27.04.2018

Mit Hauptrolle jetzt im Kino Samuel Koch über Schauspielern, Mitleid und Würde

Do, 26.04.2018, 18.14 Uhr

Samuel Koch: So hat er sich auf seine erste Kino-Hauptrolle vorbereitet

Beschreibung anzeigen

Samuel Koch ist seit seinem tragischen Unfall bei „Wetten, dass..?“ querschnittsgelähmt. Jetzt glänzt der 30-Jährige im Kino mit seiner ersten Hauptrolle.

Es war eine Tragödie: Am 4. Dezember 2010 verunglückte der Leistungsturner und Schauspiel-Student Samuel Koch als "Wetten, dass..?"-Kandidat bei einem Stunt – und ist seitdem querschnittsgelähmt. Doch der heute 30-Jährige hat nicht aufgegeben – 2014 hat er die Schauspielprüfung bestanden und arbeitet seitdem als Schauspieler. Am Staatstheaters Darmstadt ist er Ensemblemitglied. Jetzt ist er im Kino in seiner ersten Hauptrolle zu sehen.

Samuel Koch in seiner ersten Kino-Hauptrolle

Der Film "Draußen in meinem Kopf" handelt von einem Gelähmten, den Samuel Koch spielt, und seinem neuen Betreuer, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Dennoch entwickelt sich eine Art Verständnis auf beiden Seiten – beide lernen, die Welt des anderen zu respektieren, mit allen Höhen und Tiefen. Es ist ein ruhiges, aber intensives Kammerspiel, das von der sensiblen Regie, der Kameraführung – und nicht zuletzt von den beeindruckenden schauspielerischen Fähigkeiten Samuel Kochs lebt.

Eigentlich ein Grund, stolz zu sein, doch Stolz ist nicht das Wort, das der Schauspieler in diesem Zusammenhang verwenden will. Vielmehr ist er dankbar, sagt er dem Hamburger Abendblatt – und "demütig, dass ich diese Chance bekommen habe. Ich hoffe nur, dem auch gerecht geworden zu sein."

Lähmung war kein Kriterium für die Rolle

Als gelähmter Mensch die Rolle eines Gelähmten zu übernehmen – lag das nahe? Nein, sagt Regisseurin Eibe Maleen Krebs dem NDR gegenüber, das sei so nicht geplant gewesen. Er war ein Kandidat unter vielen anderen, sagt sie: "Wir haben ihn gecastet, er hat uns überzeugt, und wir haben uns am Ende aufgrund seiner Performance entschieden."

Vielmehr war die Rolle für Samuel Koch selbst eine Herausforderung: "Einmal weil die Figur, die ich spiele, auf einer wahren Person beruht – und zum anderen, weil Sven sich weit weniger bewegen kann als ich", sagte er bei der NRW-Premiere des Films in Düsseldorf. Und beweist gleich noch, dass er seinen Humor über all die Jahre nicht verloren hat: Es sei eine völlig neue Erfahrung für ihn gewesen, die Regieanweisung "beweg dich nicht zu viel" zu bekommen.

Schauspielerei ist mehr als nur der Körper

Die Nachrichtenagentur dpa fragte Samuel Koch einmal, welche Rolle der Körper bei ihm als Schauspieler vor dem Unfall und welche danach spielte. Auch darauf fand er eine humorige Antwort: "Meine Dozenten an der Uni befürchteten vor dem Unfall, dass mir meine Körperlichkeit beim Schauspielern im Weg stehen könnte. Diese Sorge habe ich ja nun nicht mehr..."

Doch dann schlägt er ernstere Töne an, erklärt: "Zur Schauspielerei gehört mehr als nur der Körper, nämlich Stimme und Geist. Natürlich sind viele Dinge für mich weggefallen. Weswegen ich mich auch lange gefragt habe: Was soll das Ganze überhaupt noch? Aber ich habe mich dann auf die ursprünglichen Reize der Schauspielerei besonnen. Die Essenz ist geblieben: Menschen zum Lachen, Weinen und im besten Fall zum Nachdenken anzuregen."

Der Schauspieler über Mitleid und Selbstmitleid

Es ist ein schweres Schicksal, das Samuel Koch zu schultern hat. Wie bewahrt man sich davor, im Selbstmitleid zu versinken? In den ersten Monaten war das schwer, gibt er dem Schweizer Online-Portal prisma gegenüber zu. "Manchmal brauche ich auch einen Tritt, um mich dazu zu überwinden, rauszugehen und mich potenziell unangenehmen Situationen zu stellen. Meine Freunde haben von mir deshalb die Lizenz zum Arschtritt und nutzen sie auch. Das ist nicht immer einfach, aber im Resultat gut, so schreibe ich in meinem Buch" ("Rolle Vorwärts – Das Leben geht weiter, als man denkt", adeo Verlag, 2015, Anm. d. Red.).

Und wie ist es mit dem Mitleid der Mitmenschen – nervt das nicht manchmal, wurde er im Interview mit der Hannoverschen Allgemeinen gefragt. Seine Antwort: "Manchmal scheinen die anderen mehr zu leiden als man selbst. Mitleid bringt aber niemandem wirklich etwas, Mitgefühl dagegen ist was Gutes. Das merkt man immer dann, wenn jemand keine Empathie aufbringt."

Beim Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken erhielt "Draußen in meinem Kopf" Ende Januar den Preis der deutsch-französischen Jugendjury. "Ein Film der uns nicht nur berührt, sondern auch anhaltend beschäftigt", begründeten die Juroren und dankten dem gesamten Team abschließend "für einen Film, der uns in vielerlei Hinsicht bewegt".

Draußen in meinem Kopf, Deutschland 2018, 99 Min., FSK ab 12, von Eibe Maleen Krebs, mit Samuel Koch, Nils Hohenhövel, Eva Nürnberg

______________

Die querschnittsgelähmte ehemalige Stabhochspringerin Kira Grünberg im Interview mit bildderfrau.de.

Seite