28.01.2018

Reporterlegende "Kinder vom Bahnhof Zoo": Journalist Kai Hermann wird 80

Von

Pure Stille: Kai Hermann in Jasebeck.

Foto: dpa

Pure Stille: Kai Hermann in Jasebeck.

Kai Hermann ist Journalist und Autor, auch mit bald 80 ist er noch neugierig. Jahrzehntelang lebt er auf dem Land am Deich und im Hamburger Kiezviertel St. Pauli, ein Leben im Spagat. Er hat viel im Ausland recherchiert - und sich immer für Außenseiter interessiert.

Vom Bahnhof Zoo ins einsam gelegene Haus hinter dem Elbdeich - den Autor Kai Hermann haben schon immer die Gegensätze angezogen.

"Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" über das heroinabhängige Mädchen Christiane F. auf dem Drogenstrich wird für den damaligen Starreporter des "Stern" zum weltweiten Bestseller, auch danach sind junge Außenseiter in der Großstadt immer wieder sein Thema. "Ich wollte immer auf Seite derjenigen sein, auf deren Seite kein anderer war", sagt Hermann, der am 29. Januar 80 Jahre alt wird.

"Die Außenseitergeschichten waren immer die Kür, die habe ich eher nebenbei gemacht", erklärt der gebürtige Hamburger. "Ich war vorwiegend im Ausland unterwegs." Gerade ist er aus Thailand zurückgekommen, da verbringt er den Winter. Im Wendland hat er ein Haus mit gewaltigem Garten und mächtigen Bäumen, zur Elbe ist es nicht weit. "Bei Hochwasser sind es nur 40 Meter", sagt Hermann. Wacher Blick aus fröhlichen blauen Augen, das Alter sieht man ihm nicht an. Ein ruhiger Beobachter, kein übersprudelnder Redner.

"Er hat einen unheimlich klaren Blick und einen enorm klaren Verstand", sagt sein langjähriger Weggefährte Heiko Gebhardt, einst wie Hermann bei "Stern" und "Zeit" im Einsatz, er lebt ganz in der Nähe. "Seine Gelassenheit hat auch mit dem Leben auf dem Land zu tun, ohne die Entschleunigung wären wir beide lange tot." Seine Wohnung im Hamburger Stadtteil St. Pauli hat Hermann vor zwei Jahren aufgegeben. "Glückliches Doppelleben zwischen Deich und Kiez", hat er die Zeit genannt. Dort ist er aufgewachsen, der Vater war Marine-Offizier, die Mutter Journalistin. Früh landet auch er beim Journalismus.

"Ich konnte nichts anderes", sagt Hermann. "Ich bin ein Jahr durch Amerika gezogen und im Obdachlosenasyl gelandet. Auf dem Rückweg habe ich auf einem Kohlendampfer meine Bewerbung an die 'Zeit' geschickt." Erst wird er abgelehnt, nach einer Zwischenstation bei einer kleineren Zeitung klappt es doch. 1963 fängt er bei der renommierten Wochenzeitung an, die Jahre der Studentenproteste beginnen. "Wichtig war für mich 68, da war ich Berliner Korrespondent der 'Zeit'".

Hermann berichtet mit kritischer Sympathie und bekommt die renommierte Carl-von-Ossietzky-Medaille. 1969 wechselt er zum "Spiegel", berichtet aus den Krisenregionen im Nahen Osten und Lateinamerika. 1972 will ihn der "Stern", sieben Jahre bleibt Hermann dort. Danach arbeitet er als freier Autor, vorwiegend für das Magazin in Hamburg. Mit Horst Rieck verfasst er 1978 die "Kinder vom Bahnhof Zoo". Drastisch schildert eine Drogensüchtige die Wirklichkeit des Straßenstrichs und die Macht des Heroins. Das vielfach übersetzte Buch erreicht Millionenauflagen und wird höchst erfolgreich verfilmt.

"Kai Hermann ist durch seine dicht erzählten Reportagen bis heute ein Vorbild für viele Journalisten", sagt "Stern"-Chefredakteur Christian Krug. "Er gehört zu den besten Reportern, die der 'Stern' in seiner fast siebzigjährigen Geschichte in seinen Reihen hatte." Hermanns Artikelserie über Christiane F. habe zu einer intensiven Debatte über Drogenkonsum, Kinder- und Jugendprostitution geführt. "Ich habe immer noch Kontakt zu ihr, aber nur sporadisch", sagt Hermann über seine Protagonistin von damals. "Sie lebt in Berlin. Ich habe aber nicht das Recht, öffentlich über ihr Leben zu reden."

Auch nach Christiane F. beschäftigen ihn jugendliche Underdogs, wie die Punker am Alexanderplatz. Hermann schreibt Drehbücher, auch für den Film "Die Fälschung" von Volker Schlöndorff. Im Mittelpunkt steht ein Journalist, der Film beruht auf Hermanns Erlebnissen im Libanon.

"Ich wollte Gegen-Öffentlichkeit schaffen", sagt Hermann rückblickend. "Im Libanonkrieg war ich vornehmlich auf Seiten der Palästinenser. Den jugoslawischen Bürgerkrieg und den Kosovokonflikt habe ich auf Seiten der Serben erlebt." Die Berichterstattung sei unglaublich einseitig gewesen. "Meine Message war: Es gibt in diesen Kriegen keine Guten, kein Gut und Böse."

Heute also Jasebeck, eine Ansammlung verstreuter Häuser, einst ein Gut. Draußen steht ein Silberreiher auf einer der überschwemmten Wiesen, es ist unglaublich still. Hier hat Hermann seine beiden Kinder großgezogen, er ist in zweiter Ehe mit einer Thailänderin verheiratet. "Ich habe auf der ganzen Welt keinen Flecken entdeckt der schöner ist als Jasebeck und das Wendland - allenfalls noch in der Südsee", sagt Hermann. "Ich bin schon 45 Jahre hier." Hier in der Idylle hat er "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" geschrieben. "Ich beobachte gern Menschen und Vögel, da bin ich hier richtig", sagt Hermann. "Neugierig bin ich immer noch."

Was hat die Reporterlegende mitgenommen aus den Jahrzehnten als Journalist? "Jeder Mensch ist eine Geschichte, das habe ich gelernt", sagt Hermann nach einer kurzen Pause. "Und: Gut und Böse gibt es nicht in der realen Welt."

Seite

Kommentare