16.11.2016

INTERVIEW Sabine Christiansen: Die Frau des Jahres 2016 über ihr Leben

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Sabine Christiansen beschäftigt sich heute lieber mit Projekten hinter der Kamera.

Foto: TV21GmbH

Sabine Christiansen beschäftigt sich heute lieber mit Projekten hinter der Kamera.

Sabine Christiansen machte sich 27 Jahre lang als Moderatorin einen Namen, heute bevorzugt sie ein Leben hinter der Kamera. Uns verrät sie warum.

bildderfrau.de: Liebe Frau Christiansen, Sie waren viele Jahre das Aushängeschild der ARD, haben sich unter anderem durch Ihren Polittalk und die Moderation der Tagesthemen einen Namen gemacht. Nun hat man schon länger nichts mehr von Ihnen gehört. Woran liegt das?

Sabine Christiansen: Ich habe mich nach insgesamt 27 Jahren vor der Kamera, national und international für CNBC, bewusst für die Konzentration auf meine unternehmerische Tätigkeit entschieden. Diese Position sowie die Funktionen als Aufsichtsrätin bei der Freenet AG oder Hermes Europe etc. stehen weniger im öffentlichen Focus und das ist gut so. Hinzu kommt, dass ich sehr viel in der Welt unterwegs bin.

Der digitale Wandel verändert alle Bereiche, die Medien und Kommunikation im Besonderen. Da bedarf es immer neuer Anpassungen und Investments in zukunftsorientierte Start-ups oder Unternehmungen. Das erfordert viel Aufmerksamkeit, Kenntnis und internationale Kontakte.

Inwiefern vermissen Sie es, täglich auf Sendung zu sein?

Im Gegenteil: Es war eine sehr intensive und spannende Zeit, aber ich vermisse sie heute überhaupt nicht. Ich halte nebenbei weiterhin sehr viele Reden oder moderiere Konferenzen und Themen, die mich interessieren. Ich habe aber dabei das große Privileg, mir die Termine auszusuchen und damit die berufliche und private Zeit besser zu vereinbaren.

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Was sind die Vor- und Nachteile, so eine bekannte Moderatorin zu sein?

Kontakte, Vernetzungen, Persönlichkeiten der Zeitgeschichte kennenzulernen und vieles mehr, das sind große Vorteile. Aber die ständige Öffentlichkeit ist ein gewöhnungsbedürftiges Dasein. Mein Mann und ich schätzen unser jetziges Leben mit deutlich mehr Privatsphäre sehr!

Inwiefern profitieren Sie heute noch von Ihrer Bekanntheit?

Es ist nicht nur die Bekanntheit, sondern auch die vielen Jahre erfolgreicher Arbeit, die Vertrauen in die Leistungen und bei den Gesprächspartnern geschaffen hat. Davon profitieren wir heute weiterhin sehr stark bei neuen Projekten. Es macht auch Freude, wenn die Menschen weiterhin bei Auftritten großes Interesse zeigen.

Sie haben sehr viele wichtige Regierungsvertreter interviewt, darunter Gerhard Schröder, Angela Merkel und George W. Bush. Inwiefern spielen bei solchen Interviewpartnern manchmal auch Ängste mit, zu versagen?

Angst nein, aber Anspannung und Konzentration. Das hatte bei mir nie etwas mit dem Rang der Interviewpartner zu tun, sondern eher mit der Frage, ob es ein schwieriger Mensch oder sehr kompliziertes Thema ist. Sie müssen bei Livesendungen immer sekundenschnell auf dem Punkt sein, reagieren, ändern, für Nachfragen sehr gut vorbereitet sein.

Wann war für Sie ein Talk / Interview besonders gelungen?

Wenn wir es geschafft hatten, nicht nur Politblabla zu verbreiten, sondern das Thema offen, verständlich und voranbringend diskutiert werden konnte. Und natürlich dann, wenn wir die interessantesten Personen der Woche zu Gast hatten, die fast jeder sehen wollte. Interviews mit Gästen wie George W. Bush, Bill Gates, Hillary Clinton etc. stießen natürlich weit über die deutschen Grenzen auf Interesse, das war sehr erfolgreich.

Über was für kleine Fehler haben Sie sich manchmal geärgert?

Falschinformationen, die ich mir selber oder die Redaktion aus dem Archiv gezogen haben. Das kommt mal vor. Oder auch in der knappen Zeit manchmal zwei wichtige Fragen nicht mehr unterzubringen. Da gibt es vieles, worüber ich mich auch immer wieder ärgern konnte. Aber das kennt wahrscheinlich jeder aus seinem Job.

Sie wurden hin und wieder dafür kritisiert, nicht ausreichend nachgehakt zu haben. Wie sehr haben Sie sich so eine Kritik zu Herzen genommen?

Da kann ich gut mit leben. Nicht gestellte Fragen und einseitige Sichten auf die Dinge, wie jetzt bei vielen Kollegen im amerikanischen Wahlkampf erlebt, das ist weitaus schlimmer.

Welche Art von Gast hat Ihre Nerven strapaziert und warum?

Schwafeler und Gäste, die der Redaktion im Vorgespräch etwas anderes erzählen als später in der Sendung, ständige Besserwisser etc., die kosten Sendezeit für nichts.

Was hat Sie an Ihrem Job als Moderatorin am meisten gereizt?

Ich war Produzentin diverser Talksendungen im deutschen Fernsehen und beim amerikanischen Sender CNBC. Diese Sendungen zu konzipieren, die wichtigsten Themen und Gäste auszuwählen, das ist fast noch spannender als die Moderation am Ende.

Was wiederum finden Sie an dem Beruf des Journalisten besonders reizvoll?

Die Neugier treibt immer wieder zu neuen Fragen, auf die wir Antworten suchen, möglichst bei den kompetentesten Wissenschaftlern, Wirtschaftsfachleuten, Politikern, kurz: großen Köpfen unserer Zeit. Die Möglichkeit zu haben, Wissen aufzunehmen, Hintergründe zu erfahren, aber auch im Gespräch mit ganz normalen Menschen, Stimmungen und Strömungen auszuloten, ihre Geschichten zu erfahren, das alles reizt mich sehr.

Welche Voraussetzungen muss man erfüllen, um diesen Beruf kompetent ausüben zu können?

Neben Fachgebieten und -kenntnissen vor allem Menschen mögen, Fragen haben, sehr wach durch das Leben gehen, Disziplin und Geduld, um den Dingen wirklich auf den Grund zu gehen.

Heute gibt es nicht mehr so viele Formate mit profilierten Moderatoren. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Finden Sie? Ich sehe im Informationsbereich eine ganze Reihe sehr profilierter Kollegen und vor allem Kolleginnen – auch bei den Jüngeren wie beispielsweise „heute plus“. Aber: Nachrichten und Informationen strömen in Sekundenschnelle heute von allen Seiten auf uns ein. Insbesondere durch das Internet, Social Media, Blogs, Algorithmen, die uns zupflastern mit den Meldungen, die wir angeblich sehen wollen. Wir sind eine Gesellschaft geworden, die "over news'd but underinformed" ist. Daher nehmen wir vielleicht die klassischen Sendungen auch nur noch als Zusatzinformation wahr.

Wie geht es Ihnen heute?

Es geht uns sehr, sehr gut! Mein Mann und ich (Anmerkung der Redaktion: Sabine Christiansen ist seit 2008 mit dem Textilfabrikanten Norbert Médus verheiratet) haben nach unseren hektischen Zeiten, er als Unternehmer in Paris und ich mit meiner Firma in Berlin, nun einen gemeinsamen Lebensrhythmus gefunden, der uns Zeit lässt für Familie und Freunde – auch mal, um zwei Wochen länger in unserem Haus auf Mallorca zu bleiben. Wir lieben beide unsere Tätigkeiten, aber wir können diese zugunsten unserer gemeinsamen Zeit heute besser abstimmen.

Mit welchen Projekten beschäftigen Sie sich derzeit?

Ich leite in erster Linie die eigene Firma. Hinzu kommen die Positionen als Aufsichtsrätin bei der Freenet AG und bei Hermes Europe sowie weitere Aufgaben. Das alles nimmt sehr viel Zeit in Anspruch. Zudem liegen mir meine sozialen Tätigkeiten als UNICEF-Botschafterin, als Vize-Vorsitzende der Laureus-Stiftung und als Leiterin meiner eigenen Kinderstiftung sehr am Herzen. Daneben halte ich viele Reden, moderiere auch noch ausgewählte Politik-, Finanz- oder Wirtschaftstagungen.

Sie werden am 30. November im Wiener Rathaus von dem österreichischen Magazin „LOOK“ als Frau des Jahres geehrt und zählen damit zu bekannten Preisträgerinnen wie Katherine Schwarzenegger oder Ingrid Betancourt. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie davon erfahren haben?

Ich habe es zunächst gar nicht geglaubt, da ich meine sozialen Aufgaben ja normalerweise abseits der Kameras wahrnehme. Ich fühle mich wirklich geehrt, stellvertretend für all unsere freiwilligen Helferinnen und Helfer bei UNICEF den „LOOK! At children Award 2016“ zu bekommen. Die Liste der bisherigen Preisträgerinnen ist wirklich beeindruckend.

Warum denken Sie, hat man Sie dafür ausgewählt?

Das kann ich Ihnen wahrlich nicht beantworten. Ich sehe es mehr als eine große Anerkennung für die vielen Unterstützer und Menschen, die jeden Tag in den Flüchtlingslagern, dem vom Erdbeben zerstörten Haiti oder den verhungernden Kindern im Jemen größtmögliche Hilfe leisten.

Wie wichtig ist Ihnen gerade diese Auszeichnung? Wo bewahren Sie Ihre Auszeichnungen zuhause auf?

Auszeichnungen sind dann wichtig, wenn sie als Ansporn dienen. Wenn Sie den Focus auf Zustände lenken, die uns nicht jeden Tag in den Nachrichten entgegenspringen, die aber millionenfach kaum erträgliche, menschliche Schicksale widerspiegeln. Deshalb stehen die Auszeichnungen auch im Büro, dort wo sie mir glänzend, aber mahnend morgens die Frage stellen: Was könnten wir noch tun?

Im Internet heißt es, Sie hätten Ihren Polittalk 2007 aufgegeben, um sich auf Projekte im Ausland zu konzentrieren. Welche Formate gab es im Ausland, die es hier bei uns zulande nicht gab, um Sie als Moderatorin zu halten?

Als erste deutsche Frau habe ich für den internationalen Wirtschaftssender CNBC weltweit eine eigene Sendung produziert und moderiert. „Global Players with Sabine Christiansen“ bedeutete aber auch unentwegt auf der Langstrecke unterwegs zu sein, zusätzlich zu unserer Sonntagssendung. Das war sehr anstrengend. Wir arbeiten auch weiterhin sehr viel international, aber ich wollte einfach nach 27 Jahren vor der Kamera mein weiteres Leben lieber dahinter verbringen.

Wenn Sie heute noch mal eine Sendung machen würden, wie müsste die aussehen?

Darüber denke ich nicht nach, da eine neue Sendung nicht mehr in meinen Lebensentwurf passt.

Wenn Sie mal einen Tag frei haben, was machen Sie dann am liebsten?

Ich liebe Gartenarbeit und lange Spaziergänge mit Freunden und Hunden.

Wenn Sie jetzt auf Ihre bisherige berufliche Laufbahn zurücksehen, wie zufrieden sind Sie bisher und welchen Wunsch würden Sie sich gern noch erfüllen?

Meine Mutter ist jetzt 84, rüstig, fit. Ich möchte ihr gern noch ihre Wunschplätze auf dieser Welt zeigen.

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Vielen lieben Dank für das Interview und schon jetzt HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH zu Ihrer Auszeichnung als Frau des Jahres 2016!

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