20.04.2017

Stoppeln sollen nicht stoppen! Ode an das Körperhaar

Schauspielerin Jemima Kirke trägt ihre natürlichen Achselhaare glamourös auf dem Roten Teppich.

Foto: imago/ZUMA Press

Schauspielerin Jemima Kirke trägt ihre natürlichen Achselhaare glamourös auf dem Roten Teppich.

Die Fitness-Bloggerin Morgan Mikenas rasiert weder ihre Beine noch Achseln und scheut sich nicht ihre Körperbehaarung in den Sozialen Medien zu zeigen. Gedanken zu den Reaktionen und der Tragweite ihrer haarigen Entscheidung.

Befasst frau sich mit der Haarpflege kreist dieses Thema nur noch um die Haupthaar-Frisur. Oder um die perfekt gezupften und gekämmten Augenbrauen. Mit den anderen Bereichen, allen voran Beine, Achseln und Intimbereich, verhält es sich anders: Hier steht bei nahezu allen Frauen regelmäßig eine Komplett-Rasur an!

Die Körperhaarentfernung hat für Frauen in der jetzigen Zeit einen absoluten Höhepunkt erreicht: Millionen von Euros werden jährlich für Haarentfernungsprodukte ausgegeben. Das Nonplusultra ist dabei die Lasertechnik, die den ungeliebten Flaum gleich für immer entfernt. Damit ist das Thema dann ein für alle Mal erledigt.

Was viele Frauen mittlerweile scheinbar vergessen haben: Haare gehören einfach zum Körper dazu! Frauen werden mit Haaren geboren – auf dem Kopf, im Gesicht, auf den Armen und Beinen, im Intimbereich, am Rücken, auf dem Bauch, unter den Achseln und an vielen weiteren Stellen. Tatsächlich sind die Lippen, Fußsohlen und Handinnenflächen die einzigen Bereiche beim Menschen, die unbehaart bleiben.

Ganz entgegen dem haarlosen Ideal verhält sich die Amerikanerin Morgan Mikenas und bekommt deshalb plötzlich unglaubliche Aufmerksamkeit geschenkt.

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Morgan Mikenas – eine behaarte Bodybuilderin

Morgan Mikenas ist als Fitness-Bloggerin in den Sozialen Medien aktiv. Vor ein paar Jahren entschied sich Morgan dafür, IHREN Körper nach IHREN Wünschen zu formen und entdeckte das Bodybuilding für sich. Ihre körperliche Transformation dokumentiert sie auf Instagram und YouTube. Doch der Muskelaufbau ist nicht alles, für das sich Morgan entschieden hat: Vor über einem Jahr zog sie einen Schlussstrich – einen Strich unter die Rasur!

Auf ihren Kanälen lädt sie Bilder und Videos hoch, die ihren durchtrainierten, aber eben behaarten Körper zeigen (mehr Fotos gibt es weiter unten auf dieser Seite). Obwohl Morgan nicht die erste ist, die auf die Rasur verzichtet, entfacht sie eine erneute Diskussion in den Sozialen Medien, in denen ihre Bilder vielfach geteilt werden.

Die Reaktionen

Die Kommentare in den verschiedensten Kanälen und Foren zeigen deutlich: Zu ihrer Körperbehaarung zu stehen, ist für viele Frauen nicht bedenkenlos möglich. Und auch Männer schalten sich in die Diskussion ein. Ein spannendes und wichtiges Thema, wie ich finde. Auch ich, als bildderfrau.de-Redakteurin, habe mir darüber Gedanken gemacht: Zwar nervt mich die regelmäßige Rasur und vor allem im Winter lasse ich den Rasierer auch mal liegen, aber ich fühle mich nicht selbstbewusst genug, mich in den warmen Jahreszeiten „stoppelig“ zu zeigen – noch nicht.

Im Internet finden sich zu dem Thema und auch zu Morgans Ansichten viele verschiedene Meinungen. Ich hab einige Reaktionen zusammengestellt:

  1. KOMPLIMENTE: Viele positive Kommentare, wie „Das sind die sexysten Beine, die ich je gesehen habe“, zeigen, dass die natürliche weibliche Schönheit von vielen bewundert wird.
  2. MUT: Unzählige Frauen äußern sich zu Morgans Bildern. Und die meisten danken ihr für ihren Mut, ihre Courage, sich der gesellschaftlich-akzeptierten Komfort-Zone zu entziehen. Vielen Frauen scheint bewusst zu sein, dass sie mir der Körperrasur nur dem Schönheitsideal der Medienindustrie folgen. Zwischen den Zeilen der bewundernden Kommentare zeigt sich, dass viele Frauen es Morgan gleichmachen wollen würden, auch zu ihrem natürlichen Körper stehen und sich nicht von Stoppeln stoppen lassen wollen – noch fühlen sie sich aber nicht dazu bereit.
  3. WIDERSPRUCH: Einige Leute sind irritiert, warum sich Morgan trotz ihrer haarigen Einstellung, die Augenbrauen zupft und stylt. Ist das kein Widerspruch? Nein! Denn das ist genau das, worum es Morgan geht: Selber zu entscheiden, was frau mit ihrem Körper machen möchte, wofür frau ihre Zeit investieren will. Sie selbst sagt zum Augenbrauenzupfen: „Ich benötige keinen Grund, ich mag es einfach.“
  4. EKEL: Vor allem Männer sind schockiert, gar angeekelt. Dies zeigen sie entweder durch sich übergebende Emoticons oder Kommentare wie „Wunder dich nicht, wenn du für immer Jungfrau bleibst“ und „Dich würde ich nie anfassen“ oder indem sie Freundinnen auf Morgans Bilder aufmerksam machen und Dinge schreiben wie „Bitte höre nie auf dich zu rasieren!“ Aber auch einige Frauen zeigen Unverständnis. Häufiger wird die Frage gestellt, „warum macht sie das?“ – oder die Leser machen sich über Morgan lustig.
  5. MANNSWEIB: Immer wieder wird Morgans Behaarung mit der von Männern verglichen – und darüber sind die meisten nicht glücklich: „Frauen sehen irgendwann alle wie Männer aus, wenn sie aufhören sich zu rasieren.“ Einige Männer erklären ihre Abneigung aber auch rationaler: Sie finden die äußerlichen Unterschiede zwischen Mann und Frau attraktiv und wären beispielsweise von behaarten Beinen nicht so angezogen.
  6. WUT: „Die will doch nur Aufmerksamkeit!“ Viele Männer sind wütend – wütend auf den Feminismus. Dass Menschen unterschiedlich sind, ist bei ihnen scheinbar noch nicht angekommen…

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No-Go Körperhaar?

Morgan hat übrigens erklärt, dass ihr sehr wohl das seidige Gefühl rasierter Beine gefallen hat. Warum sie sich trotzdem seit einem Jahr für die Nicht-Rasur entschieden hat, das verdeutlicht sie auf Instagram:

„Warum beharren wir darauf, dass die Gesellschaft uns definiert?… Meinen Körper nicht zu rasieren hat mein Selbstvertrauen verbessert und mir geholfen, mich von Erwartungen, die die Gesellschaft an mich und andere Frauen hat, zu befreien. … Denn die Gesellschaft sagt uns, dass unsere Körperbehaarung eklig ist.“

Das zeigt auch ein Video auf Morgans YouTube-Kanal. Sie berichtet darin von einem sehr negativen Erlebnis. Als Kinderbetreuerin begleitete sie Kindergartenkinder und Erstklässler ins Schwimmbad. Als die Kinder Morgan im Badeanzug und somit ihre Beinbehaarung sahen, reagierten die mit Unverständnis, Ekel und Beleidigungen.

Die Probleme bei starker Körperbehaarung

Bei meiner eigenen Recherche stieß ich auf einen Blog zum Thema „Starke Körperbehaarung“. Viele Betroffene antworten dort mit ihren Erfahrungen und Tipps. Doch es sind vor allem junge Mädchen im Alter von 12 bis 15 Jahren, die dort nach Hilfe suchen, die nicht ins Schwimmbad gehen oder in den Urlaub fahren wollen, sich unter langer Kleidung verstecken, weil ihnen ihr Körper peinlich ist.

Doch es sind nicht nur junge Mädchen und Frauen, die sich einem Ideal fügen. Auch Frauen mittleren Alters können verunsichert werden, denn ab einem bestimmten Alter kann sich eine stärkere Behaarung aufgrund des Hormonwechsels ganz natürlich entwickeln.

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Sich nicht von Stoppeln stoppen lassen

Viele Beiträge zum Thema Körperhaar sprechen von „peinlichen Problemen“, die Frauen mit sichtbarer Behaarung bekommen können. Dazu werden immer wieder verschiedene Enthaarungsmöglichkeiten vorgestellt. Diese Art und Weise, über Körperbehaarung bei Frauen zu sprechen, trägt dazu bei, dass Frauen mit stärkerer Behaarung noch mehr verunsichert werden. Ganz nach dem Motto: Möchtest du Peinlichkeiten vermeiden? Dann rasier‘ dich!

In der heutigen Gesellschaft wird an bestimmten Schönheitsidealen festgehalten und einige Aspekte, wie die weibliche Körperbehaarung, erscheinen als gar inakzeptabel. Unterstützt wird dies durch die Öffentlichkeit, die Promis und die Werbung. Es ist ein Schein, eine Täuschung, die durch die beinah propagandistische Verbreitung der bein-, achsel-, bauch- und schamhaarlosen Frau aufrechterhalten wird. Die stetige Konfrontation mit (retuschierten) Bildern von Models, Schauspielerinnen, Sexiest Women Alive usw. beeinflusst das ästhetische Gefallen der Menschen und verunsichert Frauen gleichzeitig ihren natürlichen Körper zu akzeptieren.

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Es scheint, dass die Allgemeinheit der Frauen nicht über das gekünstelte Ritual der Rasur nachdenkt – das standardisierte Schönheitsideal wird ohne Hinterfragen befolgt. Es sind Menschen wie Morgan, die die Körperhaar-Rasur erst zur Diskussion bringen.

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Morgan will nicht alle Frauen dazu bekehren, ebenfalls mit dem Rasieren aufzuhören. Vielmehr macht ihre Entscheidung darauf aufmerksam, dass Frau sich ihres Körpers bewusst werden soll. Und das tun wir alle viel zu selten.

Deshalb habe ich zum Abschluss noch einige Vorsätze gesammelt, die wir Frauen uns viel häufiger zu Herzen nehmen sollten:

  • Jede Frau hat die Kraft ihren Körper nach ihren eigenen Wünschen zu formen und zu zeigen.
  • Man soll sich nicht erst schön fühlen, wenn jemand anderes einem erklärt, was Schönheit sein soll.
  • Frau sollte sich der Frage stellen, inwieweit sie sich nur mit dem Bild vergleicht, das durch die Medien vorgezeichnet wird.
  • Künstliche Schönheitsideale können nur durch die medial-gesellschaftliche Akzeptanz verändert werden.

Frankreich zeigt Haar

In Frankreich hat sich in den sozialen Medien ein wahrer Trend zur Körperbehaarung entwickelt. Unter dem Hashtag #lesprincessesontdespoils finden sich Bilder selbstbewusster Frauen, die „einfach wachsen lassen“.

Hier noch ein paar Beispiele:

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