27.09.2016

INTERVIEW Cornelia Funke: "Dicke Bücher machen selten gute Filme"

Foto: Jörg Schwalfenberg

Am Montag erschien die lang ersehnte Fortsetzung von Cornelia Funkes Drachenreiter-Roman. Über die Macht ihrer fantastischen Geschichten sprach sie mit uns im Interview.

Mit ihren fantastischen Geschichten fesselt sie seit Jahren kleine und große Leser: Cornelia Funke. Am Montag kam endlich die lang ersehnte Fortsetzung ihres erfolgreichen Drachenreiter-Romans von 1997 in den Handel. Bevor die deutsche Autorin, die seit vielen Jahren in den USA lebt, zu uns auf Lesereise kommt, stand sie bildderfrau.de für ein Interview Rede und Antwort über Inspirationen, Romanverfilmungen und, wie man das innere Kind bewahrt.

bildderfrau.de: 19 Jahre mussten Ihre Leser auf die Fortsetzung vom "Drachenreiter" warten. Warum so lange?

Cornelia Funke: Ich habe es mehrmals versucht, aber ich hatte jedes mal das Gefühl, dass die Geschichte die erste wiederholt und ich hasse Fortsetzungen, die nicht mindestens so gut wie das Original sind.

Dann begann ich vor etwa zwei Jahren, in Los Angeles mit anderen Künstlern an einem digitalen Drachenreiter-Abenteuer zu arbeiten, das es auch als Comic auf Papier geben wird, und dabei bekam ich wieder solchen Spaß an den Figuren, dass die Geschichte sich wie von selbst schrieb.

>> Funkes neuer "Drachenreiter" und die letzten Pegasusse

Verraten Sie uns etwas von den neuen Abenteuern von Ben, Lung und Schwefelfell. Was erwartet die Leser?

Die Geschichte führt nach Norwegen und Indonesien. Alle vertrauten Figuren kommen vor, aber es gibt auch viele neue – unter anderem einen Troll, einen Pegasus und natürlich ein paar Greife. Ich habe die Geschichte so geschrieben, dass man sie auch versteht, wenn man das erste Abenteuer nicht gelesen hat.

Sie machen häufig auch die Illustrationen zu ihren Büchern. Gibt es auch Figuren, Landschaften, bei denen Sie Schwierigkeiten haben, Sie zu Papier zu bringen?

O ja, schwierig ist das sehr oft und ich muss oft erst mal auf die Suche nach Bildmaterial gehen, das dann meine Illustrationen inspiriert. Ich illustriere die meisten meiner Bücher, aber einige habe ich von anderen Künstlern bebildern lassen, vor allem die Bilderbücher.

Haben Sie auch im ursprünglichen Drachenreiter die Illustration übernommen, oder erst in der veränderten Neuauflage?

Nein, ich habe das erste Buch auch illustriert, und bei diesem denselben Stil verwendet – Federzeichnungen. Meine Reckless Bücher illustriere ich dagegen mit Bleistift.

Die Filmrechte zu "Drachenreiter" haben Sie verkauft. Ist auch eine Verfilmung der Fortsetzung geplant?

Derzeit nicht. Ich muss erst mal sehen, wie mir der erste Film gefällt.

Sie waren gerade und gehen wieder auf Lesereise. Wie fühlt es sich an, direktes Feedback Ihrer Fans zu bekommen? Sind auch kritische Stimmen dabei?

Bislang nicht. Aber wenn das passiert, kann das oft inspirierend sein. "Die Welt ist so fantastisch, man weiß gar nicht, welche Geschichte man zuerst schreiben soll"

Was mögen Sie denn lieber – Bücher oder Verfilmungen? Und in wie weit sind Ihre Illustrationen auch maßgebend für die Verfilmung?

Ich liebe Filme und Bücher und gute Fernsehserien und Theater und was immer sonst es an Medien gibt, die Geschichten erzählen. Aber dicke Bücher machen selten gute Filme, weil einfach zu viel geändert werden muss- weshalb ich bei einigen Büchern keine Verfilmung erlaube. Ich bereue es einfach allzu oft.

Woher nehmen Sie die Inspiration für Ihre, im wahrsten Sinne, fantastischen Geschichten?

Aber diese Welt ist doch so fantastisch, dass man gar nicht weiß, welche Geschichte man zuerst schreiben soll! Selbst die fantastischsten Geschichten verblassen gegen die Wirklichkeit und Wunder dieser Welt.

Halten solche Geschichten das "innere Kind" wach und am Leben?

Ich glaube, erwachsen werden heißt eigentlich zu lernen, das Kind zu sein, das man schon immer sein wollte. Als Kind ist einem das ja leider meist nicht erlaubt. Als Erwachsener hat man keine Ausrede, wenn man nicht so lebt, wie man gern leben würde

Der Anfang oder das Ende einer Geschichte – was ist die größere Herausforderung?

Beides finde ich meist nicht sonderlich schwer. Meist wird die Mitte schwierig.

Sie leben seit einigen Jahren in den USA. Was vermissen Sie von Deutschland?

Die Brötchen und das Lakritz.

Und was überhaupt nicht?

Den Pessimismus, die Lust sich zu beschweren, obwohl wir eins der reichsten Länder dieser Welt sind. Und dass einen Fremde auf der Straße oder im Aufzug nicht mit einem Lächeln begrüßen.

Haben die Amerikaner auch so einen begeisterten Zugang zu Ihren Märchen?

Sie haben einen begeisterten Zugang zu fast allem. Aber was die Geschichten betrifft, so sind das hier eher Der Zauberer von Oz, Charlotte’s Web, Wer die Nachtigall stört oder Shel Silversteins Gedichte, also Texte, die von Schriftstellern verfasst wurden. Aber es gibt natürlich auch unendlich viele Volksmärchen – von all den zahllosen Einwanderergruppen und natürlich auch den verschiedenen Indianerstämmen.

Könnten Sie sich vorstellen, eines Tages wieder zurück zu Ihren Wurzeln zu kehren?

Ich glaube, ich bin eher ein Vogel als ein Baum. Ich kann mir eher vorstellen, noch mal an einen anderen Ort zu gehen. Oder meine Wurzeln doch noch tiefer in die kalifornische Erde zu graben. Ich liebe diesen Ort wirklich sehr.

Es gibt Bücher, die einen ein Leben lang begleiten. Welche sind das bei Ihnen?

Der König auf Camelot, von T.H.White, Jenseits von Eden von John Steinbeck, die Kurzgeschichten von Somerset Maugham, um nur einige wenige zu nennen. Ich liebe auch immer noch Heine und Büchner. Und Saul Bellows Regenkönig. Ich könnte Seiten mit meinen Lieblingsbüchern füllen.

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Und was ist das aktuelle Projekt, das Sie gerade am meisten "gefangen" nimmt?

Das sind zwei: DIE INSELN DER FÜCHSE, mein viertes Reckless Buch und eine Romanfassung meines Lieblingsfilms PANS LABYRINTH, um die mich Guillermo del Toro, der Regisseur gebeten hat. Das schreibe ich allerdings auf Englisch. Ausserdem habe ich 15 Kapitel von DIE FARBE DER RACHE, einem weiteren Tinten-Buch fertig. Und denke über das nächste Drachenabenteuer nach.

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