20.09.2018 - 12:43

"Never gonna give you up" Rick Astley in Berlin: Perplexe Faszination im Admiralspalast

Der Blick zeigt: Dieser Mann hat sein Publikum absolut unter Kontrolle. Rick Astley war am 18. September 2018 im Berliner Admiralspalast zu Gast – und hat dort zusammen mit seiner Band ein Feuerwerk an Stilbrüchen von sich gegeben. Und das auch noch mit Erfolg.

Foto: Sonja Utsch

Der Blick zeigt: Dieser Mann hat sein Publikum absolut unter Kontrolle. Rick Astley war am 18. September 2018 im Berliner Admiralspalast zu Gast – und hat dort zusammen mit seiner Band ein Feuerwerk an Stilbrüchen von sich gegeben. Und das auch noch mit Erfolg.

Es ist das letzte Konzert seiner aktuellen Deutschlandtour – aber sicher nicht sein letztes in Berlin. Das hat Rick Astley am Abend seines Besuches im Berliner Admiralspalast sogar noch singend betont. Warum der 80er-Jahre-Star noch heute die Menge zum Toben bringt…

"Ihr habt bestimmt bemerkt: Ich tanze nicht mehr." Oh, dieser Satz sollte sich ein wenig durchziehen durch den Auftritt von Rick Astley im Berliner Admiralspalast. "Das müsst ihr für mich übernehmen." Und genau das konnte das Publikum auch – und tat es, je nach Hit auf die eine oder andere Art. Man ahnte es bereits, es würde nicht nur Altes zu hören geben.

Rick Astley in Berlin: Und die Menge wartet auf…

Wenn Sie sich hin und wieder im Internet Videos anschauen, sind Sie bestimmt schon einmal ge-"rickroll’d" worden. Äh, wie bitte? Das Phänomen lässt sich ganz gut erklären: Kennen Sie "Clickbaiting"? Das ist das, was viele Internetportale mit reißerischen Überschriften betreiben. Und genau das ist auch bei Youtube vor einigen Jahren passiert. Vorschaubilder und Überschriften lockten Nutzer auf Videos zu den unterschiedlichsten Themen – und nach nur einer Sekunde ertönten bekannte 80er-Klänge in Form von Rick Astleys bekanntestem Hit "Never gonna give you up".

Tipp am Rande: Sogar Astley selbst, genauer sein vorletztes Album "50", wird zum "Rickrolling" genutzt: Suchen Sie doch mal bei Youtube nach "Rick Astley 50 Full Album"…

Der Sänger selbst kennt das Phänomen – und zieht einfach voll mit. Er weiß genau, warum die meisten an diesem warmen Septemberabend in den Berliner Admiralspalast geströmt sind: Um seine Songs der 80er zu hören. Und damit spielt er ganz gehörig. Immer wieder scherzt er über den Plastikpop und erntet damit mehr oder weniger freudige Empörung aus Richtung Publikum. Doch wir sollen später feststellen: Auch seine neue Musik reißt mit – aber eben auf eine ganz andere Art.

Er spielt mit seinen Fans...

Diese Mischung aus alt und neu, aus 80er Pop und jazziger, ehrlicher Popmusik, passte kurioserweise in die altehrwürdig anmutende Kulisse des Theaters. Die Sitzplätze hatte man herausgeräumt – genug Platz zum Tanzen war also.

Dem Publikum einheizen sollte aber erstmal Sängerin Elise LeGrow – die "neue Amy Winehouse", wie sie einst betitelt wurde. Dass dieser Vergleich stark hinkt, kann man sich denken. LeGrow klingt ähnlich – aber doch so anders und auch ihre Bühnenpräsenz hebt sich von der der im Jahr 2011 verstorbenen Sängerin ab. Dem anfangs etwas steifen Publikum sagt’s auf jeden Fall zu, der Jubel wird lauter.

Dennoch ist man im Saal lange sehr zurückhaltend – auch als Rick Astley selbst die Bühne mit seiner Band übernimmt. Ein kurzes Aufbäumen, als der Klassiker "Together Forever" den dritten Song der Setlist markiert – kurz kurios, den Sänger im grauschwarzen Anzug dazu zu sehen, aber die Tolle hat gesessen. Dann wird es schnell wieder ruhiger – zumindest etwas.

Das ist aber auch kein Wunder, unterscheiden sich Astleys aktuellere Werke doch stark von dem aus den 80ern bekannten Pop. Jazziger klingt’s, auch dank der großartigen Band. Auch Astleys Stimme ist viel reifer und kerniger geworden. Ebenso übrigens wie sein Publikum. Im Schnitt um die 40, hat aber an diesem Abend wohl doch der eine oder andere sein längst im Schrank eingepacktes Tanzbein wiedergefunden.

Mitunter wusste der Sänger mit ebendiesem seinem Publikum aber gehörig zu schäkern. So widmete er recht früh den Song "Hold me in your arms" den "Statuen im Publikum" – den Männern, die eigentlich gerade lieber Champions League gucken würden, statt hier zu stehen. Und siehe da, auch die Herren wurden nach diesen Worten ein wenig lockerer in den Knien.

Mit solchen Ansagen gelang es ihm, seine Zuhörer immer wieder zu animieren. Rick Astley ist einfach ein Entertainer mit Leib und Seele.

Die alten Hits sind Programm – in den neuen steckt Herzblut

Kurioserweise aber präsentiert dieser Entertainer vor allem seine doch mitunter ruhigeren neuen Songs wesentlich euphorischer als die alten Hits – denn es sind seine eigenen. Das, was wir da hören, ist Rick Astleys Musik. Und so setzt sich der Abend mit gefühlt nur Hits fort, zu denen es immer eine kleine Anekdote gibt. Und das Publikum ließ sich mehr und mehr mitreißen. Auch Geschichten über seine erste Reise nach Berlin im Jahr 1987 taten da ihren Dienst – er hatte seine Fans an diesem Abend definitiv im Griff.

Und dann passierte etwas: Nachdem die Band die Bühne kurzzeitig verlassen hatte, erklang viel Jubel, durchmischt von lauten "Rick! Rick! Rick!"-Rufen, mit denen wir zugegeben ganz am Anfang nicht gerechnet hätten. Und natürlich formierte sich die Band wieder auf der Bühne – inklusive Rick und einer Ankündigung.

Und plötzlich: irritierende Faszination im Strobolicht

Zum zweiten Mal überhaupt stellt der Künstler den Anwesenden nun nämlich sein Nebenprojekt mit einem Freund vor – der eigentlich Roadie ist und nun mit Rauschebart, Arztkittel und einem Bein in einer Blechtonne auf der Bühne stand. Und keiner weiß im ersten Moment, was nun gerade eigentlich geschieht. Ein "Bastard aus Kraftwerk und Rammstein", kündigt Astley selbst an – und setzt sich einen Pappkarton mit Plastikbecher-Nase und schief ausgeschnittenen Gucklöchern auf. Die Menge ist ratlos – noch mehr, als dann die ersten harten Riffs durch das zitternde Strobolicht hallen. Vorbei ist es erstmal mit den Regenbogenfarben auf der Bühne. Und der eigentlich so brav aussehende Astley schnarrt los – auf Deutsch: "Farrrrbe ist meine Welt!" hallte der Refrain des ersten Hits von "Kunsthaus" in Rammstein-Manier immer wieder durch den Saal.

"Perplexe Faszination" – damit lassen sich die Blicke auf den Gesichtern der Anwesenden wohl am Treffendsten beschreiben. Doch die Mauer fällt schnell. Der Jubel danach? Noch gigantischer. Spätestens jetzt war dann wohl auch der Punkt erreicht, an dem das Publikum sich einfach fallen lassen kann.

Furioses Finale mit ewigen "Rickroll"

Bei der zweiten Zugabe mischt Astley noch einmal neu und alt. Mit Schnäpschen kommt er auf die Bühne, mischt dann einen seiner Songs mit Rihannas "We found love", bevor er die Akustikgitarre hervorholt. "Ich weiß, ihr wartet alle auf das eine. Aber vorher spiele ich noch was neues, einen Song, der mir sehr am Herzen liegt." Mit "Try" vom aktuellen Album fesselt er den plötzlich wieder ruhigeren Saal einmal mehr, bevor die Menge explodiert und der charmant-verrückte nette Mann von nebenan mit dunklen, avantgardistischen Geheimnissen dem Publikum endlich die Erlösung gewährt.

Langsam angestimmt, wird der Hit "Never gonna give you up" zum etwa zwanzigminütigen Dauerbrenner, ewigem "Rickroll" und zur Hommage an seine Band.

"Rick Astley" ist nicht nur er – sondern die ganze Band

Wer diese zwei Stunden miterlebt hat, weiß: Das Gesamtpaket funktioniert. Während der gesamten Spieldauer – immerhin über zwei Stunden! – hatte man mehr den Eindruck, einem Konzert einer wirklich harmonisierenden Band zuzusehen.

Durch kleine Anekdoten und die Kommunikation auf der Bühne wird schnell klar: Man hat es hier mit Menschen zu tun, die sich wirklich kennen und aufeinander eingestimmt sind. Mit kleinen Scherzen zieht Astley seine Bandmitglieder auf. "Liest du da gerade ein Buch auf deinem iPad??", fragt er etwa völlig entsetzt seinen gerade ein Solo zum Besten gebenden Keyboarder. "Der hat hier zig Geräte liegen, der ist doch gar nicht bei der Sache! Der liest doch 50 Shades of grey!" – Jeder merkt: Sein Keyboarder ist sehr wohl bei der Sache.

Die Liebe zu seiner Band bringt er trotz all der Scherze vor allem zum Ende des Konzertes noch einmal so richtig auf den Punkt, indem er jedes einzelne der sechs Mitglieder einzeln vorstellt – mit kurzer Anekdote und Platz für ein Solo, das sich einwandfrei in das über viele Minuten langgezogene "Never gonna give you up" einschmiegt.

Auch hier gelingt wieder die Krux zwischen einstudiertem 80er-Jahre-Pop und aktuellen Hits. Seinen größten Hit reißt er mit dieser Improvisation noch einmal gehörig auf – bis ein schöner, aber auch irgendwie kurioser und dadurch überraschender Abend mit Zeitreisencharakter zu Ende geht. Und zugegeben, die Karten waren nicht günstig. Aber der Blick in die Gesichter am Ende verrät: Zwar weiß man manches noch nicht ganz einzuordnen, was dieser eigentlich so bodenständig wirkende Rick Astley hier geliefert hat. Bereut hat diesen Abend hier aber keiner.

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