25.07.2016

Nachgefragt Hans Meiser verrät, warum alle noch von „Notruf“ reden

Von

Hans Meiser hat noch immer sehr viel zu tun und sucht auch als Rentner stetig nach neuen Herausforderungen.

Foto: imago

Hans Meiser hat noch immer sehr viel zu tun und sucht auch als Rentner stetig nach neuen Herausforderungen.

Moderator Hans Meiser ist damals wie heute vielen Leuten ein Begriff. Uns hat er exklusiv erzählt, warum „Notruf“ noch immer positiv nachwirkt.

bildderfrau.de: Lieber Herr Meiser, 9 Jahre Nachrichten, 14 Jahre „Notruf“, 3 Jahre „Quiz 21“, 8 Jahre Talkshow, 12 Jahre „Pannen-Show“, viele Einzel-Sendungen mit Kohl, Schröder, Stoiber, Rau – Sie haben wahrlich TV-Geschichte geschrieben. Seit einigen Jahren sieht man Sie jedoch kaum noch vor der Kamera. Wieso nicht?

Hans Meiser: Vielleicht ist es so, weil ältere Herrschaften wie ich aus Sicht der Fernsehmacher in den Reißwolf gehören. (lacht) Nein, im Ernst, ich kann es Ihnen eigentlich gar nicht genau sagen. Ich denke, das Programm sollte irgendwann deutlich jünger werden und da gab es für mich dann keine wirkliche Option mehr.

Warum die Entscheidung, aus der Öffentlichkeit zurückzutreten?

Naja, meine Entscheidung war das gar nicht so unbedingt. Die meisten Formate sind einfach nicht für die Ewigkeit gemacht. Aber ich weiß bis heute nicht, warum beispielsweise „Notruf“ oder auch meine Talkshow so abrupt eingestellt wurden. Das kam beides sehr überraschend und ohne große Vorwarnung.

Was hat Sie an Ihrem Job als Moderator besonders fasziniert?

Ich denke, das war ein gewisser Hang zum Exhibitionismus vor der Kamera. Jeder gute Moderator muss die Bereitschaft besitzen, sich auch mal zum „Affen“ zu machen und gewisse Grenzen überschreiten zu können. Er muss für alles bereit sein und genau das macht diesen Job sehr abwechslungsreich.

Ich habe beispielsweise mal während einer Moderation bei der „Pannen-Show“ eine Schneeladung auf den Kopf bekommen, die vom Dach zufällig heruntergerutscht war, unter dem ich stand. Ein anderes Mal bin ich während einer Ansage vom Weg abgekommen und befand mich plötzlich bis zu den Schultern im Tiefschnee. Solche Dinge passieren und machen diesen Job eben auch spannend.

Du bist mitten im Geschehen und kannst nicht immer alles planen. Zudem ist es, meiner Meinung nach, sehr wichtig, dass du genau weißt, wovon du redest und dich in der Vorbereitung eingehend mit der Materie beschäftigt hast. Man sollte sich nicht verstellen, denn das merken die Zuschauer sofort.

„Notruf“ war eine Sendung, die medial sehr gut funktioniert hat. Was glauben Sie, warum?

Ich denke, das hatte dreierlei Gründe. „Notruf“ war eine sehr authentische Sendung, die beispielsweise wie ein Betriebs-TV von allen Rettungsorganisationen gesehen wurde. Die Filme wurden hochwertig produziert, die Szenen meist mit denjenigen nachgestellt, die auch ursprünglich am Unfall beteiligt waren. Dadurch wirkte die Darstellung nicht gekünstelt oder gespielt.

Weiter glaube ich auch, dass der Erfolg der Sendung etwas mit der Art der Sendungsmoderation zu tun hatte. Ich war ja stetig direkt mit im Geschehen, habe mich während der Ansage aus einem Hubschrauber abgeseilt, befand mich in Gletscherspalten oder moderierte während der Fahrt auf einem Schnell-Boot der Küstenwache.

Meiner Meinung nach sollte ein guter Reporter nicht nur erzählen, er sollte es erklären und dazu gehört dann eben auch die Bereitschaft, mittendrin zu sein, ansonsten fehlt die Authentizität.

Sie haben sich als Journalist einiges getraut, wozu andere vielleicht keinen Mut gehabt hätten, haben damals sogar damals bei der Geiselnahme von Gladbeck einmal kurz mit dem Täter telefoniert. Woher haben Sie dieses Selbstvertrauen genommen?

Das ist wohl die ständige Suche nach dem bisschen Nervenkitzel, der mich als Reporter immer wieder vorangetrieben hat. Ich habe ja zu dem Zeitpunkt der Geiselnahme selbst nicht damit gerechnet, dass überhaupt jemand das Telefon abnimmt. Meine Intention war es, mit einer der Geiseln zu sprechen und da ich die Deutsche-Bank-Filiale, in der sich das Drama damals abspielte, gut kannte, habe ich einfach zum Hörer gegriffen.

Als ich Degowski (Anm. der Red.: einer der damaligen beiden Geiselnehmer) plötzlich am Hörer hatte, war ich selbst überrascht. Aber als Reporter musst du dich Dinge trauen und auf alles vorbereitet sein, denn es gibt oftmals nur einen Versuch vor der Kamera.

Inwiefern vermissen Sie das Showgeschäft?

Da sitze ich, ehrlich gesagt, ein wenig zwischen den Stühlen. Das Showgeschäft an sich vermisse ich nicht. Allerdings ist der Journalismus als solcher ein Virus, der nicht heilbar ist. Fernsehen macht süchtig, von daher werde ich wohl nie so ganz davon loskommen. Ich suche auch heute immer noch nach Herausforderungen, die mir Spaß machen, allerdings können die ganz unterschiedlicher Natur sein.

Neulich bin ich beispielsweise mal mit dem Familien-Wohnmobil alleine nach England gefahren und der Trip an sich war schon ein ziemliches Abenteuer. Vor Ort bin ich unter anderem in einer kleinen Wohnstraße steckengeblieben, da ging gar nichts mehr. Da wäre jeder andere verzweifelt. (lacht)

Welche Kollegen haben sich über die Jahre zu guten Freunden entwickelt und warum?

Es gibt viele Kollegen, zu denen ich noch immer ein gutes Verhältnis pflege. Dazu gehören unter anderem Birgit Schrowange, Jochen Busse oder Frank Elstner. Und auch das Team von „Notruf“ war während der gesamten 14 Jahre dasselbe, sodass wir uns blind vertrauen konnten. Wirklich gute Freunde habe ich allerdings eher im privaten Freundeskreis.

Was hat sich im TV heute im Vergleich zu früher verändert?

Das Fernsehen ist beliebiger und nachlässiger geworden. Alle produzieren mittlerweile dasselbe, es gibt nichts Besonderes mehr, worauf man sich freuen kann. Inzwischen kann ich mir ja beispielsweise sogar jeden Tag einen „Tatort“ anschauen, wenn ich will – ich will aber nicht.

Talkshows wie die, die Sie früher hatten, gibt es eigentlich nicht mehr. Was glauben Sie, warum das so ist?

Das kann ich mir leider selber nicht erklären. Aber eins ist sicher: Das war auf jeden Fall eine Fehlentscheidung, keine Talkshows mehr zu produzieren. Ich hatte immer interessante Gäste, zu guten Zeiten habe ich mich über Tagesquoten bis zu 46 Prozent gefreut. Heute erreichen die vermeintlichen Shows, die es noch gibt, vielleicht ein Viertel davon. Das ist doch traurig.

Können Sie sich noch an Ihren allerersten Auftritt vor der Kamera erinnern? Wie haben Sie sich damals gefühlt und was hat sich daran im Laufe der Zeit verändert?

An meinen allerersten Auftritt vor der Kamera kann ich mich nicht mehr wirklich erinnern, weil dieser wohl wenig spektakulär war. In meinen Anfangsjahren habe ich allerdings zwei Interviews geführt, die für mich prägend waren und an die ich noch immer sehr gerne zurückerdenke. Das Erste war ein Gespräch mit Prinz Philip, dem Ehemann der Queen. Ich wurde damals, im Juli 1983, mit zwei Kamerateams in den Buckingham Palast eingeladen, wo wir so vornehm untergebracht wurden wie in einer Original-Szene von „Das Haus am Eaton Place“ (Anmerkung der Redaktion: englische TV-Serie aus den Siebzigern).

Wir hatten uns intensiv auf die Hofregeln des englischen Königshauses vorbereitet und dann ist mir direkt bei der Begrüßung der erste Fauxpas passiert, indem ich Prinz Philip mit „Sir“ und nicht mit „Königliche Hoheit“ angesprochen habe. Ein peinlicher Fehler, den der Prinz jedoch anscheinend mit Humor nahm, denn dieser schmunzelte nur und machte es sich zum Interview, wohlgemerkt auf Deutsch, bequem.

Das zweite Interview, das mich tatsächlich ziemlich nervös gemacht hat, fand mit dem damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt statt, den ich damals kurz vor dem Interview mit sehr schlechter Laune in der Pressekonferenz erlebt hatte. Ich weiß noch, dass ich schweißnasse Hände hatte. Im Termin war Helmut Schmidt jedoch alles andere als angespannt und zeigte sich äußerst sympathisch. So eine Nervosität wie bei dem damaligen Kanzler oder Prinz Philip habe ich danach jedoch nie wieder verspürt. Ich habe meinen Job immer als Handwerk angesehen. Ein Tischler bekommt ja auch kein Lampenfieber, wenn er ein Möbelstück baut. (lacht)

Wie geht es Ihnen heute?

Ich habe vor zwei Jahren einen medizinischen Komplettcheck machen lassen, aus dem resultierte, dass ich kerngesund bin. Ich habe ein wenig sichtbares Übergewicht, aber damit kann ich gut leben. (lacht) Nein, im Ernst, mir geht es sehr gut, ich fühle mich wohl und ich weiß dieses Gut auch sehr zu schätzen.

Mit welchen Projekten beschäftigen Sie sich heute?

Ich beschäftige mich mit allerlei spannenden Projekten, halte Vorträge, schreibe für Zeitungen, gebe Coachings und Rhetorik-Trainings und betreibe gemeinsam mit dem Moderator Frank Laufenberg den Radiosender „Popstop“. Es wird also nicht langweilig, ich habe noch immer ziemlich viel zu tun. Mir fehlt oft eine Sekretärin. (lacht)

Wie reagieren die Leute früher und heute auf Sie auf der Straße?

Die Leute reagieren heute eigentlich immer noch genauso wie damals. In meinem Heimatort Bad Münstereifel werde ich fast täglich angesprochen und um ein gemeinsames Handyfoto oder um ein Autogramm gebeten, was mich schon sehr freut. Witzigerweise erkennt man mich aber eher oft an meiner Stimme als an meinem Aussehen. Zu „Notruf“-Zeiten brauchte ich selbst mal einen Krankenwagen und als ich dann den Notruf 112 gewählt habe, wussten gleich alle Bescheid. Das war und ist auch jetzt noch eine ganz nette Bestätigung. (lacht)

Viele Menschen haben Sie bewundert, haben zu Ihnen als Moderator aufgeschaut. Wen finden Sie derzeit im TV bewundernswert und warum?

Für mich ist unter anderem Kai Pflaume ein wirklich bewundernswerter Moderator, der meiner Meinung nach noch eine große Show-Karriere vor sich hat. Er lacht ehrlich, ist aus dem Bauch heraus witzig und verhält sich nicht aufgesetzt. Das kommt bei den Zuschauern gut an.

Was denken Sie, in welche Richtung sich das TV noch entwickelt? Noch mehr Sensation, noch weniger Pietät?

Das ist schwer zu sagen, aber ich glaube, dass es das Fernsehen, so wie es heute ist, nicht mehr lange so geben wird. Fernsehen wird immer mehr zu Fernsehen on demand werden. Jeder wird künftig noch mehr Möglichkeiten haben, sich die Sendungen, die er sehen will, aus dem Internet zu ziehen. Als echte Gefahr sehe ich allerdings die ganze Entwicklung mit den Smartphones. Jeder kann heute alles filmen und ins Netz stellen. Das bedeutet das Ende jeglichen ethischen und moralischen Bewusstseins und da müssen wir sehr stark aufpassen, dass uns das nicht entgleitet.

----

Lieber Herr Meiser, herzlichen Dank für das sehr offene und bereichernde Interview! Ihnen für die weiteren Projekte viel Erfolg!

Seite

Die neuesten Videos von BILD der FRAU

Beschreibung anzeigen