Aktualisiert: 27.01.2021 - 19:42

Heilung durch Traumatherapie Miss-Germany-Wahl: Plus-Size-Model Julia Kremer im Interview

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sk

Mit ihrer Teilnahme bei der Miss-Germany-Wahl macht sie vielen Frauen Mut. Im Interview erzählt Plus-Size-Model Julia Kremer, wie sie die Beziehung zu ihrem Körper heilte.

Die Sensibilität für Individualität wächst. Dass das so ist, ist Menschen wie Julia Kremer zu verdanken. Menschen, die sich für ein respektvolles Miteinander und Toleranz denen gegenüber einsetzen, die nicht der Norm entsprechen.

"Als Mensch in dieser Gesellschaft in einem dicken Körper – ja, ich sage bewusst dick (so wie groß oder klein) – zu leben, ist die Hölle", erklärt Julia Kremer. "Einem wird von klein auf mitgegeben, dass man falsch ist, dass man sich verändern muss. Schon in der Schule beim Sport wurde mir gezeigt, dass ich nicht dazu gehöre, wurde ausgelacht, ignoriert. Dabei hatte ich einfach ganz andere Stärken und Leidenschaften."

BILD der FRAU sprach mit Plus-Size-Model Julia Kremer im Interview über den Druck, einem Idealbild entsprechen zu müssen, über eine gesunde Beziehung zum eigenen Körper und über Lieblings-Winterlooks.

Julia Kremers Weg ins Model-Business

Derzeit ist sie Teilnehmerin der Miss-Germany-Wahl 2021 und befindet sich unter den TOP 16. "Ich möchte das Vorbild sein, das mir in meiner Kindheit und Jugend gefehlt hat", begründet die 31-Jährige ihre Teilnahme. Sie ist die erste Kurvenfrau, die jemals an dem Wettbewerb teilgenommen hat. Das mag eine Premiere sein, doch das Model-Business ist Julia Kremer gut vertraut.

Angefangen hat alles mit einem Abiprojekt für den Leistungskurs Kunst. Zum Thema "Pop Art" posierte Julia Kremer vor der Kamera und eine Freundin machte die Fotos. Die Leidenschaft war geweckt. Julia Kremer: "2008 organisierte ich über die Model-Kartei meine ersten eigenen Shootings und baute mir ein Netzwerk aus Fotografen und anderen Modellen auf." Es folgten eine Anfrage für ein Stock-Foto-Shooting (2010), eine Story im ersten "Brigitte Big"-Magazin (2011) und der erste Laufsteg-Auftritt bei den "Plus Size Fashion Days" (2014).

Eine Traumatherapie hat ihre Beziehung zum eigenen Körper geheilt

"Der Druck auf Frauen ist schon immer groß und ist strukturell in der Gesellschaft verankert", sagt Julia Kremer. "Schauen wir uns mal in den Medien, im Film, TV und der Werbung um, dann stellen wir ganz schnell fest, dass das 'Schönheitsideal' sehr einseitig ist, obwohl über 60 Prozent der Frauen Kleidergröße 42 oder mehr tragen. Das führt zu einer permanenten Unzufriedenheit und dauerhaftem Stress der krank macht."


Bei Julia Kremer führte dieser Druck dazu, dass sie ihren Körper gehasst hat. Sie entwickelte eine Esstörung und eine Dysmorphophobie, eine psychische Störung, bei der sich die Betroffenen hässlich oder sogar entstellt fühlen, obwohl sie objektiv gar keine auffälligen Schönheitsmakel haben.

Mehr als die Hälfte ihres Lebens war Julia Kremer auf Diät, um ein Ideal zu erreichen, dem sie auf gesundem Wege nie entsprechen könnte. Auf ihrem Blog spricht sie von einer "Fernbeziehung mit meinem Körper". Julia Kremer: "Ich habe meinen Körper nie als Teil von mir gesehen. Erst durch eine Traumatherapie und das bewusste Umlernen, dass Sport und Bewegung Spaß machen und keine Gefahr mehr sind – so wie mein Kopf es damals in der Kindheit verknüpft hat – hat sich das geändert."

Heute zeigt sich das Plus-Size-Model selbstbewusst im Bikini- und Unterwäsche-Shooting. "Lasst uns raus gehen und unsere Körper feiern, egal welche Kleidergröße wir tragen", fordert sie Frauen auf. Denn die Zeit, da sie sich selbst hässlich und eklig gefühlt hat, ist vorbei.

Selbstbewusst am Strand – das sind Julia Kremers Tipps für Kurvenfrauen:

  1. Mach dir bewusst, dass die anderen Menschen sehr wahrscheinlich genauso unsicher sind und in ihrem Kopf viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind.
  2. Du wirst die anderen Personen zu 99 Prozent nicht wiedersehen. Daher kann es dir egal sein was sie über dich denken.
  3. Mach dir klar, was du verpasst, wenn du dich überwindest und mach dir bewusst, dass es sich gut anfühlt, wenn man seine Komfortzone verlässt.

Lieblings-Winterlooks vorgestellt

Wer Julia Kremer auf ihrem Instagram-Account folgt oder ihren Blog Schönwild öfter besucht, bekommt neben Bildern von aktuellen Mode-Shootings auch jede Menge Stylings-Tipps.

Was trägt Julia Kremer derzeit am liebsten? "Ich liebe Looks mit Lederleggings im Winter, weil sie nicht nur stylisch aussehen, sondern auch besonders warm halten. Lange Mäntel finde ich auch ein Must Have für diesen Winter, weil sie super cozy sind und man sich einfach wohlfühlt und rausgehen Spaß macht. Und Stiefel-Styles finde ich auch klasse in der kalten Jahreszeit!"

Mehr Selbstliebe durch veränderte Sehgewohnheiten

Auf ihrem eigenen Weg hat ihr die Traumatherapie sehr geholfen. Julia Kremer: "Es lohnt sich, dahin zu sehen, wo es weh tut, denn da ist Potenzial zu wachsen. Ich durfte lernen geduldig mit mir zu sein, Mitgefühl mit mir zu entwickeln und kleine Schritte zu gehen und zu feiern."

Aber jede Frau kann aktiv selbst etwas tun auf dem Weg zu mehr Selbstliebe, indem sie zum Beispiel ihre Sehgewohnheiten verändert und bewusst reflektiert, wem sie auf den Social-Media-Plattformen folgt.

"Ich folge nur noch Menschen bei denen ich ein gutes Gefühl bekomme und von denen ich lernen kann. Aber auch Menschen die mir helfen Diversity zu leben. Ich abonniere bewusst die Kanäle von Menschen mit Behinderung, die schwarz sind, die kleinwüchsig sind, die Transgender sind, u.v.m. damit ich von ihnen lerne, wie sie die Welt sehen", sagt das Plus-Size-Model. "Ich finde, dass sich jeder über seine persönlichen Privilegien viel bewusster werden sollte, um in einer gleichberechtigten Welt zu leben. Wenn wir das tun, dann wäre der Druck auf Frauen und ihren Körpern auch ein ganz anderer."

Julia Kremer ist eine von vielen Pionierinnen, die Frauen nicht nur Hoffnung, sondern auch Mut machen: "Ich wünsche mir für die kommenden Generationen sehr, dass wir lernen, unseren Körper so anzunehmen, wie er ist, Diskriminierung nicht mehr zu dulden und persönliche Stärken zu stärken."

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Alle Welt redet von Body Positivity – auch und gerade Frauenmagazine. Abgebildet werden dort aber nach wie vor überwiegend seeehr schlanke Models. Wie passt das zusammen? Gar nicht! Vermutlich genau deswegen zeigt die britische Cosmopolitan normal gebaute Frauen auf dem Cover der Februarausgabe. Hier lesen Sie mehr.

Gerader Schnitt und knieumspielend: Lange Zeit war der Bleistiftrock Teil eines Kostüms. Diese Zeiten sind jedoch vorbei. Heute ist der Bleistiftrock ein Einzelstück und darf im Mittelpunkt des gesamten Looks stehen. Das Beste daran: Er steht auch kurvigen Frauen! Styling-Tipps und Outfit-Ideen finden Sie hier.

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