27.02.2017

Breaking News: Zar gestürzt Arte erinnert an 100 Jahre Revolution in Russland

Von

Der letzte russische Zar aus der Romanow-Dynastie: Nikolaus II.

Foto: dpa

Der letzte russische Zar aus der Romanow-Dynastie: Nikolaus II.

100 Jahre nach der Februar- und nach der Oktoberrevolution in Russland bringt Arte einen großen Themenabend zu den Ereignissen, die 1917 Weltgeschichte schrieben. Der Sender hat sich dafür auch etwas Ungewöhnliches einfallen lassen.

Das große Jubiläumsjahr zum 100. Jahrestag der Februar- und der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution in Russland hat gerade erst begonnen. Doch die Erinnerung an das für die Weltgeschichte schicksalhafte Jahr 1917 ist schon in vollem Gang.

Russische Staatsmedien ziehen gerade Parallelen zur aktuellen Weltlage und der vom Kreml oft verbreiteten These, dass weniger die Proteste Unzufriedener als vielmehr die Gelder des Westens Revolutionen auslösen. Dagegen setzt der deutsch-französische Kulturkanal Arte den mehr als fünfstündigen Themenabend "Revolution in Russland" (28. Februar, 19.30 Uhr) über das Jahrhundertereignis.

Es sind 333 Minuten, die sich um den Sturz des Zaren Nikolai II. (1868-1918), um den Mythos des Revolutionärs Lenin (1870-1924), um den späteren Würgegriff des Stalinismus sowie um die neuere Geschichte im Riesenreich drehen. Entstanden ist ein ungewöhnlicher Geschichtsabend, bei dem der Sender nach eigener Darstellung ein so im Fernsehen noch nicht gezeigtes Format bietet.

"Breaking News: Zar gestürzt - Revolution in Russland" heißt der Auftakt zu der abwechslungsreichen Reise durch die russische Geschichte. Im Stil einer Sondersendung gibt es Schalten zu Korrespondenten in Moskau, Berlin und Washington, Expertengespräche, Einspielfilme und ein Laufband mit "Breaking News". TV-Journalisten wie Thomas Kausch, Golineh Atai und Ingo Zamperoni berichten ganz so, als ob sich das alles gerade ereignet. Zugleich tobt noch immer der Erste Weltkrieg, in dem sich Zarenreich und Deutschland bekämpfen.

Dieser historische Brennpunkt befasst sich mit dem jähen Ende der mehr als 300-jährigen Dynastie der Romanows. Mit den Erzähltechniken des modernen Nachrichtenjournalismus erfahren die Zuschauer von den gewaltsamen Protesten der vor Hunger wütenden Bevölkerung in Petrograd, wie St. Petersburg damals hieß. Das massenhafte Aufbegehren fegt den schwachen Zaren hinweg, bringt eine Übergangsregierung an die Macht und ruft Lenin auf den Plan. Der Berufsrevolutionär sehnt damals im Exil in Zürich die sozialistische Weltrevolution und die Diktatur des Proletariats herbei.

"Hätte es damals schon das Fernsehen gegeben, einer News-Sendung wären Traumquoten sicher gewesen", schreibt der Sender in einer Programmankündigung. Dass in dieser Inszenierung nun Politiker des Jahres 1917 auch twittern, dürfte wohl ein gut gemeinter Versuch sein, Geschichte auf besonders moderne Art zu vermitteln. Das Format verlangt dem Zuschauer einiges ab - weil komplexe geschichtliche Prozesse hier wie aus dem Nichts auf den Bildschirm kommen und mit Mitteln der Echtzeitkommunikation erzählt werden.

Das Beste des Abends kommt aber erst noch. In einem packenden Porträt mit durchgehend historischen Schwarz-Weiß-Aufnahmen geht Regisseur Cédric Tourbe dem Mythos Lenin nach. In Spielfilmlänge entzaubert er den Revolutionsführer - dessen einbalsamierter Leichnam bis heute im Mausoleum am Roten Platz in Moskau an den kommunistischen Weltveränderer erinnert. "Good bye, Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin" erzählt vom Aufstieg und Ende dieses kompromisslosen Kämpfers gegen den Imperialismus.

Nüchtern vergleicht Tourbe, wie einerseits der Kultregisseur Sergej Eisenstein (1898-1948, "Panzerkreuzer Potemkin") und die sowjetische Propaganda den Heldenkult um Lenin inszenierten, wie andererseits viele Russen gegen den Führer der Bolschewiken aufbegehrten. Und nicht zuletzt zeichnet die Dokumentation nach, wie eine Minderheitsbewegung um den im Grunde lange autoritätslosen Lenin die Macht ergriff. Tourbe geht darauf ein, wie die deutsche Regierung mit Millionen von Goldmark den Anstifter der Oktoberrevolution massiv finanziell unterstützte.

Wohl auch mit Blick auf diese Geschichte und die Erfahrungen nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Imperiums drängte Kremlchef Wladimir Putin in den vergangenen Jahren den Einfluss westlicher Finanzierung in der russischen Politik rigoros zurück. Zum Ausklang des Arte-Themenabends erzählt die zweiteilige Dokumentation "Moskaus Imperium" davon, wie Putin im Spannungsfeld internationaler Konflikte sein Land zu alter Stärke zurückführen will.

Seite