03.02.2017

Allmacht der Geheimdienste Kehlmanns anderer "Heilig Abend"

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Der Ermittler Thomas (Bernhard Schir) verhört die verdächtige Judith (Maria Köstlinger).

Foto: dpa

Der Ermittler Thomas (Bernhard Schir) verhört die verdächtige Judith (Maria Köstlinger).

Die Uhr tickt. In 90 Minuten könnte eine Bombe explodieren. Das Verhör, das die Tat verhindern soll, ist ein Blick auf den gläsernen Bürger.

"Woher weiß er das?", "Warum bin ich hier?", "Wer sind Sie?" Die so verunsicherte Philosophieprofessorin ist vor ein paar Minuten auf dem Weg zum Weihnachtsabend mit ihren Eltern aus dem Taxi geholt worden. Die Ermittler haben einen Verdacht: Die aparte Intellektuelle hat einen Anschlag am Heilig Abend um Mitternacht geplant.

Im neuen Stück von Erfolgsautor Daniel Kehlmann ("Die Vermessung der Welt") geht es um ein Verhör und um die Allwissenheit der Geheimdienste in Zeiten von Smartphones und Laptops. Die Uraufführung von "Heilig Abend" im Wiener Theater in der Josefstadt erhielt am Donnerstagabend großen Beifall.

Der Gag: Es ist ein Stück in Echtzeit. Der Beamte, der das Verhör führt, hat genau 90 Minuten Zeit, dann ist Mitternacht - und die Bombe hoffentlich gefunden und entschärft, sofern es überhaupt eine gibt. Vorbild für dieses Echtzeit-Format sei für ihn der Western-Klassiker "High Noon" von 1952 gewesen, hatte Kehlmann im Vorfeld erzählt. Auch dort spielt eine Uhr, die die Ankunft des Zuges und damit den Showdown zwischen dem Marshal und dem Banditen drohend näher rücken lässt, eine Hauptrolle.

Unhörbar und digital "tickt" in Kehlmanns Stück die Uhr über dem Bühnenbild (Walter Vogelweider) - ein an drei Seiten verglastes Zimmer, hinter dessen einziger Betonwand die Ermittler im angrenzenden Raum alle Regungen der Professorin analysieren. Ist die Dame im schwarzen eleganten Outfit wirklich eine Terroristin?

Sprengstoffspuren am Koffer ihres Ex-Mannes, aufgefallen bei der Kontrolle am Flughafen, haben die Behörden stutzig werden lassen. Jetzt muss die Professorin Judith (Maria Köstlinger) erfahren, wie schnell man in der hochvernetzten und für die Geheimdienste so wunderbar transparenten Welt in Teufels Küche kommen kann. Ihr Computer, obwohl nie am Netz, wird während eines Ablenkungsmanövers geknackt. Ihre Telefonate sind schon lange bekannt, ihre Reisen nach Venezuela, Ecuador und Bolivien aktenkundig, und ihr Verdacht, dass ihr Haus voller Wanzen sei, lässt den Ermittler Thomas (Bernhard Schir) nur müde lächeln: "Ihre Geräte haben alle Mikrofone", sagt der Beamte.

Aber was ein Wettlauf gegen die Uhr sein könnte, wirkt doch über weite Strecken eher wie ein minder dramatisches, wenngleich unterhaltsames Streitgespräch (Regie: Herbert Föttinger). Dabei geht es auch um philosophische Fragen, um Beziehungsprobleme und einen plötzlichen Flirtversuch. Köstlinger und Schir spielen engagiert ihren Part, aber einen doppelbödigen Charakter verkörpert die überzeugte Weltverbesserin nicht wirklich. Vielleicht stimmt ja auch, was sie sagt: Die belastenden Notizen in ihrem Computer, in denen sie zur "Destabilisierung des Status Quo" aufruft und eine Art Bekennerschreiben formuliert, seien nur für ein Seminar mit Studenten gedacht gewesen.

Kehlmann (42) lässt seine Protagonistin auch noch ein paar kritische Anmerkungen über die Globalisierung sagen und um Empathie für die Flüchtlinge werben. Natürlich hat sein Thema spätestens seit den Enthüllungen von Edward Snowden über das Ausmaß der Überwachung eine nicht versiegende Brisanz. Der Ruf nach dem Rechtsstaat und die Angst, dass der Westen wegen der "Dschihad-Idioten" seine freiheitliche Identität Stück um Stück verliert, sind höchst berechtigt. Aber wirkliche Beklemmung vermag das Stück nur in Ansätzen zu vermitteln.

Wenige Minuten vor Mitternacht wird es doch noch spannend. Judith ruft ihren Ex-Mann an, der parallel verhört wurde. Die Geste ist eine fast wortlose Liebeserklärung. Ein Abschied vor dem großen Knall?

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