10.09.2018

Friendship with Benefits Ist Freundschaft Plus das Ticket zum Liebeskummer?

Freundschaft Plus scheint heute ein beliebtes Beziehungsmodell zu sein. Für unseren Experten ist sie aber eher nur eine Übergangslösung.

Foto: iStock/vadimguzhva

Freundschaft Plus scheint heute ein beliebtes Beziehungsmodell zu sein. Für unseren Experten ist sie aber eher nur eine Übergangslösung.

"Ich weiß, dass es funktionierende Freundschaft Plus-Beziehungen gibt und will diese keineswegs verdammen", meint Paarberater Eric Hegmann. In bestimmten Lebensphasen, in der feste Beziehungen unerwünscht sind, kann die Sex-Freundschaft genau das Richtige sein. Der Experte ist aber überzeugt: "Irgendwann sucht jeder Mensch Bindung und möchte die erste Priorität für einen geliebten Menschen sein – und nicht nur eine Option."

Lässt sich eine Freundschaft Plus – also eine Freundschaft, in der es auch regelmäßig zum Sex kommt – als Beziehungsmodell bezeichnen? In Filmen endet diese Art von Freundschaft jedenfalls immer im Chaos, Liebeskummer oder in einer glücklichen Beziehung – meist aber mit dem Umweg über chaotisch gebrochene Herzen. Viele Ratgeber zu dem postmodernen Dating- bzw. Freundschaftstrend liefern Regeln, die dafür sorgen sollen, dass eine Freundschaft Plus funktioniert. Doch sind das nur Trugschlüsse?

Wir haben mit Paarberater und Parship-Coach Eric Hegmann über Freundschaft Plus gesprochen. Seiner Beobachtung nach scheint Freundschaft Plus eine Altersfrage zu sein: "Junge Männer scheinen sich zunächst eher nicht binden zu wollen, während es später dann die etwas älteren Frauen sind, die ihre Freiheit nicht aufgeben möchten." Aber was ist der Reiz und wo liegen die Gefahren?

Lesen Sie, welche Dynamiken eine Freundschaft Plus ausmachen, welche Ängste zu solch einer unverbindlichen Beziehung führen und warum der/die LebenspartnerIn gleichzeitig auch der/die beste FreundIn sein sollte.

Freundschaft Plus: "Größtmögliche Freiheit bei geringster Verpflichtung"

BILD der FRAU: Herr Hegmann, immer wieder trifft man auf Tipps und Tricks, damit eine Freundschaft Plus funktionieren kann. Doch wie sieht eine funktionierende Sex-Freundschaft überhaupt aus?

Eric Hegmann: Wenn beide Partner sich aufeinander verlassen können, also wissen, was sie erwarten dürfen, was sie investieren müssen und was sie dafür bekommen. Wenn beide sowohl ihre körperlichen Wünsche als auch ihre Bedürfnisse nach sozialem Austausch und Bindung erfüllt bekommen, dann werden sie vermutlich eine Sex-Freundschaft als befriedigend und erfüllend bezeichnen.

Zu welchen Konflikten kann es da kommen?

EH: Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Partner um die Auslegung von Verbindlichkeit ringen und sie weniger zu investieren bereit sein werden als beim klassischen, monogamen Beziehungsmodell. Aber gerade dieses Ringen um Verbindlichkeit will man sich bei Freundschaft Plus ja eigentlich ersparen...

Nach meiner Erfahrung ist Freundschaft Plus in fast allen Fällen das Ticket zum Liebeskummer. Denn wer häufig erfüllenden Sex hat mit einer Person, die einem sympathisch ist, der wird sich irgendwann verlieben – dafür sorgen schon die biochemischen Abläufe im Körper. Ein Partner will meist irgendwann mehr, der andere zieht sich zurück mit dem Argument, dass man das doch im Vorfeld abgesprochen hätte.

Mit dieser Forderung-Rückzug-Dynamik erklärt Eric Hegmann auch, worin eigentlich der Unterschied zwischen einer Affäre und einer Freundschaft Plus liegt und was das Wörtchen "Freundschaft" bei solch einer Beziehung ausmacht.

EH: Bei einer Freundschaft Plus hat ein Partner vermutlich so etwas gesagt wie: "Ich bin mir nicht sicher, ob ich derzeit eine Beziehung möchte." Diese Person will eine Partnerschaft nicht ausschließen, aber eigentlich lautet die Antwort: "Nein" – die Selbstbestimmung und Autonomie ist wichtiger als die Verschmelzung zu einem Wir; ein Gedanke, der sogar eher Angst bereitet. Dieser Rückzug ist jedoch das, was die andere Person reizt. Sie fühlt sich genau dadurch motiviert, sich zu bemühen und vielleicht sogar zu beweisen, dass sie sehr wohl eine Person ist, die zu lieben sich lohnen würde.

Das ist die Forderung-Rückzug-Dynamik einer Freundschaft Plus, weil Emotionen im Spiel sind, die das jeweilige Bindungssystem der Partner aktivieren. Bei der Sex-Affäre geht es nicht um Emotionen, da geht es um Leidenschaft und Lust. Da mag Dominanz oder Jagdtrieb durchaus eine Rolle spielen, die ist aber erotischer Natur und benötigt keine Bindung darüber hinaus.

Paarberater Eric Hegmann erklärt auf bildderfrau.de auch, was es heißt, eine offene Beziehung zu führen.

Lässt sich Freundschaft Plus überhaupt als Beziehungsmodell bezeichnen?

EH: Tatsächlich ist das fraglich, denn eigentlich ist das Modell in den meisten Fälle eine Übergangslösung. Entweder entwickelt sich aus der Freundschaft Plus eine Beziehung – oder nicht und man trennt sich. Offene, polyamore oder monogame Beziehung beispielsweise – das sind für mich eher unterschiedliche Beziehungsmodelle. Aber Freundschaft Plus wird heute oft als Beziehungsmodell verstanden und empfunden, also würde ich nicht dagegen argumentieren wollen.

Das eigene Selbstwertgefühl ist entscheidend

Welche Charaktereigenschaften und Erwartungen sollte man haben, um überhaupt eine Freundschaft Plus in Erwägung zu ziehen?

Charaktereigenschaften sind dabei nicht relevant. Die Frage nach dem Bindungssystem hingegen sehr wohl:

  • Auf der linken Seite ist die Verlustangst. Sie stammt aus der Überzeugung: "Ich bin nicht gut genug. Ich muss mir Liebe verdienen." Verlustängstliche Menschen vergleichen sich permanent mit anderen und werten sich selbst ab. Bei der Partnerwahl fühlen sie sich deshalb von vermeintlich starken, selbstsicheren Personen angezogen.
  • Auf der rechten Seite ist die Bindungsangst. Sie stammt aus der Überzeugung: "Meine Selbstkontrolle und Autonomie ist mein höchstes Gut. Ich will mein Ich nicht verlieren." Bindungsängstliche Menschen fürchten, in einer Beziehung im WIR aufgesogen zu werden. Sie fühlen sich angezogen durch verlustängstliche Menschen, weil die sich um sie bemühen und dadurch ihren Selbstwert erhöhen. Kommen diese ihnen jedoch zu nahe, dann ziehen sie den Rückzug an.

Unser Selbstwertgefühl ist der Dreh- und Angelpunkt unseres Bindungssystems. Ist der Selbstwert verletzt, entwickeln wir Schutzstrategien. Wir führen heute viel mehr Beziehungen als unsere Eltern, Großeltern und Groß-Großeltern. Einige dauern Jahre, andere nur Monate. Je mehr Beziehungen wir führen, umso mehr Trennungen erleben wir und umso öfter wird der Selbstwert verletzt. Die Schutzstrategien zeigen sich in Bindungsangst und Verlustangst: "Ich kann mich nicht binden" ist eine solche Strategie ebenso wie "Ich kann nie wieder vertrauen." Das sind ganz typische Überzeugungen, die die Partnerwahl vieler Singles heute sabotieren. Und das sind letztlich die Argumente, die immer wieder für Freundschaft Plus angebracht werden.

Menschen mit einem sicheren Bindungssystem würden eine verbindliche Beziehung immer einer Freundschaft Plus vorziehen oder diese abbrechen, sobald klar wäre, sie würde mit einem zurückweisenden Partner nie die nächste, verbindliche Stufe erreichen. Denn ihr Selbstwertgefühl ist hoch genug, um zu sagen: Ich bin es wert, geliebt zu werden ohne Abstriche.

"Aus Freundschaft entstehen die besten Liebesbeziehungen"

Wie riskant ist es, mit einer Person, mit der man bereits befreundet war, regelmäßigen Sex zu haben? Sollte man lieber eine neue Person kennenlernen, die auch an einer Freundschaft Plus interessiert ist?

EH: "Heiraten Sie Ihren besten Freund" – das ist der beste Tipp zur Partnerwahl, den ich geben kann. In jeder Beziehung wird es Situationen geben, in denen ein Partner denkt: "Ja, ich liebe dich, aber nicht gerade jetzt", und da ist es gut, wenn beide beste Freunde sind, um sich später wieder in die Arme fallen zu können. Sexuelle Anziehungskraft alleine ist zwar immens mächtig, aber als Basis einer lebenslangen Beziehung auf Augenhöhe, wie sie sich die meisten Menschen ja wünschen, nicht ausreichend. Aus Freundschaft entstehen die besten Liebesbeziehungen, und wenn dies zunächst über den Umweg Freundschaft Plus geschieht, dann ist das nicht verkehrt.

Erfahren Sie auch, welche Starbedingungen eine potentielle Langzeitbeziehung braucht.

Es scheint – ganz subjektiv gesehen – dass viele Menschen ihre/n ParnterIn keinesfalls als beste/n FreundIn ansehen und diese beiden Bezugspersonen unbedingt trennen wollen. Ihr Tipp "Heiraten Sie Ihren besten Freund" empfiehlt da ja genau das Gegenteil...

EH: Diese Haltung ist vielleicht der Grund, weshalb so viele Beziehungen scheitern. Freundschaft klingt vor allem für jene zu wenig, die ein ängstliches Bindungssystem haben und sich rasch bedroht fühlen durch Freiraum, den der Partner wünscht. Wer jedoch Langzeitpaare fragt, der wird von denen als Grund für die Dauer der Beziehung hören: "Wir sind immer beste Freunde gewesen." Die sagen nie: "Weil wir niemals eine andere Person angesehen haben." Es sind vor allem jüngere Paare, die hier eine Bedrohung sehen, also Paare mit wenig Langzeit-Beziehungserfahrung. Die wissen es vielleicht einfach noch nicht.

Eric Hegmann weist zu diesem Thema auf die Forschungen von Prof. John Gottman hin, einen US-amerikanischen Psychologen, der vor allem durch seine Arbeiten über Ehestabilität und Beziehungsanalysen bekannt ist:

EH: Gottmans Forschungen sind eindeutig: Wer sich als beste Freunde empfindet hat eine signifikante höhere Chance auf eine dauerhafte Beziehung. In seinen Büchern hat er das sogar berechnet. Der Widerstand dagegen rührt bei manchen Menschen sicher von der Überromantisierung ihrer Vorstellungen, was ein Partner alles erfüllen soll; wir wollen "Alles mit Einem für Immer" – den AMEFI-Partner, der bester Freund, leidenschaftlicher Liebhaber, Sparring-Partner, Sport-Begleiter, Vater oder Mutter unserer Kinder ist – alles gleichzeitig. Und das ist Überforderung. Gottman sagt auch, Paare sollten nicht nach der perfekten Beziehung streben, sondern nach einer Beziehung, die "gut genug" ist. Das klingt nicht romantisch, ist aber beständig. Diese gefährliche Überromantisierung der Liebesbeziehung nenne ich deshalb "die Disneyfizierung der Liebe".

Rituale können Freundschaft Plus gefährden bzw. der Anfang einer Beziehung sein

Wie "gefährlich" sind Rituale für die Sex-Freundschaft? Sprich: gemeinsam frühstücken, gemeinsam zur Arbeit fahren (,wenn sie denn auf demselben Weg liegt)... Können da schnell feste Beziehungsgedanken aufkommen?

EH: Rituale sind unerlässliche Bestandteile einer Beziehung, sie geben den Rahmen der Beziehung, weil sie für Geborgenheit und Sicherheit stehen. Auf Rituale kann man sich verlassen. Rituale schaffen Bindung. Da dies alles aber bei einer Freundschaft Plus nur in sehr geringem Maße erwünscht wird, gefährden sie das Beziehungsmodell.

Sind langsam einschleichende Rituale innerhalb der Freundschaft Plus demnach als Zeichen zu deuten, die eigentlich den Wunsch nach einer festen Beziehung signalisieren – wenn auch unbewusst?

EH: Rituale geben Geborgenheit und Vertrautheit. Damit wird aus der Unverbindlichkeit der Freundschaft Plus zunehmend Verbindlichkeit. Das kann bewusst gesteuert sein, um das Beziehungsmodell zu festigen und zu verändern – oder unbewusst geschehen, weil man sich eben doch verliebt hat.

Wird aus der Freundschaft Plus etwa eine Beziehung? Mit unseren Ratgeber können Sie herausfinden, ob Sie ihre bessere Hälfte wirklich lieben.

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Wir danken Eric Hegmann für das ausführliche Interview zur Freundschaft Plus.

Entdecken Sie weitere wertvolle Beziehungstipps für Singles, Frischverliebte und Langzeitpaare auf unserer umfangreichen Themenseite.

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