16.06.2016

Frauen im Film The Hateful Eight: Macht Quentin Tarantino die besten Frauenfilme?

Jennifer Jason Leigh als Daisy Domergue in The Hateful Eight.

Foto: Universum Film

Jennifer Jason Leigh als Daisy Domergue in The Hateful Eight.

The Hateful Eight (2015), der jüngste Film des gefeierten Quentin Tarantino wirft die Frage auf: Ist er der beste Frauenfilm-Regisseur Hollywoods?

Quentin Tarantino ist 55, unverheiratet und hat keine Kinder. Nach eigener Aussage hat der italoamerikanische Filmemacher eine Zeit lang damit geliebäugelt, eine langfristige Beziehung einzugehen und Babys in die Welt zu setzen. Doch seine Liebe fürs Kino war dann doch so groß und so vereinnahmend, dass es bislang nicht dazu gekommen ist. So beschenkt der passionierte Cineast die Welt stattdessen alle drei, vier Jahre mit Filmen, die den Anschein machen, als wären sie dem Sumpf der internationalen Kinogeschichte entstiegen. Es sind dies wort- und bildgewaltige, zunehmend epische Genre-Spielereien, in der die Liebe zum Film das alles dominierende Gefühl ist, das transportiert wird.

Einige Kritiker rügen Tarantino schon seit seinen ersten Filmen „Reservoir Dogs“ (1992) und „Pulp Fiction“ (1994) für seine zitatfreudigen, selbstreferentiellen Genre-Hommagen, in denen sich nicht das Leben, sondern Filmkulturen, -traditionen und -erfahrungen spiegeln und ins Kultische und Theatralische überhöht werden. Andere Kritiker loben ihn als intelligenten kulturhistorischen Kritiker gerade eben für diese Auseinandersetzung mit Genregeschichten und ihren Funktionsweisen. Die bisherige Rezeption von Tarantinos jüngstem, (nach seiner eigenwilligen Rechnung) achten Film, dem dreistündigen Western „The Hateful Eight“, gestaltete sich ähnlich. Doch was sagt uns Tarantinos Perspektivierung des Macho-Genres des Westerns (und anderer darin verwobener Genres) über die Rolle der Frau in der Filmgeschichte?

Quentin Tarantinos dritter Western in Folge

„The Hateful Eight“ setzt zunächst die Unterhaltung mit der herrschenden Geschichtsschreibung fort, die Quentin Tarantino mit seinem Anti-Nazi-Märchen „Inglourious Basterds“ (2009) begann und mit seinem Anti-Sklaverei-Märchen „Django Unchained“ (2012) fortsetzte. In beiden blutigen, schwarzhumorigen Rachephantasien beschäftigte sich der Filmemacher erstmals offen mit der politischen und rassischen Dimension seiner Genrewelten. Während Rassenspannungen und zeitgeschichtliche Ereignisse in seinen früheren Crime-Filmen über Gauner und Kleinganoven nur im Hintergrund spielten und oft als hippe Popkulturzitate abgetan wurden, sind die letzten drei Tarantino-Filme allesamt mehr oder weniger revisionistische Western-Pastiches, in denen sich geschichtliche Fakten dem Willen des großen Kinoerzählers Tarantino beugen müssen.

Und wohl auch nur vor diesem detailverliebt evozierten historischen Hintergrund ist es zu verkraften, wie mit der einzigen weiblichen Hauptfigur von „The Hateful Eight“ (2015) umgegangen wird. Daisy Domergue (grandios verkörpert von der hierfür Oscar-nominierten 90er-Jahre-Ikone Jennifer Jason Leigh) ist eine Frau, aber nicht weniger hasserfüllt als die anderen sieben Protagonisten des Films. Sie ist eine gesuchte Raubmörderin, die vom Kopfgeldjäger John Ruth (Kurt Russell) zu ihrer Erhängung transportiert wird. Und das beinhaltet nun mal Schläge, Tritte und Kieferbrüche, wenn sie – wie so oft – versucht, zu fliehen oder ihn zu provozieren.

Ist Quentin Tarantino frauenfeindlich?

In den USA entbrannte aufgrund dieser Szenen und dem Ende des Films neben anderen Kontroversen die Diskussion über die frauenfeindlichen Tendenzen des Films und im zweiten Schritt des Regisseurs. Ist die Gewalt und der Hass, der Daisy Domergue als einziger Frau in „The Hateful Eight“ entgegenschlägt, verhältnismäßig zu den Schicksalen der anderen, ausschließlich männlichen Beteiligten des zunehmend brutalen Gemetzels, in das sich der wendungsreiche, mysteriöse Western-Krimi manövriert? Wie in vielen Debatten dieser Art kommt man nicht weit mit Pauschalisierungen über den vermeintlichen Frauenhass des Filmemachers. Der Kontext ist relevant.

Tatsächlich hat die Frau und das Weibliche in den Filmen Tarantinos ob durch ihre Abwesenheit oder Anwesenheit immer schon eine große Rolle gespielt. Wir erinnern uns: Das Machismo und die Coolness der männlichen Kriminellen in Tarantinos Filmen wurde immer wieder unterbunden durch ihre Unfähigkeit, in Krisensituationen auf homosoziale Loyalität zu vertrauen („Reservoir Dogs“) oder sich gegen die Wünsche einer souveränen Frau zu behaupten (Mrs. Mia Wallace in „Pulp Fiction“). In seiner Elmore-Leonard-Adaption „Jackie Brown“ und seinen „Kill Bill“-Filmen zollte Tarantino explizit der Stärke, Wärme und Durchsetzungskraft von Frauen in Form seiner Hauptdarstellerinnen Pam Grier und Uma Thurman Tribut. Und in seiner B-Movie-Liebeserklärung „Death Proof“ zeigte er Frauen zuerst als naive Opfer, aber dann auch als kompetente Kämpferinnen gegen die Gewalt und Willkür der Männer.

Macht Tarantino die besten Frauenfilme?

Als „Frauenfilme“ wurden früher erfolgreiche Genres des klassischen Hollywoodfilms zusammengefasst, die eine Frau als zentrale Figur besetzten und von „Frauenproblemen“ handelten. Hierzu gehörten emotionalisierte, besonders tränenreiche Filmgattungen wie das Melodram und der Liebesfilm, die sich explizit an ein weibliches Publikum und ihre vermeintlichen Interessen richteten: die Liebe, das Heim, die Familie und die Identität als Mutter und Ehefrau. Doch seit den 1930er Jahren hat sich kulturell einiges getan und mit den gesellschaftlichen Veränderungen kam es auch zu Verschiebungen in der Annahme darüber, was das Genre „Frauenfilm“ eigentlich genau ist und ob eine solche Kategorisierung nicht von vorgestern ist.

Legt man die Definition zugrunde, dass ein Frauenfilm zur überdurchschnittlichen Identifikation und Empathie mit einer Frau einlädt, dann hat Quentin Tarantino neben Macho-Dramen wie „Reservoir Dogs“ einige sehenswerte Frauenfilme wie „Jackie Brown“, „Kill Bill“ und auch „The Hateful Eight“ gedreht. In seinen Filmen geht es aber nicht nur um das Leiden oder die Emotionalität der Frau, wie im Melodram oder Liebesfilm, sondern um die ganze Spannbreite der kulturellen und gesellschaftlichen Möglichkeiten, in denen sich eine Frau wiederfinden kann: etwa als Kriminelle, Schwertkämpferin, Stuntfrau, Freiheitskämpferin und, und, und…

Zwar handelt es sich bei „The Hateful Eight“ betont um einen Ensemble-Film, bei dem jedem der acht Protagonisten fast gleich viel Aufmerksamkeit zuteil wird. Aber als gesuchte Kriminelle mit einem Preisgeld auf ihren Kopf nimmt Daisy Domergue im Laufe der Handlung eine immer prominentere Rolle im Geschehen ein, bis sie im letzten Drittel das Geschehen dominiert. Dabei ist sie nicht einfach nur noch Frau, sondern auch Täter und Opfer, Schwester und Bandenmitglied, Anführerin und Taktikerin, Verführerin und Mörderin. Egal was man über den Film denken mag, der gut eine Stunde kürzer hätte sein können, solche komplexen und komplizierten Frauenfiguren braucht das Kino.

Weitere starke Frauen beim Film gibt es hier:

Propaganda oder Aufklärung? Eine Südkoreanerin in Nordkorea

Maria Schrader: Liebe zum Theater in "Vor der Morgenröte"

X-Men vs. Rose McGowan: Ist dieses Bild sexistisch?

Julie Delpy: Frei Schnauze in Lolo – Drei ist einer zu viel

Catherine Hardwicke: Interview zu Im Himmel trägt man hohe Schuhe

Seite
Die neuesten Videos von BILD der FRAU

Die neuesten Videos von BILD der FRAU

Beschreibung anzeigen