Aktualisiert: 20.09.2020 - 22:02

Was heißt schon "normal"... Papa, Papi und zwei Kinder: Eine kunterbunte Regenbogenfamilie

Gestatten: Familie Kahl. Die besteht aus (v.l.) Papa Christian, den beiden Söhnen und Papi Marcel. Im Interview mit BILD der FRAU erzählt Marcel Kahl aus seinem bunten Leben mit seiner Regenbogenfamilie.

Foto: privat

Gestatten: Familie Kahl. Die besteht aus (v.l.) Papa Christian, den beiden Söhnen und Papi Marcel. Im Interview mit BILD der FRAU erzählt Marcel Kahl aus seinem bunten Leben mit seiner Regenbogenfamilie.

Marcel Kahl ist mit einem Mann verheiratet, die beiden haben zwei Söhne, die von einer Leihmutter ausgetragen wurden. Ungewöhnlich? Nicht für diese Regenbogenfamilie...

Marcel Kahl ist 40 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Söhne. So weit nicht ungewöhnlich – vor seiner Ehe hieß er allerdings Wulf. Und verheiratet ist er mit einem Mann, seinem Mann. Den hat er 2001 kennengelernt, 2008 haben die beiden sich dann verpartnert, 2018 folgte die Hochzeit.

Mittlerweile sind Marcel und Christian Kahl Eltern – oder Väter – zweier Söhne. Ausgetragen wurden sie von einer Leihmutter – die Familie aber besteht aus vier Mitgliedern: Papa, Papi, Kind und Kind. Ungewöhnlich? Für viele vermutlich schon. Für Familie Kahl ist es ganz normal. Und überhaupt: Was heißt schon normal und ungewöhnlich. Und wer will schon gewöhnlich sein... Mit BILD der FRAU hat Marcel Kahl über seine bunte Regenbogenfamilie gesprochen, über Leihmutterschaft, Kinderbücher und die Akzeptanz von Lebensmodellen, die von der sogenannten Norm abweichen.

Interview mit Marcel Kahl über seine bunte Regenbogenfamilie

Herr Kahl, wie sind Sie auf die Idee gekommen, Ihrem Kinderwunsch per Leihmutter nachzukommen?

Ich wollte schon immer Kinder haben, seit ich denken kann. Schon immer hatte ich den Wunsch, mit Mitte 30 Vater von zwei Kindern zu sein, einen liebevollen Partner zu haben und selbst schon etwas im Leben erreicht zu haben. Mein Mann Christian hingegen wollte nie Kinder.

Im Laufe der Jahre jedoch – wir sind fast 20 Jahre zusammen – habe ich ihn überzeugen können. Wir haben über Möglichkeiten und Chancen gesprochen, und obwohl ich einem Pflege-/ Adoptivkind gegenüber immer aufgeschlossen war, wollte ich doch auch ein leibliches Kind.

Wie schwer war es, jemanden für dieses Unterfangen zu finden?

Viele Monate habe ich recherchiert, wo Leihmutterschaft erlaubt ist, ob es auch für Homosexuelle erlaubt ist. Wir haben uns ein Netzwerk aufgebaut, was bei Familienberatungsstellen und Verbänden begann.

Ein Bekannter, den wir dadurch kennenlernen durften, erzählte uns dann von einem Artikel in einer Zeitschrift, in dem es um Leihmutterschaft ging. Alles in diesem Artikel passte – und so sind wir zu der Agentur im Ausland gekommen, die uns letztlich behilflich war, eine Familie zu werden. Noch heute, nach über fünf Jahren, sehe ich unsere Kinder an und sehe zwei kleine Wunder.

Die Leihmutterschaft: eine Achterbahnfahrt der Emotionen

Wie lange hat es mit der Umsetzung gedauert, gerade auch was bürokratische Hürden und ähnliches betrifft?

Es hat Jahre der Recherche gedauert – und auch, um letztlich jemandem das Vertrauen zu schenken, diesen gewaltigen Schritt zu gehen. Dieser Prozess, wenn man ihn so nennen möchte, kostet nicht nur Zeit und Geld, sondern auch Nerven. Es ist eine Achterbahnfahrt der Emotionen bis zum Schluss.

Behördenwege waren im Vorfeld – und auch im Nachhinein – enorm, wir lernten Behörden und Dokumente kennen, die wir bis dahin nicht kannten.

Und dennoch ist es das Beste, was wir je gemacht haben. Wir sind so unsagbar glücklich, dankbar und stolz auf unsere wilde, laute und bunte Familie.

Wie nennen Ihre Jungs Sie?

Unsere Kinder nennen meinen Mann Papa und mich Papi. Die Familie meines Mannes endet mit a, also Oma, Opa und meine mit i. Wir wollten eine grobe Richtung vorgeben, die sie jedoch gerne ändern können, wenn sie es später möchten. So ist immer deutlich, wer gemeint ist.

Wie gehen Ihre Kinder mit der Familienaufstellung um? Thematisieren Sie das?

Für die Jungs ist das nicht wichtig, sie kennen es nur so. Wir haben Kinderbücher, die ganz beiläufig davon erzählen, dass es zwei Mamas/ Papas usw. gibt. Alles ganz natürlich.

Beide Kinder haben in ihren Kinderzimmern Fotos ihrer Mütter stehen (biologisch und austragend), sodass sie wissen und sehen, dass natürlich auch sie eine Mama haben. Jeder hat eine Mama – und ihre Mama lebt weit weg. Sie wissen das, wo ihre Mutter lebt und antworten auch, wenn sie einmal gefragt werden, wo ihre Mama ist.

Zudem gebe ich Einblick in unser Leben als Regenbogenfamlie und zeige stolz und selbstbewusst unseren Alltag. Wir sind sehr gerne kreativ und malen, basteln, forschen, experimentieren und geben Tipps zu Ausflugszielen usw.

Sichtbarkeit ist uns wichtig, da wir zeigen möchten, dass auch wir eine ganz "normale" Familie sind und die gleichen Themen haben wie jede andere Familie auch. Und wir möchten anderen Mut machen..

Nachhaltigkeit beginnt in unserem Empfinden bei unseren Kindern, nicht nur auf unsere Umwelt bezogen, sondern auch wenn es um Diversität geht. Wenn wir jetzt nicht anfangen, wann dann?

Ist die heutige Familie wirklich noch 'klassisch'?

Sie arbeiten gerade an einem Kinderbuchprojekt...

Während meines Papi-Daseins und als Gesamtelternbeirat für sieben KiTas habe ich mir viele Fragen gestellt – u.a. auch, warum unsere Kindergärten nicht mit Kinderbüchern ausgestattet sind, die von einer 'Andersartigkeit' erzählen. Sieht die heutige Familie noch 'klassisch' aus und besteht aus Mutter, Vater, Kind?

Ich habe dazu ein Kinderbuchprojekt ins Leben gerufen und sammle Spenden, von denen ich eben solche Kinderbücher kaufe und den Kindergärten spende. Es geht nicht nur um zwei Mütter/Väter, sondern auch um Patchwork-/ Adoptiv-/ Pflegefamilien, um eine andere Hautfarbe oder wo die Oma und das Enkelkind die Familie bilden usw.

Es gibt so viele wundervolle Kinderbücher, u.a. eines meiner Lieblingsbücher von Riccardo Simonetti und Lisa Rammensee als Illustratorin, 'Raffi und sein pinkes Tutu'. Auf meiner Instagramseite #regenbogenpapi berichte ich immer wieder von meinem Kinderbuchprojekt, das bereits bei bekannten Gesichtern aus dem Fernsehen, Zeitungen, Magazinen und sogar im Bundestag angekommen ist

Haben Sie manchmal das Gefühl, die weibliche oder vielmehr mütterliche Seite nicht genügend kompensieren zu können?

Nein. Unsere Zwillinge haben eine so große tolle und starke Familie, die sie sehr liebt, und die auch aus Frauen besteht. Sie haben beide Omas in unmittelbarer Nähe, Großtanten, Tanten, Patentanten und auch die vielen Erzieherinnen im Kindergarten. In meinem Empfinden habe ich in unserer Regenbogenfamilie die "mütterliche Rolle" übernommen, wenn man das so sagen möchte. Ich bin eher sanft, einfühlsam und der Bastel-Papi, mein Mann hingegen ist der eher striktere Elternteil.

Negative Erfahrungen mit dem Umfeld? Kennen wir nicht

Haben Sie die eher klassische Aufteilung "einer schmeißt den Haushalt, einer geht arbeiten" oder machen Sie alles paritätisch?

Das erste Jahr waren wir beide zu Hause und hielten es für eine gute Idee. Damals dachten wir noch "zwei Kinder, zwei Erwachsene". Dem war jedoch nicht so. Wir sind nicht sicher, ob es trotz der großen Aufgabe mit zwei Säuglingen einfacher gewesen wäre, wenn nur ein Elternteil sich um die Jungs kümmert und der andere arbeitet. Wir hatten rasch festgestellt, dass jeder von uns auch gerne wieder arbeiten möchte, das hatten wir immer getan. Jeder von uns leistet täglich seinen Beitrag und jeder macht alles. Wir versuchen, nie zu vergessen, was der Andere täglich leistet.

Wie reagiert Ihr Umfeld auf Ihre Regenbogenfamilie?

Großartig. Wir waren von Anfang an akzeptiert und in Kaufungen bei Kassel, wo wir leben, integriert und aufgenommen. Es ist wundervoll, in einer solch offenen Gemeinde zu leben. Natürlich war es wohl zu Anfang sehr interessant, uns zu sehen. Allgemein fallen Zwillinge schon auf und dann noch zwei Papas dazu. Keiner von uns hat jemals eine negative Erfahrung machen müssen.

Wir können glücklicher nicht sein.

Erinnern Sie sich an ein besonders schönes Erlebnis in diesem Zusammenhang?

Als wir nach all den anstrengenden Wochen im Ausland (wg. der Leihmutterschaft, Anm. d. Red.) wieder nach Deutschland zurückkehrten und unsere Kinder beim Einwohnermeldeamt gemeldet haben, sagte die Beamtin zum Schluss in etwa, als sie den wohl gar nicht so leichten bürokratischen Teil mit zwei Papas und Kindern im System abgeschlossen hat, "und jetzt möchte ich Ihnen noch einmal sagen, wie toll ich das finde!" Mir stockte der Atem – ich war so gerührt und hätte fast geweint.

Obwohl wir in einem Dorf leben, ein großes Dort zugegeben, sind hier alle Menschen so wunderbar aufgeschlossen. Wir hatten tatsächlich noch kein schlimmes Erlebnis, seitdem wir wieder in Deutschland sind.

Ich bin unbeschreiblich stolz auf uns

Haben Sie ein Vorbild?

Erst kürzlich habe ich in ein Erwachsenen-Freundebuch geschrieben, in dem die gleiche Frage war, dass ich selbst mein größtes Vorbild bin. Denn ganz selbstbewusst kann ich heute sagen, dass ich mich nie von etwas habe abbringen lassen und dabei in den Weg gelegte Steine einfach beiseite gekickt habe. Ich bin unbeschreiblich stolz auf uns.

Was würden Sie sich wünschen im generellen Umgang mit Familienkonstellationen, die von der sogenannten Norm abweichen?

In unserem Empfinden sind wir auf einem guten Weg, es bewegt sich etwas. Besser geht es immer, doch es geht voran.

Wir glauben und hoffen, anderen mit unserer Sichtbarkeit Mut zu machen. Und genau das ist unsere Intention dabei. Wir sind gelegentlich in Zeitungen, Magazinen, im Fernsehen und ehrenamtlich engagiert, um auf uns aufmerksam zu machen und uns stolz zu zeigen. Wir sind eine ganz "normale" Familie, und wir sind Teil dieser Gesellschaft. Die Welt ist bunt – wir alle sollten sie nehmen, wie sie ist.

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Unsere bunte Welt – bestimmt auch das richtige Stichwort für Alexander Hölzl: Als nichtbinäre Person wurde sie schon "genderverwirrter Idiot" genannt, hat sie BILD der FRAU im Interview erzählt. Wie schade, dass zu oft noch die Farbe Grau vorherrscht, wo eigentlich eine ganze Farbpalette sein könnte...

Ein Lichtblick war die in Deutschland 2017 eingeführte Ehe für alle: Ein kleiner Schritt weg von Diskriminierung. Immerhin. Aber noch längst nicht das Ende eines langen Weges: Es gibt noch einiges zu tun, damit diese unsere Welt noch viel viel bunter wird, als sie es in Teilen jetzt schon ist.

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