27.03.2017

Galant Unsere Sehnsucht nach dem verlorenen Gentleman

Gute Manieren, ein gepflegtes Äußeres und Herz wünschen sich die meisten Frauen laut Umfragen.

Foto: iStock/PeopleImages

Gute Manieren, ein gepflegtes Äußeres und Herz wünschen sich die meisten Frauen laut Umfragen.

Es sind kleine Gesten, mit denen Männer uns den Alltag schöner und leichter machen. Wir hätten da nur eine Frage: Warum tun sie’s so selten?

Neulich war wieder so ein Moment. Eine Frau, bepackt mit Einkaufstaschen, stand am Eingang zur U-Bahn. Sie schaute auf die Treppe, sah sich nach Hilfe um. Sechs Männer liefen vorbei. Dann half eine Frau.

Andere Szene, anderer Ort. Ein Liebespaar geht zum Italiener. Weißes Tischtuch, Kerzenschein, Musik. Statt ihr den Mantel abzunehmen, fläzt er sich zuerst an den Tisch, zieht die Nase hoch - und starrt ab da aufs Handy.

Solche Situationen erleben Frauen oft. Wir fragen uns: Woher kommen diese rücksichtslosen Rüpel? Psychotherapeut Wolfgang Krüger glaubt: „Unsere Gesellschaft wird rauer, kühler. Im Job denkt jeder an sich, Schlitzohrigkeit scheint fast in. Das färbt aufs Privatleben ab.“

Aber ist gutes Benehmen so schwer? Nein, findet der große Schauspieler Dietrich Mattausch (76, r.). Er ist noch einer von den Männern, in deren Gegenwart man sich einfach wohlfühlt. Deren Komplimente nie plump sind, die Blickkontakt halten - mit lächelnden Augen. Wie er einen Gentleman beschreibt? Da zögert der Berliner keine Sekunde: „Er ist höflich, fair, respektvoll – und hat Humor.“

Gute Manieren, ein gepflegtes Äußeres und Herz wünschen sich die meisten Frauen laut Umfragen außerdem von einem Mann. 94 Prozent möchten, dass ER sie bei der Verabredung nicht warten lässt, 80 Prozent, dass er sich im Geschäft nicht vordrängelt.

„In den 50ern waren solche Werte selbstverständlich, heute wird damit zu lässig umgegangen“, sagt Christine Maurer-Rödig (43). Sie ist Image- und Persönlichkeitscoach, gibt Kurse für gutes Benehmen. Tischmanieren, Auftreten, Outfit - das ist das Spezialgebiet der Bensheimerin. „Gutes Benehmen kann jeder lernen“, weiß sie. „Man braucht nur Respekt, muss auf seine Mitmenschen achten. Dann kann man gar nicht so viel falsch machen.“

Warum ich einen Gentleman geheiratet habe

Als ich meinen Mann traf, hab ich mich - unter anderem – in seine Höflichkeit verliebt. Wie er mir die Tür aufhielt, die Jacke abnahm, den Stuhl zurechtrückte: Das wärmte mein Herz. Ich hatte einen Gentleman gefunden! Einen, der im Zug alten Damen Platz macht, müde Kassiererinnen zum Lachen bringt, Jogger auf dem Gehweg vorbeilässt – und selbst bei Stress freundlich bleibt. „Ach, das ist aber nett“ – die Leute, übrigens Frauen wie Männer, sind stets gerührt. Mein Mann auch: weil er anderen so leicht Freude machen kann. Das schafft nur ein Gentleman ...





Cary Grant (†82)

Der Schauspieler war die Verkörperung eines Gentlemans: gut gekleidet, feine Sprache und perfekte Manieren

Kai Pflaume (49)

Gentleman zu sein, bedeutet für den Moderator „Respekt vor seinen Mitmenschen zu haben“. Angemessene Kleidung, freundliche Gesten, Worte wie „danke“ und „bitte“ gehören für ihn dazu: „Ich bin so erzogen worden. Und ich finde, dass kultiviertes Benehmen in Zeiten zunehmender Digitalisierung als Gegenpol sogar noch wichtiger wird. Wir können uns doch nicht nur noch in Emojis unterhalten.“ Was der ARD-Star sehr schade findet: „Auf Höflichkeit, etwa wenn ich einer Frau die Tür aufhalte, wird heute oft schon mit Verwunderung, manchmal sogar mit Erschrecken reagiert.“

Peter Ustinov (†82)

Ein bisschen exzentrisch, spitze Zunge - aber niemals war das britische Schauspieler-Genie grob oder verletzend

Roger Cicero (†45)

Der verstorbene Sänger liebte den Swing genauso wie vollständige Sätze oder das Zurechtrücken des Stuhls für die Frau

Pierce Brosnan (63)

Er beweist immer Haltung - auch wenn sich mal wieder jemand über die Pfunde seiner tollen Frau Keely lustig machen will

Was macht eigentlich einen Gentleman aus?

Gute Manieren

Autor und Redner Moritz Freiherr Knigge (48, stammt aus der Familie von Adolph Freiherr Knigge): Er bietet seinen Platz an, als hätte er ihm nie gehört

„Ein Gentleman macht sich die Mühe, mühelos zu wirken. Er bietet seinen Platz an, als hätte er ihm nie gehört, hilft in den Mantel ohne große Geste und hört so interessiert zu als redete er selbst. Peinlichkeiten sind ihm fremd. Sollte jemand das Schälchen für das Reinigen der Finger mit dem Aperitif verwechseln, trinkt er das lauwarme Zitronenwasser ebenfalls mit Genuss. Ein Gentleman wundert sich nicht, hält alles für selbstverständlich und überlässt die glänzende Hauptrolle seinen Mitmenschen. Er souffliert lieber. Und zwar so diskret, dass alle den Eindruck gewinnen, endlich einmal die Aufmerksamkeit zu bekommen, die ihnen zusteht.“

Innere Haltung

Psychotherapeut und Buchautor Wolfgang Krüger (67, „Liebe, Macht und Leidenschaft“) aus Berlin: Andere Menschen werden einfach gut behandelt

„Gutes Benehmen ist vor allem eine Frage der inneren Haltung. Wer tief in sich den Wunsch hegt, andere Menschen gut zu behandeln, ist automatisch zuverlässig und höflich, hält die Tür auf, hört zu, ist selbst im Streit fair, hat etwas Gutmütiges in seinem Charakter - einer Frau gegenüber genauso wie bei Kollegen, Freunden, Nachbarn. Diese Grundstimmung hängt von der Erziehung und seinem Selbstbewusstsein ab. Nur wer mit sich im Reinen ist, umarmt die Welt gern.“

Gepflegte Garderobe

Designer Bent Angelos Jensen (39): Auch sein Äußeres drückt Wertschätzung aus

„Wichtig ist die Aufmerksamkeit für das Gegenüber und die gemeinsame Situation. Guter Stil entspringt dem eigenen Bewusstsein. Der Herzensmensch verdient unseren Respekt - da ist auch ein gepflegtes Äußeres von Belang. Bei der Kleidung zählt nicht die Fülle des Portemonnaies, vielmehr geht es um Wertschätzung, eine passende Auswahl der Garderobe zum Anlass. Die darf gern auch Secondhand sein.“

Aufrichtigkeit

Pastorin und Single Jil Becker (32): Er geht ehrlich mit offenem Herzen auf andere zu

„Ich kenne die Sehnsucht nach einem höflichen, aufrichtigen und vertrauensvollen Mann, in den ich mich verlieben kann - aber auch viele Männer, die sich eine genauso aufrichtige Frau wünschen: eine ,Gentlewoman‘. Ich finde wichtig, dass Menschen einander vertrauensvoll, ehrlich und mit offenem Herzen begegnen, Nächstenliebe ist mehr als Höflichkeit. Die wünsche ich mir von allen Menschen.“

Drei Geschichten ohne Manieren

Angela Cooper (44), Qigong-Lehrerin aus Wien:

Mich lud nach einer Party mal ein unglaublich schöner, gut angezogener Mann zum Essen ein. Er sprach den ganzen Abend nur darüber, wie schrecklich die kapitalistische Gesellschaft sei, nahm sich ohne zu fragen von meinem Essen und bestellte getrennte Rechnungen. Ich kam mir vor wie im Kino, nur lief ein echt schlechter Film.

Sonja Österreicher (35), Agentur-Inhaberin aus Frankfurt:

Bevor ich mich in meinen stilvollen Mann verliebte, habe ich bei Dates unmögliche Dinge erlebt. Männer, die nur von der Ex sprachen, die ganze Zeit am Handy rumspielten oder nach dem Treffen sagten: „Das mit uns passt nicht, aber kannst du mich noch heimfahren?“ Sicher haben es Männer nicht leicht heute: Frauen wollen emanzipiert sein, aber wie eine Prinzessin behandelt werden. Trotzdem ist gutes Benehmen nicht so schwer.

Lena Cigdem Sarikaya (41), Kommunikationstrainerin aus Freiburg:

Letztens sind hier bei Freiburg die Züge ausgefallen, es herrschte Chaos am Bahnhof, dann war auch noch der Aufzug defekt! Eine Mami mit Kinderwagen musste zügig zum Busbahnhof - aber kein Mann hat geholfen oder hingeschaut. Ich habe dann angepackt, trotz eigenem Koffer. Gemeinsam haben wir Kinderwagen und Kleinkind vom Gleis runter und wieder rauf zum Busbahnhof getragen. Alle sind an uns vorbeigerannt, um diesen Bus zu kriegen! Sehr traurige Erfahrung!

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