13.09.2019

Schriftstellerin im Interview Ildikó von Kürthy: Frauen sind so stark!

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Ein Interview mit Tiefgang: Ildikó von Kürthy über Ängste, enge Freundinnen und ihr neues Buch.

Foto: imago images / Horst Galuschka

Ein Interview mit Tiefgang: Ildikó von Kürthy über Ängste, enge Freundinnen und ihr neues Buch.

Ildikó von Kürthy ist eine gefeierte Autorin. Im Interview mit BILD der FRAU spricht die 51-Jährige über ihr neues Buch, die Haltung zum Älterwerden und Ängste.

Ildikó von Kürthy ist gebürtige Rheinländerin – die Autorin und Kolumnistin hat zahlreiche Bestseller geschrieben, darunter "Mondscheintarif" (1999, auch verfilmt), "Höhenrausch", "Neuland", "Hilde" und viele mehr. Die 51-Jährige lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Hamburg,

Ihr neues Buch berührt: Es ist eine Liebeserklärung an die Freundschaft und an das Leben, auch wenn es älter und zerbrechlicher wird. Unsere Kollegin Wibke Thiedemann gibt zu: Beim Lesen flossen Tränchen – und auch bei diesem Interview mit der erfolgreichen Schriftstellerin Ildikó von Kürthy.

Ildikó von Kürthy im Interview mit BILD der FRAU: Mit ca. 50 muss man eine Haltung zum Älterwerden finden

BILD der FRAU: Liebe Ildikó von Kürthy, "Es wird Zeit" heißt Ihr neuer Roman. Wofür?

Ildikó von Kürthy: Um die 50 wird es Zeit, in aller Ruhe, aber doch zügig, eine Haltung zum Älterwerden zu finden. Es wird Zeit, Bilanz zu ziehen und Korrekturen zu machen, falls nötig. Also zu sehen: Wo stehe ich, wo will ich hin und was muss ich tun, um dieses Ziel zu erreichen?

Und wenn die Leute sagen: "Ist aber alles schön!"?

Dann ist das toll, aber trotzdem verändert sich ja vieles ohne eigenes Zutun und man muss sich neu definieren. Hat man Kinder, gehen die allmählich aus dem Haus, ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Hat man einen Partner, ist man wieder allein mit dem, muss sich vielleicht fragen: Mögen wir uns noch? Und dann ist da natürlich der Alterungsprozess des eigenen Körpers und der Seele. Wenn ich abends mit fünf, sechs Freundinnen in der Küche sitze, ist da keine mehr unbehelligt von irgendeiner Form von Tragödie. Die Gesprächsthemen haben sich geändert.

Ihr Roman ist ziemlich schwermütig. Ich musste weinen ...

Ich finde, dass ich ein sehr lustiges Buch geschrieben habe. Die warmherzigste Komik entsteht dann, wenn man nicht die Augen verschließt vor dem Leid. Ich habe all die Erfahrungen, die ich an der Seite meiner schwer krebskranken Freundin gemacht habe, in das Buch einfließen lassen. Wir hatten bei allem Kummer auch eine wunderbar warme, lustige Zeit zusammen. Ich empfinde diese Schwermut gar nicht.

Das Schicksal ist unberechenbar

Ihre Botschaft lautet also wie?

Dass es wenig Sinn macht, sich zu sorgen, bevor der Anlass zur Sorge eingetreten ist. Die Botschaft: Warte es mal ab. Wie eine meiner Romanfiguren sagt: Stirb erst mal, dann sehen wir weiter.

Galgenhumor.

Das Schicksal schlägt einfach unberechenbar zu. Meiner Freundin geht es Gott sei Dank wieder sehr gut. Wie sie ihr Schicksal nicht nur meistert, sondern zu einem Gewinn macht, das hat mich beeindruckt und ermutigt.

Haben Sie gar keine Ängste?

Ich bin ein Angstlappen. Ich habe viele Ängste, rationale, irrationale. Nennen Sie eine, ich habe sie bestimmt. Ich bin kein mutiger Mensch, aber ich stecke voller Zuversicht.

Und da kommt die Gelassenheit des Alters ins Spiel?

Im besten Falle geht sie einher, aber man wird ja leider nicht automatisch gelassen und weise, nur weil man älter wird. Ich komme immer wieder auf die Haltung zurück, die man finden muss. Es ist ein Unterschied zu den jungen Jahren. Und ich muss für mich festlegen: Wie betrachte ich das, was ich im Spiegel sehe, auch wenn das objektiv gesehen nicht gerade schöner wird? Und wie betrachten Sie das? Mein Körper hat mir so gute Dienste geleistet. Ich habe zwei Kinder bekommen, ich habe immer viel und lecker gegessen und oft auch mal ein Glas Wein zu viel getrunken. Warum sollte das nicht irgendwann auch Spuren zeigen?! Und wenn mein Meniskus zwackt, denke ich: Ja meine Güte, was hält denn heutzutage auch noch 51 Jahre? Meine Gästehandtücher? Nein! Aber mein Meniskus! Das ist der Lauf der Dinge, damit zu hadern, ist ungesund und blöd.

Enge Freundinnen bedeuten ihr wahnsinnig viel

Freundschaft ist das große Thema Ihres Romans. Wie viele enge Freundinnen haben Sie?

Ich habe zehn enge Freundinnen, alle bedeuten mir wahnsinnig viel. Ich feiere das Erscheinen meines Buches mit ihnen. Da ist auch meine krebskranke Freundin Jutta dabei, der das Buch ja gewidmet ist Mit ihr hatte ich eine Abmachung: Ich widme dir das Buch, wenn du noch lebst, wenn es erscheint. Ich fange schon wieder an zu weinen

Ich jetzt auch.

Das war in meiner Küche vor zwei Jahren, und wir dachten wohl beide, dass sie ihren Teil des Versprechens nicht würde halten können. Statistisch gesehen hatte sie so gut wie keine Chance. Sie lebt, sie ist glücklich und ich bin es auch.

Ildikó von Kürthy: "Ich bin bequem und feige"

Gibt es Ängste, denen Sie sich nicht stellen?

Ja, ich umfahre jeden Tunnel, habe Flugangst, ich bin eine professionelle Vermeiderin. Ich habe auch Lampenfieber und lange Zeit keine Lesungen gemacht. Aber ich taste mich ran, mache inzwischen Bühnen-Shows, in denen ich singe, tanze und mich verkleide.

Sie werden mutiger?

Ja, allmählich. Ich bin nicht der Typ fürs kalte Wasser. Man muss mich schubsen. Springen tue ich nicht. Ich bin bequem und feige und hab es gern gemütlich.

Bequem und feige? Auch nicht gerade nett, so über sich zu sprechen.

Ich bin ja auch nicht auf der Welt, um die ganze Zeit nur nett zu mir zu sein. Sondern um mich kennenzulernen. Das ist keine mangelnde Selbstliebe. Sich Schwächen einzugestehen macht stark. Wenn man sie kennt, benennt, akzeptiert oder lernt, mit ihnen umzugehen oder versucht, sie loszuwerden. Frauen waren noch nie das schwächere Geschlecht. Sie betrachten sich nur selbst genauer und ehrlicher. Das ist ihre größte Stärke.

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Recht hat Ildikó von Kürthy! Starke Frauen wissen um ihre Schwäche – denn genau das macht sie stark.

Kennen Sie beispielsweise Julia Specht? Die 24-Jährige leidet an Lipödem. Wie sie gelernt hat, damit umzugehen, wie sie heute mit der Krankheit lebt, und warum sie uns auf Instagram soviel Mut macht, erzählt sie im Interview.

Was das Projekt "Underneath We Are Women": 100-mal Weiblichkeit pur mit starken Frauen zu tun hat, erfahren Sie hier.

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