01.06.2016

Interview Maria Schrader: Liebe zum Theater in "Vor der Morgenröte"

Regisseurin Maria Schrader  mit ihrem Hauptdarsteller Josef Hader in der Rolle von Stefan Zweig.

Foto: Mathias Bothor/X Verleih

Regisseurin Maria Schrader mit ihrem Hauptdarsteller Josef Hader in der Rolle von Stefan Zweig.

Schauspielerin Maria Schrader sprach mit uns vor der Kinopremiere ihrer jüngsten Regiearbeit VOR DER MORGENRÖTE über Stefan Zweigs Leben im Exil...

"Vor der Morgenröte" - ab 02.06.2016 im Kino - ist Maria Schraders zweite Regiearbeit. Die renommierte, mehrfach ausgezeichnete Schauspielerin aus Film, TV und Theater beeindruckt uns hier auch als Filmemacherin mit einem eindringlichen, intelligenten Porträt des großen jüdischen Literaten Stefan Zweig während seines Exils zwischen 1934 und 1942. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Dritten Reich, flüchtet der Österreicher (gespielt von Josef Hader) ins Ausland, mit vorübergehenden Stationen in England, Amerika und Brasilien - mal in Begleitung seiner besorgten Frau Lotte Zweig (Aenne Schweiz), mal im Zwiegespräch mit seiner Ex-Frau Friderike Zweig (Barbara Sukowa).

Stefan Zweig besucht auf seinen Reisen Literatenkongresse, gibt der internationalen Presse Interviews, schreibt an seinen Texten fort und tritt als politisch scheuer Intellektueller auf. In einzelnen Kapiteln, samt einem Prolog und Epilog, widmet sich Maria Schrader diesen Stationen von Zweigs unfreiwilligem Exil. In ihrem visuell berauschenden, intensiv inszenierten Film stehen die zwiespältigen Heimatgefühle des Schriftstellers im Mittelpunkt - bis zu seinem Freitod.

Wie relevant das Thema des Films auch heute ist, zeigt eine frühe Szene im Film, als Stefan Zweig dazu gedrängt wird, fernab Europas eine klare politische Stellung gegen die Nationalsozialisten und die Ereignisse in Europa einzunehmen. Er erwidert darauf: „Jede Widerstandsgeste, die kein Risiko in sich birgt, und keine Wirkung hat, ist nichts als geltungssüchtig.” Wie aktuell doch eine solche Einstellung durch eine gegenwärtige Zeit hallt, in der öffentliche Bekenntnisse und auf Halbwissen basierende Stellungnahmen über die sozialen Medien zur Tagesordnung gehören!

Wir haben eine blendend aufgelegte, vor der großen Premiere aufgeregte Maria Schrader am 30. Mai 2016 zu ihrem neuen Film befragt, zu ihrer Liebe zum Theater und was es bedeutet, eine Filmemacherin in Deutschland zu sein...

bildderfrau.de: Hallo Frau Schrader, danke, dass Sie sich die Zeit nehmen, uns einige Fragen zu beantworten. Zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zur Nominierung als beste Regisseurin beim Deutschen Filmpreis 2016 für „Vor der Morgenröte“. Was bedeutet Ihnen diese Nominierung?

Maria Schrader: Sie bedeutet mir viel. Ich meine, es sind über 150 Filme in dem Jahr gemacht worden. Und wir waren drei nominierte Regisseure. Seit sehr langer Zeit ist keine Frau mehr nominiert worden. Das heißt, es ist eine persönliche Freude, aber auch eine Stellvertreterfreude.

Dieses Jahr wurde erstmals auch der SiStar Filmpreis in Berlin verliehen, ein neuer Preis exklusiv für herausragende Regieleistungen von Frauen im deutschen Film. Sind die Frauen beim Film so unterrepräsentiert, dass es einen gesonderten Preis für ihre Leistungen hinter der Kamera geben muss?

Sagen wir mal so: Tatsächlich ist es 15 Jahre her, dass eine Frau als beste Regisseurin in Deutschland ausgezeichnet worden ist. Innerhalb dieser 15 Jahre gab es 5 Nominierungen für weibliche Regisseurinnen. Das bedeutet, dass das Verhältnis ungefähr 1:10 steht. Und solange das so ist, finde ich, braucht es die Quote und braucht es vielleicht auch die besondere Aufmerksamkeit durch einen neuen Regisseurinnen-Preis (wie den SiStar, Anm. d. Red.), von dem ich tatsächlich noch nichts gehört habe - Asche auf mein Haupt. Nur sollten diese Bemühungen solange anhalten, bis man sie tatsächlich nicht mehr braucht. Natürlich träume ich von einer Welt, in der eine Quote nicht mehr nötig ist.

>>> Unser Bericht von der ersten Verleihung des SiStar Filmpreises.

Neun Jahre liegen zwischen der Veröffentlichung Ihrer ersten Regiearbeit „Liebesleben“ und Ihrem zweiten Film „Vor der Morgenröte“. Mangelte es Ihnen an spannenden Stoffen, um sich wieder ins Regiestuhl zu setzen, oder ist es der Schwierigkeit geschuldet, einen Film finanziert zu bekommen?

Es mangelte nicht an Stoffen. Es dauert seine Zeit, ein solches Projekt zu stemmen. Es ist ja nicht so, dass ich gestern damit angefangen habe, sondern wir arbeiten daran seit 2011. Und dazwischen, gebe ich zu, hatte ich sehr große Lust meinem anderen Beruf nachzugehen. Ich habe sehr viel Theater gespielt und hab das auch sehr genossen. Und das ist ja auch der große Luxus, dass ich diese verschiedenen Tätigkeitsfelder habe.

Ich konnte ich Sie damals zu meinen Studentenzeiten in "Gott des Gemetzels" im Schauspielhaus Köln sehen. Das war sensationell gut.

Dankeschön. Spiele ich immer noch. Spiele ich auf der Bühne vom Schauspielhaus Hamburg. Ja, das waren schöne Zeiten in Köln. Jetzt ist ja der ganze Stab nach Hamburg gegangen.

Sie wollten mit Ihrer jüngsten Regiearbeit nach eigener Aussage „einen Film über Europa machen, der nur außerhalb Europas spielt“. Was hat Sie an dieser Idee fasziniert?

Wir wollten gerne einen Film über Stefan Zweig machen in seinen Jahren im Exil. In dem Moment, wo man über einen Exilanten spricht, der Europa verlässt, macht man einen Film auch über Europa ohne ihn zu betreten und das war ein sehr reizvoller Gedanke. Wir haben viele Filme gesehen, die während des Krieges in Europa spielen, mit direkten Auswirkungen, mit dem direkten Schrecken. Hier geht es um den indirekten Schrecken. Darum wie einen der Krieg verfolgen und heimsuchen kann, auch wenn man auf der anderen Seite der Welt und sogar in einem Paradies ist wie Stefan Zweig.

Ich denke der Film bezieht auch seine Kraft sehr stark daraus, dass der Krieg eine Art Gespenst ist, den man nicht sieht, aber von dem alle reden.

Ganz genau. Und ich glaube wir kennen das ja auch aus viel alltäglicheren Situationen, dass oft der Schrecken oder die Angst umso größer ist, wenn man nicht vor Ort ist.

Ihr Film widersetzt sich für mich einfacher Kategorisierungen. Wie würden Sie Ihren Film charakterisieren? Als Filmbiographie, als Kammerspiel, als psychologisches Drama – oder als etwas von allem?

Ich habe einen Lieblingsausdruck für den Film. Also inhaltlich handelt er vom Exil am Beispiel von Stefan Zweig, in Episoden erzählt, oder in Schlaglichtern oder in Momentaufnahmen. Für die Form des Films schwebte mir ein Ausdruck vor - den ich natürlich nie sagen durfte während der Film noch nicht fertig finanziert war, und ich sage ihn auch jetzt erst, wo wir den größten Kinosaal Deutschlands bekommen und ich weiß, dass ich heute Abend im Bellevue Premiere habe und mit 800 Leuten, da erlaube ich mir das öffentlich zu sagen: Ich habe davon geträumt, einen historischen Dokumentarfilm zu machen. (lacht)

Ich habe mir gewünscht, dass es ein Film ist, der dem Zuschauer das Gefühl gibt, tatsächlich dabei zu sein, also scheinbar willkürlich in einzelne Momente eines Lebens zu schauen und dann 20 oder 25 Minuten in Echtzeit dem beizuwohnen. So als würde Stefan Zweig für fünf oder sechs Momente lang uns erlauben, zuzuschauen bei seinem Leben. Ich wollte, dass wir das Gefühl haben, das alles würde stattfinden, selbst wenn wir nicht zuschauen, wenn keine Kamera dabei ist, so ein Wirklichkeitgefühl.

Ich glaube dieses Wirklichkeitsgefühl resultiert aus zwei Aspekten des Films. Einmal durch die Bilder, die sehr schön und zärtlich, aber auch eine beklemmende Eindringlichkeit haben. Das ästhetische Erleben des Films ist sehr involvierend auf der einen Seite. Und dann sehe ich durch diese Episodenstruktur samt einzelner Kapitel und durch den Prolog und Epilog eine intermediale Nähe zum Roman, das Medium Stefan Zweigs, gegeben. Und dann haben Sie ja auch, was ich sehr faszinierend fand, die zweite und die letzte Einstellung des Films als lange Plansequenzen angelegt, bei denen die Kamera stillsteht und die Protagonisten der Szene wie in einem Theaterstück die Bühne betreten. Auch die Dialogszenen reproduzieren diese Intimität einer Theateraufführung. War die Nähe zum Theater ein bewusstes Stilelement für Sie bei der Inszenierung, wo Sie das geschehen nicht durch Schnitte stören, sondern alles ausspielen lassen?

Ja, sie haben recht, ich würde das auch so beschreiben. Tatsächlich war das genau so beabsichtigt. Diese langen Plansequenzen, der Prolog und der Epilog, waren schon dem Drehbuch so eingeschrieben. Ich hatten den Eindruck, dass ich wenn ich mit so etwas anfange, - was, wie Sie zu Recht sagen, ein ungewöhnlicher Anfang für einen Film ist, - die Sehgewohnheiten erstmal nicht bestätige. Dass wir 8 Minuten lang ohne Schnitt diesem Anfang beiwohnen, das ist ein guter Einstieg in dieses Echtzeitgefühl, was der Film später, auch wenn er konventioneller aufgearbeitet ist, mit Schnitten und bewegter Kamera immer noch beibehält. So sehen wir Stefan Zweig ganz am Anfang in eine Szene hineingehen, zum Interview etwa, und dann am Ende wieder hinausgehen.

Ich musste aufgrund der formalen Merkmale Ihres Films an die letzten Filme Quentin Tarantinos (Inglourious Basterds, Django Unchained, The Hateful Eight) denken, weil es da ja auch diesen Hang zu langen, beklemmenden Dialogszenen, einer Dramaturgie aus "Kapiteln" und detailreichen Einstellungen gibt, die das Filmische durch eine gewisse "Theatralik" überhöhen.

Oh, vielen Dank! Das lasse ich mir durchaus gefallen (lacht). Das hat noch nie jemand gesagt, aber das freut mich natürlich. Ich muss dazu sagen, dieser Prolog und der Epilog - wenn man sowas macht, das ist natürlich immer auch ein Wagnis. Bei Tarantino ist das wahrscheinlich nicht so ein großes Wagnis, weil er hat einfach 20mal soviel Geld und hat vielleicht an 5 Tagen oder an 10 Tagen zum Probieren. Ich wusste, ich habe einen Probentag und einen Drehtag.

Und während des Probentages stellte sich schon heraus, dass das klappen kann. Und dann war ich einfach auch so ein bisschen abenteuerlustig. Sie wissen ja selbst, Sie haben mich ja im Theater gesehen, man hat Spaß daran, diese beiden Medien zu verbinden und ich weiß einfach von mir selbst als Zuschauerin, dass ich es liebe - auch wenn man es gar nicht unbedingt merkt - ungeschnittene Sequenzen zu sehen, weil sie - wie Sie selbst sagen - wenig manipuliert und aufbereitet werden.

Ein großes Thema Ihres Films sind die zwiegespaltenen Heimatsgefühle Stefan Zweigs. Er wird in allen Ländern, die er besucht, umjubelt, sehnt sich aber nach Österreich, wo er verfolgt wird. Wie wichtig erachten Sie Heimatsgefühle für die Psyche eines Menschen?

In dem Moment, wo unser Film startet, hatte er keine Heimat mehr. Er hatte schon zwei Jahre vorher Österreich und den deutschsprachigen Raum verlassen und er hatte ein erstes Exil bezogen in London. Ich glaube das was Stefan Zweig quält, ist nicht sein persönliches Wohl. Er selbst hat Heimat im klassischen Sinne gar nicht als wichtig erachtet. Im Gegenteil. Er hat sich weder zu Österreich so besonders heimatlich gefühlt, noch zu irgendeiner geographischen Region.

Für ihn war Heimat ein abstrakterer Gedanke: Europa, der Ort einer geistigen Heimat, eine kulturelle, humanistische und friedliche Welt - das ist etwas, was ihm viel mehr auf dem Herzen lag, viel mehr als unter Umständen Wohnworte wechseln zu müssen. Und ich denke, dass das auch der Grund war, obwohl er selbst in Sicherheit war, obwohl er selbst nicht um sein persönliches Wohl fürchten musste, dass der Untergang Europas, vor allem all das wofür er geschrieben und gearbeitet hatte, den Bach runter ging und so viele Menschen in den Tod zieht, während er einfach nur zuschauen kann von der anderen Welt. Das hat er nicht ertragen.

Unsere Zeit ist leider vorbei. Ich danke Ihnen für Ihre Zeit und wünsche Ihnen noch eine tolle Premiere heute Abend.

Das war ein sehr schönes Gespräch. Vielen herzlichen Dank! Ich bin aufgeregt, aber ich freue mich auch auf die Premiere!

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