Unsichtbare Krankheiten sichtbar machen

Morbus Bechterew bei Frauen: Wie Helene Anschütz trotz Rheuma selbstbestimmt lebt

Helene Anschütz vom Podcast "CHRONISCH GUT"
© Andreas Etter
"Zu wissen, dass Morbus Bechterew das Risiko für Osteoporose erhöhen kann, war zunächst beunruhigend.", sagt Health Care Influencerin Helene Anschütz.

Helden des Alltags sind oft unsichtbar – und viele von ihnen sind Frauen. Sie meistern ihr Leben trotz seltener oder chronischer Erkrankungen mit unglaublicher Stärke. Eine dieser Erkrankungen ist Morbus Bechterew: Bei Frauen wird diese Form von Rheuma häufig spät erkannt, die körperliche und emotionale Belastung ist jedoch groß. Welche Symptome die Krankheit mit sich bringt, warum Gendermedizin so entscheidend ist und wie Frauen wie Helene Anschütz ihren Alltag selbstbestimmt und gestärkt gestalten, erfährst du hier.

Tiefsitzende Rückenschmerzen, die bis ins Gesäß ausstrahlen – viele Frauen können wohl ein Lied davon singen. Doch hinter diesen Beschwerden kann Morbus Bechterew (Spondylitis ankylosans) stecken. Leider wird diese Erkrankung bei Frauen häufig erst spät erkannt oder gar nicht diagnostiziert. Denn noch immer erhalten Frauen bei gleicher Erkrankung später eine Diagnose als Männer. Das hat natürlich direkte Auswirkungen auf die Therapie, den Krankheitsverlauf und die Lebensqualität.

Selbst betroffen ist auch Helene Anschütz. Die Health Care Influencerin lebt mit verschiedenen chronischen Erkrankungen. Als Moderatorin des Podcasts "CHRONISCH GUT" macht sie Betroffenen Mut, spricht offen über die Herausforderungen des Alltags mit chronischen Krankheiten und zeigt auch, dass man trotz Erkrankungen selbstbestimmt und aktiv leben kann.

Im Interview erzählt Helene Anschütz wie sie mit ihren Erkrankungen umgeht, welche Herausforderungen speziell Frauen betreffen und warum mehr Gendermedizin so dringend notwendig ist. 

BILD der FRAU: Sie leben selbst mit den chronischen Erkrankungen Rheuma, Acne Inversa und Migräne. Welche Herausforderungen erleben Sie speziell als Frau mit Morbus Bechterew, gerade wenn die Symptome äußerlich weniger sichtbar sind?

Helene Anschütz: Meine Beschwerden begannen lange bevor ich wusste, was mit meinem Körper passiert. Rückenschmerzen, Erschöpfung, ein Gefühl von Steifheit und gleichzeitig sah ich gesund aus.

Morbus Bechterew ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung, die vor allem die Wirbelsäule betrifft. Bei Frauen verläuft sie jedoch häufig anders: weniger sichtbar, diffuser, oft begleitet von starker Erschöpfung oder Gelenkbeschwerden. Gerade weil Symptome äußerlich nicht (immer) sichtbar sind, werden sie schnell unterschätzt oder als Stress oder Verspannung abgetan. Das kann verunsichern, denn man spürt, dass etwas nicht stimmt, wird aber nicht immer ernst genommen.

BILD der FRAU: Frauen mit Morbus Bechterew haben ein erhöhtes Risiko für Osteoporose, das durch Medikamente verstärkt werden kann. Wie gehen Sie persönlich mit diesem Risiko um und welche Strategien haben Sie entwickelt, um Ihre Gesundheit zu schützen?

Helene Anschütz: Zu wissen, dass Morbus Bechterew das Risiko für Osteoporose erhöhen kann, war zunächst beunruhigend. Heute sehe ich es als Einladung, aktiv für meine Gesundheit zu sorgen. Ich setze bewusst auf Bewegung, Krafttraining, eine gute entzündungshemmende Therapie sowie regelmäßige Kontrollergebnisse.

Auch eine ausreichende Versorgung mit Vitamin D, Magnesium und Calcium spielt eine wichtige Rolle. Prävention bedeutet für mich nicht Verzicht, sondern die Möglichkeit, langfristig beweglich und selbstwirksam zu bleiben.

"Gendermedizin bedeutet nicht Sonderbehandlung, sondern bessere Medizin für alle."

BILD der FRAU: Studien zeigen, dass Frauen bei gleicher Erkrankung oft später diagnostiziert werden als Männer. Welche Erfahrungen haben Sie in Bezug auf Diagnose und Behandlung gemacht und wie könnte Gendermedizin helfen, diese Lücke zu schließen?

Helene Anschütz: Viele Frauen erhalten die Diagnose Morbus Bechterew deutlich später als Männer. Auch ich habe erlebt, wie Symptome lange nicht zusammen gedacht wurden.

Das liegt unter anderem daran, dass die Erkrankung bei Frauen oft anders verläuft: weniger radiologisch sichtbar, häufiger mit diffusen Schmerzen, Gelenkbeteiligung oder starker Erschöpfung. Diese Symptome passen nicht immer in das klassische Bild, das lange vor allem anhand männlicher Krankheitsverläufe geprägt wurde.

Hinzu kommt, dass Morbus Bechterew lange als "Männererkrankung" galt. Wenn eine Krankheit nicht in das erwartete Muster passt, werden Beschwerden schneller als Verspannung, Stress oder psychosomatisch eingeordnet. Hier setzt die geschlechtersensible Medizin an. Sie berücksichtigt sowohl biologische Unterschiede als auch soziale Faktoren zwischen den Geschlechtern in Prävention, Diagnostik und Therapie. Ziel ist eine passgenauere und wirksamere Versorgung.

Historisch wurde Medizin stark an männlichen Körpern erforscht und orientiert. Das hat Folgen: Symptome können sich geschlechtsspezifisch unterscheiden, Medikamente unterschiedlich wirken und Frauen erleben häufiger Fehldiagnosen oder verzögerte Diagnosen.

Geschlechtersensible Medizin bedeutet deshalb nicht "Sonderbehandlung", sondern bessere Medizin für alle. Sie hilft,

• unterschiedliche Symptomprofile früher zu erkennen

• Diagnosewege zu verkürzen

• Therapien individueller anzupassen

• Nebenwirkungen besser zu berücksichtigen

• Patientinnen ernst zu nehmen

Für mich ist das kein Randthema, sondern ein entscheidender Schritt hin zu gerechter Gesundheitsversorgung. Wenn wir verstehen, dass Krankheiten sich bei Frauen anders zeigen können, verkürzen wir Leidenswege und verbessern die Versorgung für alle nachhaltig.

BILD der FRAU: Sie setzen sich auf Instagram und mit Ihrem Podcast "CHRONISCH GUT" für Aufklärung und Sichtbarkeit ein. Wie wichtig ist es Ihrer Meinung nach, dass chronische Erkrankungen bei Frauen sichtbarer werden?

Helene Anschütz: Viele chronische Erkrankungen sind unsichtbar und genau das macht sie schwer verständlich für andere. Betroffene wirken im Alltag oft gesund, während sie gleichzeitig mit Schmerzen, diversen Einschränkungen oder Dauerentzündungen leben.

Diese Unsichtbarkeit führt nicht selten zu Missverstandenwerden, Zweifeln von außen oder dem Gefühl, sich ständig erklären zu müssen. Genau deshalb ist Sichtbarwerden so wichtig.

Sichtbarkeit schafft Verständnis, reduziert Vorurteile und kann Betroffenen helfen, früher Hilfe zu bekommen. Wenn Frauen über ihre Erfahrungen sprechen, entsteht Wissen und Wissen verändert Versorgung.

Ich habe selbst erlebt, wie viel sich verändert, wenn man den eigenen Zustand nicht mehr versteckt. Der offene Austausch und das öffentliche Sprechen über meine Erkrankungen haben mir geholfen, sie anzunehmen und einen selbstbestimmteren Umgang damit zu finden.

Über meine Plattform, meinen Podcast und meine Social-Media-Arbeit möchte ich genau das erreichen: chronischen Erkrankungen ein Gesicht geben, Mythen entlarven und mehr Verständnis für die Realität von Millionen Betroffenen schaffen.

Wenn Betroffene sichtbar werden, entsteht Gemeinschaft. Menschen erkennen sich wieder, fühlen sich weniger allein und finden Orientierung. Sichtbarkeit bedeutet nicht, sich zu exponieren — sondern gehört zu werden. Und gehört zu werden ist der erste Schritt zu besserer Versorgung, mehr Empathie und einem Gesundheitssystem, das die Lebensrealität von Patientinnen wirklich berücksichtigt.

BILD der FRAU: Welche Tipps oder Strategien können Sie anderen Frauen mit chronischen Erkrankungen geben, um selbstbestimmt und gestärkt mit ihrer Situation umzugehen – sowohl im Alltag als auch im Umgang mit medizinischem Fachpersonal?

Helene Anschütz: Mit einer chronischen Erkrankung zu leben bedeutet, den eigenen Körper neu kennenzulernen und aktiv an der eigenen Versorgung mitzuwirken. Mir hilft dabei besonders das Prinzip des Shared Decision Making: Ärzte und Ärztinnen bringen ihr medizinisches Fachwissen ein, Patient*innen ihre Erfahrung mit dem eigenen Körper und Alltag.

Wenn Entscheidungen gemeinsam getroffen werden, entstehen Therapiewege, die wirklich zum Leben passen und nicht nur zur Diagnose.

Im Alltag unterstützen mich außerdem:

• meinen Energiehaushalt ernst zu nehmen

• Bewegung und Pausen bewusst einzuplanen

• Selbstfürsorge statt Perfektionismus

• Symptome zu dokumentieren und gezielt anzusprechen

Mindestens genauso wichtig ist der Austausch mit anderen Betroffenen. Ob online oder in Selbsthilfegruppen: Gleichgesinnte zu finden ist goldwert. Dort entsteht Verständnis ohne Erklärungsdruck und oft auch praktische Hilfe für den Alltag.

Über meinen Instagram-Account und meinen Podcast "CHRONISCH GUT" erlebe ich täglich, wie verbindend dieser Austausch sein kann. Zu sehen, dass man nicht allein ist, hilft vielen – und auch mir – dabei, die Erkrankung besser anzunehmen und einen selbstbestimmten Umgang damit zu finden. Selbstbestimmung bedeutet nicht, alles allein bewältigen zu müssen. Sie entsteht durch Wissen, Dialog und Gemeinschaft.

Liebe Frau Anschütz, vielen Dank für das Interview, den offenen Austausch und den eindrucksvollen Einblick in das Leben als Frau mit chronischen Krankheiten.

Viele Menschen leben mit einer seltenen Erkrankung – mehr als Du denkst!

Die FUNKE Mediengruppe ist offizielle Kooperationspartnerin der Aufklärungskampagne colourUp4RARE

Ziel der Initiative ist es, die breite Öffentlichkeit, medizinische Fachkreise und politische Entscheidungsträgerinnen und -träger über seltene Erkrankungen aufzuklären, das Bewusstsein für die Bedürfnisse der Betroffenen zu stärken und Verbesserungen in Versorgung, Forschung und politischen Rahmenbedingungen anzustoßen.

Herzstück der Kampagne ist die Zebra-Mitmach-Challenge: Das internationale Symbol für seltene Erkrankungen wird in den Farben des Rare Disease Day bunt gestaltet – digital und bei Live-Aktionen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die Kampagne wurde 2023 gestartet und findet 2026 zum vierten Mal statt.

Was ist Morbus Bechterew?

Morbus Bechterew ist eine chronisch-entzündlich rheumatische Erkrankung. Sie betrifft vor allem die Wirbelsäule und das Becken. Anders als bei Infektionen durch Bakterien oder Viren, richtet sich hier das eigene Immunsystem gegen die eigenen Körperzellen. Dadurch entstehen Entzündungen, insbesondere an den Wirbelgelenken und den Iliosakralgelenken, auch Kreuz-Darmbein-Gelenke genannt.

Ohne eine Behandlung kann die Erkrankung dazu führen, dass sich die Wirbelsäule zunehmend versteift. In fortgeschrittenen Krankheitsfällen kann sogar ein Rundrücken entstehen.

Wenn Morbus Bechterew jedoch frühzeitig diagnostiziert wird, eine Anpassung des Lebensstils erfolgt, sowie eine geeignete Therapie stattfindet, dann lässt sich der Krankheitsverlauf deutlich positiv beeinflussen.

Morbus Bechterew betrifft auch junge Menschen

Typischerweise beginnen die ersten Symptome zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr. Eherselten tritt Morbus Bechterew erst nach dem 40. Lebensjahr auf. Leider werden die Beschwerden bei jüngeren Betroffenen oft nicht ernst genommen oder als "unspezifische Rückenschmerzen" eingeordnet.

Warum Morbus Bechterew bei Frauen oft übersehen wird

Lange galt Morbus Bechterew als  Männerkrankheit. Doch heute weiss man, dass Frauen ebenso häufig betroffen sind. Die Erkrankung zeigt sich bei ihnen allerdings oft anders. Genau das führt dazu, dass Diagnose und Therapie bei Frauen dann erst später erfolgen.

Eine niederländische Studie aus dem Jahr 2022 hat die Unterschiede zwischen Männern und Frauen mit Morbus Bechterew untersucht. Die Ergebnisse zeigen deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede im Krankheitsverlauf.

Unterschiede zwischen Frauen und Männern bei Morbus Bechterew

Krankheitsaktivität und Symptome

Frauen wiesen in der Studie zu Beginn der Erkrankung eine höhere Krankheitsaktivität auf. Gemessen wurde dies unter anderem anhand des sogenannten BASDAI-Werts (Bath Ankylosing Spondylitis Disease Activity Index). Dieser berücksichtigt:

  • Morgensteifigkeit
  • Schmerzen in der Wirbelsäule
  • Müdigkeit
  • Schmerzen in peripheren Gelenken wie Ellbogen, Ferse oder Knie

Das bedeutet: Morbus Bechterew kann bei Frauen häufiger auch andere Gelenke außerhalb der Wirbelsäule betreffen.

Bei Männern zeigten sich häufiger stärkere Schäden an der Wirbelsäule, die dann im Röntgenbild sichtbar wurden. Der klassische Rundrücken tritt bei ihnen wesentlich häufiger auf.

Frauen hatten zwar weniger sichtbare Veränderungen beim Röntgen, berichteten jedoch über eine geringere Lebensqualität und eine eingeschränkte Funktionsfähigkeit.

Typische Frühwarnzeichen von Morbus Bechterew

Gerade im Anfangsstadium sind die Symptome oft sehr unspezifisch. Es gibt jedoch diese Alarmzeichen, auf die du achten kannst:

  • Tiefsitzende Gesäßschmerzen, die abwechselnd rechts oder links auftreten
  • Ausstrahlung der Schmerzen in die Oberschenkel
  • Eingeschränkte Beweglichkeit der Lendenwirbelsäule
  • Besserung durch Bewegung, Verschlechterung in Ruhe
  • Morgensteifigkeit, die länger als 30 Minuten anhält

Besonders die Gesäßschmerzen entstehen oft durch eine Entzündung der Iliosakralgelenke, wo Morbus Bechterew in den meisten Fällen beginnt.

Blutwerte und Entzündungsmarker

Zur Diagnostik gehören neben der körperlichen Untersuchung auch Blutuntersuchungen. Dabei wird unter anderem das C-reaktive Protein (CRP) bestimmt. Es stellt einen Marker für Entzündungen im Körper dar.

Studien zeigen:

  • Männer und Frauen weisen ähnliche CRP-Werte auf
  • Auch sogenannte extraartikuläre Manifestationen treten bei beiden Geschlechtern vergleichbar häufig auf

Dazu zählen Entzündungen außerhalb der Gelenke, wie etwa am Darm, an den Augen oder anderen Organen

Diagnose: Warum das MRT so wichtig ist

Mit einer Magnetresonanztomographie (MRT) lässt sich Morbus Bechterew bereits im Frühstadium erkennen. Im Gegensatz zum Röntgen können damit nämlich Weichteilveränderungen und frühe Entzündungen sichtbar gemacht werden. Das ist ein entscheidender Vorteil für eine frühzeitige Diagnose.

Therapie bei Morbus Bechterew

Zur Behandlung gehören:

  • Schmerzmittel
  • entzündungshemmende Medikamente
  • gezielte Bewegungstherapie und Gymnastik, um die Beweglichkeit zu erhalten

Viele Betroffene erhalten sogenannte TNF-Hemmer. Dabei handelt es sich um moderne antientzündliche Rheumamedikamente aus der Gruppe der Biologika. Studien zeigen, dass Frauen und Männer gleichermaßen gut auf diese Therapie ansprechen.

Besondere Herausforderungen für Frauen

Frauen mit Morbus Bechterew haben ein erhöhtes Risiko für Osteoporose. Dieses Risiko kann durch bestimmte Medikamente zusätzlich steigen. Gleichzeitig tritt der typische Rundrücken bei Frauen seltener auf. Das macht die Erkrankung im Alltag oft weniger sichtbar, aber eben nicht weniger belastend.

Quellen:
deutschesgesundheitsportal.de
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