18.12.2019 - 10:31

Der Reiz der Macht Doku "The Invisible Line": Die wahre Geschichte hinter "Die Welle"

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Debbie Berry erlebte die "Third Wave" hautnah mit

Foto: Crime + Investigation / A+E Networks

Debbie Berry erlebte die "Third Wave" hautnah mit

Ron Jones (78) hat 1967 mit dem "Third Wave"-Experiment an der Cubberley High School im kalifornischen Palo Alto für Wirbel gesorgt. Der Lehrer wagte mit seinen Schülern ein Sozialexperiment, das seinen Schützlingen aufzeigen sollte, wie schnell totalitäres Gedankengut in einer Gemeinschaft verankert werden kann. Die Dokumentation "The Invisible Line - Die Geschichte der Welle", die am 19. Dezember um 20:45 Uhr beim True-Crime-Sender "Crime + Investigation" zu sehen ist, beleuchtet die wahre Geschichte und die Hintergründe des Experiments, das den Stoff für Morton Rhues weltberühmten Roman "Die Welle" (1981) und später dem gleichnamigen deutschen Kinofilm (2008) und der Netflix-Produktion "Wir sind die Welle" (2019) bot.

52 Jahre ist es her, dass Jones mit seiner Geschichtsklasse den Unterrichtsversuch wagte. Debbie Berry (68) hat ihn als 16-jähriges Mädchen selbst miterlebt und berichtet in der Doku neben Ron Jones und einigen Mitschülern über ihre Erfahrung. Die Erkenntnis aus dem Experiment wirkt bis heute nach: "Innerhalb kürzester Zeit hat Jones uns aufgezeigt, wie einfach Menschen durch Angst zu manipulieren sind und wie schnell sie umgedreht werden können, egal ob sie wollen oder nicht", erzählt sie im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news.

Ausgangspunkt war die Frage eines Schülers, warum die Deutschen sich nicht gegen das Hitler-Regime gewehrt und den Holocaust verhindert hätten. Jones war für seinen experimentellen Lehrstil bekannt und wollte den Schülern demonstrieren, wie schnell Faschismus in einer Gesellschaft Fuß fassen kann. "Das Semester davor haben wir den Vietnamkrieg behandelt. Jones war klug und intuitiv genug, um zu erkennen, dass nicht jeder auf die gleiche Art lernt und Erkenntnisse wiedergeben kann. Er ließ uns am Schuljahresende die Option: Wir konnten einen Test beantworten, das Gelernte in einer Zeichnung verarbeiten oder ein Lied darüber schreiben", erzählt Berry. Als das neue Experiment startete, sei sie begeistert gewesen, habe sich darauf gefreut.

Denunzieren wurde zur Gewohnheit

In der ersten Lektion ("Stärke durch Disziplin") erlegte Jones den Schülern strenge Verhaltensregeln auf. So mussten sie beispielsweise aufstehen und sich bei Antworten auf maximal drei Wörter beschränken. In den folgenden Tagen folgten die Lektionen "Stärke durch Gemeinschaft" und "Stärke durch Handeln". Jones rief die Bewegung "The Third Wave" aus, führte einen eigenen Gruß ein und vergab innerhalb der Gruppe spezielle Aufgaben, wie die Rekrutierung neuer Mitglieder oder das Melden von Kritikern gegenüber der Bewegung. "Du durftest nicht schlecht über Hitler, über Ron Jones oder das ganze Projekt reden. Wenn er davon Wind bekommen hat, wurdest du aus dem Unterricht entlassen", sagt Berry.

Schon am nächsten Tag wurde ein Junge vor der ganzen Klasse bloßgestellt und musste gehen. "Wir waren schockiert, dass das wirklich gerade passiert. Am nächsten Tag verließ uns der nächste. Es spielte nun der Angstfaktor eine Rolle, den sich auch Hitler zunutze gemacht hatte." Das Misstrauen innerhalb der Schülerschaft wuchs stetig: Es habe sich eine regelrechte Paranoia ausgebreitet, so Berry. "Du hattest keine Ahnung, wer noch dein Freund war oder mit wem du noch frei sprechen konntest. Wir wurden nur aus der Klasse verwiesen, in der Realität wurden die Menschen dafür getötet." Berry zog sich immer weiter zurück.

Es habe Schüler gegeben, die dagegen ankämpfen wollten. "Doch ich war zu der Zeit keine Revoluzzerin, die etwas untergräbt oder in eine andere Richtung geht. Ich ließ mich einfach mittreiben." Jones ging einen Schritt weiter und vermittelte den Schülern, dass es sich um eine nationale Bewegung handle, die einen alternativen Weg in der US-Politik darstellen würde. Bereits nach drei Tagen war die Geschichtsklasse und damit die Bewegung von 30 auf mehr als 200 Schüler angewachsen. Der fünftägige Versuch, der ursprünglich nur einen Tag hätte dauern sollen, entwickelte ein Eigenleben, das Jones nicht mehr kontrollieren konnte.

Eine Pressekonferenz als Schlussstrich

Er hatte eine unsichtbare Linie überschritten und entschloss sich, das Experiment bei einer fingierten Pressekonferenz zu beenden, bei der der neue Präsidentschaftskandidat der Bewegung eine Rede im Fernsehen halten sollte. Statt der Rede zeigte der Lehrer bei der Versammlung jedoch einen Dokumentarfilm über die Schrecken des Nazi-Regimes, um den überraschten Schülern zu verdeutlichen, zu welchen Gräueltaten eine solche Bewegung führen kann. "Es wurde zu DER Lernerfahrung schlechthin, für die ich Ron Jones für immer dankbar sein werde", sagt Berry.

Debbie Berry konnte es als eines von vielen Experimenten, das sie im Geschichtsunterricht erlebt hat, nach kurzer Zeit hinter sich lassen. "Anderen fiel es schwerer, loszulassen. Sie dachten, die Bewegung könnte sich als Revolution ausbreiten und wirklich etwas erreichen." Jugendliche seien besonders beeinflussbar und empfänglich: "Das ist das Schöne an der Jugend, es stürzt sie aber gleichzeitig ins Verderben. Wer kämpft in Kriegen? Junge Menschen, die einfach tun, was ihnen aufgetragen wird." Das Experiment würde heute noch genauso funktionieren, ist sich Berry sicher. "Man muss sich nur Trump anschauen. Eine Person kann so lange Lügen verbreiten, bis die Menschen sie irgendwann glauben. Man kann nur hoffen, dass es immer Leute gibt, die sich dagegen auflehnen."

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