21.06.2017

Exklusiv-Interview Sven Hannawald: Natürlich darf mein Sohn Skispringer werden

Sven und Melissa Hannawald beim Bayerischen Sportpreis 2016.

Foto: imago/Sven Simon

Sven und Melissa Hannawald beim Bayerischen Sportpreis 2016.

Der ehemalige Skispringer Sven Hannawald ist vor kurzem zum zweiten Mal Vater geworden. bildderfrau.de hat mit ihm über Familie, seine Gesundheit sowie Höhen und Tiefen im Leben gesprochen.

Olympiasieger, Weltmeister und Triumphator bei der Vierschanzentournee – Sven Hannawald hat im Skispringen alle großen Titel gewonnen. 2004 beendete er seine Karriere mit der Diagnose Burn-Out. Hannawald ließ sich in einer Klinik professionell behandeln. Heute leitet er eine Beratungsagentur in München und arbeitet als TV-Experte. Auch privat hat er sein Glück gefunden: Im vergangen Jahr heiratete er seine Freundin Melissa Thiem. Im Mai kam Sohn Glen zur Welt. bildderfrau.de hat mit ihm über sein altes und neues Leben gesprochen.

Herr Hannawald, wie geht es Ihnen aktuell?

Hannawald: Das ist eine komplexe Frage. Es ist ja bekannt, dass ich einige gesundheitliche Probleme hatte. Ich habe aber gelernt, die Balance zwischen Aktivität und Pausen für mich zu finden. Wichtig ist einfach, dass man die richtigen Wege geht und nicht zu eifrig weiterforciert. Das habe ich nun im Griff, und deshalb ist alles im Lot bei mir.

Aber auch privat bin ich super zufrieden. Ich bin frisch verheiratet, und seit mein Sohn Glen da ist, fühle ich mich familiär. Danach habe ich mich immer gesehnt. Privat und beruflich läuft es gerade sehr gut. Wir haben den richtigen Weg gefunden.

Zum zweiten Mal Papa

Glen kam im Februar zur Welt. Damit sind Sie bereits zum zweiten Mal Vater geworden. Zu ihrem ersten Sohn Matteo (9) haben Sie jedoch kaum Kontakt. Jetzt haben Sie eine richtige Familie – sehen wie Glen sich entwickelt und größer wird. Was hat sich in Ihrem Leben verändert?

Ich bin zum zweiten Mal Vater geworden. Das möchte ich natürlich nicht verleugnen. Aber jetzt wo mit der Familie auch alles passt, ist das einfacher. Ich sauge das einfach alles auf, denn es bringt mich in eine Welt, die sich schön anfühlt. Jede neue Bewegung, jeder neue Laut, jedes Schmunzeln oder jede neue Reaktion ist spannend zu beobachten, ich genieße es, diese Entwicklung miterleben zu dürfen. Und ich versuche, die Zeit mit Melissa und Glen ganz intensiv wahrzunehmen. Ich bin viel außer Haus, da ist die wenige Zeit mit der Familie einfach besonders wichtig.

Wie unterstützen Sie Ihre Frau?

Wir wohnen in München im vierten Stock ohne Aufzug, ich bin deshalb der Einkäufer, ich versuche das physische weitestgehend zu übernehmen und Melissa so zu entlasten. Wenn ich zum Beispiel weiß, dass ich länger weg bin, dann gucke ich vorher, was wird gebraucht, was kann ich schon kaufen und hochtragen.

Ansonsten wechsle ich auch die Windel oder bespaße den Kleinen, wenn Melissa auch mal etwas machen möchte. Stillen kann ich jetzt nicht, aber wenn Glen von der Muttermilch wegkommt, hin zum normalen Essen, dann komme ich natürlich wieder mehr ins Spiel. Dann kann ich sie noch mehr unterstützen. Aber derzeit ist es so, dass ich mich eher um das Drumherum kümmere.

Kinder sind etwas ganz Besonders. Was können Sie von Glen lernen?

Wir können uns von Kindern die Unbeschwertheit abgucken und auch, dass das Leben im Hier und Jetzt entscheidend ist. Das ist schon lange mein Thema, ich plane nicht gerne weit im Voraus und ich beschäftige mich auch nicht lange mit vergangenen Dingen. Das hat den Nachteil, dass das ein oder andere vielleicht schnell in Vergessenheit gerät. Erinnerungen bremsen einen im Hier und Jetzt und im weiteren Leben.

Was meinen Sie damit genau?

Kinder zeigen einem sehr gut, wie das geht. In der Zeit, in der sie wach sind, gucken sie einfach, was es gerade in der Umgebung gibt, mit was sie bespaßt werden oder was sie greifen können. Wenn sie müde sind, schlafen sie, und wenn sie aufwachen, dann beschäftigen sie sich nicht damit, was sie gemacht haben, sondern sie gucken dann einfach wieder, was es jetzt gibt.

Natürlich ist das Leben als Kind ein anderes als das eines Erwachsenen, alleine schon, weil man als Erwachsener mehr Verantwortung hat. Aber sich einfach mal die Auszeit nehmen, das ist das, was man als Erwachsener wieder lernen sollte. Jeder braucht Pausen und Auszeiten als Ausgleich zum stressigen Alltag.

Dürfen ihre Kinder Skispringer oder Rennfahrer werden?

Was Glen später machen wird, das werden wir sehen. Wir denken auf jeden Fall, dass es in eine sportliche Richtung geht. Und was er dann genau machen möchte, dass muss er selber entscheiden. Aber natürlich ist er vorbelastet durch Melissas Fußball- und meine Skisprungkarriere.

Was er sich dann am Ende aussucht und macht, das muss man sehen. Aber hier im Münchner Raum ist man ja breit aufgestellt, da gibt es ja fast alles. Und wir sind gespannt, aber von den ersten Bewegungen hat er auf jeden Fall Spaß am Sport.

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Hätten Sie keine Angst um Glen, wenn er Skispringer werden würde?

Wir würden ihm keine Sportart verbieten. Aber mit meiner Vorgeschichte habe ich viel sensiblere Antennen, und ich würde einschreiten, wenn ich merke, dass das Kind sich vom Wesen und vom Charakter her verändert. Wenn die Erwartungshaltung und der Druck zu groß werden, dann würde ich früh einschreiten, damit man da nicht später mal irgendwann ein böses Erwachen.

Was halten Sie davon, wenn Eltern ihren Kindern eine Sportart vorgeben?

Das Schlimmste ist, wenn man Kinder irgendwo in eine Richtung reinschiebt, das habe ich auch im Motorsport gesehen. Da waren viele Kinder, die an die Kartbahn geschoben wurden und Schumi drei, vier oder fünf werden sollten. Die Kinder hatten aber gar keine Lust dazu. So etwas würden wir nie tun. Wenn Glen etwas machen möchte, ist das gut, dann fördern wir ihn – aber wir würden ihn nie zu etwas drängen.

Unter Burnout leiden häufig Workaholics

Jetzt mal zu einem anderen Thema. Sie litten vor einigen Jahren unter Burnout. Haben sich professionell behandeln lassen. Stressbedingte Krankheiten nehmen immer mehr zu, warum ist das so?

Unter Burnout oder anderen stressbedingen Erkrankungen leiden häufig Menschen, die sogenannte Workaholics sind. Die tragen Ehrgeiz und Perfektionismus in sich. Und dem wollen sie immer gerecht werden. Den Stress machen nicht die Menschen um sie herum, sondern sie machen sich selbst diesen Druck. Sie wollen ihre Aufgaben zu 1000 Prozent erfüllen.

Betroffene können nicht mehr abschalten. Sie nutzen irgendwann auch die private Zeit, die eigentlich für den Ausgleich sorgen sollte, um die ein oder andere Aufgabe zu erledigen. Und da fängt das Problem an. Irgendwann fehlt der Abstand zur Arbeit, sie bestimmt das Leben.

Wie versuchen Sie diesen Leuten zu helfen?

Mit unserer Unternehmensberatung, die wir seit fast einem Jahr führen, schaffen wir in Seminaren oder Workshops mehr Bewusstsein für das Grundproblem. Außerdem haben wir nun die Möglichkeit, den aktuellen IST-Zustand jedes Einzelnen zu messen, und fangen Leute auf, die bereits diese Engpässe haben und merken, dass sie gesundheitlich an ihre Grenzen stoßen.

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In den Seminaren sprechen Sie auch über Erfolg. Was ist die Grundlage, damit Menschen das erreichen, was sie sich erhoffen?

Im Sport braucht man dafür natürlich ein gewisses Talent. Das ist immer vorgegeben. Aber es gehören auch immer Disziplin und Zielstrebigkeit dazu, auch im Berufsleben. Eine gewisse Struktur muss da sein. Man muss wissen, was wichtig für einen ist und was nicht, was einem gut oder eben nicht gut tut. Das muss jeder für sich selbst herausfinden.

Wenn man auf jeder Hochzeit tanzt, wird das nichts. Jeder muss selber wissen, wo man hin möchte. Ist der Weg klar, dann sollte die Disziplin an vorderster Stelle stehen.

Zum ersten Mal auf der großen Schanze

Zum Abschluss haben wir noch eine Frage zu ihrer aktiven Karriere als Skispringer. Wie war es, als Sie das erste Mal von einer großen Schanze springen durften?

Da hatte ich Schmetterlinge im Bauch und Fracksausen gleichzeitig. Das ist ein Gefühl, das weiß man nicht einzuordnen. Eigentlich möchte man gar nicht, aber man möchte doch, weil es dann doch reizt. Wenn man als Kind auf einer kleinen Schanze anfängt, dann wird die ziemlich schnell langweilig. Und man sieht immer wieder die größere Schanze daneben – hat da aber noch zu viel Respekt davor. Aber die große Schanze hat einfach ihren Reiz, und irgendwann gibt der Trainer sein ok. Da ist dann das mulmige Gefühl zwischen Vorfreude und Respekt.

Wenn man dann oben sitzt, dann weiß man nicht, ob man loslassen soll oder nicht. Irgendwann lässt man los, weil der Trainer das Zeichen gegeben hat. Und dann konzentriert man sich nur noch auf den Sprung. Wenn man runterfährt, ist das nur noch purer Genuss. Das Gefühl macht süchtig. Es ist nach wie vor die schönste Sportart, die ich jemals gemacht habe.

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