Aktualisiert: 05.09.2020 - 16:03

Zum Launch ihrer ersten Nagellackkollektion Plus-Size-Model Tanja Marfo: Ich bin mehr als nur Quoten-Moppel

Plus-Size-Model und Influencerin Tanja Marfo erzählt im Interview mit BILD der FRAU-Interview, was sie  an ihrer neuen Nagellack-Kollektion so mag, was sie gerne anzieht – und was ihre Botschaft an alle übergewichtigen Menschen ist.

Foto: Tanja Tremel

Plus-Size-Model und Influencerin Tanja Marfo erzählt im Interview mit BILD der FRAU-Interview, was sie an ihrer neuen Nagellack-Kollektion so mag, was sie gerne anzieht – und was ihre Botschaft an alle übergewichtigen Menschen ist.

Tanja Marfo ist Plus-Size-Model und Influencerin. Jetzt hat sie ihre erste eigene Nagellackkollektion auf den Markt gebracht – im Interview spricht die Power-Frau über Body Positivity, das schlechte Image von Menschen mit Übergewicht und ihre Botschaft an alle "Plus-Size-Sisters".

Tanja Marfo ist Plus-Size-Model, Influencerin – und eine starke Frau, die zu ihren Plus-Size-Kurven steht – und mehr Akzeptanz für üppige Menschen fordert. Für die 40-Jährige haben "Selbstliebe, Schönheit, Selbstbewusstsein und Zufriedenheit nichts mit dem Körper und der Konfektion zu tun", wie sie auf ihrem Blog Kurvenrausch schreibt.

Body Positivity ist ihr ein Anliegen – und war mit ausschlaggebend, dass sie jetzt sogar mit einer eigenen Nagellackkollektion auf den Markt kommt. Denn so wagt sie sich in die Beauty-Branche vor, die üblicherweise schlanken Frauen vorbehalten ist. Im BILD der FRAU-Interview erzählt Tanja Marfo, was sie sich im Umgang mit dicken Menschen wünscht, wie sie sich am liebsten kleidet – und was sie an ihrer neuen Kollektion so mag.

Tanja Marfo im Interview mit BILD der FRAU: Wir Übergewichtigen finden im "normalen" Leben nicht statt

Liebe Frau Marfo, Ihr Blog heißt Kurvenrausch – was wollen Sie damit ausdrücken? Was ist Ihre Botschaft?

Der Name "Kurvenrausch" ist aus einer Sektlaune heraus entstanden, als ich mit einer Freundin beim Mädelsabend überlegte, wie ich meinen neuen Blog denn nun nennen soll. Für mich steht Kurvenrausch für Lebensfreude, #Bodypositivity, #Fashion, #Selbstliebe und #Schönheit – und zwar unabhängig von einer bestimmten Konfektionsgröße.

Ich möchte meinen Plus-Size-Sisters Mut machen, ihr Leben nicht auf schlanke Zeiten zu verschieben – ich will, dass sie bereits jetzt gut zu sich sind und sich schön, wertgeschätzt und geliebt fühlen. Und das alles ohne Diät, aber mit ganz viel Selbstliebe!

Was ist Ihnen bei Ihrer neuen Nagellack-Kollektion wichtig?

Für mich ist diese Kooperation viel mehr als ein Job – sie ist meine Leidenschaft, mein ganzes Herzblut. In ihr steckt unfassbar viel Engagement, eine große Mission und ein Auftrag: Sichtbarkeit für uns Plus-Size-Frauen schaffen!

Ich habe die Farben bewusst gewählt, war beim ganzen Prozess dabei und habe das Produktshooting samt der Bildkonzeption aktiv mitgestaltet. Ich sehe Beauty-Produkte oder Fashion-Kampagnen, die die unterschiedlichsten Menschen zeigen, und doch bin ich als dicke Frau außen vor. Und wenn ich "mitspielen" darf, dann häufig als Quoten-Moppel.

Im Rampenlicht als eines der ersten Plus-Size-Testimonials für ein Beauty-Produkt

Ich habe beschlossen, ins Rampenlicht zu gehen und einen großen Schritt nach vorne zu setzen – als eines der ersten Plus-Size-Testimonials für ein Beauty-Produkt.

Als Kooperationspartner ist ORLY mir natürlich sehr wichtig. Es sprechen viele Punkte für dieses engagierte Unternehmen. ORLY unterstützt die Brustkrebsforschung, alle Nagellacke sind vegan und ohne schädliche krebserregende Inhaltsstoffe. Außerdem kommt ORLY seit über 38 Jahren ohne Tierversuche aus und ist einer der Pioniere, wenn es um cruelty-free Beauty-Products geht. Da möchte ich natürlich gerne unterstützen. Mir ist es wichtig, mit meiner Arbeit etwas Gutes zu tun.

Wo haben es Plus-Size-Menschen Ihrer Meinung nach besonders schwer?

Fangen wir von vorne an: Prinzipiell sind die Worte "Plus-Size" negativ besetzt – aber immer noch viel freundlicher als der deutsche Begriff "Übergröße". Wir sprechen meistens von Curvy, wenn wir über große Größen oder Modelle sprechen, die nicht der Norm entsprechen. Fakt ist: Wir finden nicht statt. Weder in den Medien (und wenn, dann meistens in der "Fat and Jolly"-Rolle), noch will man uns im stationären Handel haben bzw. schafft uns keine oder wenige Möglichkeiten, dass wir auch mit unseren normalgewichtigen Mädels shoppen können.

Und weil wir nicht stattfinden, haben wir kaum eine Lobby, kaum Auswahl, werden wie die böse Stiefmutter, die keiner leiden kann, ignoriert und nicht ernst genommen. Manchmal lässt man uns mitspielen, nennt uns Quotenmoppel – oder wir dürfen für Belustigung sorgen. Dabei tragen 60 Prozent der deutschen Frauen eine Konfektionsgröße 42/44 und mehr – und eben nicht die 38!

Wir haben also ein großes Image-Problem. Die zügellose, dicke, gefräßige, hässliche, ungepflegte dicke Frau ist ein altes und völlig überholtes Image. Ich finde mich in dieser Schublade nicht wieder und lasse mich dort auch nicht hineinstecken. Mein Gewicht und meine Konfektionsgröße definieren mich nicht. Es gibt so viele interessantere Fakten über mich!

Dicke Menschen haben das Gefühl, sich immer extra beweisen zu müssen

Wo liegen die Fehler im Umgang mit Plus-Size-Menschen?

Wie bereits erwähnt, werden dicke Menschen, wie andere auch, sehr gerne in Schubladen gepackt. Ich bin der Meinung, dass wir dringend einen Image-Wechsel brauchen. Das beginnt bereits bei der Wortwahl. Für mich ist zum Beispiel das Wort dick keine Beleidigung, sondern eine Beschreibung meines Umfangs. Ich will damit sagen: Ich habe einen Ganzkörperspiegel zu Hause, der mir jeden Tag die Wahrheit sagt. Dicke Menschen wissen dass sie dick sind – welch eine Sensation.

Generell erfahre ich von meiner Community viele Rückmeldungen, in denen mir Geschichten erzählt werden. Es sind sehr oft große Leidenswege im Zusammenhang mit Anerkennung und Zugehörigkeit. Viele dicken Menschen werden im Alltag diskriminiert, ständig belehrt, ausgegrenzt oder einfach übersehen. Sie haben das Gefühl, dass sie sich extra beweisen müssen oder nicht ernstgenommen werden.

Besonders Arztbesuche sind für viele Plus-Size Menschen ein rotes Tuch. Wenn der gute Hausarzt selbst bei Kopfweh oder einer Verstauchung gleich alles aufs zu hohe Gewicht schiebt, ohne sich den Patienten richtig anzusehen – dann wissen wir, dass es bessere Schulungen im Umgang mit Adipositas-Patienten geben muss.

Menschen mit Übergewicht haben häufig auch nicht zu leugnende gesundheitliche Probleme. Was sagen Sie dazu?

Jein. Es gibt gesunde Dicke, kranke Dicke, gesunde Schlanke, kranke Schlanke. Der Umfang sagt nicht viel über die Gesundheit eines Menschen aus. Und dennoch müssen wir ehrlich sein und können uns hinter Trendwörtern wie #Bodypositivity und #Selbstliebe nicht verstecken.

Fakt ist, dass unser Körper nicht dafür gemacht ist, zum Beispiel 180 Kilo und mehr täglich durch die Gegend zu tragen. Dicke Menschen, ganz besonders die mit hohem Gewicht, zu denen auch ich zähle, sind echte Hochleistungssportler. Würde ich Ihnen mein Körpergewicht auch nur für einen Tag aufschnallen wie ein Rucksack, dann würden viele einfach zusammenbrechen. Für mich ist es bittere Realität.

Und ja: Ich weiß um mein Zuviel-Gewicht und kann auch genau sagen, dass meine Diäten-Achterbahn-Karriere, die ich bereits mit 12 begann, mir nicht gutgetan hat. Ich habe mich dick diätet und bin aus dem Diäten-Karussell vor ein paar Jahren ausgestiegen. Jetzt heile ich meine Essstörung (Binge Eating), unter der ich seit vielen Jahren leide, und gehe damit ganz transparent um. Auf meinem Blog schreibe ich in meiner Kolumne "Bye Bye Panzer" über meinen Weg aus der Essstörung hin zu einem leichteren Leben – was nicht gleich schlank bedeutet.

Diäten funktionieren nicht – wichtig ist Hilfe für Kopf und Seele

Der Blick von Innen nach Außen auf mich, das Auflösen alter Glaubenssätze und das Wissen, dass ich bereits jetzt ein wertvoller und liebenswerter Mensch bin, ist heilend. Mit einem Diät-Shake kann ich diese Erkenntnis niemals gewinnen. Keine Diät kann mir Liebe und Achtung schenken. Und nochmal for all the people in the back: Diäten funktionieren nicht! Sie können der Einstieg in eine lebenslange Essstörung sein. Lasst die Finger davon und sucht euch Hilfe für euren Kopf und eure Seele. Die brauchten Aufmerksamkeit! Der Rest ist dann reine Nebensache.

Was meinen Sie: Ist Body Positivity auf einem guten Weg?

Viele verstehen den Begriff Body Positivity nicht, daher möchte ich ihn kurz erläutern. Body Positivity macht alle, ausnahmslos alle Körper sichtbar – ohne Wenn und Aber. Ohne Wertung oder eigenes Schönheitsempfinden. Diese bloße Sichtbarkeit von dicken, dünnen, kleinen, großen, alten, behinderten, unterschiedlichen Menschen, Ethnien, Gendern etc. sorgt dafür, dass alle sich gesehen fühlen.

Körper zu bewerten, ist aber leider typisch Deutsch! Unsere Magazine sind voll von Weightloss-Stories mit schlechten Vorher- und wunderschönen Nachher-Bildern. Auf den Social Media-Kanälen werden wir bombardiert mit vermeintlich perfekten, gephotoshopten Bildern, die nichts mit der Realität zu tun haben.

Wir idealisieren schlanke Körper und bewerten sie ständig. Dabei sollte es eigentlich immer um Gesundheit gehen und nicht den perfekten Body. Und genau da greift Body Positivity.

Wer ist Ihr größtes Vorbild? Und warum?

Eines meiner größten Vorbilder ist definitiv Oprah Winfrey. Ich bin jedes Mal erstaunt, was diese Frau alles schafft, welchen Mut sie hat, wie sehr sie sich für Menschen in Not einsetzt, aktiv anpackt und die Welt verbessert. Ich mag Menschen, die bodenständig sind, mit ihrem Job die Welt verändern und andere dazu befähigen, das Beste aus sich zu machen. "Be the best version of yourself" ist einer der Sätze, die ich mir täglich aufs Neue vorlese. Denn meine beste Version ist nicht nur erfolgreich und gesund – sie setzt sich auch für andere Menschen ein, teilt Erfolg, zieht andere Menschen mit und macht Mut, an sich zu glauben. Vielleicht auch gerade dann, wenn es kein anderer tut.

Und natürlich gehört meine Mutter noch mit dazu. Sie ist, wie ich, eine starke Frau. Sie hat viel erschaffen und hat immer ein Ohr für die Sorgen anderer. Ich habe viel von ihrer Stärke in mir, auch wenn wir unterschiedlicher kaum aussehen könnten: Sie ist 165cm klein und schlank und ich 186cm groß und alles andere als eine Elfe.

Kein Diätprogramm kann Selbstliebe wettmachen!

Wie zeigen bzw. kleiden Sie sich am liebsten?

  • Ich würde mich als classy bezeichnen. Also nicht ganz die ausgeflippten Kleidungsstücke tragend, sondern eher klassisch elegant mit leichtem Hang zu dramatischen Glitzerkleid-Auftritten. Die Diva muss manchmal raus.
  • Ich bin eine Mischung aus Country-Girl mit Jeans und Hemd und Glamazone im blassrosa All-Over-Glitter-Pailletten-Dress – dazwischen gibt es nichts.
  • Ich liebe Jeans mit Cut-Outs und unterschiedlichen Waschungen. Highwaist-Jeans machen immer einen richtig guten Booty (Hintern, Anm.d.Red.). Dazu ein Shirt und ein leichter Blazer oder Sneaker – und schon steht das Alltags-Outfit.
  • Kleider trage ich auch sehr gerne. Meistens mit einem schönen Ausschnitt und einer leicht ausgestellten A-Form. Röcke müssen bei mir eng sitzen und bis zum Knie gehen.
  • Ich mag starke Farben, die gut mit meinen roten Haaren harmonieren. Wie gerne wäre ich eine echte rothaarige Pummel-Elfe...
  • Eine petrolfarbene Lederjacke ist gerade frisch in meinen Schrank eingezogen. Aber auch ein sattes Tannengrün, ein warmes Orange, ein grapefruit-roter Mantel, ein Royalblau oder auch ein schöner senfgelber Schal für den Herbst. Ich finde, Farben machen immer munter und bessere Laune.
  • Ich mag es schön, aber nicht zu kompliziert. Schmuck trage ich gerne, aber immer dezent.
  • Dazu kurze, rote Nägel aus meiner eigenen Nagellack-Kollektion von ORLY und ein roter Lippenstift – und fertig ist die Laube.

Ihr Appell an unsere Leserinnen?

Wartet nicht auf schlanke Zeiten und liebt euch bereits jetzt. Ich weiß, das ist vielleicht schwierig, wenn der eigene Körper einem im Alltag im Weg ist.

Aber: Der Blick nach innen, das Herausfinden, was wir wirklich brauchen, um glücklich zu sein, lohnt sich! Selbstliebe kann euch kein Diätprogramm schenken. Dafür müsst ihr selbst sorgen. Vergesst Idealmaße oder den perfekten Body – lernt euch zu lieben und achtet auf euch! Setzt euch nicht zu sehr unter Druck und seid euch bewusst, dass wirklich niemand perfekt ist.

Setzt euch dafür ein, dass wir Sehgewohnheiten ändern können. Schreibt Magazine an, wenn euch etwas stört oder ihr etwas vermisst. Lacht, lebt, seid laut, nehmt euch euren Platz. Lasst euch aber nicht von der Vergangenheit festhalten. Versucht nach vorne zu leben, zu denken und zu fühlen. Bewertet nicht alles. Ihr seid so viel mehr als eine Zahl auf der Waage oder eine Kleidergröße!

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Es ist schön und wichtig, dass starke Frauen uns in Zeiten von Size-Zero-Models Mut machen, uns so zu zeigen, wie wir sind. Denn genau so sind wir gut! Das sehen auch diese Frauen so:

Ich bin gut so wie ich bin

Auch Nina Uhlenbrock ist eine starke Frau: Die 37-Jährige leidet an Lipödem. Das Leben mit der krankhaften Fettverteilungsstörung ist nicht leicht und vor allem schmerzhaft. Mit BILD der FRAU hat sie über ihren Alltag mit der Krankheit gesprochen.

Glücklich zwischen den Geschlechtern leben: Das ist es, was Alexander Hölzl will. Warum das Leben als nichtbinäre Person dennoch nicht immer einfach ist, erzählt der/die 42-Jährige im Interview. Dazu gehören Beleidigungen wie "genderverwirrter Idiot".

Tolle "Body Positivity"-Kampagnen legen ebenfalls immer mehr an Bedeutung zu. Wir zeigen drei tolle Projekte, die Frauen mit vermeintlichen Schönheitsmakeln feiern. Und auch das Body-Positivity-Projekt "Underneath We Are Women" zeigt Frauen so, wie sie sind: ungeschönt, mit Makeln, ganz und gar natürlich. Kurz: unbeschreiblich weiblich!

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