachsen sind, verschenke ich sie an Freunde und Familie.

Vorkultur-/Direktsaat und das perfekte Timing

Ein wichtiger Punkt, auf den du achten musst: Hast du es mit einer Voranzucht oder einer Direktsaat-Art zu tun. Also muss die aussäende Kultur in einem kleinen Topf im Haus vorgezogen werden oder kann sie gleich im Garten ausgesät werden. Gleich darunter findest du den Aussaatzeitpunkt.

 "März bis Juni" klingt erst einmal eindeutig, aber so ganz eindeutig ist es dann doch nicht. Diese Zeiträume beschreiben ein mögliches Fenster, sind aber kein Muss. Sie sollen dir zeigen, wann eine Anzucht unter geschützten Bedingungen sinnvoll ist. Wer sehr früh startet, braucht ausreichend Licht und Platz, sonst drohen vergeilte Pflanzen (zu lange und instabil gewachsene Pflanzen). Wenn du später beginnst, bekommst du oft kompaktere und robustere Jungpflanzen.

Im Internet werden diese Zeiträume allerdings immer wieder in Frage gestellt. Bereits im Dezember kannst du auf Social Media die ersten sehen, die aussäen und dich auch davon überzeugen wollen, dass es sonst zu spät ist.

Hör aber nicht auf sie! Denn wenn wir es mal von der nüchternen und pragmatischen Sicht betrachten: Die meisten Pflanzen können erst nach den Eisheiligen ins Freie. Also den letzten Frosttagen des Frühlings.

Bis dahin brauchen sie einen hellen Platz in der Wohnung. Wenn du sehr früh startest, brauchst du oft Pflanzlichter, um das fehlende Licht auszugleichen. Außerdem muss die Temperatur stimmen, die Schädlinge ferngehalten werden, genug und nicht zu viel gegossen und gehegt und gepflegt werden.

Jetzt ist es ideal: Tomatenaussaat beginnen

Am umstrittensten sind die Zeitpunkte für die Tomatenaussaaten. Als Tomatenzüchter baue ich jedes Jahr viele Sorten an und damit auch sehr viele Pflanzen. Ich habe deshalb einiges ausprobiert. In einem Jahr hatte ich sogar ein fast laborartiges Zimmer im Keller gebaut, nur um besonders früh Tomaten und Paprika vorzuziehen.

Und ich verrate dir eins: Heute würde ich das nicht mehr machen. Denn die Pflanzen sind besser, wenn ich später anfange – und ich mache mir sogar weniger Aufwand.

Zu früh oder zu spät – beides hat Haken

  • Zu früh: Der Platz geht dir aus, wenn frostfreie Tage auf sich warten lassen.
  • Zu spät: Du wartest auf die Ernte – und Nachsäen wird schwieriger.

 Ich habe bei Tomaten jeden Internet-Termin getestet. Mein Ergebnis: Mitte bis Ende März ist für mich der beste Zeitraum, da kommen die stabilsten Pflanzen raus. Und ähnliche Experimente haben auch andere Tomatenzüchter*innen gemacht und kamen zum selben Ergebnis.

Weil ich jährlich über 100 Tomatenpflanzen aussäe, mache ich das nicht an einem Tag. Ich sortiere die Sorten:

  1. zuerst großfrüchtige und Antho-Sorten (blaue, schwarze oder lila Tomaten) – sie brauchen in der Regel länger zum Ausreifen und profitieren von so vielen Sonnentagen wie möglich
  2. danach späte Sorten
  3. dann frühe Sorten
  4. zum Schluss Micro-Dwarfs, die erreichen zügig ihre volle Größe und starten schnell mit der Blütenbildung

Lichtkeimer und Aussaattiefe: Wie tief ist tief genug?

Das Symbol "Licht- oder Dunkelkeimer" bedeutet: Dieses Saatgut braucht Licht als Startsignal. Oft wird auch nur die Saattiefe angegeben. Lichtkeimer musst du gar nicht oder nur hauchdünn mit Substrat (Aussaaterde oder feiner Sand) bedecken.

Andere Arten brauchen eine Aussaattiefe von etwa 0,5 bis 1 Zentimeter oder tiefer Dahinter steckt kein Zufall, sondern Pflanzenphysiologie. Zu tief gesäte Samen verbrauchen ihre Energiereserven, bevor sie überhaupt ans Licht kommen. Zu flach gesäte Dunkelkeimer trocknen aus oder werden instabil.

Expertentipp: Hier gibt es allerdings Ausnahmen. Tomaten sind botanisch gesehen Dunkelkeimer, aber keimen schneller, wenn du sie wie Lichtkeimer behandelst.

Standortsuche: Sonne und Schatten

Für die Aussaat ist dieser Punkt nur wichtig, wenn es eine Direktsaat ist. Es bezieht sich auf den endgültigen Pflanzstandort. Der Platz bei der Voranzucht hat damit nichts zu tun. Sonnig heißt dabei: mehrere Stunden direkte Sonne am Tag. Halbschattig bedeutet nicht dunkel, sondern Licht mit Pausen, etwa durch Gehölze oder Gebäude.

Keimdauer, Temperatur und viel Geduld

Die Angabe wie beispielsweise "14–21 Tage bei 18–22 °C" beschreibt ideale Bedingungen und die Keimdauer. Außerhalb dieser Temperatur keimt Saatgut langsamer, oberhalb oft schneller, aber nicht unbedingt besser (hier haben wir wieder die Gefahr des Vergeilens).

Gleichmäßige Wärme im Substrat ist wichtiger als warme Luft. Aber die Dauer der Keimung kann vor allem bei älteren Samen auch mal etwas länger dauern.

Pflanzabstände: Luft, Licht und vorausschauendes Planen

Die angegebenen Abstände sorgen dafür, dass ausgewachsene Pflanzen genug Licht, Luft und Nährstoffe bekommen. Zu eng gepflanzt erhöht sich der Krankheitsdruck, zu weit ist unnötige Platzverschwendung. Aber auch hier gibt es mal wieder eine Ausnahme. Mischkulturpartner, also Beetpartnerpflanzen, die sich gegenseitig guttun, kannst du auch näher zusammen pflanzen.

Blütezeiten: Kein fester Termin, nur Vorfreude

Manchmal ist auch der Blühzeitpunkt angegeben. Aber auch das ist wieder eher eine grobe Zeitangabe. Die tatsächliche Blüte hängt von Aussaatzeitpunkt, Witterung, Standort und Pflege ab. Blütezeiten sind dynamische Phasen, keine fixen Kalenderdaten.

Falsch gießen: Der Drahtseilakt zwischen Nass und Trocken

Es gibt allerdings auch einiges, was dir die Saatgut-Tüten nicht verraten. Zum Beispiel die häufigsten Fehler. Das Gießen ist ein Fehler, der in beide Richtungen falsch laufen kann:

  • Lässt du die Anzuchttöpfe austrocknen, können die Samen nicht mehr keimen.
  • Gießt du zu viel, können Wurzeln faulen oder die Erde schimmeln.

Expertentipp: Gieß Aussaat und Jungpflanzen nicht von oben. Stell die Töpfe lieber in ein Becken oder eine Anzuchtschale, fülle Wasser ein und sobald sich die Erde vollgesogen hat, nimmst du das Wasser wieder weg. Das reduziert nebenbei auch das Risiko für Trauermücken.

Vorsicht: Zu viele Nährstoffe: Zu früh düngen

Auch wenn es manchmal in den Fingern juckt: Düngst du zu früh oder zu viel, kann das die Wurzelbildung negativ beeinflussen, es kann sogar die Pflanzen verbrennen. Erst beim Pikieren wird bei mir nur leicht gedüngt oder fertig gemischte Gemüseerde verwendet.

Pflanzen richtig pikieren: So werden sie üppig und gesund

Hat nun alles bei deiner Aussaat funktioniert, musst du deine Pflanzen auch irgendwann vereinzeln und umtopfen, also pikieren. Aber das solltest du nicht zu früh und nicht zu spät machen: Du erkennst den optimalen Zeitpunkt, wenn die Jungpflanze nicht nur Keimblätter, sondern die ersten typischen Blätter hat.

So pikierst du richtig

  • vor dem Pikieren gut angießen
  • mit Pikierstab/Holzstäbchen/Löffelstiel vorsichtig herausheben
  • nur an den Blättern anfassen (der Stiel ist empfindlich)
  • Wurzeln langsam auseinanderziehen
  • kranke Pflanzen oder solche mit schlechtem Wurzelwachstum aussortieren

Topf & Erde

  • Topfgröße: 8 bis 12 cm Durchmesser
  • Erde: am besten vorgedüngt oder mit Dünger gemischt
  • Wichtig: locker, humos, gut durchlässig, wasserspeichernd

Setze die Pflanze bis zum Ansatz der echten Blätter in die Erde. Sind die unteren Keimblätter zu nah an der Erde, entferne sie. Das verhindert Fäulnis. Du solltest die Erde bis zum Rand auffüllen, vorsichtig andrücken und gut angießen. Danach brauchen die Jungpflanzen einen hellen und etwas kühleren Platz. Die Feuchtigkeit solltest du regelmäßig prüfen: Du solltest dafür sorgen, dass weder Staunässe entsteht, aber sie auch nicht austrocknet. Konstante Feuchtigkeit ist ideal.

Expertentipp: Ich streiche direkt nach dem Umtopfen immer wieder sanft über die Jungpflanzen. Dadurch entstehen winzigste Mikrorisse, die zu stabilerem Stängel führen, die Pflanzen härten ab. Das mache ich, bis sie endgültig ausgepflanzt werden.

Sonderfall: Kürbisgewächse nicht pikieren

Gurken, Melonen, Kürbisse und Zucchini solltest du gleich in größere Töpfe und nur in kleiner Anzahl aussäen. Denn Pikieren schadet Kürbisgewächsen. Such dir Töpfe, in denen die Jungpflanzen bis nach den Eisheiligen bleiben können.

Von der Fensterbank ins Bootcamp: Jungpflanzen fürs Auspflanzen abhärten

Nach dem Pikieren fange ich an, die Pflanzen abzuhärten. Bis dahin wuchsen sie unter optimalen Bedingungen – draußen haben sie diese nicht mehr. Und wenn du sie einfach so rausstellst, setzen ihnen Sonne, Wind und Temperaturschwankungen ordentlich zu.

Worauf musst du sie vorbereiten?

  • Sonne: sofort volle Sonne = Sonnenbrand. Wenn du sie sofort in die Sonne stellst, bekommen die Blätter schneller Sonnenbrand, wie ich im Italienurlaub.
  • Temperaturen: kühler und schwankend
  • Wind: unterschätzt, aber Stress pur, wenn sie ihn nicht kennen

So härte ich ab – Schritt für Schritt

Sobald das Wetter es zulässt, packe ich die Jungpflanzen in flache Bäckerkisten – das macht das Handling leichter.

  1. Erste Tage: nur ein paar Stunden raus, nur in den Schatten
  2. Kein kalter Wind, kein Regen
  3. Außentemperatur sollte über 8 Grad sein
  4. Jeden Tag etwas länger draußen
  5. Nach knapp einer Woche: Umzug in den Halbschatten
  6. Bei Frost und nachts: wieder rein
  7. Nach einigen Tagen: ganztags draußen

Umzug ins Freiland

Im Mai, wenn die Nächte warm genug sind, lasse ich die Pflanzen auch über Nacht draußen – erst einmal unter einem Dach. Ab Mai dürfen sie dann auch mal in die Sonne. Durch das Abhärten werden die Pflanzen robuster, standfester und kompakter.

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