10.02.2017

Vermisste Angehörige Vermisst: Auf der Suche nach einem geliebten Fremden

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Sandra Eckardt übernahm 2012 als Nachfolgerin von Julia Leischik die Moderation der Sendung "Vermisst".

Foto: RTL

Sandra Eckardt übernahm 2012 als Nachfolgerin von Julia Leischik die Moderation der Sendung "Vermisst".

Jahrzehnte nicht gesehen und doch nie vergessen: In der Sendung „Vermisst“ geht es um ein Wiedersehen von Angehörigen, die sich lieben, aber kaum kennen.

Mit Vater und Mutter aufzuwachsen, Geschwisterliebe schätzen zu lernen, eine intakte Familie zu haben – dieses Glück hat nicht jeder. Stattdessen gibt es viele Menschen, die eine andere Person schmerzlich vermissen, insbesondere, wenn es sich dabei um einen Angehörigen handelt. So beispielsweise auch Bianca aus Laudenbach in Baden-Württemberg.

Die 35-Jährige ist die Tochter einer deutschen Mutter und eines paraguayischen Vaters und wuchs die ersten zwei Jahre nach ihrer Geburt im Heimatland ihres Vaters Carlos auf. Doch dann entschied sich ihre Mutter, nach Deutschland zurückzukehren, woraufhin der Kontakt zu Biancas Papa abbrach. Eine Entscheidung, die Bianca bis heute sehr nah geht.

„Viele Jahre dachte ich, dass mich mein Vater nicht interessiert, aber dann habe ich immer wieder die Bilder von früher rausgeholt und nach Ähnlichkeiten gesucht. Ich habe das Gefühl, dass ich ihn unbedingt kennenlernen möchte und dass er zu mir gehört“, sagte die zweifache Mutter im Vorfeld, die sich mit ihrer Hoffnung auf ein Wiedersehen daraufhin an Sandra Eckardt von der Sendung „Vermisst“ (immer sonntags um 19.05 Uhr bei RTL) wandte.

Von „Vermisst“ läuft derzeit schon die neunte Staffel

Sandra Eckardt hatte 2012 als Nachfolgerin von Julia Leischik das Zepter bei der RTL-Sendung übernommen und sorgt mittlerweile in der neunten Staffel dafür, dass Menschen, die sich zum Teil Jahrzehnte nicht mehr gesehen haben, wieder zueinander finden.

„Das Gefühl, jemandem zu helfen und dieser Person einen Herzenswunsch zu erfüllen, ist sehr beglückend und treibt mich immer wieder von Neuem an“, beschreibt die Norddeutsche, die mit „Vermisst“ jedes Mal eine Zuschauerquote von rund 4,7 Millionen erreicht. Und fügt hinzu: „Familie ist und bleibt ganz wichtig und ist global für jeden ein Thema. Daher bin ich jedes Mal wieder ganz gerührt, wie viele Menschen sich an der Suche nach einem vermissten Angehörigen beteiligen, weil jeder Verständnis dafür hat, dass eine Familie wieder zusammenkommt. Das ist wirklich spannend.“

Bianca trifft nach 33 Jahren ihren Vater in Paraguay wieder

So auch im Fall von Bianca aus Laudenbach. Nachdem sie Sandra ein Foto ihres Vaters gezeigt und ihr ein paar Anhaltspunkte genannt hatte, machte sich die Moderatorin auf die Reise und wurde am Ende in Cuidad del Este in Paraguay fündig. Biancas Reaktion: Tränen, Freude, Sprachlosigkeit. „Ich kann das gar nicht so richtig beschreiben.

Meine Hoffnung war so groß und als diese dann auch noch erfüllt wurde, war ich so unendlich glücklich. Ich hatte direkt ein ganz vertrautes Gefühl, als ich meinen Vater in die Arme geschlossen habe, was ja eigentlich Quatsch ist, weil ich ihn im Grunde genommen ja gar nicht richtig kenne“, erklärt die Baden-Württembergerin, die in Südamerika nicht nur ihren Papa wiedertraf, sondern auch ihre beiden Halbschwestern, ihren Halbbruder und deren Familien. „Es war ein so herzlicher Empfang und alle waren total bemüht, obwohl wir ja nicht dieselbe Sprache sprechen.

Es hat sich wirklich so angefühlt, als ob man eine neue Liebe gefunden hat“, beschreibt die 35-Jährige die erste Zusammenkunft mit ihrer Familie. „Sogar Leute, die mich noch von vor 33 Jahren kannten, haben sich total gefreut und fingen an zu weinen. Das war echt überraschend“, so Bianca weiter. Insgesamt blieb die Laudenbacherin acht Tage in Paraguay, seither schreibt sie sich mit ihrem Vater Carlos und ihren neuen Verwandten beinahe jeden Tag über Whatsapp.

Seine eigenen Wurzeln zu kennen, ist wichtig

Moderatorin Sandra Eckardt ist jedes Mal wieder sehr ergriffen, wenn sie es geschafft hat, einen vermissten Angehörigen ausfindig zu machen. „Jeder Fall ist und bleibt einzigartig, die Sehnsucht ist groß, die Liebe intensiv. Es sind echte, authentische Emotionen“, berichtet sie. Obwohl die Hamburgerin bei der Suche manchmal selbst an ihre Grenzen stößt, kommt aufgeben für sie nicht infrage: „Je mehr Angaben ich erhalte, desto besser komme ich natürlich voran. Selbst über Hobbys gelangt man da manchmal weiter. Nur der Name und der Vorname reichen oftmals nicht aus, die Geburtsdaten haben die relevanteste Bedeutung. Daher sind manchmal auch Fälle innerhalb Deutschlands total schwer“, sagt die RTL-Quotenqueen, wie sie von ihren Kollegen oft genannt wird.

Was hingegen länderübergreifend gleich ist, ist die Emotion: „Es ist immer ein Leid, wenn eine Person in der Familie fehlt oder man seine Wurzeln nicht kennt. Da tauchen dann immer wieder diese Fragen auf: ‚Wo komme ich her? Wieso sehe ich so aus?’ Das sind Fragen, die die Menschen ein Leben lang begleiten und die ihnen ein permanentes Gefühl der Ungewissheit bereiten“, erläutert die Journalistin.

Philipp wollte mehr über seinen Vater in Mosambik erfahren

Mit dem sehnlichen Wunsch, mehr über sich selber zu erfahren, wandte sich auch Philipp aus Uelzen an das Team von „Vermisst“. Der 30-Jährige wurde im Alter von sieben Jahren von seinen Großeltern adoptiert, nachdem seine Mutter ihn dort aufgrund eines anderes Mannes zurückgelassen und sein Vater Tomás nach der Auflösung der DDR wieder in seine Heimat Mosambik kehren musste.

Obwohl der Student bei seiner Oma und seinem Opa glücklich und behütet aufwuchs, ließ ihn der Gedanke nicht los, seinen leiblichen Vater finden zu wollen und damit einen Teil seiner emotional sehr schwierigen Vergangenheit aufarbeiten zu können. „Ich habe es selber mehrfach versucht, meinen Vater zu finden, allerdings blieben sämtliche Unternehmungen erfolglos. Ich war beim Jugendamt, bei der mosambikanischen Botschaft, beim Deutschen Roten Kreuz – aber es gab keine richtigen Anhaltspunkte. Mich bei „Vermisst“ zu melden, war dann sozusagen der letzte Strohhalm, an den ich mich geklammert habe“, meint Philipp.

Die Suche nach Vermissten ist mit vielen Hürden verbunden

Der Vater des Musikers kam damals als Gastarbeiter nach Deutschland und hatte einige Jahre in einer Chemiefabrik in Salzwedel gearbeitet. Als Philipp zwei Jahre alt war, trennten sich die Eltern, woraufhin der Niedersachse seinen Papa nicht mehr wiedersah. „Philipps Fall hat mich ganz besonders berührt, weil während meiner Recherche schnell klar wurde, dass der Vater Philipp so gern bei sich gehabt hätte, die Mutter ihr Kind hingegen verstoßen hat.

Obwohl ich extrem wenige Angaben hatte, stand es für mich außer Frage, diese Herausforderung anzunehmen“, erinnert sich Sandra Eckardt. Doch die Hürden, Philipps Vater zu finden, waren groß, so musste die Moderatorin beispielsweise viel zu lange auf ihr Visum warten, um nach Mosambik einzureisen. Deshalb setzte sich die 41-Jährige mit dem Dolmetscher Jacinto in Verbindung, der lange in Deutschland gearbeitet hatte und sie somit von Mosambik aus mit Informationen versorgen konnte.

Philipp war für seinen Vater bis zum Tod wichtig

Nach tagelanger Suche stellte sich jedoch heraus, dass Philipps Vater Tomás an Tuberkulose erkrankt und daran verstorben war. Jacinto hatte in Afrika Tomás’ Bruder Bernardo ausfindig gemacht, der dem Dolmetscher erzählte, dass der Vater sogar noch auf seinem Sterbebett von seinem Sohn Philipp gesprochen habe.

„Das war natürlich schon erstmal eine große Enttäuschung, weil ich mir etwas anderes gewünscht habe. Andererseits musste ich mich aber auch emotional auf alle Möglichkeiten vorbereiten. Am Ende hat es mir sehr geholfen, endlich eine Antwort und Gewissheit bekommen zu haben. Außerdem haben es Bernardo und meine Familie in Mosambik unfassbar überkompensiert“, so der 30-Jährige.

Jeder freute sich über das Wiedersehen mit dem verloren geglaubten Sohn

Tomás Bruder Bernardo hatte all die Jahre darauf gehofft, dass Philipp sich auf die Suche machen würde. Die ganze Familie habe den verlorenen Sohn über die Jahre sehr vermisst, gesteht der Mosambikaner unter Tränen. Als Philipp schließlich in dem Land, in dem ein Teil seiner Wurzeln begründet sind, ankommt, ist er völlig überwältigt von der Liebe, die ihm von seinen Halbgeschwistern, Tanten, Onkeln und seiner mosambikanischen Oma entgegengebracht wird.

„Die Verbindung war sofort da! Ich bin sechs Tage bei ihnen geblieben und wurde jedem vorgestellt. Das war super und ist kaum in Wort zu fassen, was mir dort widerfahren ist. Ich bin sehr dankbar“, fasst der Uelzener zusammen, der genau wie Bianca seither täglich mit seinen wiedergefundenen Angehörigen in Kontakt steht.

Und auch Sandra Eckardt freut sich über die emotionalen Momente in jeder Geschichte, denn genau die bringen die Sendung, die wie im Fall von Philipp eben auch mit Trauer und Freude zugleich verbunden sein können, immer wieder zu einem positiven Abschluss.

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