08.07.2016

Interview Propaganda oder Aufklärung? Eine Südkoreanerin in Nordkorea

Meine Brüder und Schwestern im Norden: Verschiedene Welten.

Foto: Kundschafter Filmproduktion GmbH

Meine Brüder und Schwestern im Norden: Verschiedene Welten.

Für ihre Doku MEINE BRÜDER UND SCHWESTERN IM NORDEN (ab 14.07. im Kino) reiste Sung-Hyung Cho nach Nordkorea und hat Faszinierendes zu berichten.

bildderfrau.de: Frau Cho, Sie sind eine preisgekrönte Filmregisseurin und Filmeditorin und seit 2011 auch als Professorin an der Hochschule der Bildenden Künste Saar in Saarbrücken tätig. Lieben Sie es, viele Hüte gleichzeitig zu tragen?

Sung-Hyung Cho: Nein, ich bin kein Multi-Tasking-Typ. Ich hasse es, verschiedene Dinge gleichzeitig zu tun. Aber ich tue die Dinge nacheinander, eins nach dem anderen. Meine Tätigkeit als Filmprofessorin an der HBK Saar und meine Arbeit als Filmemacherin ergänzen und unterstützen sich gegenseitig. Da die HBK Saar extrem verständnisvoll und unterstützend ist, und da ich keine eigene Kinder habe, kann ich sehr gut die beiden Tätigkeiten vereinen. Meine Studenten sind meine Ersatzkinder. (lacht) Da kann ich meinen Mutterinstinkt voll ausleben.

Dieses Jahr wurde erstmals der SiStar Filmpreis in Berlin verliehen, ein neuer Preis exklusiv für herausragende Regieleistungen von Frauen im deutschen Film. Sind die Frauen beim Film so unterrepräsentiert, dass es einen gesonderten Preis für ihre Leistungen hinter der Kamera geben muss?

Das ist eine schwierige Frage. Eigentlich ist es mir nicht sonderlich aufgefallen, dass die Frauen dermassen unterrepräsentiert sind... Denn ich kenne viele Frauen im Filmgeschäft. Meine Redakteurinnen zum Beispiel sind Frauen... Ich muss zugeben, dass ich bis dato nicht nach den Gender-Kategorien gedacht und gehandelt habe.

bildderfrau.de bei der ersten Verleihung des SiStar Filmpreises!

Sie drehen vornehmlich Dokumentarfilme. Was fasziniert Sie an diesem Genre?

Dass ich mit echten Menschen und Leben zu tun habe. Und dass ich durch den Film andere Menschen und Geschichten kennenlerne und dabei viele neue Erkenntnisse erlange. Ich habe weder eine Wahnsinnsvision, noch ein starkes Ego, das unbedingt raus in die Welt muss.

Wie Ihre vorherigen Dokumentarfilme wird auch Ihr jüngster Kinofilm „Meine Brüder und Schwestern im Norden“ als „Heimatfilm“ beworben. Was macht für Sie einen Film zum Heimatfilm?

Wenn sich ein Film mit dem Thema Identität und Wurzeln befasst, aber nicht rückwärtsgewandt, sondern im Hier und Jetzt. Die Deutsche Wiedervereinigung hat mich gelehrt, dass Nordkorea ein Teil meiner alten Heimat ist und zugleich ein Teil des künftigen vereinten Koreas wird. Daher ist dieser Film für mich auch ein Heimatfilm.

Als jemand, der aus Südkorea nach Deutschland gezogen ist und für seine Filme immer wieder zurück nach Korea reist, welches Verhältnis haben Sie zu dem Begriff „Heimat“?

Ich bin ein hessisches Landei seit 2002. In Hessen lebe ich seit meiner Ankunft 1990 in Deutschland. Meine Stationen sind Marburg, Frankfurt am Main und Usingen-Eschbach. Mittlerweile pendle ich zwischen dem Hintertaunus und Saarbrücken. Da ich einmal ordentlich entwurzelt worden bin, bin ich stets auf der Suche nach meiner Heimat.

Heimat bedeutet für mich die Suche nach einer neuen Identität und Wohlbefinden. Im Zeitalter der Migration und Globalisierung ist der Begriff um so wichtiger geworden.

In Ihrem jüngsten Film porträtieren Sie Nordkoreaner fernab der Propagandamaschinerie des nordkoreanischen Staates und unbehelligt vom negativen Bild des Landes in den westlichen Medien. Wie kamen Sie auf die Idee zum Film?

Ich hatte weniger eine konkrete Idee zu einem Film als den Wunsch, einfach mal nach Nordkorea reisen zu dürfen. Denn wir Koreaner sind seit 70 Jahren getrennt. Für die Koreaner ist ein gegenseitiger Besuch beinahe unmöglich. Wenn was unmöglich oder extrem schwierig sein soll, reizt es einen um so mehr.
Ich wollte jenseits der stereotypen negativen Bilder Nordkoreas einfach die Menschen dort und ihren Alltag kennenlernen. Das war für mich viel interessanter als die Raketen und die Soldaten.

Wie unterscheidet sich Ihr neuer Film von Ihren früheren Werken über Korea? War der Dreh erwartungsgemäß schwieriger?

Davon kann man ja ausgehen, dass die Dreharbeiten in Nordkorea viel schwieriger sind. In Südkorea ist alles zu viel, zu viele Autos, zu viele Lichter, zu viele Konsumgüter, zu viel Essen, zu viel Vergnüngungsangebote. In Nordkorea ist alles knapp. Dafür gibt es dort sehr viel Führerkult...

Sie mussten als Südkoreanerin mit deutschem Pass nach Nordkorea reisen, um überhaupt ins Land gelassen zu werden. Wie empfanden Sie diesen sonderbaren Umstand?

Absurd ist es, dass ich auf meinen südkoreanischen Pass verzichten musste. Aber ich finde es mittlerweile ganz toll, einen deutschen Pass zu haben. Seitdem ich deutsche Staatsangehörige geworden bin, gehören beide Länder, Südkorea und Nordkorea zu meiner Heimatsammlung.

Im Film werden Sie als Südkoreanerin dennoch positiv von Nordkoreanern empfangen. Gab es auch Anfeindungen, die der Film nicht zeigt?

Wenn man sich an die Regel hält, kann einem nichts Schlimmes passieren. Außerdem dürfen die Nordkoreaner zu uns ausländischen Gästen nicht unfreundlich sein. Sie müssen die Gäste aus dem Ausland willkommen heißen und sehr gut behandeln, so dass die Gäste mit diesem 'guten Eindruck' das Land wieder verlassen können. Dennoch folgten sie uns auf Schritt und Tritt. Das ist auf Dauer schwer auszuhalten. Da wir beim Dreh einen Monat am Stück in Nordkorea waren, waren wir am Ende auch sehr gereizt. Ich habe zum Beispiel in der letzten Drehwoche mit unseren nordkoreanischen Partnern vor Ort geschimpft, weil sie zu langsam waren, nicht eigenständig waren, etc.

Ihr Film ist sehr nah bei den Menschen, die in Nordkorea leben, zeigen sie mit einer erfrischenden Selbstverständlichkeit bei der Arbeit, beim Kochen, beim Essen, mit der Familie und auch in ihrer Beziehung zum Regime und den gesellschaftlichen Strukturen und Riten. Wie schwierig war es, sich den Menschen ohne einer politischen Agenda zu nähern?

Da ich bis dato nie einen politischen Film gemacht habe und die Politik nie im Fokus meiner Filme war, war es für mich nicht so schwierig gewesen, wie die anderen vielleicht meinen. Mich hat immer der Alltag interessiert. Wenn man zudem ein aufrichtiges Interesse an ihnen und ihrem Leben zeigt und sich ihnen auf Augenhöhe und mit Respekt und Empathie nähert, gelingt es einem auch, das normale Leben einzufangen.

In Ihrem Film geht es Ihnen nicht darum, über Menschen mit einer anderen Sichtweise und Lebensphilosophie zu richten. Sie sind stattdessen um Empathie und Verständnis bemüht. Mussten Sie dafür Kritik einstecken?

Leider ja. Mir wurde u.a. vorgeworfen, ich hätte einen Propagandafilm für das nordkoreanische Regime gemacht, da ich nicht vom Lager oder vom schrecklichen Regime erzähle. Es gibt zu viele Menschen, die eine sehr einfache Antwort auf eine sehr komplexe Lage haben wollen. Für diese Leute ist ein differenziertes Bild oder eine subtile Beobachtung des Landes per se suspekt.

Sie treten selbst als Interviewer im Film auf und beschreiben aus dem Off Ihre Gefühle. Wie beurteilen Sie die Rolle des Dokumentarfilmemachers als kommentierende Funktion im Film? Sollen die Eindrücke für sich sprechen oder geht es um ihre subjektive Aufbereitung des Gefilmten?

Ich habe es lieber, wenn die Eindrücke und die Bilder für sich sprechen. Dass ich ausnahmsweise kommentiere, ist eher der Struktur des Films geschuldet. Der Film ist wie ein Reisefilm organisiert. Anfangs gab es nur ein paar Zwischentitel mit Informationen über die jeweiligen Orte. Das hat bei den mehreren Testvorführungen nicht gut funktioniert. Ich habe erkannt, dass diese minimalen Kommentaren einer privaten Reiseführerin dem Film gut getan haben.

Werden Sie noch weitere „Heimatfilme“ drehen? Vielleicht über deutsche Städte?

Hier gibt es so viele Filmemacher, da muss ich nicht auch noch mitmischen. Aber Korea - Korea braucht mich!

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Vielen Dank für das Interview, Frau Cho!

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