Aktualisiert: 02.07.2020 - 20:07

Diagnose Krebs Haarverlust nach Chemotherapie? Geben Sie sich Zeit!

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Die Diagnose Krebs ist für jeden ein Schock. Optische Veränderungen wie ein möglicher Verlust der Haare nach einer Chemotherapie lassen keinen Zweifel an der (Lebens-)Gefahr.

Foto: iStock/FatCamera

Die Diagnose Krebs ist für jeden ein Schock. Optische Veränderungen wie ein möglicher Verlust der Haare nach einer Chemotherapie lassen keinen Zweifel an der (Lebens-)Gefahr.

Mit der Krebsdiagnose geht häufig auch der Haarverlust durch Chemotherapie einher und die Erkrankung wird sichtbar. So überstehen Sie die haarlose Zeit.

Wie wichtig uns Haare wirklich sind und wie sehr wir uns darüber definieren, merken wir meist erst, wenn sie ausfallen. Vor allem bei einer Krebsdiagnose mit anschließender Chemotherapie haben viele Frauen Haarausfall zu beklagen. Warum fallen sie aus? Wie geht man mit dem Verlust um? Was kann man tun, damit sie schnell und gesund wieder nachwachsen? Bildderfrau.de sprach mit Medizinerinnen und betroffenen Frauen über ihre Krebsdiagnose und den Haarverlust nach der Chemotherapie.

"Eine schwere und oft lebensbedrohliche Krankheit wie Krebs und deren Behandlung hat Einfluss auf verschiedene Lebensbereiche", erklärt Dr. Susanne Weg-Remers, Leiterin des Krebsinformationsdienstes KID. "Für Patienten wie Außenstehende offensichtlich sind jedoch insbesondere die Veränderungen des Körpers." Der haarlose Anblick ist ungewohnt und fremd und man muss sich erst daran gewöhnen.

Haarverlust nach Chemotherapie nimmt ein Stück Identität

Bei einer Chemotherapie kommen verschiedene Zytostatika zum Einsatz, die maßgeblich in den Teilungsprozess von Krebszellen eingreifen, aber auch Einfluss auf blutbildende Zellen des Knochenmarks, Schleimhaut-, Haut- und eben Haarwurzelzellen haben. Ob es zum Haarausfall kommt, hängt von der eingesetzten Substanz, der Dosierung und der Applikationsweise ab. Zudem reagieren Patientinnen unterschiedlich auf die Behandlung. Generell ist Haarausfall nach einer Polychemotherapie wahrscheinlicher als nach einer Monotherapie.

Dr. Susanne Weg-Remers: "Richtig sichtbar für Außenstehende ist erst der Verlust von mehr als der Hälfte der Kopfbehaarung. Je nach Behandlung fallen die ersten Haare drei bis vier Tage bis spätestens drei Wochen nach dem ersten Zyklus der Chemotherapie aus. Sichtbar wird der Haarausfall meist ein bis zwei Monate nach Beginn der Chemotherapie." Während man den Verlust der Kopfbehaarung kaschieren kann, können ausfallende Augenbrauen und Wimpern auch den Gesichtsausdruck verändern.

"Unsere Haare stehen bei uns Frauen für Weiblichkeit und ein Stück weit auch für unsere Persönlichkeit. Der Verlust der Haare raubt uns das", sagt Carolin Kotke. "Ich habe selbst die Erfahrung gemacht, dass meine Haare ein wichtiger Bestandteil meiner Identität und meines Selbstbewusstseins sind. Vor meiner Diagnose und dem damit verbundenen Verlust meiner Haare war mir das gar nicht so bewusst. Jetzt habe ich gemerkt, dass mein starkes Haar auch mich stark macht und dass ich diese Stärke für mich nutzen kann."

Carolin Kotke engagiert sich öffentlich stark für das Thema Brustkrebs. In diesem Zusammenhang ist der Hersteller Pantene Pro-V auf sie aufmerksam geworden und hat sie zur Markenbotschafterin gemacht. Im November 2017 erhielt sie im Alter von 29 Jahren die Diagnose Brustkrebs. Darauf folgte eine einjährige Behandlung mit Chemotherapie, eine beidseitige Mastektomie mit Wiederaufbau, eine Anti-Hormon-Therapie (bis mindestens 2023), Bestrahlung und 2020 eine Ovarektomie aufgrund einer BRCA1-Mutation.

"Die Diagnose war ein knallharter Schock für mich und ich musste eine wirklich schwere Zeit durchleben. Da gab es viele Momente, wo einen die Kraft verlässt und man nicht weiter weiß“, sagt sie. "Aber man darf den Blick nach vorne und das Ziel vor den Augen nicht verlieren, denn das Leben, was man nach solch einer Diagnose führt, ist ein viel bewussteres und schöneres. Für all die Erkenntnisse, die ich so jung schon machen durfte, bin ich mittlerweile sehr dankbar."

Wie ist ihr Umfeld mit dem Haarverlust umgegangen? "Die Reaktionen in meinem Umfeld waren gar nicht so schlimm", sagt Carolin Kotke. "Klar merkt man wie die Leute auf der Straße einen auf einmal zweimal anschauen. Am schlimmsten ist es aber, denke ich, für einen selbst, da man durch den Haarverlust jeden Morgen, wenn man in den Spiegel schaut, daran erinnert wird, was da eigentlich gerade mit einem passiert."

Auch Martina Haagen musste im Jahr 2005 die haarlose Zeit durchleben. "Ich habe meine Haare abgeschnitten zu dem Zeitpunkt, an dem sie anfingen auszufallen, dann aber gleich bis auf drei Millimeter Länge", erzählt sie. "Ich wollte nicht jedem Haar einzeln hinterher trauern. Ein Abrasieren vor Beginn der Chemo kam für mich nicht in Frage, diese drei Wochen wollte ich sparen beim Mütze tragen."

Eine Frau ohne Haare "wirkt männlicher, kann sich nicht mit sich selbst identifizieren oder findet irgendetwas nicht schön (z.B. den fehlenden Hinterkopf)", erklärt Martina Haagen. "Es gibt viele Frauen, die sich stark über ihre Haare definieren, da ist der Haarverlust natürlich eine Katastrophe. Diese Frauen greifen eigentlich fast alle zu einer Perücke und ertragen das auch ohne Murren. Aber man muss auch sagen, dass sich die meisten Frauen dann doch mit sich und ihrer Glatze anfreunden, sie fangen an, sich zu schminken und haben Freude an dem Tragen von zur Kleidung passenden Mützen. Es braucht einfach Zeit!"

Mit Tüchern und Hüten durch die haarlose Zeit

Sich Zeit zu geben – das rät Martina Haagen allen betroffenen Frauen. Eine Perücke kam für sie nicht infrage, da sie sich damit verkleidet vorkam. Stattdessen machte sie sich auf die Suche nach Mützen, Tüchern und Hüten. Als sie nichts fand, das ihren Vorstellungen entsprach, begann sie, selbst Kopfbedeckungen zu nähen. Seit 10 Jahren führt sie nun schon einen Online-Shop, in dem diese erworben werden können.

Bei der Wahl der richtigen Kopfbedeckung rät die Expertin, sich an folgenden Punkten zu orientieren:

  • die ursprüngliche Haarfarbe (dunkle Farben bei dunklem Haar, goldige Farben bei blond)
  • die Augenfarbe (die gewählte Farbe muss die Augen leuchten lassen)
  • die Lieblingsfarbe (dazu einfach im Kleiderschrank gucken, welche Farbe dominiert)
  • der persönliche Stil (eine elegante Frau sieht mit einer Beanie verkleidet aus)
  • die Persönlichkeit (passt eher eine schlichter oder extrovertierter Stil)

"Das Wichtigste für die richtige Mütze ist natürlich, dass sie möglichst nicht zu spüren ist und verlässlich auf dem Kopf sitzt“, sagt Martina Haagen.

Die Wahl eines Kopftuches ist eher anspruchsvoll. Hier muss alles stimmen: Material, Größe und Wickeltechnik. Nicht jede Frau kommt mit einem Kopftuch gut klar, da es schneller verrutscht. Martina Haagen: "Das ständige Überprüfen nach dem Sitz ist lästig und es macht unsicher, man merkt nämlich nicht unbedingt, wenn etwas verrutscht." Aus modischer Sicht ist das Kopftuch natürlich dennoch eine Alternative.

Die Wahl der richtigen Perücke

Das Angebot an Perücken ist inzwischen vielfältig, sodass wirklich jede Frau fündig wird. Carolin Kotke entschied sich in der haarlosen Zeit für eine diese Varianten. "Ich wollte unbedingt eine Perücke haben, weil ich nicht wollte, dass mir jeder direkt meine Krankheit ansehen konnte", sagt sie. "Am Ende hatte ich sogar zwei Perücken. Eine blonde, wie meine ‘alten‘ Haare und eine brünette Variante. So konnte ich immer einmal variieren und fand sogar Spaß an der Sache."

Die Kosten für die Perücke werden zum Teil von der Krankenkasse übernommen. Eine individuelle Beratung lohnt sich, denn es gibt viel zu beachten:

  • Kunsthaar hat den Vorteil, dass es sehr pflegeleicht ist und die Frisur hat einen guter Halt. Nachteile: Es nicht umformbar und bei langer Tragedauer erhöht sich die Schweißbildung. Es ist nicht geeignet für eine dauerhafte Langhaarversorgung.
  • Perücken aus Mischhaar sind pflegeleicht und atmungsaktiv. Die Frisur ist gut veränderbar. Nachteile: Die Kunstfaser wird bei erhöhtem Gebrauch etwas spröde, kann aber wieder geglättet werden.
  • Echthaar zeichnet sich durch einen natürlicher Fall (besonders bei Langhaar) und gute Atmungsaktivität aus. Es ist besonders strapazierfähig und Form und Farbe sind veränder- und individuell frisierbar. Ein Nachteil sind die höheren Kosten. Sehr helle Haare benötigen zudem gute Pflege.
  • Bei einer offenen Tresse handelt es um eine vorwiegend maschinell hergestellte Form, bei der auf Bänder genähte Haare zu einer Montur verarbeitet werden.
  • Bei einer geschlossenen Tresse werden die Tressen auf einer Baumwollmontur befestigt, wodurch eine gute Stabilität hergestellt wird und ein angenehmer Tragekomfort entsteht.
  • Bei einer handgeknüpften Perücke werden die Haare per Hand auf einem Baumwolltüll verknüpft, wodurch eine optimale Verteilung, ein sehr leichtes Volumen und ein optimaler Tragekomfort erzeugt wird. Besonders bei abweichenden Kopfformen lassen sich diese gut anpassen. *Quelle: Perückenberater.de

Wer in einer Großstadt lebt, hat eventuell die Möglichkeit, sich persönlich im Laden beraten zu lassen. Aber auch Online-Shops bieten ein großes Sortiment an und haben den Vorteil, dass die Perücken in aller Ruhe zuhause anprobiert werden können. Am wichtigsten ist, dass die Perücke auf der haarlosen Kopfhaut so fest sitzt, dass sie keinen Grund zur Sorge vor Wind oder anderen beanspruchenden Situationen gibt.

Perücken haben ein großes optisches Veränderungspotential. Natürlich kann man damit spielerisch umgehen. Die Wahl einer extremen Farbe – vor allem einer Farbe, die signifikant von der Naturhaarfarbe abweicht – sollte jedoch gut überlegt sein. Schwarz, Rottöne und Platinblond haben eine Signalwirkung und ziehen die Blicke auf sich. Das sollte man bedenken.

Haarwachstum nach der Chemotherapie

Sobald die Zytostatika den Körper verlassen haben, erholen sich die Haarwurzeln und das Haarwachstum setzte wieder ein. Laut Informationen des Krebsinformationsdienstes kann es durch die vorübergehende Schädigung der Haarwurzel zu Veränderungen der Haarstruktur kommen, die sich aber mit der Zeit wieder gibt. Allerdings können einige Zytostatika dauerhaft die Farbpigmente schädigen, so dass eine bleibende Veränderung der Haarfarbe möglich ist. In der Regel sind diese Veränderungen wie auch graue Haare jedoch vorübergehend, bis die follikulären Melanozyten (die Zellen in den Haarfollikeln, die Melanine bilden) wieder funktionieren.

Eine Studie des "Department of Breast Cancer/ National Hospital Organization Sendai Medical Center" (Japan) aus dem Jahr 2019 zeigte, dass die Zeit zwischen Chemotherapie und Haarausfall 18 Tage betrug. Bei 98 Prozent der 1.478 befragten Brustkrebspatientinnen setzte ca. 3,3 Monate nach Abschluss der Behandlung wieder das Wachsen der Kopfhaare ein.

  • 58 % der Patientinnen gaben an, dass ihr Haar dünner war als vor Chemotherapie
  • 32 % gaben an, dass ihr Haar nach dem Nachwachsen nach der Chemotherapie so wie vor der Chemotherapie war
  • 63 % gaben an, dass ihr Haar nach dem Nachwachsen nach der Chemotherapie wellig oder welliger war
  • 25 % gaben an, dass ihr Haar nach dem Nachwachsen nach der Chemotherapie genauso war wie vor der Chemotherapie
  • 53 % gaben an, dass sich die Haarfarbe nach dem Nachwachsen nach der Chemotherapie nicht geändert hat
  • 38 % gaben an, dass die Haarfarbe nach dem Nachwachsen nach der Chemotherapie grauer bzw. weißer war
  • bei 90 % der Patientinnen fielen die Augenbrauen-Haare aus
  • bei 59 % der Patientinnen fielen mehr als 80 % der Augenbrauen aus
  • bei 88 % der Patientinnen fielen die Wimpern aus
  • 60 % der Patientinnen verloren mehr als 80 % der Wimpern
  • nach etwa einem Jahr waren bei 60 bis 70 % der Patientinnen wieder mehr als 80 % der Wimpern und Augenbrauen nachgewachsen

Neue Haare, neues Leben, neue Haarpflege

Inwiefern das Tragen von Mützen und Perücken einen Einfluss auf das Haarwachstum hat, ist wissenschaftlich nicht belegt. Auch zur Frage, wie oder mit welchen Pflegeprodukten das Haarwachstum unterstützt oder beschleunigt werden kann, gibt es nur wenige wirklich aussagekräftige Studien. Möglicherweise können jedoch folgende Maßnahmen das Haarwachstum nicht zusätzlich behindern:

  • Weiche Haarbürsten oder Kämme mit weiten Zinkenabständen benutzen.
  • Haarwäsche nur, wenn es notwendig ist. Es sollte ein mildes Shampoo und kein heißes Wasser angewendet werden.
  • Keine Haarpflegeprodukte mit Alkohol oder Peroxid nutzen.

Dr. Susanne Weg-Remers: "Nach einer Chemotherapie, wenn ausgefallene Haare wieder vollständig nachgewachsen sind – so die praktische Erfahrung – können Haare meist wieder wie gewohnt behandelt werden (einschließlich Färben usw.). In jedem Fall sollte man jedoch als Betroffene den genauen Zeitpunkt immer individuell mit dem Arzt abklären. Bei Kopfhautreizungen oder -infektionen sollte man beispielsweise auf eine weitere Reizung der Haut durch verzichten."

Nach der haarlosen Zeit wissen Frauen die neu nachgewachsenen Haare besonders zu schätzen und pflegen sie umso bewusster. Früher hat sich Carolin Kotke die Haare häufig blondiert, heute lautet ihre Devise: Weniger ist mehr. "Als die Haare wiederkamen, habe ich vieles probiert, um das Haarwachstum zu unterstützen", sagt sie. "Zum Beispiel habe ich unterschiedliche Öle und auch Kopfmassagen ausprobiert. Allerdings habe ich beispielsweise meinen ersten Flaum, auf den ich so stolz war, wieder abrasieren müssen, um dafür zu sorgen, dass meine Haare wieder kräftig nachwachsen."

Die optischen Veränderungen sind nur ein Bruchteil dessen, was diese gravierende Erfahrung mit sich bringt. Carolin Kotke: "Nach so einer harten Zeit hinterfragt man viele Dinge und setzt Prioritäten anders. Dementsprechend habe ich nach der Diagnose viel in meinem Leben geändert. Ich habe z.B. meinen Job gekündigt und mich neu orientiert. Ich habe eine Ausbildung als Ernährungsberaterin gemacht und bin nach Jahren in der Großstadt nun aufs Land und in die Natur gezogen. Mir geht‘s besser denn je."

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Dr. Susanne Weg-Remers ist Leiterin des Krebsinformationsdienstes des Deutschen Krebsforschungszentrums. Der KID ist in Deutschland der Ansprechpartner für alle Fragen zum Thema Krebs. Er bietet verständliche und wissenschaftlich fundierte Information zum gesamten Spektrum der Onkologie.

Carolin Kotke ist Markenbotschafterin der Pflegeserie "Miracles Grow Strong" von Pantene Pro-V. Sie möchte betroffenen Frauen helfen und Mut machen, sowie vor allem junge Frauen für dieses Thema sensibilisieren. Auf ihrem Blog Carolionk berichtet sie zum Beispiel über ihre Erfahrungen mit Krebs und teilt ihre persönlichen Tipps und Tricks.

Mit sehr viel Liebe zum Detail präsentiert Martina Haagen ihre Kopfbedeckungen in ihrem Online-Shop Gutbehütet. Die Mützen uind Hüte entstehen in Zusammenarbeit mit der "Tinka Bell Nähwerkstatt" in Berlin. Deren Firmengründerin Christine Reincke ermöglicht es seit Jahren jungen Menschen mit Behinderungen durch Praktika, Ausbildungsverträge und anschließende Anstellung am Arbeitsprozess teilzuhaben. 2017 wurde sie für ihr Engagement mit dem Annedora-Leber-Preis ausgezeichnet.

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