28.03.2017

Fußtritt für Spießer "Nina & Tom" - Tom Kummers Seelenstriptease

Freizügige Offenbarungen: Der Autor Tom Kummer meldet sich mit einem Roman zurück.

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Freizügige Offenbarungen: Der Autor Tom Kummer meldet sich mit einem Roman zurück.

Der Schweizer Journalist und Autor Tom Kummer hat in seinem neuen Buch "Nina & Tom" das Leben mit und den Tod seiner Frau Nina beschrieben. Der ebenso erschütternde wie unkonventionelle Roman gleicht einem Seelenstriptease, der auch den Wirbel um seine Person nach Bekanntwerden eines großen Medienbetrugs einbezieht.

Erfunden hat Tom Kummer ("Good Morning. Los Angeles. Die tägliche Jagd nach der Wirklichkeit", 1997) Fake-News nicht. Aber er hat sie so perfektioniert, dass wohl auch Donald Trump seine Freude daran haben könnte.

Der Schweizer, der mit seinen geklauten, erdichteten oder gefälschten Star-Interviews und anderen manipulierten Texten die seriöse Medienwelt erschütterte, hat nun ein Buch geschrieben, in dem er ganz persönlich blankzieht - buchstäblich.

Es geht um sein Leben mit Nina, seiner 2014 in ihrer zeitweiligen Wahlheimat Los Angeles an Krebs gestorbenen Frau. Wie nah sich Kummer in "Nina & Tom" an die Wahrheit hält, ist hier nicht wirklich wichtig, denn es ist ein Roman. Keiner wird aber an der Echtheit der Gefühle zweifeln, die Nina zu Lebzeiten und durch ihren frühen Tod in dem 54-Jährigen ausgelöst hat. Mit ihrem Ende beginnt und schließt das Buch. Dazwischen beschreibt Kummer eine Liebesgeschichte, die ihresgleichen sucht: wild, ungezügelt, exhibitionistisch, vernichtend, erschütternd. Erholungspausen sind rar - auch für den Leser.

Wie immer man zu den freizügigen Offenbarungen des Autors steht, spannend sind sie allemal. Und schreiben kann der Mann. So versteht man im Nachhinein auch, weshalb viele Zeitungen und Magazine auf Kummers Texte hereingefallen sind: Sie waren zu gut, um erst durch den Faktencheck geschleust zu werden.

"Nina & Tom" - das ist eine Zweisamkeit, die etwa 30 Jahre zuvor beginnt, im Barcelona der 80er Jahre. In einem angesagten Nachtclub stößt Tom auf Nina, die am Tresen bedient. Ein androgynes Wesen mit eigenwilliger Kleidung, Frisur und eigenwilligem Habitus. Tom ist fasziniert von ihr, die ihn anfangs schneidet, später dann flachlegt. Er selbst - eine Art Autonomer, ein Brandstifter und durch und durch Destruktiver, scheint seinerseits Eindruck auf das knabenhafte Mädchen zu machen, denn es hat sich ihn - zumindest für diese Nacht - auserkoren.

Gemeinsamkeiten gibt es kaum - anfangs keine, im Laufe der Jahre dann wenige. Nina und Tom sind zwei Pole, die sich anziehen und abstoßen. Die Gegensätzlichkeit ist riesig und kettet sie doch - entgegen jeder logischen Erklärung - aneinander. Ihr Leben ist ein Auf und Ab. Es wird gestritten, geschlagen, geflüchtet, geliebt. Immer wieder geliebt.

Es nervt schon, wenn Kummer laufend die Hosen runter lässt und den Lesern alle Einzelheiten seines Liebesspiels mit Nina offeriert. Man hat zwar nicht unbedingt den Eindruck, dass er unter Selbstzweifeln leidet. Seine ständig beschriebenen Erektionen stellen allerdings entweder eine Art Befriedigung seiner Eitelkeit dar oder vielleicht doch die Bewältigung eines gewissen Komplexes. Keine Frage, selbst dafür findet der Schweizer interessante Formulieren. Erst recht für seine und Ninas Seelen- und Gedankenerforschung und vor allem für ihrer beider Lebensweise, die auch seine Betrugsmasche nicht ausspart.

Die Bilder sind schon gewaltig und faszinieren ebenso, wie sie vielleicht so manchen abstoßen werden. Sie zeigen ein Paar mit seinem ungezügelten Drang nach Freiheit im Verbund mit selbstzerstörerischen Verhaltensweisen, die andere Formen annehmen, als Kinder da sind. Und dann teilweise auch an gängige Gesellschaftsnormen angepasst sind - Glücksmomente und zumindest partielle Zufriedenheit inbegriffen. Und doch ist der Gedanke nicht gerade abwegig: Wie weit ist das alles wahrhaftig? Bewegt sich Kummer dabei wieder auf der von ihm selbst so bezeichneten Meta-Ebene? Also mit Hilfe seiner ganz persönlichen Neudefinition von Realität?

Eine Antwort darauf gibt er in seinem bereits erwähnten Buch "Good Morning. Los Angeles", das schon vor Auffliegen der gefälschten Berichte auf seine Fakes verweist: "Für mich verschmolzen Wirklichkeit und Unwirklichkeit zu einem ziemlich gefährlichen Gemisch." Er habe sich gefragt, ob er sich nicht schon längst auf einer Ebene bewege, "die man schlichtweg als kriminell bezeichnen musste".

Wie auch immer, "Nina & Tom" wird einschlagen. Es ist ein erschütternder Bericht über Leben und Tod. Und Tom Kummer, der inzwischen wieder in seiner Geburtsstadt Bern lebt, hat einmal mehr bewiesen, dass er ein Meister des Wortes ist. Ganz gleich, was man von ihm als Journalisten hält - als Romanschreiber gehört er zu einer Avantgarde, die dem Spießertum einen Fußtritt versetzt und es mehr oder weniger freiwillig in eine beunruhigende Richtung katapultiert.

- Tom Kummer: Nina & Tom. Blumenbar Verlag, Berlin, 256 Seiten, 20,00 Euro, ISBN 978-3-3510-5035-1.

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