25.08.2016

SYNCHRONSPRECHERIN INTERVIEWT Christin Marquitan: „Brustkrebs kann man nicht genug thematisieren“

Toni Collette in IM HIMMEL TRÄGT MAN HOHE SCHUHE.

Foto: Neue Visionen Filmverleih

Toni Collette in IM HIMMEL TRÄGT MAN HOHE SCHUHE.

Christin Marquitan ist die deutsche Stimme von Toni Colette. Wir haben sie zu ihrer Rolle im Krebsdrama IM HIMMEL TRÄGT MAN HOHE SCHUHE befragt.

bildderfrau.de: Wie kamen Sie zu dem Beruf der Synchronsprecherin?

Christin Marquitan: Ich habe bereits als Teenager synchronisiert und nie damit aufgehört, auch nicht während meines Studiums und meiner 25 Jahre in festen Theater-Engagements.

Als Schauspielerin sowie auch als Sängerin wollte ich immer gern alles ausprobieren und die Synchronisation von Filmen und Serien in TV und Kino hat mich von Anfang an fasziniert. Als wunderschönen Teil meines Berufes habe ich es immer weiter ausgebaut.

Inwieweit ist eine professionelle Ausbildung als Schauspielerin und Synchronsprecherin für Ihren Beruf wichtig?

Ich darf stolz sagen, dass ich zudem noch ausgebildete Opernsängerin bin (Staatl. Hochschule für Musik München / Prof. Brigitte Fassbaender). Eine professionelle Ausbildung ist wünschenswert und von großem Vorteil, jedoch nicht Bedingung. Es gibt Ausnahmetalente, die hervorragend sind und sich auch ohne fundierte Ausbildung einen großen Namen im Synchrongeschäft gemacht haben.

Dann wiederum gibt es viele hochkarätige Schauspieler, die wahnsinnig gerne synchronisieren würden, es jedoch einfach nicht bewältigen, aus Verunsicherung, oder auch, weil ihnen einfach die Übung fehlt. Die Wertigkeiten werden ganz unterschiedlich festgelegt, wie wohl in jedem Berufsbereich.

Generell gesagt: Was Charakterrollen und wirklich schauspielerisch hohe Anforderungen an Rollen betrifft, stößt man im Synchron in der Regel schnell an seine Grenzen, wenn man kein gelernter Schauspieler ist. Im tagtäglichen Seriengeschäft bleibt daher leider aus Zeit- und Geldmangel oftmals sehr vieles beliebig und austauschbar an der Oberfläche.

Wenn man sich so viele Jahre in diesem Beruf halten will wie beispielsweise Nana (Spier, Anm.d.Red.) und ich, Traudel Haas, Charles Rettinghaus, Tobias Meister, Torsten Michaelis, Arianne Borbach oder Petra Barthel, sollte man sich schon frühzeitig eine absolute schauspielerische und künstlerische Basis aufgebaut haben, sonst rockt das später nicht wirklich. In die Charakterrollen, in eine hohe Qualität wächst man immer stärker hinein, es ist ein wunderbarer, sich ständig wandelnder Prozess.

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Man sieht ja heute oft wie – vor allem für Animationsfilme – Prominente (darunter auch Sprech-Amateure und YouTube Stars) als Stimmen engagiert werden. Wie bewerten Sie den Trend?

Lustig. Ich amüsiere mich oft mit meinen Kollegen, was da so alles abgeht. Das gehört doch alles dazu, denn: Es ist das Gesicht unserer Zeit... jeder darf mal... und man kann es eh nicht ändern.

Im Ballett steht man seine 6 Pirouetten - oder man fällt auf die Schniss, in der Oper schaffst Du als "Königin der Nacht" das dreigestrichene F - oder Du wirst ausgebuht - ABER in der Bildenden Kunst und auch als Schauspieler, Sänger, Synchronsprecher, Autor etc... da kannst Du Dich immer irgendwie durchwurschteln, da ist alles möglich, für jeden, immer und überall.

Das ist leider alles sehr willkürlich, wie überall in der Marktwirtschaft, wo die Qualität zu Gunsten des Profits aufgegeben - oder zumindest vernachlässigt wird. Wenn Laien besetzt werden, weil sie billiger sind, oder A/B/C-Prominente, weil sie 20 Zuschauer mehr ins Kino locken (oder auch nicht...), ist es nicht nur ein Trend - es war doch schon immer so, selbst zu großen UFA-Zeiten - nur der Weg ist heute ein anderer, durch das Internet, durch die nimmersatten Medien kannst Du überall mal Klopf Klopf machen...

Jeder große Verleih hat das Recht dazu, alles zu versuchen, mehr Geld einzutreiben. Qualität... ?! Man kann oftmals kaum noch Laien von Profis unterscheiden, weil Laien heutzutage oft erfolgreicher sind und unfassbar gut faken können. Und manche Profis verkaufen sich sogar als Laien, weil sie damit tatsächlich erfolgreicher sind.

Durch unsere grenzenlosen medialen Möglichkeiten wird dies alles noch kultiviert und gefeiert. Um Kunst und Können geht es oft nicht mehr, viel mehr um Wirken, Dabeisein und Verkaufen. Und manch prominente Besetzung ist auch gleichermaßen im Synchron grandios, ich denke da nur an Bastian Pastewka oder Otto Waalkes, oder an die süße Josefine Preuß.

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Ich habe in 40 Berufsjahren soviel Verrücktes und Überraschendes erlebt, im Positiven wie im Negativen und rege mich schon lange nicht mehr über so etwas auf - sondern lasse alles los, was Krampf ist und erfreue mich an dem, was immer wieder neu entsteht. Und mit dieser Einstellung fliegt mir sehr viel Positives und Amüsantes zu.

Wer mich besetzen möchte, ist von Herzen willkommen, wer nicht, verpasst meinen leckeren Obazda oder meine delikate vegetarische Platte, die ich oft zu längeren Produktionen mitbringe - und hat das Pech, in den Pausen mit meinem kleinen frechen Hund nicht Ball spielen zu können. Leichtigkeit ist das Zauberwort. Die musste ich mir über viele Jahre hart erarbeiten. Man sollte das alles nicht überbewerten.

Was sind die häufigsten Missverständnisse über Ihren Beruf, denen Sie bei Ihrer Arbeit begegnen?

Wenn ich zu meiner Arbeit als Synchronsprecherin befragt werde, stelle ich immer wieder fest, dass man allgemein annimmt, ich stehe einfach nur da und "spreche statisch drauflos". Dass wir Synchronsprecher jedoch die Rolle spielen, dass wir komplett in Handlung, Haltung, Geschichte, Figur einsteigen - und über den Vorgang des "Sprechens an sich" gar nicht nachdenken, da die Stimme ja ausschließlich unserem Spiel, unserer Haltung, unserem Herzen folgt - das wissen natürlich Berufsfremde nicht, woher auch.

Ich versuche also oft, es bestmöglich zu erklären. Aber ich muss dazu sagen, dass unsere Arbeit als Synchronsprecher heute weitaus angesehener ist als früher, wir haben durch die Medien, durch viele Synchron-Internet-Foren eine immer größer werdende Lobby und mittlerweile versteht man, was wir da so treiben.

Und ich muss aber auch fairerweise sagen - das Original ist einfach IMMER unübertrefflich und am allerbesten - doch wenn Menschen die Filme nun mal gern in ihrer Muttersprache erleben wollen, müssen sie entsprechend synchronisiert werden. Und ich glaube, dass gerade in Deutschland, mit ganz wenigen Ausnahmen, eine hervorragende und korrekte Arbeit im Synchron geleistet wird. Die deutschen Synchronisationen sind weltweit sehr anerkannt und respektiert, auch bei den Stars selbst.

Das Image der "Dunkelkammer" nervt oft. Das ist gar nicht unser Thema. Im Gegenteil, ich liebe die diskrete Arbeitsatmosphäre und die Intimität der Dunkelheit, die oft gar nicht so dunkel ist, wie man es sich vorstellt. Es ist ein angenehmer Prozess der Entstehung eines Films - und im Kino selbst sitzen wir ja auch nicht im gleißenden Licht.

Verwenden Sie unterschiedliche Stimmlagen für die unterschiedlichen Stars, die Sie sprechen, um den Originalstimmen möglichst nah zu kommen?

Nein. Jedenfalls nicht bewusst und schon gar nicht vorsätzlich. Ich folge wie gesagt dem Spiel der Schauspielerin, die ich zu synchronisieren habe. Meine Stimme färbt oder verändert sich automatisch mit meinem Spiel und dem Identifizieren mit der Rolle.

Natürlich ist die Schauspielerin, das Original, absolut richtungsweisend - doch müssen wir in der Synchronfassung auch eine ureigene Form finden, um authentisch und somit glaubwürdig zu bleiben. Wir sind ja keine Stimm-Imitatoren, sondern leben, fühlen, spielen die Rolle dem Original nach - und jeder Mensch hat eine unverwechselbare Stimmfärbung, das heißt, ich kann das Original nie zu 100 % treffen, sondern ihm nur im Spiel so nahe wie möglich kommen.

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Oftmals möchte der Verleih in der Synchronfassung auch eine völlig andere Stimme haben, also viel rauher, viel heller, höher oder tiefer timbriert als das Original. Viele berühmte Feststimmen sind komplett anders als das Original. Das ist verwunderlich, jedoch Gang und Gäbe. Die Gesetze werden von Produktion zu Produktion neu geschrieben, es ist oft abenteuerlich.

Ich wurde schon einmal nach einem Casting nicht besetzt, weil ich stimmlich und spielerisch zu 100 % auf die Schauspielerin und die Rolle passte - aber der Verleih das absolute Gegenteil vom Original wollte, um die Original-Schauspielerin bewusst zu verändern. Viele haben das dann scharf kritisiert - aber es sind Unausweichlichkeiten, die man zu akzeptieren hat, leider - denn "the big boss", also der Verleih hat immer das letzte Wort, selbst wenn die Entscheidung unsagbar ungeschickt ist...

Gibt es stimmliche Besonderheiten der Stars, auf die Sie besonders achten müssen bei der Synchronisation?

Nein - es ist immer das Spiel, die Haltung, die Rollenfigur. Sei es, stimmliche oder sprachliche Besonderheiten sind maßgeblich: Man synchronisiert zB. eine Schauspielerin, die eine Taubstumme spielt, so wie für mich bei Marlee Matlin, die ja sogar wirklich taubstumm ist, in der Serie "West Wing" oder so wie ich gerade Tilda Swinton mit total gebrochen-heiserer Stimme im Kinofilm "A Bigger Splash" oder Julia Ormond in "Mad Men" mit stark französischem Akzent sowie fließend französischsprechend oder Juliette Binoche in "In My Country" teilweise mit Afrikaans-Akzent synchronisiert habe - eben weil es die Rollen so abverlangten. Das sind Besonderheiten. Alles fließt mit dem Spiel. Und die Stimme fließt mit. Aber ich kann hier auch nur für mich sprechen, jeder arbeitet ja anders.

Welche Filmrolle eines Stars haben Sie am liebsten gesprochen?

LV (Jane Horrocks) in "Little Voice", Mary (Lesley Manville) in "Another Year", Tony (Emmanuelle Bercot) in "Mein Ein, mein Alles" - und immer wieder am liebsten Toni Collette, Juliette Binoche, Salma Hayek.

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Seit wann sprechen Sie Toni Collette und welchen Star sprechen Sie am liebsten?

Ich schätze Toni Collette sehr. Habe sie zum ersten Mal 2005 in "In den Schuhen meiner Schwester" synchronisiert. Jedoch mag ich auch Monica Bellucci, Sandra Oh, Julia Ormond, Joely Richardson, Famke Janssen, Isabelle Adjani sehr. Ich finde es auch immer spannend, ganz neue, unbekannte Schauspielerinnen zu synchronisieren, es sind oft echte Überraschungen dabei. Ebenso finde ich es schön, gute Zeichentrick-Figuren, gerade für Kinder, zu kreieren, wie zB. aktuell die liebevoll-naive "Königin Höchstangenehm" in "7 Zwerge" von Walt Disney. Das ist Herzblut. (lacht)

Sie sprechen Frauen mit starken mexikanischen, französischen, italienischen oder australischen Wurzeln. Ist das jedes Mal eine besondere Herausforderung oder ein großer Spaß für Sie?

Beides :-) Auch indischer Akzent ist herrlich-lustig... Oder amerikanisch mit französischem Akzent... Oder umgekehrt. Als echte norddeutsch-plattdütsche Deern ist ja schon München für mich südländische Exotik! Wenn ich nach einem scharfen Salma Hayek-Film abends in den Spiegel guck, krieg ich manchmal einen Schock (lacht). Und stelle mir die große Frage nach dem Warum...

Ist Catherine Hardwickes IM HIMMEL TRÄGT MAN HOHE SCHUHE ihre erste Zusammenarbeit als Synchronsprecherinnen?

Nein, mit Nana Spier habe ich bereits zusammengearbeitet. Früher weitaus öfter - heute wird ja leider aus bearbeitungs/schnittt-technischen Gründen gar nicht mehr zusammen aufgenommen.

In IM HIMMEL TRÄGT MAN HOHE SCHUHE sprechen Sie sehr enge Freundinnen, die gemeinsam durch harte Schicksalsschläge gehen. Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit?
Leider waren wir nicht zusammen im Studio. Wir wurden einzeln aufgenommen. Gerade in diesem Film fand ich es sehr schade. Ich hatte es vorab erwähnt und drum gebeten, aber es war wohl offenbar leider nicht zu koordinieren.

Die Freundschaft im Film ist wunderschön, einmalig... So zueinander zu stehen, lebenslang, durch all die Gezeiten gemeinsam durchzugehen... es hat mich tief beeindruckt. Drew und Toni sind göttlich zusammen. Das Thema Brustkrebs habe ich in den letzten Jahren sehr oft synchronisiert... und bei Freundinnen, die ich verloren habe, privat erlebt, es beschäftigt mich sehr und betrifft uns alle verstärkt. Man kann es gar nicht genug thematisieren.

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Schauen Sie persönlich Filme lieber im Original (mit Untertiteln) oder in der deutschen Synchronisation?

In der deutschen Synchronisation. Ich lebe die Filme lieber in meiner Muttersprache mit, möchte mich nur auf die Schauspieler, auf die Handlung, auf die Kameraführung, auf das visuelle Wahrnehmen konzentrieren, nicht auf Schriften. Wenn mir ein Film besonders gefällt, schaue ich ihn manchmal zum Abgleich auch nochmal im Original. In meiner Muttersprache geht er mir jedoch meistens viel mehr ins Herz. Ich bin also eine bekennende Synchronfilm-Guckerin.

Was würden Sie Frauen raten, die auch gerne Synchronsprecherinnen werden wollen?

Eine fundierte Schauspielausbildung, wozu auch eine Sprechausbildung gehört, einen langen Atem - und Spielerfahrung.

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Vielen Dank für das sehr unterhaltsame Gespräch!

IM HIMMEL TRÄGT HOHE SCHUHE gibt es auf DVD und Bluray für den Mädelsabend daheim:

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