06.01.2017

Abschied nehmen In Würde sterben: Das Hospiz als letzte Station für Paare

Das Hospiz bietet Trauernden und ihren Angehörigen die Möglichkeit, in Würde voneinander Abschied zu nehmen.

Foto: iStock / PeopleImages

Das Hospiz bietet Trauernden und ihren Angehörigen die Möglichkeit, in Würde voneinander Abschied zu nehmen.

In Würde sterben. Das wünschten sich Maria Hagenschneider und ihr todkranker Ehemann. Sie verbrachten ihre letzten Wochen gemeinsam im Hospiz. Eine prägende Zeit, über die Maria Hagenschneider jetzt in ihrem Buch "Tage voller Leben. Unsere gemeinsame Zeit im Hospiz" berichtet.

bildderfrau.de: Liebe Frau Hagenschneider, würden Sie sich unseren Leserinnen kurz vorstellen?

Maria Hagenschneider: Geboren bin ich im Jahr 1955 im Sauerland und vor mehr als 30 Jahren mit meinem Mann nach Hamm gezogen. Zuletzt habe ich als Heilpädagogin in der Frühförderung gearbeitet.

Sie haben ihren krebskranken Mann zehn Wochen im Hospiz begleitet und lebten in dieser Zeit auch dauerhaft dort. Warum haben Sie sich dafür entschieden, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen?

Meine jüngste Schwester starb ein Jahr vor meinem Mann im Kreis ihrer Familie und hat den Abschied sehr stark und berührend gestaltet, hatte sowohl ihre engsten Familienmitglieder als auch meine Familie in der Nähe. Dass mein Mann an seiner Erkrankung würde sterben müssen, war über lange Zeit absehbar. Wir beide lebten zu zweit.

Schon früh hatten wir uns mit dem Sterben meines Mannes auseinandergesetzt und auch der Umzug ins Hospiz war eine klare Option. Es hatte sicher auch mit der Persönlichkeit meines Mannes zu tun, der tatsächlich Fachliches auch den Fachleuten überlassen wollte, was für jede Lebenssituation galt.

Als es meinem Mann sehr schlecht ging und der Palliativmediziner das Hospiz erwähnte, hat zunächst mein Mann gesagt, dass er sich den Umzug wünsche, weil er wahrnehmen könne, wie belastet ich sei.

Ich selbst wünschte mir sehr ins Hospiz umzuziehen, weil ich spürte, wie mich die ununterbrochene Aufmerksamkeit entkräftete und sehr forderte. Hospiz, das war eine Vision von ungeteilter Zweisamkeit, nur beisammen sein zu können, ohne jedwede Verpflichtung.

Das heißt, dass unsere Entscheidung schon lange fest stand und wir diese„nur“ abrufen mussten, was dann in der Realität aber auch nicht leicht war. Sehenden Auges das Zuhause verlassen und zu wissen,ich komme allein zurück. Das war einer der schwierigsten Momente für mich.

Wie läuft das Organisatorische ab? Wie findet man einen Platz im Hospiz und wer übernimmt dafür die Kosten?

Wir haben den Kontakt über den Palliativmediziner bekommen, der - in unserem Fall - auch Dienst im Hospiz vor Ort tut. In der Regel melden sich Palliativpatienten beim Hospiz oder lassen Kontakte aufnehmen und nach einem Gespräch mit einer MitarbeiterIn werden sie auf eine Gästeliste gesetzt. Die Zimmer können jeweils erst belegt werden, wenn ein anderer Gast verstorben ist.

Alle Sterbenden können Gäste im Hospiz sein. Dabei spielt die soziale Situation ebenso wenig eine Rolle, wie Religion oder Alter. Wenn nach dem Tod eines anderen Gastes ein Zimmer frei wird, wird es also wieder belegt. Die Kosten werden, soweit sie nicht von der Kranken- oder Pflegekasse übernommen werden, über Spenden abgedeckt.

Sie nennen das Hospiz einen „Ort für die Sterbenden“. Was für Aktivitäten bietet ein Hospiz, wie sieht der Alltag von Patienten und ihren Angehörigen aus?

Die Frage nach den Aktivitäten irritiert mich zunächst, obwohl Sterbende natürlich aktiv sein können und teilweise auch wollen. Was ein Sterbender aktiv tun kann und möchte, hängt sehr persönlich mit ihm und seiner Situation, auch mit seinem Sterbeprozess zusammen. Ich nenne das Hospiz ja auch Gasthaus am Weg, was die Aktivitäten eher verständlich macht.

Das, was der Gast noch möchte - man spricht im Hospiz von Gästen und nicht von Patienten - wird ihm, soweit es geht, ermöglicht. Jeder Gast ist so da, wie er ist, mit seinen Ecken und Kanten und Vorlieben und Wünschen. Jemand, der immer gern spät gefrühstückt hat, darf weiterhin spät frühstücken. Jeder der raucht, darf weiter rauchen. Jeder verbringt den Tag, wie es für ihn stimmt.

Die Tage werden durch die Mahlzeiten und die Dienste der MitarbeiterInnen relativ strukturiert. Gäste dürfen sich wünschen, was sie gerne essen möchten. Manche Menschen haben noch andere Wünsche, die ihnen erfüllt werden, so es möglich ist. Wieder andere freuen sich über Besucher.

Es gibt keine festen Besuchszeiten. Einige Angehörige wollen mit den Sterbenden im Hospiz leben, wie es bei mir der Fall war. Das ist aber nicht die Regel.

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Auch die Angehörigen der todkranken Patienten machen oft eine sehr schwere Zeit durch. Welche Hilfe bietet das Hospiz ihnen?

Angehörige nutzen auch die Räume des Hospizes. Vor allem finden sie in den MitarbeiterInnen Zuhörer und Begleiter, auch für die eigenen Nöte.

Sie sind Autorin des Buchs „Tage voller Leben. Unsere gemeinsame Zeit im Hospiz“. Was hat Sie dazu bewegt, ein Buch über Ihre Zeit im Hospiz und den Trauerprozess zu schreiben?

In der Zeit des Hospizaufenthaltes habe ich alles, was rundherum und in mir geschehen ist, sehr intensiv wahrgenommen, als hätte ich einen sechsten Sinn. Es hat sich teilweise minutiös bei mir eingeprägt. Ich habe gesammelt, als seien alle Erlebnisse und Gefühle wie ungeschliffene Diamanten, mir als ungeahnter Reichtum geschenkt.

Geschrieben habe ich dann zunächst, um all das, was geschehen ist, wahr sein zu lassen. Aufschreiben hat mir immer geholfen. Wie sehr ich die Zeit auch als Zeit der Liebe erlebt habe, wurde mir auch beim Schreiben immer deutlicher. Außerdem wollte ich, dass all das, was zu dieser Zeit des aktiven Abschiednehmens gehört hat, nicht verloren geht.

Auch wurde ich immer sicherer, dass es neben unserer Geschichte auch Exemplarisches gab, das anderen Menschen helfen kann. So bin ich quasi in einen inneren Dialog mit meinen Mann gegangen, an dessen Ende die Entscheidung stand, die Erzählung zu veröffentlichen. Dass ich sehr zügig mit dem Patmos-Verlag einen guten Partner gefunden habe, ist ein Geschenk.

Sie berichten über Zeiten der Ungewissheit. Zeiten, in denen Sie zweifelten, ob sie genug Kraft für diese schwierige Zeit aufbringen würden? Was hat Ihnen die nötige Kraft gegeben?

Manchmal kann ich in schwierigen Zeiten Kräfte mobilisieren, von deren Existenz ich nichts wusste. Das geht doch vielen von uns so. Was mir Kraft gegeben hat, kann ich mit Sicherheit gar nicht sagen. Aber sicher gab es Quellen, aus denen ich schöpfen konnte, so aus der Quelle der Liebe, des Glaubens, des Zuspruchs, der Nähe und Unterstützung durch Familie, Freunde und MitarbeiterInnen des Hospizes.

Und immer wieder hat mir das Erleben mit meinem - über die gesamte Zeit des Lebens im Hospiz - wachen und aufmerksamen Mann viel Kraft gegeben. Aber sicher war ich mir - vor allem in den letzten Zeiten – dennoch nicht, ob meine Kräfte reichen würden. Ich habe dann nur noch von Tag zu Tag gelebt.

Das Hospiz begleitet Patienten und ihre Angehörige. Aber kann man sich überhaupt auf den Tod vorbereiten?

In meiner Familie war das Sterben schon so lange Thema, da meine Schwester länger krank war, mein erkrankter Mann sich mit ihr verschwistert hat und beide um ihr bevorstehendes Sterben wussten und darüber sprachen, miteinander und auch mit uns anderen. Ich erlebte, dass auch andere lebensverkürzt erkrankte Menschen bewusster lebten und das Sterben thematisiert wurde.

Ja, ich denke, man kann sich auf das Sterben vorbereiten. Vieles jedoch, was man dann konkret erlebt, entzieht sich einer Vorbereitung, weil es dann doch noch mal so viel anders, so viel schmerzlicher, so viel härter ist, als man es ahnt. Und - man hat keine Wahl. Man muss sich trennen. Abschied nehmen tut weh, auch wenn man sich vorbereitet hat.

Während Sie im Hospiz leben, stirbt auch Ihr über 80-jähriger Vater in der gleichen Zeit. Wie haben Sie es geschafft, so viel Schmerz auf einmal zu ertragen?

Mein Vater starb eher überraschend und ich habe ihn tatsächlich noch mit meinem Mann zusammen betrauern können, was für mich zwar hilfreich, doch auch eine eigenartige Situation war. Es schob sich ja auch das baldige Sterben meines Mannes in diese Trauer. Tatsächlich hat später der Schmerz über den Tod meines Mannes dann auch mehr Raum eingenommen, als der um meinen Vater, auch wenn ich ihn sehr geliebt habe. Auch der Tod meiner jüngeren Schwester war schmerzlicher.

Ihr Vater stirbt im Krankenhaus. Im direkten Vergleich zwischen Krankenhaus und Hospiz schneidet das Krankenhaus bei Ihnen sehr schlecht ab. Warum?

Im letzten Jahr hat Franz Müntefering bei einem Vortrag hier in Hamm das Sterben im Hospiz als „Sterben de luxe“ bezeichnet, vor allem, wenn man es mit dem Sterben im Krankenhaus vergleicht. Die Bedingungen sind im Krankenhaus nicht so, wie in einem Hospiz. Sie sollten dem jedoch näher kommen. Im Hospiz sind Sterbende Gäste und sie selbst haben akzeptiert, dass ihre Behandlung nicht mehr der Heilung dient. Das genau ist auch den MitarbeiterInnnen klar.

Im Krankenhaus sind Sterbende immer noch Patienten und ein Großteil der Ärzte und Pfleger tut sich schwer damit, anzuerkennen, dass es keine Heilung gibt. In meinem Buch berichte ich aber nur von zwei Einrichtungen, die ich – in Bezug auf das Krankenhaus ja auch nur kurzzeitig – kennengelernt habe. Das Hospiz, in dem wir lebten, kann ich sicher als beispielhaft bezeichnen für Hospize, das Krankenhaus nicht.

Wenn Krankenhäuser Palliativstationen einrichten und entsprechend sensibel mit Sterbenden umgehen, dann kann ganz sicher auch ein Krankenhaus ein guter Ort für das Sterben sein .Und sicher gibt es eine Reihe von Krankenhäusern, die schon lange viel Wert darauf legen, den Patienten und den Angehörigen zu helfen, weil es ihrem Bild vom Menschen entspricht.

Was geschieht im Hospiz, wenn ein Patient gestorben ist?

Angehörige verabschieden sich so, wie es für sie stimmig ist. Dann wird der Verstorbene gewaschen, eingekleidet und gelagert. Er verbleibt in seinem Gastzimmer. Im Flur des Hauses wird den anderen Gästen und MitarbeiterInnen der Tod angezeigt durch eine brennende Kerze und – in unserem Fall – durch einen Stein, auf den der Pfleger den Namen meines Mannes geschrieben hatte.

Der Verstorbene kann ein oder zwei Tage im Haus bleiben und wird durch eine interne Trauerfeier, die in seinem Zimmer stattfindet, verabschiedet. Die Feier wird von HospizmitarbeiterInnen gestaltet. Angehörige und vielleicht der eine oder andere Gast kommen dazu. Nach einem anschließenden Kaffeetrinken im Wohnzimmer des Hospizes wird der Verstorbene eingesargt und verlässt das Haus durch den Haupteingang, durch den er auch gekommen ist, begleitet durch eine Mitarbeiterin des Hospizes. Das ist ein letzter Weg in Würde.

Trauer kann sich ganz unterschiedlich ausdrücken. Bietet das Hospiz Paaren auch die Möglichkeit, in ihrer unterschiedlichen Art und Weise zu trauern, zusammenzufinden?

Dem hiesigen Hospiz ist ein Trauercafé angeschlossen, in dem es regelmäßige Treffen von Hinterbleibenden gibt. Außerdem gibt es Veranstaltungen für Trauernde, wie malen, wandern, schreiben. Auch Trauerseminare werden angeboten. Einzelbegleitungen sind ebenfalls möglich. Jede/r Trauernde entscheidet für sich, welches Angebot er/sie annehmen möchte.

Manchen tut es sicher gut, gemeinsam zu trauern und zu erleben, dass man seine Trauer mitteilen kann, auch wenn man unterschiedlich trauert. Wie manche Menschen sich in Trauerphasen verlieren können, so können wieder andere auch sicher zueinander finden.

Welche verschiedenen Stadien von Trauer haben Sie erlebt?

Meinen Erfahrungen nach vermischen sich Trauergefühle. Ich kenne Wut und Zorn. Ich kenne Verzweiflung. Die Arbeit am vorliegenden Buch kann man sicher unterschiedlichen Phasen zuordnen. Der Schritt in die Öffentlichkeit wäre den Phasen der Akzeptanz und des Engagements zuzuordnen.

Welche Rolle spielt die Verdrängung? Hat Ihnen das Hospiz dabei geholfen, den Tod ihres Mannes zu akzeptieren?

Ich kann mich nicht erinnern, dass ich irgendwann den Tod meines Mannes verdrängt hätte, auch habe ich nicht verdrängt, dass er sterben musste. Das mag bei anderen anders sein, vielleicht auch dort, wo jemand nicht sichtbar krank ist, plötzlich aus dem Leben gerissen wird oder auch sehr jung stirbt.

Den Tod akzeptieren? Auch wenn ich oben von der Phase der Akzeptanz spreche, frage ich mich: Was meint Akzeptanz? Ist es eine denkerische Leistung oder eine emotionale? Beides vermutlich und noch viel mehr. Ich habe meinen Mann tot gesehen. Das hat geholfen. Aber zu erleben, was es heißt, jemand ist tot, das erschließt sich erst in der Folgezeit, wenn er wirklich nicht mehr nach Hause kommt, einen nicht mehr erwartet, nicht ansprechbar, nicht berührbar ist.

Das Hospiz hat mir insofern geholfen, als wir dort diesen Weg gemeinsam gegangen sind, an dessen Ende mein Mann als Verstorbener das Haus verlassen hat. Das Akzeptieren mit allen Sinnen hat viel früher eingesetzt und viel, viel länger gedauert. Und ob dieser Prozess jemals beendet ist, das wage ich nicht zu sagen.

Sie schreiben auch über die große Ungerechtigkeit, den grausamen Schmerz, den man empfindet, wenn man einen geliebten Menschen verloren hat. Gleichzeitig kann man manchmal auch Neid auf das Glück der Anderen empfinden. Wie gehen Sie damit um?

Ich suche Möglichkeiten, meinen Gefühlen Ausdruck zu geben. Ich schreibe, male und bin anderweitig kreativ. Ich versuche die Gefühle nicht zu negieren, sondern wahr zu nehmen, sie mir bewusst zu machen. So kann ich sie für mich in Griff bekommen. Wenn ich etwas ausgedrückt habe, ist es in der Regel weg von mir, bin ich es los. Ich kann es dann anschauen.

Und ich kann das, was geschehen ist und das, was ich daraus gemacht habe als zu-mir-gehörig anerkennen, es also an-nehmen. Ich bin die, die ein Ereignis durch-lebt und die Folgen durch-lebt und beides gestaltet hat. Ich bin aktiv, nicht untätig. Das hilft mir immer!

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Sie schreiben ebenfalls, dass sich ihr Mann während seiner Krankheit eingehend mit Theologie beschäftigte. Welche Rolle spielte der Glaube für Sie und ihren Mann?

Mein Mann war katholischer Theologe und erst später hat er als Psychologe gearbeitet. Auch ich habe einige Jahre als Religionspädagogin gearbeitet. Der Glaube hat immer eine Rolle in unserem Leben gespielt. Somit hat mein Mann - haben wir - uns nicht erst während der Krankheit damit auseinander gesetzt.

Krankheit, Sterben, Tod sind für viele Menschen die Orte der großen Gottverlassenheit. Und da genau stellte sich auch für uns die Frage, ob dieser Glaube trägt. Wir waren Suchende. Unser Glaube hat sich uns mehr erschlossen, während wir beide auf dem Weg des Sterbens meines Mannes waren. Unser christlicher Glaube hat uns getragen. Er trägt mich auch heute.

Was hat Ihnen die Zeit im Hospiz gegeben? Würden Sie diese Art der Betreuung weiterempfehlen?

Es mutet vielleicht komisch an, wenn ich diesen Ort als schönen Ort bezeichne, an dem so viel gestorben wird. Das Hospiz war für mich ein diesseitiges Stück Himmel, wo in Raum und Zeit der Mensch ganz Mensch sein darf, so wie er ist. Es ist ein Ort der Würde. Alles darf da sein, Angst und Traurigkeit, Lachen und Weinen und ganz viel Glück. Wie sollte ich so einen Ort nicht weiterempfehlen.

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