04.05.2018

Was macht eigentlich...? Frau Puppendoktor Pille hat ihren eigenen Tod miterlebt

Die Schauspielerin Urte Blankenstein wurde als Frau Puppendoktor Pille bekannt. Im Interview erfahren Sie, wie es ihr heute geht.

Foto: privat

Die Schauspielerin Urte Blankenstein wurde als Frau Puppendoktor Pille bekannt. Im Interview erfahren Sie, wie es ihr heute geht.

Sie wurde bekannt als Frau Puppendoktor Pille. Aber was macht die Schauspielerin Urte Blankenstein heute eigentlich? bildderfrau.de hat die 74-Jährige besucht.

Sie ist eine der wohl bekanntesten Figuren aus dem Fernsehen der ehemaligen DDR. Generationen über Generationen sind mit ihr aufgewachsen. "Frau Puppendoktor Pille mit der großen klugen Brille“ war und ist für die Kleinen die Ansprechpartnerin, wenn es um Wehwehchen ihrer Puppen und Teddys ging. Dabei wurde sie fast nie medizinisch – Urte Blankenstein kümmerte sich viel mehr um die Seelchen der kleinen Puppeneltern. Sie verarztete selten mit Pflaster, lieber mit warmen Worten. Und dafür liebten sie die Kinder.

Aber was macht eigentlich Frau Puppendoktor Pille heute? Wer glaubt, es ist ruhig geworden um die 74-Jährige, der täuscht sich – und hat Recht zu gleich. bildderfrau.de hat die Schauspielerin Urte Blankenstein in ihrer kleinen, aber gemütlichen Plattenbau-Wohnung in Berlin-Johannisthal zu Kaffee und Kuchen besucht.

Es ist nicht mehr der große Fernseh-Job, der wöchentliche Auftritt im Vorabendprogramm beim "Sandmann“, der auf sie wartet, nein sie tritt noch live bei Volksfesten, in Theatern, in Shopping-Centern und auf privaten Feiern auf. Doch eins hat sich nicht verändert: "Frau Puppendoktor Pille mit der großen klugen Brille“ zieht die Menschen immer noch in ihren Bann. Selbst große Kinder werden plötzlich ganz ehrfürchtig und spüren das Kind in sich selbst. Erinnerungen kommen hoch.

Liebe Urte, was machst du eigentlich heute? Was ist aus Frau Puppendoktor Pille geworden?

Ich stehe immer noch auf der Bühne, mache hauptsächlich Kinderprogramme zusammen mit dem Frosch Quaki. Aber das ist nicht alles, seit einigen Jahren mache ich auch wieder Programme für Erwachsene, natürlich auch in der Rolle der Puppendoktorin. Da wird herzlich gelacht und die ein oder andere Anekdote aus meiner Arbeit mit den Kindern erzählt und manchmal ist auch der ein oder andere Zuschauer im Publikum vor mir nicht sicher.

Erinnerst du dich eigentlich noch an den Beginn, den Anfang deiner Fernsehrolle als Frau Puppendoktor?

Ja das war im Jahre 1968, also vor exakt 50 Jahren. Auch damals gab es ein Vorsprechen.

So wurde aus Urte Blankenstein Frau Puppendoktor Pille

Wie hast du dich in deiner Rolle gefühlt?

Es war und ist eine Rolle, die ich aus tiefstem Herzen nicht nur gespielt, sondern vor allem auch gefühlt habe. Ich war eigentlich gar nicht die verarztende Doktorin. Ich gebe zwar ab und zu Ratschläge, die eigentlich ein Arzt zu geben hat. In Wirklichkeit bin ich aber eigentlich nur für die Seelen zuständig. Ich habe auch in den Abendgrüßen nie direkt verarztet. Ich war und bin so die Vermittlerin zwischen den Eltern und den Kindern. Das hat sich bis heute nicht verändert.

Wieviel Urte und wieviel echtes Leben steckte in den Geschichten, die einmal wöchentlich im "Abendgruß" – dem Sandmännchen – gesendet wurden?

Die Abendgrüße wurden von einer Autorin geschrieben, aber immer auch mit den echten Geschichten und Sorgen unserer Zuschauer. Ich habe Post von Kindern und von Eltern bekommen. Mir schrieben beispielsweise besorgte Eltern, die Hilfe in Erziehungsfragen benötigten. dazu berichteten sie von den kleinen Herausforderungen des Alltags. Am Ende haben unsere Autoren genau diese echten, wahren Probleme mit aufgenommen und in die Manuskripte eingearbeitet.

Ihr Leben in der ehemaligen DDR

Wie war das Leben früher in der ehemaligen DDR? Deine Rolle war eine der bekanntesten Persönlichkeiten im TV. Warst du ein Star?

Wir waren keine Stars, doch so ziemlich jedes Kind kannte und liebte mich. Wäre ich als Urte zu erkennen gewesen, hätte ich keine Ruhe gehabt. Manchmal warteten nach einer Veranstaltung draußen die Kinder und wunderten sich, dass ihre Puppendoktorin nicht raus kam. Sie erwarteten natürlich eine Frau mit dunklen Haaren und Zopf aber ich hatte damals wie heute blonde Naturlocken. Es wußte niemand, dass ich als Puppendoktorin eine Perücke trug.

Wenn wir danach jedoch ab und zu im Restaurant waren, dann kamen manchmal erwachsene Fans an und sagten: "Wir haben gewettet... sind Sie es?“. Das waren aber Ausnahmen. Es gab keinen Star-Rummel um meine Person, es wussten nur wenige und das war auch gut so.

Frau Puppendoktor Pille hat ihren eigenen Tod miterlebt

War Frau Puppendoktor Pille die Rolle deines Lebens?

Ja, auf jeden Fall! Ich bin zwar nicht die Erste, die diese Rolle gespielt hat, sondern die Dritte. Die erste war Helga Labbuda, die zweite Angela Brunner. Der Tod von Helga war für mich das größte Desaster überhaupt. Eine Berliner Zeitung schrieb damals anlässlich ihres Todes auf dem Titelblatt: 'Frau Puppendoktor Pille gestorben'. Die Zeitung lag überall aus, ich konnte die Schlagzeile aus dem Bus heraus am Kiosk sehen.

Das wurde dann auch für mich dramatisch. Mein Sohn hat Beileidsbekundungen bekommen, Freunde und Kollegen dachten, ich wäre verstorben. Von heute auf morgen erlebte ich, wie es sein muss, wenn ich wirklich einmal sterbe. Ich habe quasi meinen eigenen Nachruf und Kondolenzbekundungen erlebt, dabei ging es ja um meine Vorgängerin, die diese Rolle nur von 1959 bis 1963 spielte.

Hat dich dieses Ereignis geprägt?

Und wie. Die Reaktionen waren überwältigend und beängstigend zugleich. Anfangs konnte ich noch lachen, später bin ich erschaudert. Menschen haben in Facebook über mich so emotional und bewegend geschrieben, dass es mir sehr nahe ging. Einer schrieb: 'Sie war die Liebe meines Lebens', ein anderer: 'Das war meine Kindheit, ich bin so unendlich traurig'.

Ich wusste nicht, was ich machen soll. Drei Tage war es relativ ulkig, aber dann wurde es schlimm. Es wurden Veranstaltungen abgesagt, ich musste den Menschen erst wieder beweisen, dass ich noch lebe. Auch heute noch werde ich ab und zu, vornehmlich in Sachsen, gefragt, ob ich nicht 2014 gestorben wäre. Dieses Erlebnis wünsche ich niemandem.

Bist du ein Ost-Phänomen oder kennt man dich mittlerweile auch in ganz Deutschland?

Eigentlich war ich nie nur ein Ost-Phänomen. Viele "West"-Eltern, die das DDR-Fernsehen empfangen konnten, guckten mit ihrem Kindern den Ost-Sandmann. Ich war schon seit Anfang der 80er-Jahre auch in den alten Bundesländern in dieser Rolle unterwegs. Los ging es 1982 in Villingen-Schwenningen. Allerdings hieß ich dort anders, nämlich 'Frau Puppendoktor Spiel-Spaß'. Das war Voraussetzung, um überhaupt ausreisen und woanders auftreten zu dürfen.

Und auch dort bin ich erkannt worden. Ich sah anders aus, hatte einen anderen Namen, trug keine Zöpfe, aber an meiner Stimme wurde ich erkannt, vor allem natürlich von den Menschen, die zuvor aus der DDR ausgereist oder geflüchtet waren.

"Puppen sind Liebe und das Spiel mit den Puppen liegt einfach in den Genen"

Nun sind deine kleinen Zuschauer von damals heute selbst Eltern oder Großeltern. Welches Publikum erscheint heute zu deinen Auftritten?

Ich dachte jahrelang, es sind die jungen Eltern, die mich noch kennen und eben ihre Kinder im Publikum, bis ich irgendwann gesagt bekam: 'Nein Urte, selbst die jungen Eltern kennen dich nicht mehr von früher. Die Großeltern vielleicht.'

Die Zeit vergeht so schnell. Ich erlebe es ganz oft, dass "alte" Erwachsene auch ohne Kinder da sind oder eben neue Kinder und ihre Eltern, die sich ebenfalls von mir bzw. von meiner Rolle begeistern lassen. Frau Puppendoktor Pille berührt auch heute noch die Kinder und vielleicht sogar die von Morgen. Auch heute noch muss und will ich die Vermittlerin sein zwischen den Großen und den Kleinen.

Zum Schluss möchten ich dich als Frau Puppendoktor Pille fragen, welchen Rat hast du für Eltern, Familien und solche, die es vielleicht bald werden?

Ich hoffe, dass alle Mütter, Väter, alle Eltern ihre Kinder weiter mit Puppen spielen lassen, mit realen Puppen. Und die müssen auch nicht reden können oder sonstwas drauf haben. Man muss einfach nur das machen, was wir alle gemacht haben: die Liebe und Zuneigung, die wir empfangen haben, an unsere Puppen und Teddys weiterzugeben. Und ich fände es schön, wenn es auch weiterhin so geschieht. Das Spiel mit den Puppen liegt einfach in den Genen. Es geht um Liebe, um Fürsorge, Verantwortung und Zuneigung – wichtige Werte in einer immer anonymer werdenden Welt.

Schaut euch wieder ins Gesicht, wenn ihr Zeit miteinander verbringt und nicht nur aufs Smartphone oder Tablet.

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