28.02.2017

Thema Demenz Das große Vergessen

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Trübe Aussichten: Immer mehr junge Menschen erkarnken an Demenz.

Foto: dpa

Trübe Aussichten: Immer mehr junge Menschen erkarnken an Demenz.

Demenz in hohem Alter ist nichts Außergewöhnliches. Aber wenn das Vergessen schon mit Ende 30 einsetzt, sind die Folgen noch viel dramatischer. Für alle Beteiligten.

Florian ist 41. Er braucht rund um die Uhr Betreuung. Er könnte sich allein nicht mehr orientieren, inzwischen spricht er nicht mehr. Ohne seine Eltern wäre er hilflos wie ein kleines Kind. Er ist an Frontotemporaler Demenz erkrankt.

Dass viele 80-Jährige dement werden, ist in einer alternden Gesellschaft zum Normalzustand geworden. Wie dramatisch die Folgen für deutlich jüngere Erkrankte und für ihre Angehörigen sind, zeigt das ZDF an diesem Dienstag (22.15 Uhr) eindrucksvoll in der Dokumentation "Das große Vergessen" in der Reihe "37 Grad".

Florian ist Vater von zwei Kindern, er war verheiratet, beruflich erfolgreich als Kreisjugendpfleger in Pforzheim. Er war ein Machertyp, erzählt seine Schwester Silvia, ein Alphatier mit Riesenfreundeskreis. Aber ab dem Alter von 37 Jahren beginnen sich die merkwürdigen Vorfälle zu häufen. Bei der Arbeit kommt er nicht mehr klar, verliert seine Stelle. Doch was ist der Grund dafür: Burn-out? Hat er das Scheitern seiner Ehe nicht verkraftet?

Die Ärzte erkennen lange nicht, woran er erkrankt ist, er kommt von einer Klinik in die andere, auch in die Psychiatrie. Es dauert Monate, bis sich herausstellt, er ist dement. "Ich bin heulend mit dem Auto nach Hause, ich konnte nicht mehr", erzählt seine Mutter.

Ähnlich war es bei Eric. Er hat keine Freunde mehr, er spricht nicht mit den Nachbarn. Er hat zu kaum jemandem Kontakt außer zu seiner Frau Waltraud. Meistens verbringt er den Tag allein in der Wohnung, geht allenfalls mal mit dem Hund durchs Dorf. Eric ist 46 und ebenfalls dement, hat vor jeder Veränderung Angst. Wenn Waltraud bei der Arbeit ist, ist sie ständig unruhig, weil sie nicht weiß, was ihr Mann macht, ob er alleine klarkommt.

Eric weiß, was mit ihm los ist, seine ersten Erinnerungslücken hatte er mit 40: "Ich bin von der Statur her ein erwachsener Mann", sagt er. "Aber vom Gehirn aus bin ich irgendwas zwischen 12 und 16 Jahren." Er hat sich im Internet über seine Krankheit informiert. Bemerkt, dass etwas nicht stimmt, hat er, als er drauf und dran war, die DVD mit dem Film nochmal zu bestellen, den er gerade erst geguckt hatte. Eric erzählt selbst davon.

Er war mal Maschinenführer im Straßenbau. Inzwischen arbeitet er nicht mehr. Als Waltraud in Deutschland arbeitslos wurde, ist sie mit ihm in die Schweiz gezogen, in ein Bergdorf im Kanton Graubünden. Wenn sie von der Arbeit nach Hause kommt, ist sie seine Krankenpflegerin. Mit dem wechselnden Personal des Pflegedienstes ist Eric nicht zurechtgekommen. Sein Zustand hat sich seitdem weiter verschlechtert. Waltraud bemerkt das an seinem "Wackelgang". Und daran, dass er schnell laut wird.

"Er hat ja seine hellen Momente", sagt sie. Aber es gibt auch viele andere. Eric hat Angst, er könnte aggressiv werden und seine Frau eines Tages schlagen - und gleich danach nichts mehr davon wissen. "Der Demenzkranke, dem macht das nichts aus", sagt er über die Krankheit. "Aber die andere Person, die geht an der Krankheit mehr kaputt."

Florians Eltern standen vor der Frage: Wohin mit ihrem Sohn? "Im Heim läuft er davon, keiner merkt's", sagt sein Vater. "Er braucht rund um die Uhr Betreuung. Das kann man nur zu Hause leisten." Florians Eltern waren beide Lehrer und sind inzwischen im Ruhestand. Jetzt kümmern sie sich zusammen mit ihrer Tochter und zwei Pflegekräften um ihren Sohn.

Eine Mammutaufgabe, die viel Planung und viel Zeit in Anspruch nimmt - und wenig an Ruhestand erinnert. Eine Alternative sehen sie nicht. Eins ist für den Vater sicher: In "die geschlossene Anstalt" soll Florian nie wieder.

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