16.06.2019

Schweizer Krimi "Tatort: Ausgezählt": Wie viel wird im Boxsport wirklich gedopt?

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Gedopt sind beide Boxerinnen aus dem Schweizer "Tatort" - eine wird den Kampf nicht überleben

Foto: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler

Gedopt sind beide Boxerinnen aus dem Schweizer "Tatort" - eine wird den Kampf nicht überleben

"Wenn du in dieser Liga nicht 'stoffst', kannst du gleich aufhören", sagt der Vater und Trainer von Boxerin Martina Oberholzer im Luzerner "Tatort: Ausgezählt" zu Kommissarin Liz Ritschard (Delia Mayer). Stoffen ist seine euphemistische Bezeichnung für Doping, und das, so wird im Krimi angedeutet, ist im Boxsport nicht nur verbreitet, sondern die Norm. Stimmt das denn? Wirft man einen Blick auf die zunehmenden Enthüllungen der jüngeren Vergangenheit, könnte er damit durchaus Recht haben.

"Jeder macht es und jeder im Boxen weiß davon"

Von einem "Doping-Skandal" war jüngst immer noch die Rede, als Schwergewichtsweltmeister Manuel Charr (34) im September 2018, wenige Tage vor einem geplanten Titelkampf gegen Fres Oquendo (46), positiv auf Anabolika getestet wurde. Die Voluntary Anti-Doping Association (Vada) hatte Epitrenbolon und Drostanolon bei dem Boxer nachgewiesen. Dabei konnte zu diesem Zeitpunkt schon niemand mehr annehmen, bei Charr handele es sich um einen Einzelfall. Schon einige Monate zuvor hatte eine ARD-Dokumentation aufgedeckt, wie es um Doping im Boxsport steht.

"Doping spielt eine große Rolle im Profiboxen, leider", sagte Robert Rolle, der früher selbst im Ring stand und heute als Trainer arbeitet, darin. "Das sind nicht nur Einzelfälle. Boxen ist die Sportart, die mit am meisten benötigt. Und deswegen gibt es eigentlich alles - von Abnehmmedikamenten bis hin zu Entwässerungstabletten bis hin zu anabolen Steroiden, Wachstumshormonen, Epo, Blutdoping. Es gibt alles." Wenige Wochen vor Charrs positivem Test hatte die Ex-Weltmeisterin Mia St. John (51) nicht nur ihr eigenes Dopingverhalten gestanden, sondern in einem Tweet außerdem beteuert, dass "jeder es macht und jeder im Boxen davon weiß".

Die Risiken und Folgeschäden sind verheerend

Eine Einschätzung, die Vada-Präsidentin Margaret Goodman zumindest teilweise bestätigt. Ebenso wie im Radsport gebe es auch beim Profiboxen "definitiv" professionelle Strukturen, wenn es um das Thema Doping gehe. "Eins steht fest: Das Problem ist deutlich größer, als viele glauben. Und das, obwohl die Risiken und Nebenwirkungen des Dopings zu schwerwiegend sind, um sie zu ignorieren."

Am häufigsten würden anabole Steroide (Anabolika) genutzt und nachgewiesen werden, so Goodman. Die Liste der Nebenwirkungen und Folgeschäden dieser Mittel ist lang: So warnt die Nationale Anti Doping Agentur (Nada) unter anderem vor einem vergrößerten Risiko, an Brust-, Prostata- oder Leberkrebs zu erkranken, vor erheblichem Einfluss auf die Psyche und das Aggressionspotential, vor Belastung des Herz-Kreislauf-Systems und der Blutfettwerte, was im schlimmsten Fall einen Herzinfarkt auslösen kann. Eben die Folge, die auch beim "Tatort" ganz am Anfang demonstriert wird, als eine Boxerin nach dem Kampf zu Boden geht und nicht wieder aufsteht.

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