07.04.2017

Familie und Partnerschaft Beziehungsfalle Kind? Das muss nicht sein!

Kinder bedeuten oft großes Glück - doch für eine Beziehung können sie auch ein Stressfaktor sein.

Foto: iStock/Lacheev

Kinder bedeuten oft großes Glück - doch für eine Beziehung können sie auch ein Stressfaktor sein.

Die Geburt eines Kindes kann eine Beziehung radikal verändern. Stress im Job, gesellschaftlicher Druck und eigene Ansprüche tun ihr Übriges.

Wie eine Paarberatung dabei helfen kann, wenn es doch mal kriselt und wie eine Partnerschaft gestärkt aus solchen Herausforderungen hervorgehen kann, erzählt uns Paarberater, Autor und Business-Coach Sascha Schmidt.

Hallo Herr Schmidt, Sie selbst sind Paarberater. Was ist der Unterschied zwischen einer Paarberatung und einer Paartherapie?

In der Paarberatung geht es um Lösungen und Soforthilfe für Beziehungsprobleme im Hier und Jetzt. Die Paartherapie betrachtet zusätzlich die psychische Gesundheit des Paares.

Für mich gilt: Beziehungskrisen sind keine Krankheit. In den meisten Fällen brauchen Paare einen neutralen, geschützten und herzlichen Raum, um endlich wieder ins Gespräch zu kommen. Das kann eine Paarberatung wunderbar leisten.

Belastungsprobe Kind

Die ersten Jahre nach der Geburt eines Kindes sind oft eine Belastungsprobe für eine Beziehung. Woran liegt das?

Das Leben eines Paares verändert sich radikal. Vor der Geburt ist der Partner Mittelpunkt meiner Aufmerksamkeit und meines Herzens. Nach der Geburt bekommt das Kind eine große Portion an Aufmerksamkeit und Liebe. Das ist sehr wichtig für die kindliche Entwicklung.

Doch für die Erwachsenen bleibt entsprechend weniger übrig. Das ist ganz normal! Ich empfehle Paaren sehr, spätestens 24 Monaten nach der Geburt wieder verstärkt die Beziehung als Frau und Mann wiederzubeleben.

Welche Tipps geben Sie solchen Paaren, die ihre Partnerschaft neu beleben wollen?

Genau drei. Erstens: macht euch bewusst, dass glückliche Kinder glückliche Eltern brauchen. Damit Mama und Papa glücklich sind, müssen sie als Frau und Mann miteinander zufrieden sein. Zweitens: nutzt regelmäßig gezielt kinderlose Zeiten, um euch als Paar wieder zu erleben. Und drittens: seit vor eurem Kind nicht nur in der Elternrolle, sondern lebt eure Beziehung aus.

Das können herzliche Umarmungen oder Erwachsenengespräche vor dem Kind sein. Das Kind profitiert davon ungemein, denn es lernt: "Aha, so geht Beziehung zwischen Frau und Mann."

Wie kann eine professionelle Paarberatung dabei helfen, die Beziehung zu retten?

Viele Paare, die in eine Beratung kommen, sind verzweifelt auf der Suche nach einem Strohhalm, um ihre Beziehung wieder zu beleben oder neu auszurichten. Sie stellen fest, dass sie sich im Kreise drehen und sich immer mehr entfernen.

Hier setzt eine Paarberatung an, denn sie bietet die Chance, miteinander Klartext zu sprechen. Die Paarberatung hilft dabei, den ungesunden Teufelskreis von Vorwürfen und Missverständnissen zu durchbrechen.

Wie sieht so eine Paarberatung aus?

Oh, da gibt es die unterschiedlichsten Varianten. Ich kann da nur für meine Arbeit sprechen. Da ist es ganz einfach. Ich führe ein Vorgespräch, um abzuklären, ob ich überhaupt der Richtige für das Anliegen bin. Ich biete ja keine Therapie oder Sexualberatung an.

In der ersten Sitzung unterhalte ich mich jeweils einzeln an die 30 Minuten mit der Frau und dem Mann über deren Wahrnehmung der Beziehung. Der jeweilige andere Partner darf nur zu hören. In diesen ersten 60 Minuten kommt sehr viel auf den Tisch. Danach gehen wir gemeinsam auf Lösungssuche. Das ist ganz individuell und immer wieder neu.

Also keine festen drei Schritte zum Paarglück, sondern ein offener Raum, wo alles gesagt und gefühlt werden kann.

Was sind die häufigsten Konflikte zwischen jungen Eltern, die zu Ihnen kommen?

Auf den Punkt gebracht: Familie gegründet; Frau-Mann-Beziehung verloren. Das ist das Grunddilemma vieler jungen Eltern. Gepaart mit dem Druck, alles richtig machen zu wollen. Da ist dann Druck auf dem Kessel.

Ergebnis ist häufig, dass Frau und Mann als Einzelkämpfer unterwegs sind und nicht mehr miteinander, sondern gegeneinander agieren. Also statt die Bedürfnisse und Belastungen des anderen wahrzunehmen nur noch an sich denken und Einzellösungen suchen. Das fördert dann die Entfremdung in der Beziehung.

Was macht eine gute Paarberatung aus?

Es gibt fast überall Paarberatungen, an die man sich wenden kann. Einfach im Internet suchen. Wichtig ist dabei, dass Sie und der Berater oder die Beraterin zusammenpassen. Ich bin immer stutzig, wenn jemand bereits die Lösung kennt, ohne mein Problem verstanden zu haben oder wenn jemand mir eine Methode à la „5 Wege zum Paarglück" anbietet.

Eine seriöse Paarberatung besteht aus dem Interesse an uns als Paar. Wenn das erfüllt ist, ist der Boden für individuelle Lösungen vorhanden.

Respekt und Verständnis fördern

Man sagt ja oft, dass Zuhören in einer Beziehung das A und O ist. Doch wie hört man jemandem eigentlich richtig zu?

Indem man sie oder ihn ausreden lässt. Klingt einfach, ist jedoch eine hohe Kunst. Wir neigen dazu, sofort etwas richtig zu stellen oder bei einem gefühlten Angriff in die Verteidigung zu gehen. Oft haben wir aber nicht verstanden, was der andere überhaupt sagen wollte.

Ausreden lassen und versuchen zu verstehen und zu erfühlen, was gesagt wurde, das ist der Tipp. Gelingt mir in der Rolle als Paarberater sehr gut. Doch in meiner eigenen Beziehung erlebe ich mich manchmal auf einem Niveau, wo ich danach den Kopf schüttle.

Mit persönlicher Betroffenheit sinkt eindeutig die Zuhörkompetenz. Daher ist eine neutrale Paarberatung ein guter Raum für Paare, die sich verstehen wollen - jenseits von Vorwürfen und Vorurteilen.

Welche Rolle spielt Freiraum in einer Beziehung?

Für mich persönlich eine große. Doch es gibt Paare, die sehen das anders. Und auch da funktioniert es. Wichtig ist, dass Frau und Mann die jeweiligen Bedürfnisse nach Freiraum kennen und respektieren. Schwierig wird es, wenn ein Partner Treue und der andere eine offene Beziehung leben will. Daher, Augen auf bei der Partnerwahl!

Wie können Paare verhindern, dass sich ihr Streit auf die Kinder auswirkt?

Indem sie die Kinder nicht in den Streit einbeziehen. Kinder bestehen jeweils zur Hälfte aus der Mutter und dem Vater. Jeder Angriff vor oder mit dem Kind gegen einen Partner ist immer auch ein Angriff auf das Kind. Die kommen dabei in schwere Loyalitätskonflikte. Deswegen sage ich Eltern sehr deutlich: Wer die Kinder gegen seinen Partner instrumentalisiert, der missbraucht sie.

Wenn jede Hoffnung verloren ist – sollte man den Kindern zuliebe solange wie möglich zusammen bleiben?

Nein. Wenn der Punkt erreicht ist, dass man als Paar nicht mehr leben kann und will, dann ist es Zeit, sich konstruktiv und respektvoll zu trennen. Kinder brauchen glückliche Eltern. Wenn Mama deutlich glücklicher ohne Papa ist, dann ist das so. Kein Kind wünscht sich das. Doch schlimmer als eine Trennung wäre ein respektloses Miteinander als Paar.

Welche Tipps können Sie Patchwork-Familien geben?

Ich bin selber ein Patchwork-Kind und weiß aus eigener Erfahrung: Patchwork ist schwer - für alle Beteiligten. Sich das einzugestehen, ist Tipp Nummer eins.

Zweitens: Der Bonusvater oder die Bonusmutter können niemals den leiblichen Elternteil ersetzen. Daher sollte man es auch gar nicht erst versuchen. Das Beste, was sie sein können, sind sehr gute erwachsene Freunde für die nicht leiblichen Kinder.

Und drittens muss mir als Partner klar sein, dass die Loyalität meines Partners zum eigenen Kind immer größer sein wird, als zu mir als neuem Partner. Das verkraften nicht alle und es ist ein häufiger Konfliktherd.

Spannungsdreieck Karriere, Familie, Beziehung

Job, Haushalt und Familie – wie schafft man es überhaupt, das alles unter einen Hut zu kriegen und gleichzeitig trotzdem eine erfüllte Beziehung zu führen?

Das ist verdammt schwer. Ich bin selber mit meiner ersten Frau an dieser Herausforderung gescheitert. Wir haben beide Karriere gemacht, waren eine Familie mit zwei Kindern und haben uns dabei als Frau und Mann aus den Augen verloren.

Nach zehn Jahren Ehe haben wir uns so auseinanderentwickelt, dass wir den Schlussstrich zogen. Gott sei Dank bevor es zu gegenseitigen Verletzungen kam. So können wir uns heute respektvoll als Eltern unserer Kinder weiter begegnen.

Also aus meiner Lebenserfahrung heraus und als Paarberater würde ich sagen, Sie müssen sich klarmachen, was Ihnen wichtig ist. Wie lauten Ihre Prioritäten? Lauten sie: Karriere, Kind, Familie, Haushalt und dann Beziehung? Oder lauten sie eher Beziehung, Karriere, Kind, Haushalt?

Wie auch immer, wenn Sie deckungsgleich mit Ihrem Partner sind, dann haben Sie ein gutes Rüstzeug für die Herausforderung. Ob es gelingt, entscheidet dann das Leben.

Sie sind auch Business-Coach. Haben Sie das Gefühl, dass sich Frauen mehr unter Druck setzen als Männer?

Definitiv ja. Das merken Sie auch im Sprachgebrauch. Es gibt die "Rabenmutter", aber nicht den "Rabenvater".

Fühlen sich Frauen auch mehr unter Druck gesetzt, je älter sie werden?

Das kann ich nicht sagen. Ich erlebe eher, dass Frauen, die sich klar entscheiden und einen Partner an ihrer Seite haben, der die Entscheidung mitträgt, deutlich gelassener agieren als Frauen, die auch noch Druck vom Partner bekommen.

Wie unterscheiden sich die Probleme von Frauen und Männern?

Bei Frauen beobachte ich einen Hang zum perfekt sein wollen oder perfekt sein müssen. In allen Rollen, also als Mutter, im Job und als Partnerin. Das ist anstrengend für alle.

Männer wollen verstärkt Vater sein und eine Beziehung zu ihrem Kind aufbauen. Da sehe ich oft Konflikte, wenn es vom Job her nicht passt oder wenn der Mann nur Praktikant der Mutter ist, also nicht seinen eigenen Weg als Vater geht.

Das schlechte Gewissen, nicht genug Zeit für sich, das Kind oder den Partner zu haben, ist dann der Dauerbegleiter von Frauen und Männern.

Hat sich der gesellschaftliche Druck in den letzten Jahrzehnten gewandelt und wenn ja – inwiefern?

Nun ja, es ist politisch und wirtschaftlich gewünscht, dass beide Elternteile schnell wieder arbeiten. Dementsprechend gibt es die frühkindlichen Betreuungsangebote und die verschiedenen Elterngeldvarianten.

Frauen mussten sich früher rechtfertigen, wenn sie gearbeitet haben. Heute hat sich das gedreht. Mütter müssen sich rechtfertigen, wenn sie längere Zeit zuhause bleiben. Der Druck an sich ist der gleiche, nur aus einer anderen Richtung.

„Wieder Paar sein! Erfüllte Zweisamkeit trotz Arbeit und Kind“

Sie sind Autor des Buches „Wieder Paar sein! Erfüllte Zweisamkeit trotz Arbeit und Kind“ Was ist das Besondere an Ihrem Buch?

Ich habe versucht, ganz konkrete und alltagstaugliche Impulse und Tipps für berufstätige Eltern zu geben, wie man als Paar schwierige Zeiten durchleben kann. Laut Rezensionen und Rückmeldungen von Leserinnen ist mir das gelungen.

Es gibt viele Ratgeberbücher – warum sollten unsere Leserinnen zu Ihrem greifen?

Ich verstehe mein Buch als eine Art Kochbuch der Liebe. Sie finden hier Rezepte für typische Probleme bei Paaren mit Kind. Das Besondere ist, dass jedes Kapitel für sich alleine lesbar und nutzbar ist.

Sie brauchen nicht das ganze Buch lesen, sondern picken sich die Situationen und Herausforderungen heraus, die mit ihrem Alltag übereinstimmen. Wie bei einem Kochbuch, wo sie für ein Gericht etwas benötigen und nicht das ganze Kochuniversum erklärt haben wollen.

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